«Milíc-Haus» in Prag                    Foto: Archiv

Prag 1945: Premysl Pitter und «seine» Kinder

Erinnerungen an einen furchtlosen Humanisten

 

Seit den späten 1940er Jahren sind sie Bürger Israels und demonstrieren das mit ihren Namen: Tirza und Chava, Jisaschar und Shoshanar, Yehuda und Dan heißen sie. Vor 70 oder mehr Jahren wurden sie in Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei als Tereza und Eva, Leopold und Jifií, Tomás und Pavel geboren. Sie sind Juden. Sie alle verdanken es einem Tschechen, dass sie nach überlebter KZ- und Getto-Pein zum Leben zurückfanden.

Premysl Pitter (1895-1976) war kein Jude, sondern ein bewusster tschechischer Patriot, furchtloser Demokrat, tatkräftiger Humanist und überzeugter Gegner jeder rassistischen und nationalistischen Ideologie. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte er sich in der «Liga gegen Antisemitismus» engagiert, im Krieg jüdische Familien unterstützt, unmittelbar nach Kriegsende sein Rettungswerk für jüdische Kinder gestartet, für das ihn Israel 1964 als «Gerechten unter den Völkern» ehrte.

 

«Aktion Schlösser»

Die Tschechen atmeten nach sechs Jahren in Hitlers «Protektorat Böhmen und Mähren» auf, in Prag übernahm der Tschechische Nationalrat die Macht. Pitter war Mitglied von dessen Sozialkommission und kümmerte sich im allgemeinen Chaos der ersten Nachkriegswochen vor allem um zahllose bedrohte Kinder. Er ließ sich eine beeindruckende Vollmacht ausstellen, warf damit marodierende Sowjetsoldaten aus den Schlössern von Stirin, Kamenice, Lojovice und Olesovice hinaus und richtete Kinderheime ein. Der Moment war günstig gewählt: Die Schlösser im Südosten Prags hatten dem böhmischen Großindustriellen Hanus Ringhoffer gehört und waren ihm, dem eifrigen Kollaborateur der deutschen Besatzer, enteignet worden.

Pitter war der richtige Mann zur richtigen Zeit. Schon 1933 baute er, mitten in einer schweren Wirtschaftskrise, mit uneigennütziger Hilfe des Prager Bauunternehmers Karel Skorkovsky in Prag-Zizkov sein «Milíc-Haus», benannt nach dem Prager Theologen Jan Milíc (um 1320-1374). Pitters «Milíc-Haus» wurde Heiligabend 1933 eingeweiht. 1938 kam noch ein Anwesen in Myto, westlich von Prag gelegen, hinzu.

Architektonisch war das Haus ein Alptraum, konzeptionell jedoch ein Kindertraum in dem armen Arbeiterviertel Zizkov: Wer hier geboren wurde, hatte gefährliche Perspektiven zu verwahrlosen, sofern ihm nicht eine Betreuung in Pitters Haus den Glauben an Menschlichkeit und Lebensfreude vermittelte. Václav Havels erste Frau Olga, 1933 in Zizkov geboren, hat sich bis zu ihrem Tod 1996 gern an ihre Zeit im «Milíc-Haus» erinnert.

Im «Milíc-Haus» verkehrten auch jüdische Kinder, wenn auch nicht sehr viele. In der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit lebten rund 242.000 Juden, davon 37.000 in Böhmen und Mähren. Diese Juden gehörten mehrheitlich zur gut situierten Mittelschicht und fühlten sich sprachlich wie kulturell zu den Deutschen hingezogen.

 

Unterstützung bedrohter Juden

Entsetzliches ereilte die tschechischen Juden, deren Zahl bis zum Tag der Okkupation am 15. März 1939 durch Emigranten und Flüchtlinge auf 118.310 gestiegen war. Bereits zum Jahresende 1939 waren es 29.761 weniger. Diese rapide Verminderung war erst der Anfang einer mörderischen Doppelstrategie der deutschen Nationalsozialisten. Gegen Juden setzte ein maßloser Terror ein. Ab Juni 1939 mussten alle den Davidstern tragen, gleichzeitig begann die «Arisierung» ihres Vermögens. Die geraubten Güter füllten allein in Prag 19 große Lager. In der Folgezeit wurde ihnen durch eine Fülle immer neuer Verordnungen alles verboten. Ab Oktober 1941 wurden sie zunächst in das polnische Getto Lódz deportiert, ab November 1941 nach Theresienstadt, von wo die meisten nach Auschwitz gebracht und dort ermordet wurden.

Diese Deportationen waren Folge des Scheiterns des zweiten Vorhabens: Die deutschen Besatzer wollten das gesamte Protektorat in ein «Getto ohne Mauern» verwandeln, darin Tschechen und tschechische Juden radikal separieren. Das funktionierte nicht: Die Tschechen verstanden rasch und gründlich, dass diese Maßnahmen gegen die Juden nur das Vorspiel zu dem war, was die Deutschen mit ihnen vorhatten.

Pitter hatte die Katastrofe früh kommen sehen und in seinen beiden Heimen auch hautnah miterlebt: Nach dem September 1938 hatten tschechische, deutsche, jüdische und andere Kinder im «Milíc-Haus» Zuflucht gefunden.

Pitter-Schützling Blanka Sedláckova erinnerte sich im Mai 2004: «Überall hingen Plakate, wie viele wieder hingerichtet worden waren. Auch Premysl Pitter wurde zur Gestapo gerufen, weil man dort erfahren hatte, dass jüdische Kinder weiter ins "Milíc-Haus" kommen und er ihnen zudem noch mit Nahrungsmitteln half. Die Juden hatten ja weit geringere Zuteilungen als die Tschechen, Milch bekamen sie überhaupt nicht. Wir bekamen im "Milíc-Haus" pro Kind täglich einen Viertelliter Milch. Davon wurde einiges aufgespart, was Pitter und andere abends jüdischen Familien brachten. Und jetzt kommt Pitter also zur Gestapo und muss erst einem sehr hohen Beamten erklären, was das "Milíc-Haus" ist und was dort geschieht. Dann sagte er: "Herr Direktor, Sie unterstützen jüdische Kinder und jüdische Familien". Darauf Pitter: "Das stimmt, aber ich denke, das ist unter menschlichem Gesichtspunkt verständlich". Nebenher bemerkt: Pitter hatte sich auf den Besuch wie auf einen Haftantritt vorbereitet - zweimal Unterwäsche angezogen, einen kleinen Koffer mit Toilettenartikeln in der Hand. Der Gestapo-Mann hörte alles an und sagte dann nur: "Sie können gehen". Darüber war Pitter so erstaunt, dass er noch in der Tür fragte: "Werden Sie mich nochmals benötigen?" Fantastisch! Und der von der Gestapo murmelte nur: "Ich denke nicht". Im Haus hatten die Mitarbeiter schon für ihn gebetet, und als er plötzlich wieder da war, schauten ihn alle wie ein Wunder an.»

 

Was wird aus den Kindern?

Im Sommer 1944 lud Pitters Mitarbeiter Zdenek Teichman ihn und seinen engsten Kreis zu einem konspirativen Treffen in seinem Sommerhaus ein, wo zwei Fragen beraten wurden: Wie würde sich das bevorstehende Kriegsende auf das Schicksal von Kindern, gleich welcher Nationalität, auswirken und was sollte mit den jüdischen Kindern geschehen, die dann aus Gettos oder KZ zurückkehren würden? Speziell für sie rief Pitter ein «Komitee der christlichen Hilfe für jüdische Kinder» ins Leben. Zur Mitarbeit gewann er einen erstaunlich großen Kreis von Pädagogen, Geistlichen und aus anderen Personengruppen: Wäre unter diesen auch nur ein Verräter gewesen, dann «wäre Pitter in Auschwitz in die Gaskammer gegangen», so sein Biograf Tomás Pasák.

Am 5. Mai 1945 brach in Prag ein Aufstand gegen die Deutschen aus. Am selben Tag wurde Pitter vom Tschechischen Nationalrat, dem provisorischen obersten Machtorgan, beauftragt, sich um die jüdischen Kinder in Terezín zu kümmern. Für deren Unterbringung hatte er ein Schloss weit im Landesinnern ausgesucht, als jemand ihn darauf aufmerksam machte, dass nahe Prag jene vier Schlösser leer stünden. Im Mai brachte er per Bus die ersten 25 jüdischen Kinder in die neuen Heime, aus Böhmen und Mähren, Österreich, der Slowakei, der Karpato-Ukraine und Polen. Sie alle waren in einem schrecklichen Zustand, abgemagert bis auf die Knochen, oft zu keiner Bewegung mehr fähig, zudem in hohem Maße tyfusgefährdet.

Nach wenigen Wochen hatten sich die Kinder etwas erholt. Zu den körperlichen Schwächen kamen ihre psychischen Traumata. Die Kinder waren kaum in der Lage, in normaler Lautstärke zu sprechen. Anders hatten sie sich im KZ nicht durchsetzen können. Viele suchten ihre Angehörigen, andere legten wahre Odysseen zurück, um dann doch zu Pitter zu kommen, der in vielen Fällen vermisste Angehörige aufgespürt hatte.

 

Widerstände im Nachkriegs-Prag

In Prag hatte Pitters Fürsorge für jüdische Kinder nicht nur Befürworter. Als die Regierung 1946 gebeten wurde, 750 jüdische Kinder aus Polen aufzunehmen, wehrte sich der kommunistische Schulminister Zdenek Nejedly dagegen mit der Lüge, «750.000 polnische Juden stehen bereit, unsere Grenze zu überschreiten». Außenhandelsminister und Volkssozialist Hubert Ripka fügte hinzu, anstatt polnische Juden aufzunehmen, sollte die Tschechoslowakei lieber Hilfe von Juden aus den USA einfordern. Extreme Haltungen, grundsätzlich aber konnte Pitter alltschechischer Zustimmung sicher sein. Das änderte sich jedoch, als er ab Juli 1945 ein wahrhaft einmaliges Experiment wagte: Er brachte in seinen Schlössern jüdische Kinder, die eben noch im KZ gewesen waren, mit tschechischen Kindern, denen noch schlimmste Erfahrungen aus dem Protektorat gegenwärtig waren, mit deutschen Kindern zusammen, die gelegentlich noch in HJ-Uniformen steckten, da sie keine andere Kleidung hatten. Das tat Pitter nicht etwa heimlich und diskret, vielmehr stemmte er sich ganz bewusst der Prager Politik entgegen, rund drei Millionen Deutsche aus dem Lande «auszusiedeln». Später hat Pitter seine Autobiografie «Unter Hassgeschrei» betitelt. Es schlug ihm besonders wegen seiner Bemühungen um deutsche Kinder entgegen, die er aus der Hölle der Internierungslager herausholte und in seinen Schlössern unterbrachte.

Pitter berichtet in seiner Autobiografie, er hätte den größten Widerstand gegen die Betreuung deutscher Kinder von Seiten der Juden erwartet, aber «dem war nicht so». Der jüdische Arzt Dr. Emil Vogl bot ihm selbstlose Hilfe an, nachdem er gerade von einer schrecklichen Odysse durch mehrere Gettos und KZ zurückgekehrt war. Aus dem Schloß Olesovice machte er ein Kinderkrankenhaus. Dort kümmerte er sich, der in den KZ 36 Verwandte verloren hatte, mit größter Hingabe um die Kinder. Ähnlich taten es jüdische Lehrerinnen. Das Verhalten jüdischer Kinder lobte Pitter in höchstem Maße: «Unsere jüdische Jugend half gern, Betten für deutsche Kinder aufzustellen und Essen für sie zuzubereiten. Einigen fuhr zwar der Schrecken in die Glieder, wie sie mir später gestanden, wenn deutsche Jungen auftauchten, die sie im Aussehen an ihre früheren Peiniger erinnerten. Niemals haben wir Spuren eines heimlichen Hasses entdeckt. Aus hygienischen und technischen Gründen hatten wir deutsche und jüdische Kinder getrennt untergebracht. Die jüdischen Kinder haben sich niemals unfreundlich gegenüber deutschen Kindern verhalten. Vereinzelte Zwischenfälle waren von älteren deutschen Jungen hervorgerufen worden, die es noch nicht geschafft hatten, die ihnen eingeimpften Vorurteile abzulegen. Das Verhalten unserer Juden war ein beschämendes Beispiel an Großherzigkeit für die sie umgebende "christliche" Welt, die sich von der Sehnsucht nach Vergeltung entmenschlichen ließ und so viel neue Unduldsamkeit provozierte».

Pitters Aktion war von schönstem Erfolg gekrönt: Von Mai 1945 bis Mai 1947 wurden in den Schlössern 810 Kinder betreut, darunter 266 jüdische Kinder aus verschiedenen Ländern, 407 deutsche Kinder aus tschechischen Internierungslagern, 97 tschechische Kinder, die elternlos in Deutschland und Österreich aufgefunden worden waren, sowie 40 tschechische und slowakische Kinder, die dringend ärztliche Hilfe benötigten. Nur neun Kinder starben in den Heimen, weit weniger, als Pitter im Mai 1945 erwartet hatte.

 

Unter neuen Herren

Im Februar 1948 übernahmen die Kommunisten putschartig die alleinige Macht in der Tschechoslowakei. Pitter kommentierte: «Das Maul voller tönender Losungen und Versprechungen, aber die Hände voller Blut». Mit den Kommunisten wollte er nichts gemein haben, versuchte aber, möglichst lange für seine Kinder da zu sein. Die jüdischen und deutschen Kinder waren mehrheitlich aus den Heimen weggegangen - das «Milíc-Haus» wurde wieder zu einer Begegnungsstätte der Kinder von Prag-Zizkov. Die kommunistischen Behörden erschwerten Pitters Arbeit auf jede Weise: Sie überfüllten das Haus mit Kindern, verlangten, Pitter solle «Pionier-Gruppen» im Heim schaffen und Spitzelberichte über seine Mitarbeiter verfassen. Als er sich weigerte, drohten sie ihm mit Zwangsarbeit in den Urangruben von Jachymov, für Pitter der sichere Tod. Unter diesen Umständen floh er im August 1951 über die DDR nach West-Berlin. Er ließ sich vom Genfer Weltkirchenrat in das Flüchtlingslager «Valka» in Nürnberg schicken, wo er bis 1962 als Sozialarbeiter und Seelsorger tätig war. Danach gingen Pitter und seine treueste Helferin, die Schweizerin Olga Fierz, bis zu seinem Tod 1976 ins schweizerische Affoltern.

Pitter ist von seinen tschechischen Landsleuten nach 1951 völlig vergessen worden. Erst seit wenigen Jahren regt sich machtvolles Interesse für ihn. Auf der Prager «Malá Strana», der «Kleinseite», liegt in der Valdsteinská-Straße 20 das Pädagogische Museum Jan Amos Comenius mit einem umfangreichen Pitter-Archiv: 2005 fand hier ein großer Pitter-Kongreß statt, für den das Museum eine liebevoll gestaltete Ausstellung beisteuerte und auf dem der Pitter-Film «Liebt eure Feinde» von Tomás Skrdlant uraufgeführt wurde. Das alles ist schon etwas, aber nicht sehr viel für einen Tschechen, dem die Welt Achtung erwies: 1974 zeichnete ihn Bundespräsident Heinemann mit dem Bundesverdienstkreuz aus, 1975 wurde er Ehrendoktor der Universität Zürich, 1995 erklärte die UNESCO den 100. Geburtstag Pitters zum «Weltkulturjubiläum». Die größte Ehrung wurde ihm im Herbst 1964 mit dem Titel «Gerechter unter den Völkern» zuteil, den er in Israel entgegennahm.

Pitters Israel-Besuch war auch ein Wiedersehen mit «seinen» jüdischen Kindern. Jahre später hat der Prager Autor Pavel Kohn dieselbe Reise gemacht und Gespräche mit ehemaligen «Pitter-Kindern» aufgezeichnet. Heraus kam ein wunderbares Buch, das in Deutschland unter dem Titel «Schlösser der Hoffnung» erschien: Fünfundzwanzig Mal wird dieselbe Geschichte erzählt: Von jüdischen Kindern, die ahnungslos und unschuldig in Krieg und Konzentrationslager gerieten und sozusagen Fünf vor Zwölf von einem einmaligen stvycek, dem Onkel, gerettet wurden: Eben von Premysl Pitter, der ihnen und ungezählten weiteren ein Beispiel für gelebte Menschenwürde war.

Walter Kreutzahler

«Jüdische Zeitung», Januar 2006