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Orthodoxe «Aussteiger» auf Herzliyyas BühneSobols gegenwartskritisches Stück «Kol Nidrei» löst kontroverses Echo aus
Das Theater Herzliyya hat sich in der Spielzeit 2005/20006 eines Themas mit gesellschaftlichem Zündstoff angenommen. In Jehoschua Sobols Stück «Kol Nidrei» wird der Wandel junger Menschen vom ultraorthodoxen hin zum säkularen Leben in Israel beschrieben. Die Problematik dieser jungen Menschen, den «jozim le-sche'ela» - auf Deutsch: «in die Frage Hinaustretenden» - wird nur sehr selten in Israels Öffentlichkeit thematisiert. Und Theaterstücke darüber sind rar. Die Hauptrollen in dem von Gedalia Besser inszenierten «Kol Nidrei» wurden mit drei jungen Schauspielern besetzt, die auf der Bühne einen Teil ihrer eigenen Geschichte verkörpern. Das israelische Publikum strömt mit großer Neugierde in die Aufführungen und reagiert begeistert. Die Theaterkritik hingegen reagiert enttäuscht über die Art und Weise der Bearbeitung des Themas. Nachman (Menachem Lang) ist ein durchschnittlicher Student im Kolel, der Talmudschule für verheiratete orthodoxe Männer, und ein lausiger Ehemann. Er lebt mit Ester (Gili Yoskowitsch) in einer kleinen Wohnung in Bnei Barak. Sie arbeitet bei einer High-Tech-Firma und ernährt so das kinderlose Paar. Ester schimpft auf Nachmans nachlässiges Studium, er dagegen spottet über ihre Arbeit in der Welt der säkularen Juden. Nachts trifft sich Nachman mit seinem Freund Chaim (Nadav Segal) auf dem Friedhof. Dort legen sie die Garderobe der Orthodoxen ab und besuchen die Pubs von Tel Aviv. Chaim erzählt eines Abends seiner entsetzten Frau Rachel (Lucie Dubincik) von diesen Ausflügen. Er hat keinen Glauben mehr an die Gesellschaft, in der er lebt, und will gemeinsam mit ihr in die säkulare Welt gehen.
Keine Alternative zum Doppelleben? Für Nachman dagegen gibt es keine Alternative zum Doppelleben: «Wir werden nie normal sein.» Mit weltlicher Kleidung und unter falscher Identität sieht man ihn in einem Appartement in Tel Aviv bei seiner Geliebten Dana (Tali Scharon), einer femme fatale. Die zieht ihn wegen seines Bartes auf, stellt die Vermutung auf, er sei in Wirklichkeit ein «Doss» - von Hebräisch «Dati», Religiöser - also ein Orthodoxer. Daraufhin rasiert sich Nachman seinen Bart ab. Später im Nachtklub treffen die beiden einen gemeinsamen Bekannten, den säkularen Avi (Oren Schavo). Avi ist der Chef von Ester in der High-Tech-Firma und außerdem auch der Ex-Freund Danas. Dana ist schwanger von Nachman und möchte nun mit ihm zusammenleben. Nachman denkt aber nicht daran und will sie deswegen an Avi verkuppeln. Nachman und Chaim sind auf den Friedhof zurückgekehrt, wo sie wieder in ihre angestammte Kleidung als orthodoxe Juden schlüpfen. Chaim hat immer noch vor, sein Leben zu ändern. Nachman rät ihm, einfach so weiterzumachen, die Gesetze vorsätzlich zu brechen, aber so zu tun, als ob er sie alle einhielte. So täten es schließlich alle. Im Finale erscheinen alle sechs Akteure am nächsten Morgen in der Wohnung von Nachman und Ester. Es stellt sich heraus, dass jeder über das Doppelleben des anderen Bescheid weiß - und jetzt treten völlig neue Partnerkonstellationen zu Tage. Avi gesteht Ester seine Liebe und will mit ihr ein neues Leben anfangen, in dem nicht nur Geld eine Rolle spielen soll. Sie küssen sich leidenschaftlich vor den anderen. Rachel verliert die Fassung und schlägt auf Nachman und Chaim ein. Nachman versteht die Welt nicht mehr. Er will aber sein bisheriges Leben nicht verlassen und verkündet: «Es gibt keine Freiheit!» Dana entscheidet sich aus Liebe, zu Nachman nach Bnei Barak zu kommen und ein orthodoxes Leben zu führen. Sie und Ester tauschen demonstrativ ihre Kleider. Nachman und Dana bleiben allein in der Wohnung in Bnei Barak zurück. Sie bittet ihn um etwas «Jüdisches», und so singt Nachman am Ende des Stückes das «Kol Nidrei», das schönste und populärste Gebet aus dem Gottesdienst am Yom Kippur.
Realistisches Drama oder Bühnen-Farce? Auch an diesem Abend in Herzliyya ernten die sechs Schauspieler starken Beifall. Das rhythmische Klatschen schwillt bei Menachem Lang sogar zu einem Tosen an. Klezmermusik verabschiedet das 180-köpfige Publikum im wieder ausverkauften kleinen Theatersaal des «Hauses der Künste». Bei aller Begeisterung wird auch auf den Fluren sehr kontrovers diskutiert. Meital Gerschon fand das Stück «sehr absurd, aber auch sehr intelligent.» Rachel aus Herzliyya sieht dagegen das Leben sehr realistisch widergespiegelt. Auch der Humor und die Doppeldeutigkeiten im Stück haben ihr gut gefallen. Für Ezra Manoff repräsentiert das Stück die religiöse Welt wahrheitsgemäß. Den gimmickhaften Humor bei «Kol Nidrei» verteidigt er damit, dass es ja schließlich eine kommerzielle Produktion sei. Alle Befragten loben einhellig die Leistungen der Schauspieler und sind bezaubert vom Umstand, dass drei Schauspieler dabei ihre eigenen Geschichten verkörpern. Die israelische Theaterkritik geht weniger wohlwollend mit dem Stück Jehoschua Sobols ins Gericht. Michael Handelsalts lässt in «Ha'aretz» kein gutes Haar an dem Stück. Er spricht von «abstoßender Plakativität», einer unausgegorenen Handlung und unbefriedigenden schauspielerischen Leistungen. Wie andere Kritiker in Israel auch, empfindet er die Charaktere der «jozim le-sche'ela» als zu oberflächlich gezeichnet, und Handelsalts echauffiert sich über die Darstellung der Welt der Säkularen: Konsumsüchtig, dumm und mit einem Leben bar jeder Bedeutung. Auch Noah Roth, Schauspielerin und als Tochter der israelischen Schriftstellerin Jehudit Rotem selbst aus einer Familie von «jozim le-sche'ela», kann der Komödie nichts Positives abgewinnen: «Eine Farce. Wie im Stück dargestellt, spielt sich der Übergang natürlich nicht in Realität ab. Solchen kompletten Unsinn im Bezug auf dieses komplizierte Thema habe ich nicht erwartet.»
«Es ist nicht so einfach, wie hier dargestellt» Seit sechs Jahren arbeitet Rina Offir bei der Organisation «Hillel». Diese Hilfsorganisation begleitet junge Männer und Frauen, welche die orthodoxe Gesellschaft verlassen und sich in der säkularen Welt völlig neu orientieren müssen. Offir: «Es gibt diese jungen Menschen, manchmal sogar Paare, die nachts in die Pubs und Klubs nach Tel Aviv fahren. Und viele brechen später dann ganz aus der orthodoxen Welt aus. Aber es ist nicht so einfach, wie in dem Stück dargestellt. Man wechselt nicht einfach so die Kleidung und ist ein neuer Mensch. Das Theaterstück ist eine vergebene Chance, sich des Themas anzunehmen. Die drei Schauspieler haben den Prozess des Überganges nicht so erlebt, sondern mussten in Wirklichkeit einen viel höheren Preis zahlen.» Der Weg vom orthodoxen zum säkularen Leben sei, so Offir, mit großen Schwierigkeiten gepflastert. Orthodoxe «Aussteiger» in Israel sind meist junge Männer, 18- bis 24jährige, die lange in der Jeschiva gelernt haben. Sie haben fast keine Kontakte zur säkularen Welt. Manche sprechen nur Jiddisch, schreiben nicht gut auf Neuhebräisch. Englisch oder Naturwissenschaften haben sie nie im Leben gelernt. Die «jozim le-sche'ela» sind oft die besten Schüler in den Jeschivot, sind sehr wissbegierig, stellen viele Fragen und erhalten keine befriedigenden Antworten. Offir schätzt die Zahl der aus der orthodoxen Welt «Heraustretenden» auf etwa 200 im Jahr. Bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von 400.000 Orthodoxen in Israel scheint das ein winziger Bruchteil. Doch die Biographien der jungen Menschen, die sich auf den langen und steinigen in die «Welt draußen» begeben, sind oftmals durch harte Brüche gekennzeichnet. Sie verlieren nicht nur den Glauben, sondern oft auch die Familie. Sie verlieren das Eingebundensein in eine Gesellschaft, in der alles eine Struktur und einen Sinn hatte, in der nichts zufällig war - und begeben sich in eine Welt, in der das Leben vollkommen willkürlich und wahllos erscheint. Verein «Hillel» hilft bei ersten Schritten Offir: «Wir bei „Hillel" helfen den Menschen bei der Arbeitssuche, veranstalten mit ihnen Seminare, vermitteln psychologische Betreuung durch Profis. Wir laden zu Schabbatabenden und haben eine ständige Telefon-Hotline für Hilfesuchende. In diesem Jahr haben von uns wieder 65 „jozim le-sche'ela" ein Stipendium bekommen, mit dem sie ihr Abitur, eine Berufsausbildung oder ein BA-Studium absolvieren können. Wir überreden aber niemanden, dass orthodoxe Leben aufzugeben. Wir begleiten nur.» «Hillel» wurde 1991 als gemeinnütziger Verein gegründet, bei dem heute 250 Israelis auf völlig freiwilliger Basis arbeiten. Zu den Unterstützern und Förderern der Organisation gehören israelische Autoren wie Amos Oz, Chaim Be'er oder Yochi Brandes, Schauspieler, Medienexperten und andere Prominente. Offenbar aufgrund der politischen Machtkonstellationen in Israel erhält Hillel allerdings keine staatlichen Mittel und ist auf private Spenden angewiesen.
Viele Fragen, kaum Antworten Gili Yoskowitsch, die Ester in «Kol Nidrei», hatte anfänglich Angst vor der Organisation «Hillel». Erst nach einem halben Jahr traute sie sich mit einem Bekannten in das Tel Aviver Büro von Hillel. Yoskowitsch: «Sie machen sehr gute Arbeit. Ich wurde zu nichts überredet. Es gab keine Gespräche über den Glauben. Man hat mir sehr geholfen. Mit einem Stipendium von Hillel konnte ich dann mein Abitur machen.» Mit 18 Jahren verließ Gili die orthodoxe Stadt Bnei Barak, gleich neben Tel Aviv gelegen. Sie war in einer achtköpfigen Familie von Gur-Chassiden aufgewachsen und bereits verheiratet worden. Die Ehe wurde nach einem Jahr wieder geschieden. Gili Yoskowitsch quälten nicht so sehr die großen Fragen nach Gott und ihrem Glauben. Sie hatte prinzipielle Fragen an die Gesellschaft, in der sie lebte. Warum gibt es die strikte Trennung der Geschlechter? Warum gehen die Orthodoxen nicht zur Armee? Yoskowitsch: «Es störte mich immer, dass die Länge der Strümpfe und der Röcke wichtiger als andere Dinge waren.» Bis ins Alter von 18 Jahren hatte sie keine Kontakte zu säkularen Juden in Israel. Während der ersten Kontakte mit der säkularen Welt stellte sie überrascht fest, dass dies keine Gesellschaft ohne jegliche Werte ist, wie ihr bis dahin suggeriert wurde. Yoskowitsch fühlte sich von der orthodoxen Gesellschaft belogen. «Es ging dann alles ganz schnell», erinnert sie sich heute. «Als ich erkannte, dass die charedische Gesellschaft für mich nicht relevant ist, war der Übergang in die säkulare Welt ein vollkommen natürlicher Prozess. Alles war so selbstverständlich für mich, ich erinnere mich sogar nicht mehr daran, wann ich das erste Mal am Schabbat mit dem Auto gefahren bin.» Heute lebt Gili in Ramat Gan. Sie arbeitet als Vertreiberin von Jeanshosen, die ihre Schwester, auch eine «jozet le-sche‘ela», entwirft. In den drei Jahren, seitdem Gili Yoskowitsch Bnei Barak verlassen hat, stand sie trotzdem in ständigem Kontakt mit ihrer Familie. «Meine Familie ist liberaler als andere. Meine Eltern sehen, dass ich für mich am richtigen Platz lebe. Unsere Beziehung ist sogar besser als früher. Ich kenne aber auch viele ehemalige Orthodoxe, die keinerlei oder nur sporadischen Kontakt zu ihren Familien haben.» Komplizierter ist der Fall bei Menachem Lang, dem Nachman in «Kol Nidrei». Seitdem Lang die orthodoxe Gesellschaft verließ, vor nunmehr fünf Jahren, spricht sein Vater kein Wort mehr mit ihm. Lang: «Seit einem halben Jahr kann ich wenigstens nachts mein Elternhaus in Bnei Barak besuchen, dann, wenn meine kleinen Geschwister schlafen. Mit Mutter rede ich dann ein wenig. Mein Vater ignoriert mich aber. Er schaut mich nur kurz stumm an und geht in ein anderes Zimmer. Er ist verschlossen wie eine Spendenbüchse. Aber ich liebe ihn. Ich sehne mich nach meiner Familie.» Menachem Lang, 24 Jahre alt, lebte bis zum 19. Lebensjahr im charedischen Umfeld. Er wurde in der orthodoxen Siedlung Ir Avot im Negev geboren. Die Familie zog später nach Mea Schearim und schließlich nach Bnei Barak. Schon frühzeitig galt Lang als Wunderkind. Mit 14 Jahren war er bereits als Kantor tätig und trat landesweit auf. In seiner Jeschiva war er der «Ilui», der beste Schüler. Mit 16 Jahren wurde er mit der um ein halbes Jahr älteren Rebekka verheiratet. Doch schon nach einem Jahr wurde die Ehe wieder geschieden. Neuerliche «Schidduchim», Ehevermittlungen, sollten erfolglos bleiben. Als Geschiedener und noch dazu als Sohn eines «Ger», eines Konvertierten, sah Menachem wenig Perspektiven in der orthodoxen Welt. Stattdessen entdeckte er während seiner Auftrittstouren als Kantor die Welt von Tel Aviv und das Leben der «Chilonim», der Säkularen. Eines Tages rasierte er sich seinen Bart und die Schläfenlocken ab. So konnte er nicht mehr in das Elternhaus nach Bnei Barak zurückkehren. Bald danach zog Lang dann nach Tel Aviv. Der israelische Filmemacher Amos Gitai entdeckte ihn für zwei Produktionen. Bei der Tel Aviver Schauspieltruppe «Jiddischspiel» sammelte er weitere Erfahrungen. Die Idee, die eigene Geschichte und die anderer «Jozim le-sche'ela» künstlerisch zu verarbeiten, kam Menachem Lang gemeinsam mit Nadav Segal, den er in Tel-Aviv kennenlernte. Beide unterbreiteten dem Dramatiker Jehoschua Sobol die Idee, aus den Lebensgeschichten von ehemaligen Orthodoxen eine Dokumentarfilmserie zu machen. «Arutz 2», der zweite Fernsehkanal, lehnte ab, weil die Thematik politisch zu umstritten erschien. Jedoch das von Sobol und dem Regisseur Gedalia Besser geleitete Theater Herzliyya nahm sich des Projektes an. Im Sommer 2005 schrieb Sobol unter Mithilfe der beiden «Aussteiger» das Stück «Kol Nidrei». Dafür fuhren sie oft gemeinsam nach Bnei Barak zur Recherche oder sprachen mit anderen, aus der orthodoxen Gesellschaft Ausgeschiedenen. Gili Yoskowitsch stieß im Rahmen der Proben zu dem Theaterprojekt. Viele Stellen in «Kol Nidrei» sind direkte Zitate aus ihrem Leben, erwähnen die drei Schauspieler. So beispielsweise, wenn Chaim zu Rachel sagt, dass er seinem Sohn nicht die gleiche Erziehung wünscht, die er erfahren hat, weil er die Gewalt im «Cheder», der orthodoxen Grundschule, ablehnt. «Das ist eine authentische Stelle», erklärt der 24-jährige Nadav Segal. Schläge im Cheder für Unaufmerksamkeiten oder falsche Antworten erfuhren sowohl Segal als auch Lang. «Ich war geschockt, mit ansehen zu müssen, wie Kinder links und rechts eine Ohrfeige bekamen, wenn sie nur den Talmud nicht richtig hielten», sagt Segal.
«Einsamer Soldat» Auch Nadav Segal spricht über die lange Zeit seiner inneren Kämpfe: «Ich fragte mich allerhand über mein Verhalten und das Verhalten der Gesellschaft. Vor allem verstand ich nicht, warum es verboten ist, auf Mädchen zu schauen.» Der junge Mann fand aber keine befriedigenden Erklärungen für seine Fragen: «Ich fühlte mich mit 13 Jahren als Sünder, weil ich auf 20jährige Mädchen schaute. Es tat weh, dass ich in Sünde lebte. Wir lernten nur, dass das alles der „jezer ha-ra", der böse Trieb, sei.» Segal wuchs in Schavei Schomron auf und besuchte das Cheder in Emmanuel, beides Siedlungen in den nach 1967 Besetzten Gebieten. Mit 16 Jahren begann Segal freitags am Vormittag zur Zentralen Busstation nach Tel Aviv zu fahren. Dort wechselte er seine Kleider, tauschte die schwarze mit der gestickten Kippa, die schwarzen Stoffhosen gegen Kordhosen und das weiße Hemd gegen ein farbiges T-Shirt. Die Schläfenlocken hinter die Ohren geklemmt, lief er so ein bis zwei Stunden zwischen den Geschäften des mehretagischen Busbahnhofes umher. «Das war ein Gefühl der Freiheit. Ich konnte auf die Mädchen schauen, ohne dass es mir jemand verbot. Ich habe auch versucht ein bisschen Slang zu lernen, war aber furchtbar schüchtern im Kontakt mit anderen jungen Israelis.» Der endgültige Bruch mit der gewohnten Lebensform vollzog sich bei Segal im Alter von 17 Jahren. Zwar war auch er ein «Ilui» in seiner Jeschiva, fühlte sich dort jedoch wie im Gefängnis. Er überredete den Vater, die Jeschiva wechseln. Aber auch das sollte nicht die notwendige Stärkung des Glaubens herbeiführen. Stattdessen lernte er Fußballspielen und fuhr mit anderen Jeschiva-Schülern auf nächtliche Ausflüge in Cafes und Pubs. Irgendwann packte er dann seine Sachen, lebte einige Tage am Strand und fand mit Hilfe eines Freundes schließlich ein Zimmer in Tel Aviv. Dann ließ er sich vorzeitig zur Armee einziehen und absolvierte den dreijährigen Dienst als Kämpfer. Sein Status bei der Armee war der eines «einsamen Soldaten», eines jungen Menschen ohne Familie, eines quasi Neueinwanderers. Doch die ersten Schritte waren getan.
«Ich existiere, und wie!» Israel Segal, Jahrgang 1944 - und nicht verwandt mit Nadav Segal - ist einer der berühmtesten und eine Art intellektuelle Stimme der «jozim le-sche'ela». Er arbeitet schon über drei Jahrzehnte als Journalist und Autor. Im Jahr 2004 erschien in Israel sein Buch «Und weil die Schlange tötet», in welchem er die Schwierigkeiten eines ehemaligen Orthodoxen mit der alten und der neuen Welt beschreibt. Segal: «Als ich 1964 als Jeschiva-Schüler aus der orthodoxen Welt ausgebrochen bin, gab es draußen keine Hilfe für mich. Wochenlang schlief ich in Bussen im Busbahnhof.» Seine Familie hat damals alle Kontakte mit ihm abgebrochen, er ist in ihren Augen tot. Segal: «Das war der Grund, warum ich in die Medienwelt gegangen bin. Ich wollte meiner Familie zeigen: Ihr könnt kein Todesurteil über mich verhängen! Ich existiere, und wie!» Der Preis für die Aufgabe des orthodoxen Lebens, so Israel Segal, sei aber ein sehr hoher gewesen. Doch gewann er dafür etwas Kostbareres - die Freiheit. Segal: «Ich will am Ende meines Lebens sagen können: I did it my own way.» Gili Yoskowitsch, Menachem Lang und Nadav Segal möchten auch in Zukunft Theater machen - und mit dem brisanten, für sie sehr persönlichen Thema auch weiter an die Öffentlichkeit treten. Ihr Regisseur in «Kol Nidrei», Gedalia Besser, bescheinigt den dreien viel Talent und eine besondere Ausstrahlung. Besser: «Gerade Menachem Lang hat mich in verblüffender Weise an eine Figur von Scholem Alejchem erinnert.» Die Thematik der «jozim le-sche'ela» ist durch Sobols kritisches Theaterstück wohl noch etwas stärker ins Bewusstein der israelischen Öffentlichkeit gerückt, sie ist beileibe kein Tabu mehr. Gedalia Besser freut sich: «Ich bin seit 35 Jahren beim Theater und habe zum ersten Mal Orthodoxe bei unseren Veranstaltungen gesehen. Das ist das beste Lob für unsere Arbeit, da tun auch die Kritiken nicht wirklich weh.»
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