Foto: DREAMWORKS LLC./Universal Studios

Trauma bei Olympia

Fragen, Notizen und Zitate zu Steven Spielbergs «München»

 

Der Film läuft, die aktuellen Besprechungen sind bereits erschienen. Deren Autoren beharren darauf, dass der Film eine Kontroverse ausgelöst hat, sind sich aber merkwürdigerweise fast in allem einig.

Wenn man einer Sache medial nachhelfen will, nennt man sie «umstritten». So geschehen in den letzten Wochen mit dem neuen Film von Steven Spielberg. Er wurde in den Vorab-Besprechungen so oft «umstritten» genannt, dass man denken konnte, es tobt ein grandioser Streit. Dabei waren die meisten Kritiker in Deutschland über die ausgewogene «Einerseits-Andererseits»-Schilderung gar nicht hinaus gekommen. Die einzige wirklich kritische Darstellung erschien in der FAZ am 6. Januar unter dem bedrohlichen Titel «Spielbergs trübe Quellen», sie stammte jedoch von zwei israelischen Autoren. Hier wurde, neben aller Kritik, auch das Bedauern ausgesprochen: «Wenn Spielberg sich die Mühe gemacht hätte, an das Büro des israelischen Ministerpräsidenten heranzutreten, wäre ihm wahrscheinlich ein roter Teppich ausgerollt worden. Dort hätte man dem Mossad-Chef befohlen, den an der Operation beteiligten oder damit vertrauten Agenten die Anweisung zu erteilen, mit Spielberg zusammenzuarbeiten und ihn innerhalb gewisser Grenzen mit Auskünften, Anekdoten und Ratschlägen zu versorgen». Nun, ein Regisseur tut gut daran, rote Teppiche zu meiden, wo auch immer sie ausgerollt werden.

Dafür wurde in den Leserforen der vertraute Tonfall vernehmbar, noch bevor «Munich» in die Kinos kam. FAZ-Leserforum online (Originalschreibung): «An Wahrheiten hat es diesem Menschen noch nie gelegen, Geld ist sein Motiv. Was Schindlers Liste betrifft, war vieles nicht Lupenrein! Saving privat Ryan, war toll gemacht für Idioten und Spielbergs Bankkonto. Nun Munich, der Name hört sich gut an, nur die Fakten mal wieder undurchsichtig. Einzig Wahre, das Deutschland wieder einmal Geld bezahlte for nothing, aus dem München debakel. So langsam frage ich mich, wer leugnet und wo ist die Wahrheit? Wer bauscht auf?» Nachtigall...

Später wurde uns beschieden, «umstritten» sei «Munich» vor allem in den USA. In Deutschland ist er das nicht. Man bedauert Ungenauigkeiten, erklärt sie mit der Freiheit des Künstlers und begrüßt die meisterhafte Regie. Einer der Gründe für diese eher freundliche Aufnahme liegt auf der Hand: Spielbergs «Munich» hat das «deutsche Thema» weitgehend ausgespart. Es gibt keine Schilderung der Einsatz-Pannen, kein misslungenes politisch-polizeiliches Tauziehen, keine Debatte um die Fortsetzung der Spiele. München bei Spielberg ist eben «Munich» - kein Ort, sondern ein Stichwort, ein Anlass, ein Startzeichen für die Katastrophe, die sich fortan überall in Europa eine Blutspur hinterläßt. Und eine Trauma, die dreißig Jahre danach immer noch lebendig bleibt.

«Munich» ist der erste Film Spielbergs, die den Einzug in die aktuelle Debatte schafft. Die Überschriften der Filmkritiken zum Film könnten genauso gut über die politischen Kommentare zur Lage im Nahen Osten gesetzt werden - und umgekehrt. Das war weder bei «Schindlers Liste» noch bei «Saving Private Ryan» der Fall. Beide hatten eine historische Brisanz aber keine tagespolitische. Man kann vermuten, dass diese Entscheidung bewusst war. Wenn Spielberg einen Film über den Nahen Osten machen und auf dem Niveau von «Saving Privat Ryan» und «Schindlers Liste» bleiben wollte, hätte er andere Stoffe zur Auswahl. Zum Beispiel die Eichmann-Entführung. Hier wäre er vor dem Unbehagen jeglicher Medien vermutlich sicher gewesen. Die Verbindung zwischen den heroischen, geschichtlichen und abenteuerlichen Komponenten wäre tadellos. Vor allem wäre das ein Stoff mit einem - filmisch gesehen - happy end: Das Böse, banal oder nicht, wird auf die Anklagebank gebracht. Dies ist in «Munich» keineswegs der Fall. Hier kann «das Böse» nicht einmal wirklich identifiziert werden. Das macht auch die wohlwollenden Kritiker unsicher, sie fühlen sich gezwungen, etwas nachzuholen, was der Reisseur «versäumt» hat. Und schreiben politische Abhandlungen, die für die erste Seite genauso gut taugen, wie für das Feuilleton.

Dabei entscheidend ist für den Film nicht eine politische und moralische Botschaft, sondern die dramatische Struktur. Sie ist in «München» genauso klassisch, wie in einem französischen Theaterstück aus dem 17. Jahrhundert, oder, wenn man so will, in einem Film von Alfred Hitchcock. Diese Struktur basiert darauf, dass ein Mensch keine freie Wahl hat. Deswegen wird die Frage nach der Schuld gar nicht gestellt. Das hat man Steven Spielberg besonders übel genommen. Hatte Golda Meir das Recht darauf, von Staats wegen den Mord an den israelischen Sportlern zu befehlen? Hat der junge Araber Recht, der behauptet, sein Volk wird immer für sein Land kämpfen? Wer ist hier schuldig, wer hat schließlich angefangen? Das ist das, was die Tagesmeinung wissen will. Und genau darum geht es im Film nicht.

Man muß nicht schuldig im Sinne der Justiz, der Gerechtigkeit oder der Geschichte sein, um verloren - oder verurteilt - zu sein. Die Schachfiguren sind schließlich auch nicht schuldig oder unschuldig, sie werden nicht deswegen vom Brett gestoßen. Es gibt lediglich eine Anfangskonstellation, jeder Schritt macht sie dramatischer - und niemals einfacher, selbst wenn die Figuren immer weniger werden. Das ist eben an dem Film das Besondere: Dass die Menschen in ihm keine Wahl haben. Beziehungsweise, hier ist jede Wahl - falsch oder richtig, gerecht oder ungerecht, privat oder aus Gründen der Staatsräson - verhängnisvoll.

Es gibt keine Entscheidung, die nicht tragisch endet - das ist die Struktur der klassischen Tragödie - und nicht selten einfach eine Erfahrung des realen Menschenlebens. Genau in dieser Struktur agieren Spielbergs Figuren in «Munich». Die Logik des Geschehens kann durch einen einzelnen Schritt gar nicht geändert werden. Deswegen sind übrigens die Vorwürfe der geschichtlichen Ungenauigkeit hier besonders kraftlos. Denn die Ungenauigkeit ändert an der Logik des Ganzen gar nichts. Kein Wunder, dass die Berichterstattung den Film mit gemischten Gefühlen den Zuschauern empfiehlt. Keine Wahl zu haben - dieser Zustand ist in der Kunst erlaubt, im realen Leben spricht man darüber ungern. Und auf jeden Fall nicht so laut, wie Spielberg das in «Munich» getan hat.

Olga Fedianina

«Jüdische Zeitung», Februar 2006