Buchcover

«Melnitz»

von Charles Lewinsky

 

Etwas wie «Melnitz» hat es in der deutschen Literatur lange nicht mehr gegeben: einen großen, epischen jüdischen Roman in deutscher Sprache. Der 1946 geborene Schweizer Charles Lewinsky ist ein wahrer Tausendsassa: er war Regieassistent bei Fritz Kortner, im Januar ist sein Film «Ein ganz gewöhnlicher Jude» in Deutschland angelaufen, unzählige Fernsehfilme und Fernsehshows hat er verfasst, ja er hat sogar als Texter den Grand Prix der Volksmusik gewonnen - und zwar mit dem vielsagenden Titel «Das kommt uns Spanisch vor». Nun hat er einen fast 800 Seiten umfassenden Roman über fünf Generationen einer jüdischen Familie zwischen 1871 und 1945 geschrieben. Der Schweizer Verlag Nagel & Kimche hat die Startauflage von «Melnitz» auf 100.000 Exemplare konzipiert, ein Versprechen, das das ambitionierte Werk durchaus einlösen könnte. Denn der Roman ist, soviel sei schon vorweg verraten, in hohem Maße gelungen. Zwar muss man sich erst auf das gemächliche Tempo eines jüdischen Dorfes in der Schweiz im 19. Jahrhundert einpendeln, dann aber ist die Lektüre dank der außerordentlichen sprachlichen Fähigkeiten Lewinskys und seines geradezu filmischen Vermögens in Szenen und Charaktere einzutauchen, ein literarisches Vergnügen. Denn seine Beschreibungen von Personen und Beziehungen sind durchweg sehr erhellend und von hohem psychologischen Einfühlungsvermögen. Auffällig ist, wie viele Worte aus dem Jiddischen oder aus dem jüdischen Kultus Lewinsky in den Text einfließen lässt - das umfangreiche Glossar umfasst sechs Seiten. Auf diese Weise ist der nichtjüdische Leser gleichsam gezwungen, sich durch Gebrauch des Glossars zu «assimilieren». Wer Lewinskys akribische Arbeitsweise kennt, mag vermuten, dass das mehr als eine zufällige Pointe ist.

Florian Hunger

 

 

«Melnitz»
Nagel & Kimche,775 Seiten
24,90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Februar 2006