Buchcover

«Shalimar der Narr»

von Salman Rushdie

Das Hauptproblem bei der Vergabe der Literaturnobelpreise der letzten Jahre war vor allem die Praxis, Autoren nicht mehr für ihr literarisches Schaffen auszuzeichnen, sondern für ihr (zweifellos auch anerkennenswertes) politisches Engagement. Tatsächlich hätte beinahe jeder Durchschnittsleser ohne langes Überlegen mindestens fünf Kandidaten nennen können, die den bis heute renommiertesten Literaturpreis nach rein künstlerischen Maßstäben mehr verdient gehabt hätten als Autoren wie Elfriede Jelinek, Günter Grass oder wie hieß er noch? Die beklagenswerte Verfahrensweise des Komitees wird das Ansehen dieser Auszeichnung auf lange Sicht nachhaltig beschädigen. Ein Autor, dem der Literaturnobelpreis allein für sein Hauptwerk «Mitternachtskinder» gebührt, ist Salman Rushdie, der vielleicht größte lebende Autor unserer Zeit. Mit seinem neuen Roman «Shalimar der Narr» zeigt sich Rushdie erneut als brillanter Erzähler, dem es mühelos gelingt, die verschiedensten Motive und Zeitebenen in mitreißenden, lebendigen und witzigen Erzählsträngen zu einer spannenden Handlung zu verbinden. Thematisch kehrt er an einen Ort zurück, der schon seine märchenhafte Parabel «Harun und das Meer der Geschichten» geprägt hat: das heute umkämpfte Bürgerkriegsgebiet Kaschmir, einstmals ein Musterbeispiel der friedlichen Koexistenz von Hindus und Moslems. Anhand der Liebesgeschichte zwischen der Tänzerin Boonyi und dem Seiltänzer Shalimar entwirft Rushdie eine packende Handlung um Liebe, Verrat und Fanatismus, die zwischen Orten wie Los Angeles, Straßburg und Indien sowie Zeitebenen wie Zweiter Weltkrieg und Gegenwart wechselt. Dramaturgischer Ausgangspunkt des Romans ist die Frage, warum der ehemalige amerikanische Botschafter in Indien, der Jude Max Ophuls, vor den Augen seiner Tochter von seinem moslemischen Chauffeur ermordet wurde.

Florian Hunger

 

 

«Shalimar der Narr»
aus dem Englischen von Bernhard Robben
Rowohlt-Verlag, 560 Seiten
22,90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Februar 2006