Buchcover

«Die Entdeckung der Liebe»

von Judith Katzir

 

Judith Katzir, geboren 1963 in Haifa, ist die mit Abstand begabteste der so genannten jungen israelischen Autorinnen. Schon ihr erster Roman «Matisse hat die Sonne im Bauch» konnte so überzeugen, dass er 1995 ganz ohne Subventionierung der Übersetzung durch das staatliche «Institute for the Translation of Hebrew Literature» in deutscher Sprache erschien, während die meisten heute im Ausland bekannten israelischen Autoren völlig von dieser Starthilfe abhängig waren und sind. Der große Erfolg einer Autorin wie Zeruya Shalev ist der sensiblen Erzählerin Judith Katzir leider in Deutschland bisher versagt geblieben, obwohl mit «Die Entdeckung der Liebe» mittlerweile ihr viertes Buch in deutscher Sprache vorliegt. Heldin des Buches ist, wie schon in ihrem ersten Roman, die Schriftstellerin Rivi, mittlerweile 38 Jahre alt, verheiratet und Mutter. Als Rivis ehemalige Literaturlehrerin Michaela stirbt, kehrt sie nach Haifa zurück, um an der Beerdigung teilzunehmen. Zufällig entdeckt sie dabei ihre verloren geglaubten Tagebücher wieder, die sie im Alter von 14 bis 17 Jahren schrieb und an Anne Frank adressierte - eine Reverenz an den Literaturunterricht bei der geliebten Lehrerin. Tatsächlich, so erinnert sie sich jetzt bei der Lektüre, entspann sich damals eine sehr zarte heimliche Liebesgeschichte zwischen der jungen verheirateten Michaela und ihrer Schülerin. Es ist schon beeindruckend, wie Judith Katzir ihre Protagonistin diesen beiden für sie prägenden Jahren nachspüren lässt und mit welcher emotionalen Tiefe und poetischen Schärfe sie beschreibt, wie Rivi damals ihre sexuelle Identität entwickelte. Am Schluss steht für Rivi ein doppelter Abschied. Mit «Die Entdeckung der Liebe» ist es Judith Katzir gelungen, ihren ersten Roman gleichsam zu umarmen, zu ergänzen und abzuschließen - eine große literarische Leistung.

Florian Hunger

 

 

«Die Entdeckung der Liebe»
aus dem Hebräischen von Barbara Linner
btb Taschenbuch, 382 Seiten,
9,50 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Februar 2006