Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Wider den ArierparagraphenDer Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer würde am 4. Februar seinen 100. Geburtstag feiern
Zu den profiliertesten Widersachern der nationalsozialistischen Diktatur gehörte ohne Zweifel der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer, dessen Geburtstag sich am 4. Februar zum 100. Male jährt. An der Westminster Abbey in London befindet sich Bonhoeffers Statue sogar unter den 10 großen Märtyrern des 20. Jahrhunderts. Kein Zweifel: Der aus einer Mediziner- und Intellektuellenfamilie mit teilweise adligem Vorfahrenstamm kommende Theologe, welcher bereits mit 23 Jahren promoviert hatte und dem eine glänzende wissenschaftliche wir kirchliche Laufbahn offen stand, den die Nazis aber wenige Wochen vor Kriegsende ermordeten - er ragt unter den «Lichtgestalten» des kirchlichen Widerstandes unterm Hakenkreuz noch deutlich heraus. Unter den wenigen Lichtgestalten, sollte man hinzufügen. Denn in weiten Teilen der Evangelischen wie Katholischen Kirche hielt sich die Opposition gegen das braune Regime in bescheidenen Grenzen. Es ist vielmehr das engagierte Wirken individueller Persönlichkeiten wie Bernhard Lichtenberg, Heinrich Grüber oder eben Dietrich Bonhoeffer gewesen, welches sich nicht nur in mutigen Protesten erschöpfte, sondern auch in einer bedingungslosen Solidarisierung mit verfolgten Minderheitengruppen ausdrückte - und damit Kirchen und Gesellschaft Orientierungspunkte und humanistische Leitbilder liefert. Über die Bonhoefferschen Verdienste im so genannten «Kirchenkampf» der 1930er Jahre wie auch seine späteren Verbindungen zur konspirativen Widerstandsbewegung gegen Hitler ist viel geschrieben und referiert worden. Er war eine der Schlüsselfiguren bei der Gründung der «Bekennenden Kirche», jene Teiles der Evangelischen Kirche, der sich - ganz im Gegensatz zur Bewegung «Deutsche Christen» - von der nationalsozialistischen Diktatur nicht gleichschalten lassen wollte. Offenbar so wichtig für die im Laufe der Naziherrschaft immer mehr an Einfluss verlierende «Bekennende Kirche», dass sie den seit 1934 in England tätigen Pfarrer ausdrücklich um Rückkehr nach Deutschland bat.
«Vom Führer zum Verführer» Dietrich Bonhoeffer kehrte - trotz Lehrangeboten selbst in den USA - tatsächlich zurück, obwohl er bei den Nazis seit den ersten Tagen ihrer Gewaltherrschaft «bis aufs Messer» verhasst war und mit persönlichen Konsequenzen rechnen musste. Anfang Februar 1933, nur wenige Tage nach Hitlers Machtübernahme, hatte er beispielsweise noch Gelegenheit zu einem Rundfunkvortrag in Berlin gehabt, bei dem er sagte: «Lässt der Führer sich von dem Geführten dazu hinreißen, dessen Idol darstellen zu wollen - und der Geführte wird das immer von ihm erhoffen - dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers.» Auf Grund dieser unmissverständlichen Kritik an Adolf Hitler wird die Sendung abgebrochen. Auch in den nachfolgenden Monaten und Jahren konnte das nationalsozialistische Regime schwerlich auf Bonhoeffersche Anpassungsleistungen hoffen. Vehement wehrte sich der junge Theologe, welcher seit 1931 eine Privatdozentur an der Humboldt-Universität Berlin besaß und zeitgleich in der St. Matthäuskirche der Hauptstadt als Pfarrer ordiniert worden war, gegen die Einflussnahme der «Deutschen Christen», die sich dem neuen Führerkult bedingungslos auslieferten und in ihrer extremsten Variante auch einen «arischen Jesus» forderten. Die «Deutschen Christen» - welche im Sommer 1933 klar die reichsweiten Kirchenwahlen gewannen und damit die Spitzen der meisten evangelischen Landeskirchen «braun einfärbten» - waren es auch, die darauf bestanden, den so genannten «Arierparagraphen» bei kirchlichem Bediensteten einzuführen. Mit anderen Worten: Nicht-arische, sprich: Pfarrer und Angestellte jüdischer Abstammung sollten aus ihren kirchlichen Arbeitsplätzen entlassen werden, so wie dies bereits seit April 1933 infolge des «Gesetzes zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums» im Öffentlichen Dienst der Fall war. Ein perfider Verrat an all jenen deutschen Juden, die selbst oder deren Vorfahren zum Christentum konvertiert waren, ein Akt der Entsolidarisierung ohnegleichen - und zugleich ein Versagen, das den deutschen Kirchen bis heute anhängt: Aus der «Judenmission» wurde eine Übernahme der nationalsozialistischen Rassenpolitik.
Die «Bekennende Kirche» entsteht Dietrich Bonhoeffer war nicht der einzige Pfarrer, der sich sofort gegen derartige Tendenzen zur Wehr setzte, doch er war einer der ersten und mutigsten. Unmittelbar nach der Ankündigung der «Deutschen Christen», den Arierparagraphen in «ihren» Landeskirchen einführen zu wollen, schrieb er einen entsprechenden kritischen Vortrag «Die Kirche vor der Judenfrage». Der Bonhoeffer-Biograph Eberhard Bethge berichtet, dass dieser seinen Vortrag noch im April 1933 in einem Kreis von Theologen vortrug, doch «einige Mitglieder verließen unter Protest die Versammlung. Er [Bonhoeffer] konnte den Vortrag aber im Juni noch drucken lassen.» Immerhin formierte sich im Protest gegen den Arierparagraphen ein so genannter «Pfarrernotbund», dem sich rund ein Drittel der evangelischen Geistlichen im Dritten Reich anschlossen. Aufgabe des «Pfarrernotbundes» sollte unter anderem der Schutz aller nun bedrohten Amtsbrüder jüdischer Herkunft sein. Dietrich Bonhoeffer bereitete gemeinsam mit Pastor Martin Niemöller den ersten Entewurf für die Selbstverpflichtung der Mitglieder des Bundes vor. Parallel bildeten sich in vielen Landeskirchen nun auch so genannte Bekenntnisgemeinschaften, die zusammen mit dem «Pfarrernotbund» das Fundament für die sich im Mai 1934 auf der Barmer Bekenntnissynode konstituierende «Bekennende Kirche» legten. Bonhoeffer selbst schlug das Angebot einer weiteren Pfarrstelle in Berlin aus und ging zunächst nach England, um dort im Londoner Vorort Forest Hill zwei deutschsprachige Kirchengemeinden zu betreuen.
«Judenfrage» nicht in «Barmer Erklärung» Möglicherweise spielte bei seiner Entscheidung, Deutschland vorerst zu verlassen, auch die Enttäuschung eine Rolle, dass seine Kollegen im Amt ihn in seiner Auseinandersetzung mit dem Arierparagraphen nur bedingt verstanden, oder nicht verstehen wollten - sei es aus Angst, Opportunismus gegenüber dem neuen Regime oder auch theologisch gespeisten antijüdischen Klischees. Von Bonhoeffers Ideen und Forderungen, die er in dem Vortrag und Aufsatz «Die Kirche vor der Judenfrage» formuliert hatte, fand sich im Gründungsdokument der Bekennenden Kirche, der «Barmer Erklärung», schlichtweg nichts mehr. Damit war auch der Kampf gegen den Arierparagraphen obsolet, und es blieb einzelnen Kämpfern und Aktivisten überlassen, sich mit den bedrängten Christen jüdischer Abstammung - oder der verfolgten jüdischen Minderheit insgesamt - zu solidarisieren. Während sich einige Mutige auf einen offenen Widerstand mit dem Regime auch in dieser Frage einließen - Dietrich Bonhoeffer an vorderster Stelle -, verfiel dagegen ein Großteil der «Bekennenden Kirche» in eine gesellschaftspolitische Lähmung und war froh, wenigstens ein paar eigene, interne Institutionen und Bereiche vor dem Zugriff der Nazis retten zu können. Dietrich Bonhoeffer, der auch weiterhin als international angesehener Theologe zahlreiche Auslandsaufenthalte unternahm, scheute nicht davor zurück, über die Dimension der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen gegen die deutschen Juden zu berichten, und er war im Zusammenspiel mit Hans von Dohnanyi und Abwehradmiral Wilhelm Canaris auch an einer geheimen Aktion («Operation Sieben») beteiligt, welche zu Beginn der 40er Jahre 14 Juden die Flucht in die Schweiz ermöglichte.
Verhaftung und Ermordung Im Januar 1943 verlobte sich Dietrich Bonhoeffer mit Maria von Wedemeyer, doch schon im April geriet er auf Grund zufälliger Aktenfunde in den Verdacht, Kontakte zu Widerstandskreisen zu haben. Die Hauptanklage lautete später allerdings «Wehrkraftzersetzung». In den folgenden beiden Jahren wurde Bonhoeffer im Militärgefängnis Berlin-Tegel, im Gestapo-Gefängnis Prinz-Albrecht-Straße und im Konzentrationslager Buchenwald festgehalten. Derweil endeten sowohl die Attentatsversuche gegen Hitler vom März 1943 als auch der Attentatsversuch durch Graf Schenk von Stauffenberg am 20. Juli 1944 erfolglos. Nach dem Stauffenbergschen Attentat gelang es der Gestapo dann doch noch, Bonhoeffer sein Wissen und die Unterstützung diverser Attentats- und Umsturzpläne nachzuweisen. Die SS verschleppte ihn in das Konzentrationslager Flossenbürg. Am 8. April, kurz vor der Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen, wurde Dietrich Bonhoeffer von einem SS-Standgericht zum Tode verurteilt und einen Tag später zusammen mit General Hans Oster, Admiral Wilhelm Canaris und anderen «Verschwörern» erhängt.
Zur Veranstaltung In memoriam Dietrich Bonhoeffer Dem Leben, Wirken und Martyrium des evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer wird im Jahr seines 100. Geburtstages mit Festakten und Erinnerungsveranstaltungen in Deutschland, Polen und England gedacht. In Deutschland konzentrieren sich die Gedenkveranstaltungen hauptsächlich auf Berlin. So wird die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth am 4. Februar, dem eigentlichen Geburtsdatum Bonhoeffers, um 20 Uhr einen Vortrag in der Französischen Friedrichstadtkirche halten. Am gleichen Abend findet ab 19.15 ein Festakt in der Humboldt-Universität statt, bei dem unter anderen auch EKD-Ratsvorsitzender Wolfgang Huber sprechen wird. Am Sonntag, dem 5. Februar, findet um 9.30 ein Gedenkgottesdienst in der St. Matthäuskirche statt - jener Kirche, in der Bonhoeffer im Jahre 1931 als Pfarrer ordiniert worden war. Der Gottesdienst wird live im ZDF übertragen. In polnischen Wroclaw (damals Breslau), der Geburtsstadt des großen Theologen, tagt vom 3. bis 8. Februar die Internationale Bonhoeffergesellschaft. Hier finden die offiziellen Feierlichkeiten schon am 4. Februar um 12.30 Uhr am Dietrich Bonhoeffer Denkmal statt, unter anderem mit Ansprachen der Bischöfe Bogusz (Polen), Rowan Williams (England) und Wolfgang Huber (Deutschland). In der Westminster Abbey Kathedrale in London findet am 5. Februar um 18.30 Uhr ebenfalls ein offizieller Gedenkgottesdienst statt, an dem auch die Hannoveraner Landesbischöfin Margot Käßmann teilnimmt. Dietrich Bonhoeffer betreute während der 30er Jahre zwei deutschsprachige Kirchengemeinden, bevor er - im vollen Bewusstsein der Gefahr für seine eigene Person - ins nationalsozialistische Deutschland zurückkehrte.
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