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Judenhass im Stadion

Wenige Monate vor der WM sorgt ein Skandal für Aufsehen

 

Während des Ost-Lokalderbys der Zweiten Bundesliga zwischen Dynamo Dresden und Energie Cottbus im Dezember, das vom Fernsehsender DSF live übertragen wurde, zeigten Cottbusser «Fans», auch für die Fernsehzuschauer klar erkennbar, ein Transparent, auf dem zur Verunglimpfung der gegnerischen Mannschaft das Wort «Juden» in altdeutscher Schrift zu lesen war. Das D in«Juden» war durch das Emblem von Dynamo Dresden ersetzt, links und rechts umrahmten zwei Davidsterne die Aufschrift. Das Banner wurde in der ersten Halbzeit ausgerollt und erst nach geraumer Zeit vom Ordnungsdienst konfisziert. Die Polizei wertet derzeit Videoaufnahmen des Spiels aus, um jene Zuschauer zu ermitteln, die das Banner gezeigt haben. Das Transparent ist mittlerweile der Staatsanwaltschaft Dresden übergeben worden, die nun wegen Volksverhetzung ermittelt.

Stillschweigen in den Medien

An den darauf folgenden Tagen ignorierten die Medien, bis auf die Bild-Zeitung, das antisemitische Transparent und erwähnten in ihren Berichterstattungen lediglich Leuchtraketen, die während des Spiels abgefeuert wurden. Eine Reaktion des Senders DSF blieb ebenso aus.

Als erstes forderte am Tag darauf das «Bündnis aktiver Fußballfans» zu Reaktionen auf. Ein Sprecher erklärte: «Im Zuge des Sicherheitswahns zur kommenden WM wird stets die angeblich gestiegene Gewaltbereitschaft betont und über verschärfte Sicherheitsmaßnahmen diskutiert. Rassistische, antisemitische und neofaschistische Tendenzen in manchen Fanszenen werden jedoch nicht thematisiert.» Vom Verein Energie Cottbus fordert das Bündnis nicht nur eine Entschuldigung bei Dynamo Dresden und seinen Fans, sondern auch Maßnahmen präventiver Art. Forderungen nach Stadienverboten lehnen sie indes ab - ohne Begründungen, Gegenvorschläge oder Alternativen aufzuzeigen.

Auch die «offizielle» Cottbusser Fanszene distanzierte sich nun in Gestalt des Fan-Arbeitskreises des Vereins und bezeichnete das Banner als «negativen Höhepunkt» des Spiels: «Wir distanzieren uns deutlich von Geschehnissen und Artikulationen dieser Art. Diese «Juden»-Fahne und das damit in Verbindung zu bringende Meinungsbild ist weder Ausdruck des Denkens, noch des Handelns der insgesamt intakten Cottbusser Fanszene und wird von uns allen auf das Schärfste verurteilt. (...) Wir möchten feststellen, dass die Fanszene des FC Energie Cottbus alles daran setzen wird, dass sich solche Szenen nicht wiederholen.» Der Präsident von Energie Cottbus, Michael Stein, sagte: «Wenn wir wollen, dass solche Chaoten in unseren Fankurven keinen Schaden mehr anrichten können, müssen wir alle aufmerksamer sein. Es darf den Tätern nicht mehr gelingen, unerkannt zu bleiben. Wir brauchen eine Stimmung auf den Rängen, die es den Randalierern unmöglich macht, unseren Sport für ihre Zwecke zu missbrauchen.» Vereinssprecher Ronny Gersch erklärte mittlerweile, es seien die Namen von zwei Männern bekannt, die an der Aktion beteiligt gewesen sein sollen. Der Club wolle nun weitere Zeugen befragen und, so sich der Verdacht bestätigen sollte, Stadionverbot für beide verhängen. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm kündigte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa an, verstärkt mit Vereinen und Fanclubs zu sprechen.

Hartes Pflaster Cottbus

Die Stadt Cottbus gerät immer wieder in die Schlagzeilen, wenn es um Rechtsextremismus geht. Im Mai 2005 überfielen 20 vermummte Rechtsradikale einen alternativen Jugendclub, im Herbst war die Spielstätte des Theaterstückes «Hallo Nazi», der Kulturpavillon in der Innenstadt, verwüstet worden (wir berichteten), und Mitte Dezember wurde das Bürgerbüro der SPD-Landtagsabgeordneten Martina Münch mit Pflastersteinen angegriffen, weil im Fenster ein Plakat gegen Neonazis hing.

Im Stadion selbst sind Affengeräusche nichts Ungewöhnliches, besonders aktiv ist in dieser Hinsicht eine Fangruppierung namens «Inferno», die ein viel sagendes Keltenkreuz auf ihrem Transparent trägt. Auf ihrer Internetseite heißt es: «Die Gruppe sieht sich momentan durch zeitliche und organisatorische Schwierigkeiten nicht in der Lage, eine ständig aktuelle Heimseite online zu stellen.» Dafür gibt es aber ein - internes - Internetforum, auf dem sich 22 registrierte Benutzer anscheinend recht rege austauschen. Auswärtige sind ausgeschlossen. Auch so mancher Eintrag im offiziellen Internetforum von Energie Cottbus ist erschreckend: Dort sieht man sich als Ostclub vor allem in der Opferrolle.

Keine Reaktionen des DFB

Reaktionen von Dynamo Dresden und des Deutschen Fußball Bundes (DFB) blieben bislang aus. Der Freundeskreis Dresdner Synagoge verlangt dies von Dynamo: «Wir gehen davon aus, dass dieser Vorfall von Ihnen ebenfalls aufs Schärfste missbilligt wird. Allerdings vermissen wir Ihrerseits eine öffentliche Distanzierung», heißt es in einem offenen Brief. Gerade Jugendliche müssten deutlich erfahren, wo sie nicht tolerierbare Grenzen überschreiten und sowohl sportliches wie politisches Fairplay mit Füßen treten, so der Freundeskreis weiter. «Hier darf es nach unserer Überzeugung keine Leisetreterei geben.»

Vorbild könnte Italien sein: Nachdem dort ein dunkelhäutiger Spieler permanent Opfer von Verbal-Attacken wurde, kurzerhand den Ball aufnahm und so mit Spielabbruch drohte, entschied der italienische Verband für den nächsten Spieltag, aus Protest gegen Rassismus die Spiele aller Ligen mit fünf Minuten Verspätung beginnen zu lassen. Alle Klubs rollten in der Mitte des Spielfeldes ein Spruchband mit dem Slogan «Stoppt den Rassismus» aus.

Interessant am Rande: Am 14. Dezember wurde Energie Cottbus durch das Sportgericht des DFB mit einer Geldstrafe von 8.000 Euro belegt. Grund dafür waren das Abschießen zweier Leuchtraketen und das Werfen mehrerer Plastikbecher und Feuerzeuge bei der Begegnung gegen Ahlen am 4. November.

Daniel Kilpert

«Jüdische Zeitung», Januar 2006