Übergriffe im «East End», in Leeds und in Wales

Ein wenig bekanntes Kapitel britischer Geschichte: Der Antisemitismus vor dem Ersten Weltkrieg

 

Im Mittelalter wurde die jüdische Minderheit aus Großbritannien (und Frankreich) vertrieben, und ihre Mitglieder mussten sich beispielsweise in Deutschland oder Ostmitteleuropa eine neue Zukunft aufbauen. Im 18. und 19. Jahrhundert etablierte sich eine kleine jüdische Gemeinde wieder neu, auch durch Übersiedlungen aus Deutschland in das boomende Vereinigte Königreich, die damals reichste Nation der Welt. Die aus Frankfurt am Main stammende Bankiersfamilie Rothschild richtete beispielsweise Zweigstellen in London und Paris ein, welche die Bedeutung des Mutterhauses bald überflügelten. Mit diesen erfolgreichen Entwicklungen, etwa auf der Britischen Insel, waren Antisemitismus und Judenfeindschaft aber keineswegs verbannt.

Es ist unbestritten, dass Antisemitismus oft gemeinsam mit Militarismus und Rassismus auftritt. Auch für Großbritanniens Geschichte läßt sich dieser Zusammenhang feststellen, wenn auch nicht so deutlich wie in einigen anderen Ländern. Die «Encyclopaedia Britannica» schrieb 1884: «Kein vollblütiger Neger hat sich je einen Namen machen können als Mann der Wissenschaft, als Poet oder Künstler. Die grundlegende Gleichheit, die für ihn durch ignorante Philanthropen gefordert wird, wird durch die gesamte Geschichte der Rasse Lügen gestraft.» Diese rassistische Äußerung der höchsten intellektuellen Autorität des Landes war zu diesem Zeitpunkt noch kein Indiz eines starken oder radikalen Antisemitismus: Der 1881 verstorbene jüdischstämmige Benjamin Disraeli hatte schließlich jahrzehntelang eine führende Rolle in der britischen Politik spielen können. Militaristische Strömungen gewannen jedoch massiv an Bedeutung.

 

Militarismus im Aufwind

Die Anzahl und öffentliche Präsenz von Militärkapellen stieg seit Ende der 1870er Jahre deutlich an. Eine durch das Militär beeinflusste Sprache und militärische Ordnungsprinzipien hielten in Großbritannien auch im Zivilleben Einzug, gewannen in der Literatur stark an Bedeutung, und uniformierte Jugendorganisationen begannen in Kirchen zu exerzieren. Sie banden einen hohen Anteil der Jungen, der im heutigen Rückblick auf 40 bis 60 Prozent geschätzt wird.

Im Jahre 1901 wurde der 50. Jahrestag der großen Weltausstellung von 1851 begangen - gemäß dem Geist der Zeit mit einer großen Marine- und Heeresausstellung. Anders als zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren es nicht mehr die zivilen Produkte und Errungenschaften, die das Land stolz präsentierte. Die Arbeiterklasse blieb vom neuen Zeitgeist nicht unberührt: Im Jahre 1867 hatte es 300 «Working Men's Clubs» gegeben. Sie boten Raum für Vorträge, Lesungen und Diskussionen - und wollten den «Pubs» den Boden entziehen und die Arbeiter stärker bilden. 1905 aber beschloss deren Selbstverwaltung, dass der politische Daseinsgrund der Clubs nicht mehr bestehe und die Politik nur noch eine der vielen Freizeitbeschäftigungen sei, die dort praktiziert werden könnten. Übungen mit dem Bajonett, Schießen und «Interesse an den Streitkräften» gehörten zu den Freizeitbetätigungen, die nun an deren Stelle traten.

 

Virginia Woolf hält dagegen

Der zunehmende britische Militarismus vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hat bislang wenig Aufmerksamkeit in der Forschung gefunden. Dabei ließe sich zumindest eine markante Episode finden, die dem «Hauptmann von Köpenick» auch an Unterhaltungswert nicht nachsteht: 1910 schwärzte sich die berühmte Schriftstellerin Virginia Woolf ihr Gesicht, klebte sich einen falschen Bart an und konnte mit einigen ebenso geschminkten Freunden Zutritt zur «Dreadnought» erlangen, dem größten und modernsten Schlachtschiff der Welt, dem Stolz der «Royal Navy». Die jungen Leute hatten sich als der «Negus» von Abessinien samt seinem Gefolge ausgegeben, obwohl sie nicht die leiseste Vorstellung davon hatten, wie Bewohner des heutigen Äthiopien aussehen oder gar deren Monarch. Sie erhielten trotz alledem einen kaiserlichen Empfang und hatten das Glück, dass ein des Amharischen kundiger Matrose gerade Urlaub hatte. Als ihr in den vorhergehenden Tagen angelernter Kisuaheli-Wortschatz erschöpft war, sprachen sie in griechischen Vergilversen miteinander. Ihr fremdländischer Eindruck war hinreichend, den Schwindel nicht auffliegen zu lassen, und sie konnten einen «Eindruck von der Brutalität und Dummheit» der Schiffsbesatzung gewinnen, wie der Historiker James Joll schreibt. Der Oberkommandierende der Marine musste sich später im Unterhaus fragen lassen, ob ihm bei dem Besuch ein abessinischer Orden verliehen worden sei und ob es zutreffe, dass für den Empfang weiße Glacéhandschuhe angeschafft worden seien, und wer diese bezahle...

 

Geschwächtes Empire

Die veränderte außenpolitische Situation des «Empire» stellte Anfang des 20. Jahrhunderts eine wesentliche Ursache für den erstarkenden Militarismus dar: Zwischen der Niederlage Napoleons und den 1880er Jahren war die weltweite Stellung Großbritanniens noch unanfechtbar gewesen. Das britische Weltreich war jährlich um durchschnittlich 250.000 Quadratkilometer gewachsen. Der Vorsprung in der industriellen Entwicklung gegenüber anderen Ländern schmolz jedoch dahin, die Stärke der Konkurrenten stieg, und an Machtgewinn war für Großbritannien seit den 1890er Jahren nicht mehr zu denken. Nun ging es um die Verteidigung des Erreichten, was starke Streitkräfte zu erfordern schien. Das «Empire» rüstete massiv auf und gab für Marine und Heer schließlich weit mehr aus als jedes andere Land der Welt aus. Zuversicht wurde durch Unsicherheit abgelöst. Der 1899 ausgebrochene Burenkrieg verstärkte diese Tendenzen: Man erwartete allgemein einen weiteren «sporting war», wie Bismarck die Kolonialkriege des «Empire» bezeichnet hatte. Dem britischen Heer wurden jedoch schwere Niederlagen zugefügt, und der Gegner konnte erst mit einer Streitmacht von 500.000 Mann bezwungen werden, was der gesamten Bevölkerungszahl der Buren gleichkam.

Verfechter autoritärer Ideale sahen in Anbetracht der Schwäche ihres Landes und der zunehmenden Stärke der Konkurrenten den Bestand des «Empire» gefährdet. Sie forderten, das Wohl des Individuums dem Erhalt britischer Macht unterzuordnen. Sidney Webb, der Initiator der einflussreichen Gruppe der «Co-efficients», welcher beispielsweise der langjährige Außenminister Edward Grey und Kriegsminister Haldane angehörten und der auch Premierminister Arthur Balfour nahe stand, fragte: «Wie (...) können wir eine effiziente Armee bekommen - mit den verkümmerten, blutarmen, demoralisierten Bewohnern der Slums unserer großen Städte?» Autoritäre Ideale und Strömungen gewannen beträchtlich an Bedeutung, was die Verbreitung des Antisemitismus in Großbritannien und anderswo begünstigte. Doch um jenem zum Durchbruch zu verhelfen, bedarf es in der Regel noch wirtschaftlicher Krisenzeiten.

 

Ökonomische Verwerfungen

Noch um 1900 lag das Pro-Kopf-Einkommen der Briten deutlich über dem aller anderen Europäer. Die Wachstumsraten der britischen Wirtschaft waren jedoch deutlich unterdurchschnittlich, und das Vereinigte Königreich fiel im Verhältnis zu den Konkurrenten seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erheblich zurück. Die dümpelnde Ökonomie verschärfte die bereits vorhandenen innenpolitischen Spannungen. Die Arbeitslosenrate stieg, Streiks nahmen an Zahl und Härte erheblich zu. Die Reallöhne stagnierten, die Einkünfte aus Kapitalvermögen hingegen schnellten in die Höhe. Hiervon profitierte eine wohlhabende Minderheit. Die ökonomische Situation in Großbritannien vor 1914 ähnelt in gewisser Hinsicht heutigen Mustern. Globalisierungstendenzen führten dazu, dass der Anteil von Auslandsinvestitionen am Volksvermögen bisher unerreichte Höhen erreichte. Ja, ihr Anteil war sogar höher als bei irgendeinem Land der «Ersten Welt» heutzutage.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg verfügte das reichste Prozent der britischen Bevölkerung (in England und Wales) über 70 Prozent des Nationalvermögens, in Deutschland waren es etwa 50 Prozent. Die Produktivität pro Arbeitskraft stieg zwischen 1899 und 1913 um etwa 10 Prozent rascher als der Reallohn. Das britische Kabinett hielt Anfang 1912 die zunehmenden Arbeitskämpfe für so bedrohlich, dass es den Monarchen bat, eine geplante Reise nach Wien, Paris, Berlin und St. Petersburg abzusagen. Sir George Askwith, der Chefberater der Regierung für industrielle Fragen, führte die Streikbewegung unter anderem auf den sinkenden Lebensstandard der Arbeiter und die provokative Zurschaustellung des Luxus durch die Reichen zurück.

 

Der neue Antisemitismus

Antisemitische Tendenzen erstarkten in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg in ganz Europa. In Österreich beispielsweise gehörten viele Juden den betont deutsch-nationalen, lange aber auch demokratisch orientierten studentischen «Burschenschaften» an. Im Jahre 1896 jedoch wurden dort alle Juden von Duellen ausgeschlossen, da sie das «Wesen der deutschen Ehre» nicht verstünden.

Emigration war die Folge eines zunehmend noch judenfeindlicheren (Ost-)Europas. Zwischen 1881, dem zeitlichen Beginn der vor allem in der Ukraine ausbrechenden Pogrome, und 1914 verließen etwa zwei Millionen Juden das Zarenreich, weitere 400.000 Österreich-Ungarn und Rumänien. Ungefähr zwei Millionen von ihnen ließen sich in den USA nieder, 30.000 bis 40.000 in Frankreich. Im Deutschen Reich lebten bald etwa 70.000 Ostjuden. Nach Großbritannien kamen etwa 100.000 jüdische Emigranten, von denen viele unter den zunehmenden Spannungen im Lande zu leiden hatten.

In den Jahren 1910 und 1911 setzte die Regierung gegen die streikenden Berg- und Eisenbahnarbeiter in Südwales Truppen ein. Militäreinheiten gegen Streikende einzusetzen, war beispielsweise in Frankreich oder Deutschland verbreitet, in Großbritannien jedoch seit fast 100 Jahren nicht mehr vorgekommen. Die aufgestauten sozioökonomischen Spannungen entluden sich in Wales im August 1911 in pogromartigen Übergriffen auf das Eigentum von Juden, die von Armeeverbänden geschützt werden mussten. In der Region um Leeds kam es zu Beginn des 20. Jahrhunderts an den Wochenenden regelmäßig zu Übergriffen auf russische Juden. Der Vorwurf, dass die mittellosen Einwanderer zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für die Einheimischen beitrügen, übte auch auf die Gewerkschaften einige Wirkung aus.

 

Stereotypen in rechter Presse

So war der Antisemitismus in Großbritannien in den Jahren unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr in der Weise geächtet wie einige Jahrzehnte zuvor. Die judenfeindliche Stimmung wurde nun auch von bestimmten Publikationsorganen geschürt, beispielsweise von der einflussreichen rechtsgerichteten «National Review». Im Jahre 1911 schrieb sie von «hebräischen Journalisten», die der deutschen Diplomatie zu Diensten wären, und im März 1913 verbreitete sie:

«Was haben wir getan, dass wir von den Juden verfolgt werden? Verfolgen wir sie? Im Gegenteil, wir scheinen stillzuhalten und ihnen zu erlauben, immer größere Macht in diesem Land zu gewinnen. Sie scheinen einen Staat im Staate bilden zu wollen. Sie sind nicht zufrieden damit, das internationale Finanzwesen zu beherrschen, das sie nur als Hebel für neue Intrigen in den internationalen Beziehungen benutzen, und sie unterstützen immer Deutschland.» Eine antideutsche und antisemitische Agitation gingen in Großbritannien vor 1914 Hand in Hand und übten beträchtlichen Einfluss auf den öffentlichen Diskurs im Lande aus. Der britische Antisemitismus ist erst vor wenigen Jahren in den Blick der Wissenschaft geraten und bislang noch wenig erforscht. Man kann jedoch feststellen, dass im Großbritannien jener Zeit größere Spannungen zwischen Einheimischen und Zuwanderern auftraten als beispielsweise im Deutschen Reich. Insbesondere im Londoner «East End» kam es zu fremdenfeindlichen Kundgebungen und teils sogar zu Krawallen oder Übergriffen - nicht nur gegen Juden. Im Deutschen Reich blieben solche Ausschreitungen zum gleichen Zeitpunkt fast völlig aus, vermutlich deshalb, weil die deutsche Wirtschaft dynamisch wuchs und die Arbeitslosenrate niedrig war. Der Geschichtswissenschaftler Hoffmann vermutet, dass die im Vergleich zu Deutschland großzügige britische Einwanderungspolitik zu größeren Spannungen in England führte. Aber nahm Deutschland in den Jahren vor 1914 nicht weit mehr Zuwanderer auf als das stagnierende Großbritannien, vor allem aus Polen und Italien? Im Jahre 1910 lebten 1,26 Millionen Ausländer im Deutschen Reich. Es war zu einem der bedeutendsten Einwanderungsländer der Welt geworden.

Christian Wipperfürth

«Jüdische Zeitung», März 2006