Buchcover

«Suite francaise»

von Irène Némirovsky

 

Die Erstveröffentlichung des Romans «Suite française» der in den 1930er Jahren gefeierten Autorin Irène Némirovsky mehr als 50 Jahre nach seiner Entstehung war die Sensation der letzten Jahre auf dem französischen Buchmarkt, obwohl es sich dabei, streng genommen, lediglich um das Fragment eines ursprünglich viel umfangreicher geplanten Werkes handelt. Es hätte das opus magnum Irène Némirovskys werden sollen, eine Reihe von fünf Romanen zum Zustand Frankreichs nach der Besetzung durch Hitler-Deutschland. Irène Némirovsky wurde 1903 in Kiew als Tochter eines der reichsten Bankiers von Rußland geboren und floh mit ihrer Familie 1917 nach Frankreich. Dort etablierte sich ihre Familie schnell als ein Mittelpunkt der Gesellschaft, die junge Autorin wurde mit Veröffentlichung ihres ersten Romans zum Star der Pariser Literaturszene. Bis 1939 erschienen mehrere erfolgreiche Romane und Erzählungen von ihr. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen wurde Némirovsky von ihren Freunden und Bewunderern fallen gelassen und floh mit ihrer Familie in die Provinz. Im Sommer 1942 wurde sie verhaftet und kaum vier Wochen später in Auschwitz ermordet. Ihre beiden Töchter, die den Krieg überlebten, konnten auch das Manuskript von «Suite française» retten und übergaben es 2004 nach jahrzehntelangem Zögern endlich der begeisterten Öffentlichkeit. Vergleiche mit Tschechow, Flaubert und Tolstoi wurden laut - große Namen, doch wird Némirovsky diesen Vergleichen durchaus gerecht. Ihr Roman ist von mitreißender Emotionalität und von beeindruckender Unmittelbarkeit, wirkt unter dem direkten Eindruck der Flucht und dem Bestreben, kein Detail auszulassen, geradezu gehetzt und konzentriert auf das, was gesagt und beim Namen genannt werden muß: die Entmenschlichung unter einem unmenschlichen Regime. «Suite française» ist ein wirklich großer Roman, den man fassungslos und gleichsam mit angehaltenem Atem liest.

Florian Hunger

 

 

«Suite française»
aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Knaus, 544 Seiten
22,90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Februar 2006