RBB-Intendantin Dagmar Reim    Foto: Archiv

Sechs Millionen Täter?

ARD präsentiert bei «Polylux» den Antisemiten Trutz Hardo

 

Anfang Dezember 2005 glaubte so mancher Zuschauer des Ersten Deutschen Fernsehens endlich und «ohne viel Aufwand in Kontakt mit seinem früheren Leben treten» zu können. Wie schön! In der beim Hauptstadtsender Rundfunk Berlin-Brandenburg rbb produzierten Magazinsendung «Polylux» durfte sich Trutz Hardo präsentieren, als «erfolgreicher Rückführungsexperte» in Szene gesetzt. Hardo versprach Aufklärung darüber, was für «etwa ein Drittel der Menschheit (...) eine ganz klare Sache (ist), dass sie nach ihrem Tod wiedergeboren werden. Leider vergisst man meistens total, wer man vorher war.» In der Ankündigung des Beitrages heißt es: «Gut, dass es Menschen wie Trutz Hardo gibt, die einem helfen sich zu erinnern.»

Gut? An vielen Stellen ist ausführlich über die Gefahren für Leib, Leben und vor allem den Geldbeutel gewarnt worden, die von so manchen esoterischen «Therapien», wie etwa einer «Rückführung», bekannt sind. So weit so «gut» also, denn bekanntlich ist ja jeder seines Glückes eigener Schmied, auch, wenn's uns wehtut.

«Gut, dass es Menschen wie Trutz Hardo gibt, die einem helfen...»? Nein! Diesmal reicht's! Denn die Fernsehmacher haben offenbar «übersehen»: Der herausgestellte Esoteriker Trutz Hardo ist ein verurteilter Antisemit, der, kurz gesagt, den sechs Millionen ermordeten Juden des Holocaust die Schuld an ihrem Tod in die eigenen Schuhe schiebt. Die Schoa sei ein «notwendiges Karma», ein für die Juden vorbestimmtes Schicksal, mit dem sie angebliche eigene Verbrechen aus ihren früheren Leben bezahlen müssten. Die Juden hätten sich ihren Tod in den Gaskammern sozusagen «ausgesucht, „denn nichts geschah gegen ihren Wunsch und freien Willen".» Es handele sich dabei «um ein ausnahmslos wirkendes Gesetz des schicksalhaften Ausgleichs».

Ein deutsches Amtsgericht verurteilte Hardo, ein zweites Mal auch in der Berufung, wegen Volksverhetzung in Tateinheit mit Beleidigung und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener.

 

Reaktion des rbb

Alexander Brenner, Mitglied des Rundfunkrates im rbb, spricht von einem «unerträglich skandalösem Vorgang» und hat den Rat zu einer Stellungnahme aufgefordert. Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, teilte der Intendantin des rbb, Dagmar Reim, mit, dass er «mit Entsetzen» davon erfahren habe und sich der Forderung Brenners nach Konsequenzen voll und ganz anschließe.

Die ja schon bekanntermaßen viel beschäftigte Intendantin lässt ihren Ressortleiter Film und Unterhaltung antworten, der Brenner gegenüber schriftlich «schwerwiegende journalistische Mängel» einräumt und sich entschuldigt: «Es war die Absicht der Redaktion (...) Trutz Hardo öffentlich der Lächerlichkeit preiszugeben. Dies ist durch schwerwiegende handwerkliche Fehler der Beitragsmacherin gründlich misslungen. Dadurch ist leider genau das Gegenteil von dem erreicht worden, was sich die Redaktion mit diesem Stück vorgenommen hatte.»

Aha. Die «Beitragmacherin» ist also schuld. Kontrolliert, oder sagen wir: fachlich begleitet, wird sie von der Redaktion in der Produktionsfirma offenbar nicht. Auch der Sender wiederum scheint der Produktionsfirma ungesehen abzunehmen, was sie liefert. Da kommen ja tolle Fernsehabende auf uns!

 

Unterstützung aus Frankfurt

Für Jutta Ditfurth, Mitbegründerin der Grünen und von 1984 bis 1988 deren Bundesvorsitzende, ist Esoterik ein rotes Tuch. Erst vor wenigen Monaten lieferte sich die Sozialwissenschaftlerin dazu ein TV-Duell mit Nina Hagen. Ditfurth, die schon 1996 gegen einen öffentlichen Auftritt Hardos ebenso öffentlich protestiert hatte, fordert vom rbb-Rundfunkrat eine Stellungnahme, «ob Autorin Haike Stuckmann, Redaktion „Polylux" und Produktionsfirma „Kobalt" schlampig recherchiert haben, ob „Polylux" unter verantwortungsloser Ausblendung des Hardoschen Antisemitismus einen werbenden Beitrag über eine esoterische Psychomanipulation verfassen wollten, (oder) ob die ganze Sache also ganz oder teilweise Absicht und Überzeugung oder Dummheit war. Tatsache ist: die ARD-Sendung hat einem aggressiven Antisemiten ein großes Forum gegeben.»

Die Leugnung des Holocaust ist nicht neu. Im Gegenteil: Sie ist seit der jüngsten Äußerung des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad erschreckend aktuell. Hardo jedoch schwingt sich zur einer fast unaussprechlichen Verleumdung der Opfer auf, in dem er ihnen eine ganz persönliche, private Schuld gibt, jedes einzelne Opfer zu einem Täter macht. Schließlich spielt er die Rolle Hitlers zu einem «Orakel Deutschlands» und Himmlers lediglich zu einem «Werkzeug der Vorsehung» herunter, den deutschen Faschismus zu einem «unvermeidbaren Naturgesetz».

Kein Wunder, dass die rechtsextreme Szene Hardo feiert, befreit er doch ihre Vorbilder und Idole von jeder Verantwortung. Sein Buch «Jedem das Seine» - der Titel muss wohl in keiner Weise weiter kommentiert werden - bezeichnen Neonazis als den «mutigsten Roman unseres Jahrhunderts».

In einer anderen Hetzschrift, seinem Beitrag «Der Judenkomplex der Deutschen», schreibt Trutz Hardo: «Übrigens sind viele der damals im Holocaust Umgekommenen heute wieder in Deutschland inkarniert!». Ach so. Als was denn bitteschön, Herr Hardo? Als Mitglieder in ihren alten jüdischen Gemeinden? Oder als NPD-Abgeordnete? Oder als das Gegenteil? Wer will das schon wissen? Wer wird in einem künftigen Leben, oder nach der was-weiss-ich-wievielten «Rückführung», noch erkennen - wollen und dürfen - wer wer ist und wer wofür bestraft werden wird und soll oder nicht. Aber auch da kann Hardo ja Abhilfe schaffen, etwa mit seinen «Zeitversetzungen» in die Zukunft des Jahres 3030, die Hardo schon vor mehr als zehn Jahren ebenso unkommentiert im Privatfernsehen zelebrieren durfte.

 

Von Hardenberg'sche Spinnerecke

Das alles will der rbb natürlich nicht propagieren, es sei ihm auch in keiner Weise unterstellt. Tita von Hardenberg, das «Gesicht» von «Polylux» schrieb: «Ein Missverständnis möchte ich unbedingt ausräumen: wir stehen dem Herrn genauso kritisch gegenüber, wie Sie. Natürlich ging es mit dem Beitrag nicht darum, einen Antisemiten salonfähig zu machen. Worüber sich in der Tat streiten lässt, ist die Art, wie man sich solchen Zeitgenossen nähert. Schweigt man ihn tot und lässt ihn in Ruhe weiter vor sich hin wursteln? Macht man ein empörtes Anklagestück über Hardo und seine Sessions ? (Das wäre wohl zu viel der Ehre). Oder führt man ihn vor und damit ad acta, in dem man die Absurdität seines Tuns wirken lässt? Letzteres ist die polyluxtypische Methode, Kritik zu üben. Ich persönlich glaube, dass man Leuten wie Trutz Hardo am wirkungsvollsten beikommt, indem man sie dahin steckt, wo sie hin gehören: in die Spinnerecke.»

Damit lässt es die populäre Frontfrau von «Polylux», von deren Team man ja nun wirklich Besseres gewöhnt ist - immerhin ist die Redaktion kürzlich mit dem ARD-Medienpreis Civis für Integration und kulturelle Vielfalt ausgezeichnet worden - dann auch schon gut sein. Ein Spinner sei Hardo, nichts weiter, wie ein ungezogenes Kind: Ab in die Ecke - und gut ist's. Wann darf es denn eigentlich wieder heraus?

Vielleicht hätte sich Tita von Hardenberg mit Margarete Schreinemakers kurzschließen sollen, die Trutz Hardo 1994 angeblich sogar in zwei ihrer früheren Leben zurückgeführt hat. Sicher wäre die Gräfin vielen ihrer ehrenwerten Vorfahren begegnet, unter ihnen Carl-Hans Graf von Hardenberg, einem der führenden Köpfe des Hitler-Putsches vom 20. Juli 1944.

 

Hirnlos, kenntnisfrei, leichtfertig

Ditfurth, Empfängerin dieser Zeilen, entgegnete: «Nach jahrelanger, ehrenamtlicher Aufklärungsarbeit (war) Trutz Hardos öffentlicher Einfluss endlich gemindert. Bis zum Beitrag von „Polylux". Der „Polylux"-Beitrag der ARD ist ein Schlag ins Gesicht. Hirnlos, kenntnisfrei, leichtfertig und verantwortungslos hat „Polylux" dem aggressiven Antisemiten Hardo, der die jüdischen Toten verhöhnt, eine neue Bühne gebaut, die Scheinwerfer auf ihn gerichtet und ihm neue Kreise erschlossen», so Ditfurth. In erster Linie natürlich kommerziell, denn unzählige Ahnungs- und Orientierungslose, gerade in den emotional aufgeladenen Feiertagen des Dezember, werden den esoterischen Angeboten Hardos nun auf den Leim gegangen sein. Kostenpflichtig, versteht sich. Ein bisschen Antisemitismus, oder darf's ein bisschen mehr sein, gibt's dann später gratis dazu und der macht sich immer gut, wenn man an die Grenzen des eigenen Ichs zu stoßen scheint.

Jutta Ditfurth beklagt zu Recht: «Keine Erklärung, warum für einen Antisemiten geworben wurde. Keine Entschuldigung. Kein Begreifen. (...) Frau von Hardenberg ist offensichtlich der Meinung, dass man Antisemiten aus ihrer „Ruhe" an die Öffentlichkeit holen soll ohne „anklägerisch" zu verraten, dass es sich um Antisemiten handelt und dass man nicht den Fehler machen darf, ihnen durch Kritik „Ehre" anzutun, weil wir ja aus der Geschichte gelernt haben, dass sich der Antisemitismus am besten selbst entlarvt und Kritik so uncool ist wie kritisches Denken.»

 

Absichtliches Schweigen?

Ist der erst als Entdeckung, später als «Spinner» gehandelte Hardo beim rbb vielleicht satirisch betrachtet worden und wir alle waren nur zu blöd, das zu begreifen? Wieder erlauben wir uns, Jutta Ditfurth zu zitieren: «Handelte es sich bei dem „Polylux"-Beitrag um Satire, dann begänne hier eine Diskussion über die Grenzen der Satire. Aber darum geht es nicht, denn Satire ist (wenn sie gelingt: hohe) Kunst. Aber nichts am „Polylux"-Beitrag ist Satire, nichts ist Kunst. Nichts Aufklärung. Kein Schatten von kritischer Anstrengung. Offen ist, warum die Redaktion Hardos Antisemitismus und seinen entsetzlichen Vorwurf an die jüdischen Opfer des NS-Faschismus verschwiegen hat und nach wie vor verschweigt. Wurde überhaupt recherchiert? Falls ja: Wurden die gefundenen Fakten absichtlich verschwiegen? Auch das zu klären ist jetzt Sache des Senders.»

Wie werden Alexander Brenner, zugleich Vorsitzender des Kuratoriums unserer Zeitung, bitten, den Gang der Dinge im rbb zu verfolgen und für uns in einer späteren Ausgabe zu kommentieren. Immerhin geht es hier um einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und nicht um Jörg Draegers «Mysteries» auf RTL oder Ulrich Meyers «AKTE 99», ebenso wie Schreinemaker bei SAT.1, die sich allesamt für Hardo nicht zu schade waren, schlecht recherchierten oder ausschließlich nach Einschaltquoten entschieden haben, den lieben Seelen ihre Ruh' zu lassen. Auch wenn es sechs Millionen waren.

Johnann L. Juttins

«Jüdische Zeitung», Januar 2006