Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Marina heißt jetzt MiriamErfahrungsbericht einer Konvertitin in Rostock
Bei der Prüfung vor den drei Rabbinern geht es ihr wie selbstverständlich über die Lippen: «Wenn wir beim Auszug aus Ägypten nicht herausgekommen wären...» Damit bezeichnet Marina Rosova sich selbst als zugehörig zum jüdischen Volk. Diese Formulierung, so glaubt sie, hat das Gremium überzeugt, das eine wichtige Entscheidung für die 18jährige getroffen hat: Sie erlauben der Rostockerin, zum Judentum überzutreten. Von nun an trägt Marina den Beinamen «Miriam». Anderthalb Jahre lang drückt die Gymnasiastin noch eine weitere Schulbank. Einmal pro Woche büffelt Marina das hebräische Alfabet, Lesen und Schreiben und die jüdische Filosofie. Für die junge Frau, die vor acht Jahren mit ihrer Familie aus der Ukraine in die Hansestadt zog, eine Voraussetzung, um zum Judentum übertreten zu können. «Ich möchte zur Jüdischen Gemeinde gehören. Dort fühle ich mich wohl», sagt die Schülerin. Der Traditionen kennt sie schon viele, ihr Vater ist Jude und so wurde sie auch erzogen. Aufregend ist es: Begleitet von Vater und Landesrabbiner William Wolff fährt sie ins niedersächsische Oldenburg, um sich der Prüfung zu unterziehen. Nach etwa 20 Minuten ist die Entscheidung klar. Besonders gespannt ist sie auf die Mikwe, das rituelle Bad. «Das Wasser war so kalt», sagt sie lachend. Ein wenig enttäuscht war sie schon, denn sie hatte sich eine riesige Schwimmhalle mit sprudelnden Fontänen vorgestellt. Stattdessen ging sie eine Treppe in einer kleinen Ecke mit Wasser hinunter. Dabei sprach sie selbst ein Gebet und einen Segensspruch.
Aus der Ukraine nach Rostock Als Marina mit ihren Eltern und ihrem Bruder aus der Ukraine in die Hafenstadt kam, lernte sie das Leben der Jüdischen Gemeinde kennen. Das, so sagt sie im Rückblick, hat ihr die Verbundenheit zum Judentum deutlich gemacht. Mit ihrem Vater, der Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Rostock ist, unterhält sie sich oft über allgemeine filosofische und religiöse Fragen. «Er ist mir ein Vorbild, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten sollte», sagt die Schülerin. Großartig geändert habe sich seit dem Übertritt für sie nichts. «Ich bin nicht tief religiös», gesteht sie. Dennoch versucht sie regelmäßig an den Schabbatfeiern teilzunehmen und achtet im Grunde darauf, Koscheres zu essen. Ein Zungenpiercing wollte sie, sich stechen lassen. Tatoos und Piercing sind aber im Judentum nicht gestattet. Also hat sie das vorerst akzeptiert: «Mit 20 Jahren kann ich das immer noch machen. Mal sehen.» Der Zusammenhalt aller Juden, das fasziniert die 18jährige. Auch in der Rostocker Jüdischen Gemeinde sind alle füreinander da. Die ersten Jahre in Deutschland hat sie sich sehr fremd gefühlt, da war die Jüdische Gemeinde für sie «ein zweites Heim». Inzwischen, so berichtet sie, hat sie kaum noch Kontakt zu den Jugendlichen in der Jüdischen Gemeinde. «Über die Schule und die Disco habe ich eigene Freunde gefunden.» In Deutschland fühlt sie sich inzwischen zu Hause. «Tief im Innern weiß ich, dass ich woanders herkomme.» Aber die orangene Revolution in der Ukraine interessiert sie nicht weiter. Als sie im letzten Sommer ihre Verwandten in Israel besuchte, hat sie sich in dieses Land verliebt, wie sie strahlend erzählt. «Obwohl ich die Sprache nicht verstanden habe, kam es mir vor, als wäre ich schon da gewesen.» Die drei Wochen dort waren zwar kein reiner Entspannungsurlaub, da sie mit ihrer Familie viele christliche und jüdische Stätten besichtigt hat, dafür aber fühlte sie sich dort «wie zu Hause».
«Religion ist meine Sache» Nur ihre engsten Freunde und einige Lehrer wissen, dass sie jetzt Jüdin ist. Als sie auf einer Klassenfahrt in Gdansk eine Kirche besichtigten, fragte ihre Lehrerin, ob es ein Problem für sie sei, die christliche Kirche zu betreten. «So geheim ist es also nicht», lacht sie. «Aber meine Religion ist meine Sache», stellt sie, auf eine Frage der Lehrerin, klar. Angst vor rassistischen Angriffen hat sie jedenfalls nicht. Sie wird meistens für eine Deutsche gehalten, wohl wegen ihrer langen blonden Haare, vermutet sie. «Letztens sagte ein russischer Junge „Nazischlampe" zu mir. Na, dem habe ich aber meine Meinung gesagt... - auf Russisch», erzählt sie lachend darüber. Marina möchte gerne Psychologie oder Schauspiel studieren. In der Gruppe akzeptiert zu werden, das ist ihr wichtig. «Auch eine schlechte Beziehung ist eine Form der Anerkennung. Denn man wird immerhin als Mensch betrachtet», sagt sie selbstbewusst. Widerstände begegnen ihr täglich, in der Schule, in der Familie, bei Freunden. «Ich kann schon sehr dickköpfig sein und beharre auf meiner Meinung.» In den letzten beiden Jahren, als sie sich auf den Übertritt zum Judentum vorbereitete, hat sie zwischendurch auch Zweifel gehabt. «Letztendlich habe ich es doch geschafft», sagt sie. Ein wenig Stolz klingt da schon in ihrer Stimme mit. |