Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Links schließt Antisemitismus nichts ausEin unvollständiger Blick auf den deutschen Buch- und Zeitungsmarkt
Im Januar sorgte eine lebhafte Veranstaltung im Berliner Jüdischen Kulturverein unter dem Titel «Gibt es einen linken Antisemitismus» für Aufsehen. Ein Ergebnis des Abends: Innerhalb der Linken bestehen stillschweigend weiterhin antijüdische Vorurteile. Das Thema des linken Antisemitismus bleibt sehr umstritten, vor allem da linke Bewegung und Presse stets behaupten, sie seien vorurteilsfrei und nicht vom Antisemitismus geprägt. Eine Gefahr besteht natürlich in der pauschalen Behauptung, linke Medien und linke Bewegungen seien antisemitisch. Es wäre also unfair sowie unverantwortlich und soll daher an dieser Stelle keinesfalls behauptet werden, die Mehrheit der Linken sei von einer antisemitischen Einstellung geprägt. Leider hält eine Minderheit der Linken nicht an dem Satz des Mitbegründers des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, Friedrich Engels, fest: «Der Antisemitismus ist das Markenzeichnen einer zurückgebliebenen Kultur.» Wie verhält es sich also mit der linken Kultur und dem Antisemitismus? Dazu sind einige neue Bücher erschienen: «Der ewige Antisemit: Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls» von Henryk M. Broder ist und bleibt die erste und wichtigste Auseinandersetzung mit Antisemitismus unter den linken und liberalen Intellektuellen in Deutschland. Das Buch erschien zwar schon 1985, jedoch veröffentlichte Broder im letzten Jahr ein neues, aktuelles Vorwort. «Der moderne Antisemit leugnet nicht den Holocaust, er benutzt ihn als Argument gegen die Juden», schrieb Broder. Eine Betrachtung anhand eines neueren Artikels aus der linken Zeitung «Junge Welt» beleuchtet das heikle Thema Antisemitismus von links unter Zuhilfenahme von Broders These. Das Blatt veröffentlichte zum Tod von Simon Wiesenthal einen Nachruf («Ein großer Einzelgänger», 21.September 2005). Der Verfasser Werner Pirker schreibt, dass Wiesenthal «Hitlers Chefplaner des Massenmordes an den europäischen Juden, Adolf Eichmann, zu seiner persönlichen Angelegenheit machte.» Eichmann wurde 1960 mit Hilfe Wiesenthals vom Mossad, dem israelischen Geheimdienst, entführt. Pirker nutzt in seinem Artikel den Tod Wiesenthals als Chance, Israel als Unrechtsstaat darzustellen: «Auch in diesem - moralischen gerechtfertigen - Fall demonstrierte Israel seinen nihilistischen Umgang mit dem Völkerrecht.» Übersetzt in unverschleiertes Deutsch: Israel verhält sich nur 12 Jahre nach seiner Staatsgründung wie das Naziregime. Piker zeigt damit ein abwegiges Verständnis für den moralischen Hintergrund der Entführung Eichmanns. Ein Merkmal des linken Antisemitismus: Der Vergleich des Staates Israel mit Nazi- Deutschland. In der ebenfalls linken Tageszeitung «die taz» schrieb der Literaturwissenschaftler Jörg Magenau am 23. September 2005 einen Text «Ein obsessives Projekt» über die neue Dissertation des Germanisten Matthias Lorenz zu Martin Walsers «Literarischem Antisemitismus». Der Verlag J.B. Metzler veröffentlichte im vergangenen Jahr die Dissertation als Buch: «Auschwitz drängt uns auf einen Fleck»: Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser» «Die Untersuchung» von Matthias Lorenz wurde zum Hauptthema der Feuilletons. Der «Spiegel» in: «Der ewige Flakhelfer» von Elke Schmitter, 36/2005 und die« Frankfurter Allgemeine Zeitung» in «Die Kränkung» von Friedmar Apel, 1.Oktober 2005, besprachen die Promotionsarbeit positiv. Magenau, Walser-Biograf und einstiger Redakteur der linken Wochenzeitung «Freitag», hält ein Plädoyer für die Abschaffung des Wortes Antisemitismus statt eine Besprechung zu publizieren: «Die Debatte um Martin Walsers Auseinandersetzung mit deutscher Schuld und dem deutsch-jüdischen Verhältnis wäre leichter zu führen, wenn man den Oberbegriff "Antisemitismus" dabei ersatzlos streichen würde», schrieb Magenau. Sein Text hätte damit ohne weiteres auch in der rechten Zeitung «Junge Freiheit» erscheinen können. «Dass der Antisemitismus als ein jüdisches, nicht als ein deutsches Problem angesehen wird», schrieb Broder in «Der ewige Antisemit». Antisemitismus für Magenau bleibt so nicht ein Problem der nicht deutsch-jüdischen Mehrheitsgesellschaft, sondern der deutsch-jüdischen Minderheit. Vielleicht ist Magenau ein Beispiel für die Widersprüchlichkeit eines kleinen Teil der deutschen Linken: Er wählt links, fühlt sich aber offensichtlich rechts. Seine Haltung erinnert an den amerikanischen Feminismus. Mit dem Antidiskriminierungsgesetz behauptete ein großer Teil des männlichen Geschlechts in den USA, dass der Sexismus verschwunden sei. Die feministische Erwiderung: They just don't get it! Sie haben es einfach nicht kapiert! Magenau hat offensichtlich einfach nicht kapiert, wie tief der Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft verankert ist. Ein Journalist, der das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland hingegen verstanden hat, ist der «taz»-Redakteur Philipp Gessler, einer der kundigsten Journalisten auf dem Gebiet Judentum und Antisemitismus. Der Herder Verlag brachte 2004 Gesslers Buch «Der neue Antisemitismus: Hinter den Kulissen der Normalität» auf den Markt. Sein Buch ist ein «Muss», um die antisemitische Tendenz innerhalb eines Teils der linken Bewegung zu verstehen. Gesslers Untersuchung ist äußerst reflektiert und zeigt dabei, wie sehr Antisemitismus innerhalb der Antiglobalisierungsbewegung zum Ausdruck kommt. Antisemitismus im Zusammenhang mit der 68er-Generation ist der Schwerpunkt der Untersuchung des Politikwissenschaftlers und Historikers Wolfgang Kraushaar in seinem viel diskutierten Buch «Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus» Kraushaar ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung. Sein Buch erschien 2005 und löste eine heftige Debatte über den linken Antisemitismus in Deutschland aus. Am 9.November 1969 legte Albert Fichter eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße. Fichter gehörte zu einer militanten linken Gruppe, den «Tupamaros» im damaligen West-Berlin. Die Bombe sollte zur Gedenkveranstaltung an die Novemberpogrome von 1938 explodieren. Für Dieter Kunzelmann, den Drahtzieher der «Tupamaros», ist «Palästina für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax.», schrieb Kunzelmann in seinem berüchtigten «Brief aus Amman». Wenn die Bombe in dem Jüdischen Gemeindehaus explodiert wäre, hätte sie 250 Gäste in den Tod gerissen, unter ihnen Repräsentanten des Senats, des Abgeordnetenhauses, des Gemeinde-Parlaments, Gewerkschaftler, Schüler oder Holocaust-Überlebende. Kraushaars Recherche ist ausführlich dokumentiert und sein Buch bietet einen faszinierten Blick auf den Antisemitismus innerhalb der linken Bewegung in der 68-Generation der Bundesrepublik. Antisemitismus in der DDR ist der Brennpunkt für Thomas Haurys Buch: «Antisemitismus von links: Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR» Haury untersucht den «Fall Paul Merker» in der DDR. Merker schrieb im mexikanischen Exil, dass die Verfolgung der Juden im Mittelpunkt der NS-Ideologie steht. Er war der erste Kommunist, der offen für eine Entschädigung gegenüber den Juden plädierte, ungeachtet ob sie der Arbeiterklasse angehörten oder nicht. Merker war Journalist bei der Exilzeitung «Freies Deutschland» und unterstützte die Gründung eines jüdischen Staates. Merker selbst hatte keine jüdische Herkunft. Er wurde 1952 verhaftet und Opfer eines Schauprozesses in der DDR. Die Sozialistische Einheitspartei (SED) warf ihm vor, Agent der «zionistischen Monopolkapitalisten» zu sein, während seiner Verhöre wurde er als «König der Juden» bezeichnet. Leider erwähnt Haury nicht, dass der deutsch-jüdische Schriftsteller Stefan Heym sich intensiv mit dem Fall Merker in seinem Roman «Collin» auseinandergesetzt hat. Wegen dieser Aufarbeitung des Stalinismus wurde Heym 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Andere und neuere wissenschaftliche und journalistische Arbeiten, als sie hier möglich sind, aufgezeigt zu werden, verdeutlichen, dass linke Bewegung und linke Presse nicht gegen Antisemitismus gefeit sind. Berichte, Kommentare und Artikel entpuppen sich zuweilen in linken Medien als von einem antisemitischen Denkmuster geprägt. Da ein großer Teil der links orientierten Leserschaft keinen Kontakt zur deutsch-jüdischen Gemeinschaft hat, bleibt diesen Lesern oft nur jenes Bild, das sie sich über ihre Presse machen. Die wissenschaftliche Forschung konzentriert sich leider nur auf einen kleinen Kreis an Studenten, Professoren und Journalisten. Das Sprichwort «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold» sollte im Zusammenhang mit dem Thema des linken Antisemitismus in Deutschland dringend überdacht werden. Der «taz.mag»-Redakteur Jan Feddersen schrieb am 21. Januar 2006 («Die blutigen Spiele») einen der klügsten und sensibelsten Beiträge zum neuen Spielberg-Film «München», in dem er die Frage stellt «Weshalb hat die linksradikale Post-68-Szene dieses Attentat nie verurteilt?» Kritische Reflexion scheint notwendig für die Zukunft der Linken in Deutschland. In den USA gibt es ein linkes Judentum, vertreten unter anderem von Rabbiner Michael Lerner, dem Herausgeber des Magazins «Tikkun» oder die Gruppe «Juden für ethnische Gleichstellung und ökonomische Gerechtigkeit», nähere Informationen dazu vermittelt die Website http://www.jfrej.org. Geht man auf die Suche nach dem linken Judentum in Deutschland, findet man leider keine einzige Organisation. Wieso? Haben deutsche Juden vielleicht das Gefühl, dass es eine zu starke antisemitische Tendenz unter den Linken gibt? |