Vom Tierschutz in der Halacha

Jüdisch und vegetarisch gehören zusammen – eine Rückbesinnung hat begonnen

 

«Man müsste jedes Ding mit anderen Augen betrachten. Ein Hund könnte in einem Menschen leben und ein Mensch in einem Hunde. Ein Pfund von frischen Fischen könnte ein Pfund von zappelnden Seelen sein.»

(Mendele Mojcher Sforim)

 

Um es vorneweg zu nehmen: Jüdisch und vegetarisch gehören zusammen. Wer die jüdische Tradition ernst nimmt, erkennt rasch, dass kein Weg am Vegetarismus vorbei führt. Im Alltag freilich finden wir «pragmatische Lösungen» unterschiedlichster Couleur. Der Grund für viele jüdische Vegetarier, kein Fleisch zu essen, ist einfach das «kleinere Übel», denn es ist sehr aufwendig, im Berufsalltag - also meist in Kantinen und Gasthäusern - die Gebote der Kaschrut einzuhalten. Sie schränken den Kreis der erlaubten Nahrungsmittel ein, definieren eindeutig, wie sie zubereitet werden (und wie nicht!) und bestehen auf der strikten Trennung von milchiger und fleischiger Küche. Dies bedeutet im Klartext: zwei verschiedene Spülbecken, Kochutensilien und Geschirre und - im öffentlichen Bereich - möglichst einen «maschgiach», einen rabbinischen Kontrolleur.

Dennoch finden wir auch in Deutschland, wenn auch in kleiner Zahl, jüdische Vegetarier und Veganer, die weniger «pragmatisch jüdisch» handeln, sondern auch ein Interesse daran entwickeln, mehr von der eigenen Tradition zu erfahren. Sie entdecken dann, was gerade in Deutschland gern vergessen wird: Die älteste Tierschutzbewegung der Welt nahm ihren Anfang mit dem jüdischen Religionsgesetz, der Halacha.

Noch sind diese Interessenten in der Minderheit. Denn leider mangelt es hierzulande nicht nur an vegetarisch lebenden jüdischen Repräsentanten, sondern auch am Willen, die vegetarische - ganz zu schweigen von der veganen - Lebensweise in den Gemeinden zu verankern. Hierzulande gilt noch immer: Man isst fleischig - anders beispielsweise als in jüdischen Kreisen in Israel und Amerika. Dort finden sich zahlreiche einflussreiche Rabbiner, die vegetarische und vegane Lebensweisen bewusst vertreten und sich dabei als besonders gesetzestreue Juden zu erkennen geben: «Und Gott sprach: Siehe, ich geb' euch alles Kraut Samen tragend, das auf der Fläche der ganzen Erde, und jeglichen Baum, an welchem Baumfrucht, Samen tragend, euer sei es zum Essen.» (Ber. 1:29)

 

Jüdischer Vegetarismus

Besagte amerikanische und israelische Rabbiner haben gute Gründe. Denn der jüdische Vegetarismus wurzelt in der Tora und steht auf fünf verschiedenen Säulen:

Dem Gebot, die Gesundheit und das Leben zu erhalten (pikuach nefesch).

Dem Verbot, einem Lebewesen Schmerz zuzufügen (tsa'ar ba'alei chaim).

Dem Gebot, nichts zu vergeuden und zu zerstören (bal taschchit).

Der Aufforderung, Bedürftigen zu helfen und für Gerechtigkeit einzutreten (Zedaka).

Dem Gebot, sich für das Wohlergehen des jüdischen Volkes einzusetzen. (Klal Israel).

All diese Gebote fördern den Verzicht auf Fleischkonsum und legen ein ganzheitliches Menschenbild nahe, in dem Menschen auf die Ressourcen der Erde Rücksicht nehmen und Verantwortung nicht nur für die Hungrigen und Bedürftigen der eigenen Generation, sondern auch für den Schutz der Ressourcen für künftige Generationen. Die Annahme, dem Menschen sei erlaubt, «Herrschaft über die Natur» auszuüben, ist in der Geschichte der jüdisch-christlichen Tradition als eine Art Freibrief für Grausamkeiten und Willkür missverstanden worden. Doch die Erlaubnis, die Natur zu nutzen, bietet keine Entschuldigung für Ausbeutung und Unterjochung.

Im Gegenteil: Der Mensch ist nach jüdischer Tradition gerade wegen seiner Gottesebenbildlichkeit zu Verantwortung, Mitgefühl und Sorge über Tier und Natur aufgefordert. Der erste Mensch, Adam, war Vegetarier. Und die ursprüngliche, tierfreundliche vegetarische und vegane Tradition des Judentums wurde unter anderem von Rabbiner Abraham Isaac Kook (1865-1935) in Erinnerung gerufen, als er schrieb: «Der Begriff der Herrschaft des Menschen über die Natur, wie in der Tora erwähnt, bedeutet nicht, dass ein Despot das Ruder ergreift, alle anderen Lebewesen tyrannisiert und unterjocht, um eigenen Interessen mit kaltem Herzen zu verfolgen.»

 

Heiligung des Lebens

Die Heiligung des Lebens wird in der Tora durchaus auch auf den Umgang mit Tieren bezogen. So lesen wir in Schemot 22:30: «Und heilige Menschen sollt ihr mir sein, und Fleisch eines auf dem Felde Zerrissenen esset nicht.» Im Perek Schira, dem Gesang der Natur, einer Textquelle, die auf König David zurückgeführt wird, ergreifen die Tiere - aber auch Pflanzen und Sternbilder - das Wort und stimmen in all ihrer Verschiedenartigkeit, jedes mit seiner eigenen Stimme, in ein Loblied auf die Schöpfung ein. Mensch und Tier werden als gleichberechtigte Glieder einer Schicksalsgemeinschaft der Geschöpfe betrachtet, die - obzwar sie verschiedenartig sind und einander oft rätselhaft bleiben - zu Respekt und Gesetzestreue aufgefordert sind. Der Jüdische Vegetarismus entspringt dieser halachischen, dem jüdischen Gesetz eigenen Freundlichkeit Tieren gegenüber. Nicht Liebe zum Tier, die von subjektiver Willkür, Vorlieben oder Abneigungen bestimmt sein kann, sondern die Pflicht dem Tier gegenüber, die Forderung, auf der Grundlage des Mitgefühls für alle Lebewesen zu handeln, stehen an erster Stelle. Kein Lebewesen ist mehr wert als ein anderes, keines hat ein höheres Lebensrecht als ein anderes.

 

Verzicht auf Opfer und Fleischverzehr

Im jüdischen Vegetarismus und Veganismus kommen nicht nur diätetische, sondern ebenso spirituelle Ansprüche zum Ausdruck. Ein wesentliches religionsgeschichtliches Argument ist, dass nach der Zerstörung des Zweiten Tempels die Opferung von Tieren und der Verzehr von Fleisch obsolet geworden sind. Der Babylonische Talmud, der im 7. Jahrhundert u. Z. kompiliert wurde, betont (Pesachim 109a), Juden seien nicht mehr verpflichtet, an den Hohen Feiertagen und aus sakralen Gründen Fleisch zu verzehren. Jüdische Glaubenstreue komme gerade dadurch zum Ausdruck, auf das Töten und den Fleischverzehr zu verzichten.

Es ist an der Zeit, die uralte jüdische Tierschutz-Tradition wieder in Erinnerung zu rufen und einen jüdischen Beitrag zu den öffentlichen Diskussionen um Tierschutz und Tierrecht einzubringen. Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei der jüdischen Spiritualität, insbesondere der Rolle der Tiere in der Kabbala und als Seelenbegleiter des Menschen, zukommen.

Hanna Rheinz

 

 

Die Autorin
Dr. Hanna Rheinz, die in der Nähe von München lebt,
hat eine «Initiative Tier im Judentum» ins Leben gerufen.
Weitere Informationen: www.tierimjudentum.de

 

«Jüdische Zeitung», März 2006