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Chefredakteurin mit Wiener WurzelnAlice Schwarz-Gardos führt die deutschsprachigen «Israel Nachrichten» – mit 89 Jahren
Ei, das hab ich gar nicht gehabt!» Eigentlich ist Alice Schwarz-Gardos schon halb aus der Tür des Redaktionsraumes. Beim abschließenden Check der dpa-Agenturmeldungen findet sie noch eine überraschende Nachricht: Omri Sharon, Sohn von Ex-Staatschef Ariel, wurde wegen einer Spendenaffäre zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Eine Story für die Titelseite. Schwarz-Gardos eilt vom dpa-Rechner ans Redaktionstelefon. «Fürchte, ich bin schon zu spät dran», ungeduldig wartet sie auf die Antwort aus der Druckerei. Der Druck ist noch nicht raus. «La'atzor bevakascha - Anhalten bitte!» Alice Schwarz-Gardos ist Chefredakteurin der letzten in deutscher Sprache erscheinenden Tageszeitung in Israel, den «Israel Nachrichten». Sie ist mit stolzen 89 Jahren die wahrscheinlich älteste Chefredakteurin einer Tageszeitung auf der Welt und mit über 31 Jahren zudem eine der Dienstältestesten in dieser Position. Schwarz-Gardos blickt auf eine mittlerweile 57jährige Berufslaufbahn als Journalistin, Autorin und Herausgeberin zurück. Insgesamt verfasste sie zwölf Bücher und weit über 5.000 Artikel. Mit dieser beeindruckenden Lebensleistung gehört sie zu den bedeutendsten Journalisten in Israel. Die Redaktion der «Israel Nachrichten» besteht aus einem etwa 20 Quadratmeter großen Raum. Darin stehen drei Computerarbeitsplätze, dazu ein meterhohes Regal mit Duden, Lexika und den Druckfahnen der letzten Wochen. Kartons und Ordner türmen sich auf dem Tisch neben dem nüchternen Stahlschrank. Die Wände des Raumes sind weiß und kahl. Erst vor anderthalb Jahren ist die kleine deutschsprachige Zeitung in die Büroetage auf der Negewstrasse 5, nicht weit vom alten Tel-Aviver Busbahnhof, gezogen. Die «Israel Nachrichten» teilen sich die Räumlichkeiten und die technischen Mittel mit vier anderen kleinen, fremdsprachigen Blättern Israels: einer ungarischen, einer polnischen, einer rumänischen und einer jiddischen Zeitung.
«Wer gibt freiwillig auf, was ihn interessiert?» Fiebrig arbeitet Schwarz-Gardos an der Überarbeitung der Titelstory. «Das ist natürlich heute die Sensation», mit spürbarer Begeisterung fügt sie den dpa-Text am Computer ein. Vom Server aus, der sich in der Mitte des Bürotraktes befindet, sendet sie die neue Titelseite an die Druckerei. Die kleine, nur circa 1,50 Meter große Frau, eilt ein letztes Mal den Gang des Traktes, vorbei an den vergilbten Werbeplakaten des polnischen Tourismusministeriums aus den 1970er Jahren, zurück ins Redaktionszimmer der «Israel-Nachrichten» und steuert schnurstracks aufs Telefon zu. «Alles in Ordnung», mit einem Strahlen im Gesicht schlägt sie sich in die Hände. Die Frage, wie sie mit ihren 89 Jahren noch tagtäglich die Arbeit in der Redaktion bewältige, stellt sich für Schwarz-Gardos überhaupt nicht. «Warum sollen Alte nicht auch große Leistungen erbringen können? Adenauer war so ein Beispiel», meint sie dazu. Und dann fügt sie mit verschmitztem Lächeln hinzu: «So lang man kann, will man auch. Wer gibt schon etwas freiwillig auf, das ihn interessiert?!» Alice Schwarz-Gardos und die deutsche Sprache und Literatur. Das ist die Geschichte einer großen Liebe, die viele Wunden kennt.
Beim Jugendwettbewerb kam das Schreibtalent Angefangen hatte alles eigentlich schon im Jahr 1930, als sie, gerade vierzehnjährig, den ersten Preis eines Jugendwettbewerbs der Wiener «Neuen Freien Presse» für einen eigenen Aufsatz erhielt. Ihre Eltern waren damals gerade von Wien nach Pressburg (Bratislava) gezogen. Dort hatten die Großeltern und der Onkel ein Warenhaus und waren eine geschätzte und wohlhabende Familie. Schwarz-Gardos, die am 31. August1916 geborene, einzige Tochter der Familie Schwarz, ging aufs traditionsreiche deutsche Gymnasium der slowakischen Hauptstadt. Ihr Vater, ein Bankprokurist, dessen berufliche Karriere 1928 nach einem Bankenkrach beendet schien, stammte aus der Slowakei. Er kam aber schon als kleiner Junge nach Wien und lernte dort später Schwarz-Gardos' Mutter kennen. Die, eine charmante, gescheite, literarisch sehr interessierte Frau, stammte aus einer weitverzweigten Sippe, zu deren Abkömmlingen Heinrich Heine, Theodor Herzl und Karl Marx gehörten. Ein Cousin von Alice Schwarz-Gardos war der Schriftsteller und Journalist Bruno Frei. Die Familie lebte ein sehr aufgeklärtes und modernes Leben, pflegte nur wenige jüdische Traditionen. Schwarz-Gardos: «Meine Eltern waren typische Drei-Tage-Juden, in unserer Familie begangen wir nur den einen Tag Yom Kippur und die zwei Tage Rosch Ha-Schana. Bei uns gab es auch immer einen Weihnachtsbaum. Mein Vater sagte, der sei fürs Personal. Die Großeltern lebten traditioneller, wenn auch mit Abstrichen. Ich erinnere mich noch daran, wenn Großmutter das Geschirr zu Pessach auswechselte.» Die junge, begabte Schülerin interessierte sich brennend für deutschsprachige Literatur und besuchte regelmäßig die vom Onkel großzügig geförderten deutschen Theateraufführungen in Bratislava. Schwarz-Gardos schrieb in dieser Zeit schon Feuilletons, Reiseberichte und kleine Artikel für den lokalen «Grenzboten». Nach Ablegung des Abiturs entschied sie sich fürs Medizinstudium an der Comenius-Universität in Bratislava, konnte jedoch nur vier Semester davon absolvieren. Denn im Frühjahr 1939 begann für sie und ihre Familie eine abenteuerreiche und lebensgefährliche Flucht vor den Nazis, die schließlich im Jahr 1940 in Palästina enden sollte.
Drei Monate auf der Donau Im März 1939 war die dreiköpfige Familie aus dem nunmehr faschistischen Satellitenstaat Deutschlands nach Prag geflohen. Dort meldeten sie sich für einen illegalen Transport nach Palästina. Im Sommer 1939 wurde die Ausreise noch offiziell von Nazi-Deutschland «unterstützt». Unter SS-Aufsicht holte die Familie die notwendigen Papiere. Allerdings verzögerte sich die Abfahrt. Am 1. September 1939 reiste die Familie nach Bratislava und von dort wenige Tage später mit einem Drahtdampfer die Donau hinab nach Budapest. Auf einem Getreideschlepper dauerte die Fahrt der jüdischen Flüchtlinge bis zum Schwarzen Meer ganze drei Monate, in denen ihr Leben am seidenen Faden hing. Nach zähen Verhandlungen wurde das Geisterschiff schließlich freigegeben. Das türkische Schiff «Sahariyya», mit Schwarz-Gardos und insgesamt 2.000 Menschen an Bord, war das letzte Boot, das die Briten nach Palästina durchließen. Außer den Eltern, den Großeltern aus Bratislava, die im Versteck in der Slowakei überlebten, und einem Onkel, der in der tschechischen Exilarmee kämpfte, ist die gesamte jüdische Familie von Alice Schwarz-Gardos in der Schoa ermordet worden. Die ersten Jahre in Palästina waren hart. Schwarz-Gardos sprach zu Beginn kein Wort Hebräisch. Sie hatte keinen Abschluss. So arbeitete sie zwischen 1940 und 1942 als Stubenmädchen, Kellnerin, Tellerwäscherin und Verkäuferin. Die Familie hatte schon 1939 einen «Lift», einen Container mit den Möbeln, dem Hausrat und persönlichen Wertgegenständen, nach Palästina geschickt. Der Lift stand aber fast ein Jahr lang im Hafen von Haifa und warf monatlich horrende Lager- und Zollkosten auf. Um die aufgelaufenen Schulden für den Lift zu begleichen, war die Familie gezwungen, diesen an einen Händler zu verkaufen. Die Eltern sahen ihre einzige berufliche Chance in der Eröffnung eines kleinen Cafes in Haifa. Die Finanzierung dafür musste durch den Verkauf der aus dem Lift gebliebenen Sachen erfolgen. So wurde neben den Bildern, der Spitzenwäsche und den Handtaschen auch die Bibliothek von Alice Schwarz-Gardos veräußert. «Das war eine Art Hinrichtung für mich», den Schmerz über den Verlust der geliebten Bücher empfindet die Journalistin heute noch. Schwarz-Gardos: «Ich hab danach geheult wie ein Schlosshund.»
Literarische Salons, Cafés und Klatschkreise Im Jahr 1942 begann Schwarz-Gardos als Sekretärin bei der britischen Royal Navy, wo sie bis 1949 arbeiten sollte. In dieser Zeit begann sie auch wieder, diesmal schon auf der eigenen Schreibmaschine, Geschichten zu schreiben. Schwarz-Gardos erzählt mit leuchtenden Augen vom deutschsprachigen Kulturleben, das sich in den 1940er Jahren in den Kaffeehäusern und an den Stammtischen in den Städten in Palästina entwickelte. Sie verkehrte in deutschsprachigen Kreisen, in denen sich Gleichgesinnte trafen und sich deutsche Literatur sowie eigene Werke vorlasen, Vorträge hielten, Manuskripte austauschten. Der bekannteste Kreis war damals der «Literarische Salon» von Nadja Taussig, einer Schwägerin von Max Brod, in Tel-Aviv, der sich alle vierzehn Tage versammelte. Während des Unabhängigkeitskrieges bildete sich auch in Haifa eine Gruppe junger deutschsprachiger Juden, der «Zipser Kreis», und traf sich zweiwöchentlich in Privatwohnungen zu Lesungen und Vorträgen. Schwarz-Gardos: «Wir schufen so unser ganz eigenes Ambiente.» Kaffeehaus und Klatschkreise in Haifa und Tel-Aviv wurden zu Imitaten der Vorbilder aus Wien und Berlin. Ihre persönliche Bekanntschaft mit literarischen Größen wie Max Brod und Arnold Zweig ermutigten Alice Schwarz-Gados zur Veröffentlichung ihres ersten Novellenbandes in deutscher Sprache, «Labyrinth der Leidenschaften», im Jahr 1947 in Haifa. Das Vorwort für das Buch schrieb Arnold Zweig. Die ersten Schritte in die neue Berufswelt waren gegangen. Ein dreimonatiger Aufenthalt in Wien im Frühjahr 1949 auf Einladung des Cousins Bruno Frei bedeutete dann den Beginn von Schwarz-Gardos' Karriere als Journalistin. Frei war nach dem Krieg aus dem Exil in Mexiko nach Wien zurückgekehrt und Chefredakteur des «Abend». Er betreute die junge Frau bei ihren Artikeln und Reportagen aus Wien für die deutschsprachige Zeitung «Yedi'ot Ha-Yom» in Israel. Jüdische, deutschsprachige Tageszeitungen gab es in Palästina seit 1936, als der Buch- und Pressefachmann Siegfried Blumenthal in Tel-Aviv die «Blumenthals Neueste Nachrichten» gegründet hatte. Die Nachfrage nach deutschsprachiger Aktualia sollte für die nächsten zwei Jahrzehnte ungebrochen anhalten. Jüdische Einwanderer aus Deutschland und Österreich vor dem Zweiten Weltkrieg sowie aus den DP-Lagern und aus Osteuropa nach dem Krieg fanden in den zwei ab den 1940er Jahren herausgegebenen Zeitungen «Yedi'ot Chadaschot» («Neueste Nachrichten») und «Yedi'ot Ha-Yom» («Tagesnachrichten») Informationen und Aufklärung über die neue Gesellschaft und den Jischuw in deutscher Sprache. Deutsch galt damals vielen in Israel als lingua franca. In den 1950er Jahren erreichten die beiden Zeitungen zusammen eine Auflage von 35.000.
«Für den großen Fischteich bin ich nicht geschaffen» Für mehr als 25 Jahre, zwischen 1949 und 1975, arbeitete Alice Schwarz-Gardos für die «Yedi'ot Ha-Yom», zunächst als Reporterin in der Haifaer Lokalredaktion, später dann in allen journalistischen Sparten: Sie verfasste Glossen, Kommentare, lieferte Nachrichten, Geschichten und Reportagen, politische Analysen, Porträts bedeutender Israelis deutscher Sprache, Serien von Gerichtsberichten, Interviews mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ihre Beiträge erschienen in hebräischen Zeitungen, vor allem im «Ma'ariv», als Übersetzungen. Für «Yedi'ot Acharonot» schrieb sie eine zeitlang unter einem Pseudonym. Doch den Schritt, ganz in den hebräischsprachigen Journalismus zu wechseln, ist sie nie gegangen. Schwarz-Gardos: «Ich brauchte mein eigenes Revier. Für den großen Fischteich bin ich nicht geschaffen. Die Sprache hat einen bewahrt. Aber man war auch gefangen in dieser Sprache, in dieser zweiten Haut. Mir fehlte im Hebräischen unendlich viel. Ich schrieb zwar auch manchmal die hebräischsprachigen Leitartikel in unserer Zeitung, aber das waren politische Themen, ohne die Wortspielerein, die die Sprache ausmachen.» Die deutsche Presse- und Literaturlandschaft in Israel geriet ab den 1960er Jahren in große Schwierigkeiten. Aufgrund der stetig sinkenden Leserzahlen reduzierten sich die deutschsprachigen Tageszeitungen bald auf die im Jahr 1975 gegründete «Chadaschot Israel» - die «Israel Nachrichten», deren Chefredakteurin Schwarz-Gardos wurde. Doch die sich vermindernde Rolle der deutschen Sprache in Israel implizierte für sie nie die Frage nach einer anderen Heimat. Schwarz-Gardos: «Es hat sich nicht bewährt, nur eine geistige Heimat zu haben, nur mit dem Buch in der Hand. Es sei denn, man findet es tragbar, sich misshandeln zu lassen.» Ab den 1950er Jahren kehrte sie noch oft nach Wien zurück, vor allem, weil ihre Eltern dort ihren Lebensabend verbrachten. Ihre Aufgabe sah Schwarz-Gardos aber schon damals in der kritischen Berichterstattung aus Israel für das deutschsprachige Ausland. So arbeitete sie auch für viele europäische Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für den «Tagesspiegel», als auch für das in Buenos Aires erscheinende «Argentinische Tagblatt». Heute schreibt sie zum Beispiel auch für die «Jüdische Zeitung».
Paradies mit Schönheitsfehlern Schwarz-Gardos schöpfte für ihre zahlreichen Bücher aus ihrer persönlichen und journalistischen Erfahrung. Sie widmete sich Themen aus ihrem eigenen Leben, die sie auf literarisch und künstlerisch anspruchsvollem Niveau umsetzte. Ihre Werke strahlen vor allem Authentizität und Überzeugungskraft auf den Leser aus. Ihre Sprache zeichnet sich durch Klarheit und Pointiertheit aus. «Operation Goliath» war ihre zweite Buchveröffentlichung und erzählt vom Kampf um Haifa in den Monaten nach dem UNO-Beschluss aus dem Blickwinkel einer mitteleuropäischen Intellektuellen. Das Werk wurde 1954 in Israel herausgegeben und es ist nur noch in der hebräischen Übersetzung erhalten. Im Jahr 1960, dann schon bei einem deutschen Verleger, veröffentlichte Schwarz-Gardos «Schiff ohne Anker». In diesem Buch, das vom tragischen Ende des Flüchtlingsschiffs «Struma» erzählt, das am 24. Februar 1942 mit 789 jüdischen Flüchtlingen unterging, verarbeitet sie ihre eigenen Erlebnisse bei der illegalen Reise nach Palästina. «Schiff ohne Anker», das unter der Ägide von Arnold Zweig entstand, gilt unter vielen Literaturkritikern als das Meisterwerk von Schwarz-Gardos. Mit «Versuchung in Nazareth», herausgegeben 1963 in Wien, entstand ein Künstlerroman über eine Tänzerin, über deren unglückliche Liebesgeschichte und eine missglückte Verständigung zwischen Moderne und Tradition. Auch als Jugendbuchautorin machte Schwarz-Gardos mit dem 1963 in Deutschland erschienenen «Joel und Jael» von sich reden. Das Buch wurde speziell für den kleinen deutschen Leser verfasst und erinnert stilistisch an Selma Lagerlöf. «Entscheidung im Jordantal» aus dem Jahre 1965 handelt vom Zusammenstoß der israelischen Stadtzivilisation mit der Kibbuzgesellschaft und ist ein dichterischer Aufruf, Israel verstehen und lieben zu lernen. In den Folgejahren widmete Schwarz-Gardos sich vorrangig Essays und Skizzen über die israelische Gesellschaft, Politik, Kultur und Religion. «Frauen in Israel: Die Emanzipation hat viele Gesichter» entstand 1979, herausgegeben im Herder-Verlag, und enthält Porträts von verschiedensten Frauen, die zu der Zeit in Israels Gesellschaft als Individuen hervorstachen, sich als Querdenker und Leistungsträger auszeichneten. Alice Schwarz-Gardos räumt in dem Buch mit vielen Klischees und Vorurteilen auf und zeigt, «dass Tradition nicht Diskrimierung bedeuten muss und dass Festhalten an der religiösen Herkunft und weibliche Errungenschaften einander nicht ausschließen müssen.» Das Buch gibt ein zuweilen ungeschöntes Bild auf die von der Autorin überaus geliebte israelische Gesellschaft und stellt als Fazit die Frauen als die eigentlichen Helden des Alltags im Lande heraus. Der sehr geistreich und witzig geschriebene Reiseführer «Paradies mit Schönheitsfehlern: So lebt man in Israel» beschreibt das Leben in dem «Land voller kurioser Probleme, mit denen man lächelnd am besten fertig wird». Dass die Autorin das Motto dieses Werkes, 1982 bei Herder erschienen, bis zum heutigen Tag in sich trägt, weiß der Gesprächspartner spätestens, nachdem er das breite, einnehmende Lächeln von Alice Schwarz-Gardos das erste Mal erleben durfte. Die energische Schwarz-Gardos betätigte sich auch als Herausgeberin. So entstand 1983 «Heimat ist anderswo», wiederum bei Herder veröffentlicht. Es ist eine der ersten Anthologien deutschsprachiger Dichtung in Israel. Der Band enthält Erzählungen, Prosa-Skizzen, Essays und Literaturhistorisches. Der von Schwarz-Gardos herausgegebene «Hügel des Frühlings» ist eine Sammlung von Literaturproben deutschsprachiger Autoren in Israel. Diese beiden Bücher spiegeln die Interimserscheinung der deutschen Literatur im Exil in Israel wider und sprechen nicht wenig von der Einsamkeit der Autoren in ihrer Sprache. Ihre Memoiren, «Von Wien nach Tel-Aviv», veröffentlichte Schwarz-Gardos im Jahr 1991 bei Blücher. Das Buch erzählt mit demselben Optimismus und der Lebensbejahung, die die altehrwürdige Dame bis zum heutigen Tage ausstrahlt. Ihre persönlichen und familiären Verluste hinderten sie nicht daran, ihrem Leben in dem Buch ein Happy End zu «verschreiben».
Wenig Zukunft für die deutschsprachige Presse Für ihr beeindruckendes Lebenswerk erhielt Alice Schwarz-Gardos im Jahre 1982 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. «Meine Mutter hatte sich damals sehr gefreut, dass ihre einzige Tochter so eine Ehrung erhält. Ich fand die Geste auch sehr schön», erinnert sich Schwarz-Gardos heute. Privates Glück fand sie in der zwanzigjährigen Ehe mit Eli Gardos, dem Gründer des Konservatoriums ins Hadera. Leider verstarb der geliebte Ehemann viel zu früh und schied aus der kinderlosen Ehe. Neben der Arbeit für die «Israel Nachrichten» pflegt die 89jährige heute ein ausgeprägtes soziales Leben, trifft sich regelmäßig zum Kaffeeklatsch mit Freunden. Das aktuelle Buch, das sie liest, ist ausgerechnet über die deutsche Aliyah und die Facetten des Lebens der Jekkes, der deutschen und österreichischen Juden, in Israel. Die heute auf unter 20.000 Menschen geschrumpfte deutschsprachige Lesergruppe bleibt den «Israel Nachrichten» treu. Aber Schwarz-Gardos weiß, dass es die Gruppe der Jekkes in dreißig Jahren nicht mehr geben wird: «Wenn jetzt eine große Einwanderung aus Deutschland käme, dann sähe ich noch eine Zukunft für die deutschsprachige Presse im Land, aber das ist ja sehr unwahrscheinlich. Junge Einwanderer lernen schnell Hebräisch und wollen Mitglieder der Gesamtgesellschaft werden. Und das befürworte ich ja auch aus patriotischen Gründen.» Drei Mitarbeiterinnen und viele freie Autoren, unter anderem Henryk M. Broder und Ulrich Sahm, helfen Schwarz-Gardos, dass auch im Jahr 2006 weiter täglich eine immer aktuelle und thematisch abwechslungsreiche deutschsprachige Zeitung in Israel erscheint. Schwarz-Gardos organisiert den Aufbau, wählt die Artikel aus, redigiert, achtet dabei penibel auf Schreib- und Trennungsfehler und verfasst weiterhin mindestens einen großen Artikel oder Kommentar in der Freitagausgabe. Die Freude an der journalistischen Arbeit wird Schwarz-Gardos so schnell jedenfalls nicht verlieren. |