Buchcover

«Ein Sommer in Baden-Baden»

von Leonid Zypkin

Leonid Zypkin (1926-1982) war ein Moskauer Pathologe aus jüdischem Elternhaus, der neben wissenschaftlichen Büchern gleichsam «für die Schublade» auch Lyrik und erzählende Prosa verfasste. Aus Anlaß des 125. Todestages von Fjodor Dostojewski am 9. Februar bringt der Berlin-Verlag Zypkins bedeutendsten Roman «Ein Sommer in Baden-Baden» (nach einer weitgehend unbeachtet gebliebenen Erstausgabe im Roitman-Verlag 1982) erneut heraus; eine hellsichtige biographische Annäherung an den großen russischen Dichter, seine Leidenschaften und insbesondere sein Verhältnis zum Judentum. Ein junger russischer Intellektueller vertieft sich auf einer Zugreise von Moskau nach Leningrad so sehr in seine Reiselektüre, das Tagebuch von Anna Grigorjewna, Dostojewskis Ehefrau, dass die Figuren zum Leben erwachen: das frisch verheiratete Ehepaar Dostojewski reist in entgegengesetzter Richtung, ebenfalls mit dem Zug, nach Baden-Baden, dem Eldorado der Spieler, wo der Dichter sich seiner verhängnisvollen Spielsucht hingibt. Zypkin zeichnet ein bemerkenswertes Porträt eines Getriebenen und das Psychogramm einer Ehe, die trotz gegenseitiger Leidenschaft vor allem von Anna Grigorjewnas Geduld zusammengehalten wird. Ein durchgängiges Motiv des Romans aber ist die latente Fremdenfeindlichkeit des Ehepaars: Polinnen, Deutsche, Schweizer - vor ihnen allen, besonders aber vor den Juden, muss man sich in Acht nehmen. Äußerst erhellend die Szene, als sich der Dichter selbst als jüdischen Wucherer im Spiegel zu erkennen glaubt. Das Personal des Romans ist von beeindruckender psychologischer Tiefe, was nicht zuletzt Zypkins sprachlicher Virtuosität gedankt ist: einzelne seiner Sätze dauern mitunter fast ein Kapitel...

Florian Hunger

 

 

«Ein Sommer in Baden-Baden»
aus dem Russischen von Alfred Frank,
mit einem Vorwort von Susan Sontag
Berlin-Verlag, 240 Seiten
19,90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Februar 2006