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| Kein Job im Restaurant... Foto: dpa |
Die Natascha-
Connection
In Israel boomt das Geschäft mit der Zwangsprostitution
Sex and the City» hat nicht selten eine kriminelle Seite: 1998 kam die einunddreißigjährige Anna aus Sankt Petersburg mit einem Touristenvisum nach Israel. Vermeintliche Arbeitsvermittler hatten ihr hier einen lukrativen Job als Service-Kraft in einem Restaurant versprochen. Doch kaum in Tel Aviv angekommen, wurde sie wochenlang in einer Wohnung gefangen gehalten und dann für zehntausend Dollar an einen Bordellbesitzer in Haifa versteigert. Anna musste jeden Tag bis zu achtzehn Stunden dessen «Kunden» bedienen. Als bei einer Polizeirazzia das illegale Bordell aufflog, wurde Anna wegen Ausübung von Prostitution angezeigt und anschließend des Landes verwiesen. «Ich weiß nicht, wie der Prozess ausgehen wird. Ich weiß nur, dass der Zuhälter immer noch auf freiem Fuß ist. Er droht mir, mich in Russland zu suchen, wenn ich nicht das tue, was er von mir verlangt.» Mit diesen Worten wird die junge Russin im Amnesty International Report über den Frauenhandel zitiert.
Anna ist kein Einzelfall, wie Zahava Gal-On von der Liste Meretz-Jachad zu berichten weiß. Die Knesset-Abgeordnete ist Vorsitzende des parlamentarischen «Komitees gegen den Frauenhandel», das regelmäßig einen aktuellen Jahresbericht veröffentlicht. Darin heißt es, dass seit den späten neunziger Jahren jährlich zwischen drei- und fünftausend Frauen nach Israel geschmuggelt wurden, um dort gegen ihren Willen als Prostituierte zu arbeiten. Das Geschäft mit den Sexsklavinnen blüht - auch noch zweihundert Jahre nach dem offiziellen Ende der Sklaverei. Eine Milliarde US-Dollar werden laut diesen Berichten pro Jahr im Geschäft mit der käuflichen Liebe umgesetzt. Drei- bis vierhundert meist illegale Bordellbetriebe gibt es in Israel. Und die brauchen Nachschub.
Zahava Gal-On kämpft seit langem dagegen an, den Menschenhandel als Kavaliersdelikt zu betrachten und die Frauen durch Anzeige und Ausweisung gleich doppelt zu bestrafen. «Als ich das Komitee gründete, war es mein Ziel, das Ausmaß dieses Phänomens zu zeigen und sowohl die politischen Entscheidungsträger als auch die Öffentlichkeit über die brutale Natur des Handels mit Frauen im Zeitalter der Globalisierung aufzuklären.» Druck auf die israelischen Autoritäten, endlich gegen diese moderne Form der Sklaverei vorzugehen, kommt vor allem aus Amerika. Bereits im ersten Report des US-State Departments aus dem Jahre 2001, der sich mit dem Thema Menschenhandel beschäftigt hatte, stellte man Israel ein denkbar schlechtes Zeugnis aus und forderte Jerusalem explizit zum Handeln auf. Zwar verzeichneten die Folgeberichte eine leichte Verbesserung der Situation, der jüdische Staat verblieb aber dennoch auf einer so genannten «Watchlist», auf der all die Länder zu finden sind, deren Perfomance im Kampf gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel immer noch zu wünschen übrig lässt.
Fast alle zur Prostitution gezwungenen Frauen stammen aus der ehemaligen UdSSR, weshalb der Name „Natascha" eine Art Synonym für käuflichen Sex geworden ist. Mit dem Versprechen, eine Stelle als Kellnerin oder Au-pair-Mädchen antreten zu können, werden sie nach Israel gelockt. Zweiundsiebzig Prozent der Frauen berichten, dass Beduinen sie über die israelisch-ägyptische Grenze schmuggeln, wobei nicht wenige unterwegs bereits vergewaltigt wurden. Einmal in Israel angekommen, werden sie zu Preisen von fünf- bis zehntausend US-Dollar an Bordellbetreiber versteigert. In knapp der Hälfte alle dokumentierten Fälle halten diese die Frauen wie Gefangene und zwingen sie oft mit Gewalt zur Prostitution. Von den ein- bis sechshundert Schekel, die die Kunden für diverse Liebesdienste hinlegen, erhalten die Frauen im Durchschnitt zwanzig Schekel, etwas weniger als vier Euro. Manche gehen sogar ganz leer aus.
Mittlerweile kann Gal-On auf erste Erfolge ihrer Arbeit verweisen. Im Juni 2004 verabschiedete die Knesset ein erstes Gesetz, das den Menschenhandel stärker bestraft. Mit bis zu sechzehn Jahren Haft müssen nun alle rechnen, die in das schmutzige Geschäft mit der Zwangsprostitution verstrickt sind. Im Mai 2006 wurde ein «Regierungs-Koordinator» für den Kampf gegen den Menschenhandel geschaffen und mit Rahel Gershuni vom Justizministerium besetzt. Und im September 2006 folgte ein weiteres Gesetz, das sowohl den Handel von Menschen, als auch die Ausbeutung der Opfer dieser modernen Sklaverei unter Strafe stellt. Es bezieht sich nicht nur auf die zur Prostitution gezwungenen Frauen, sondern darüber hinaus auf die zahlreichen ausländischen Arbeitskräfte, die ebenfalls in die Fänge von Schlepperbanden geraten sind und in Israel ein elendes Dasein fristen.
Die Folge der neuen Gesetze: Die Zahl der ins Land geschmuggelten Frauen hat sich in den vergangenen Monaten drastisch verringert, weiß Gal-On zu berichten: «Aber auch die Zuhälter reagieren und ändern ihre Taktik. Frauen werden nicht länger in Bordellen gehalten, die als solche sofort zu erkennen sind. Immer häufiger werden sexuelle Dienstleistungen in ganz normalen Wohnungen angeboten, die ständig wechseln. Das erschwert die Arbeit der Ermittler ungemein.» Es bleibt noch viel zu tun. So hapert es zum Beispiel noch mit den Zeugenschutzprogrammen. Auch weisen die Behörden bei Razzien aufgegriffene Frauen viel zu schnell aus, bedauert Gal-On.
Laut Polizeiangaben wurden 2006 allein im Gebiet um Tel Aviv 166 Männer wegen Menschenhandel angezeigt, aber 1.800 der Prostitution beschuldigte Frauen des Landes verwiesen. Aber ein anderer Umstand macht Gal-On viel mehr Sorgen: Vierundzwanzig Prozent aller interviewten Zwangsprostituierten gaben an, dass Polizisten die illegalen Bordelle frequentierten, dreizehn Prozent berichteten gar von freundschaftlichen Beziehungen zwischen Polizisten und Zuhältern. Ihr Resümee: Die Arbeit des Komitees ist noch lange nicht beendet.
Ralf Balke