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Berichte aus der «Twilight Zone»Gideon Levy und Miki Kratsman thematisieren palästinensisches Leid
Es war Nachmittag im November 2005 und die vier Jungen, allesamt Schüler am Gymnasium in Nablus, machten sich auf zu den Anhöhen des Ebal-Berges. Von hier aus hat man einen wunderschönen Blick auf Nablus. Die vier erklommen die Felsen in Richtung „Französischer Park", einem kleinen Wäldchen auf dem Ebal-Berg. Es ist die einzige grüne Ecke im Raum Nablus und wird von den Anwohnern gern für Picknicks genutzt. Niemand weiß genau, was die Jungen dort machen wollten. Vielleicht nur eine Nachmittagsklettertour, so ihr eigenes Bekunden, vielleicht einen Terrorakt planen, so die Behauptung der Israelischen Armee. Kurz bevor sie zum Französischen Park gelangten, wurde auf die vier das Feuer eröffnet. Mohammed Abu Salha, 15, wurde in den Kopf geschossen und war sofort tot, Ala Schitri, 15, wurde in den Bauch geschossen, Ramzi Saka, 17, wurde ins Bein geschossen, beide überlebten, Ahmed Al-Fahuri, 17, konnte wegrennen und blieb unverletzt.» So oder ähnlich beginnen die meisten Geschichten von Gideon Levy in seiner Rubrik «Twilight Zone» in der Wochenendbeilage der israelischen Tageszeitung «Ha'aretz». «Twilight Zone» heißt übersetzt soviel wie «zwielichtige Zone» oder «Reich der Abenddämmerung». Levy gibt darin Woche für Woche Opfern von Unfällen, Irrtümern oder willkürlichem Handeln der israelischen Armee, manchmal auch Attentätern und deren Angehörigen aus den Besetzten Gebieten, ein Gesicht, eine Stimme, einen Namen. Er erzählt von Menschen und deren Schicksal unter der Besatzung. Einmal geht es um jugendliche Beduinen, die von einer im Niemandsland gefundenen Fosforbombe getötet wurden, einmal um einen Jungen in Jenin, der irrtümlicherweise von einem Armeehund nachts aus dem Bett gezerrt, gebissen und dabei schwer verletzt wurde. Ein andermal um ein kleines Dorf, dessen einzige Zufahrtsstraße von der Armee zugeschüttet wurde und aus dem die Bewohner nun entmutigt wegziehen. Dazu gibt es das schockierende Foto eines verkrüppelten Kindes, von trauernden Angehörigen der Opfer oder frustrierten Passanten als Illustration vom Fotografen Miki Kratsman dazu.
15 Jahre Journalismus gegen die Okkupation Neben Amira Hass gilt Gideon Levy in diesen Tagen als engagiertester israelischer Journalist, der die Öffentlichkeit im Lande über die Geschehnisse in den Besetzten Gebieten in Kenntnis setzt und der die Besatzungspolitik und Siedlungspolitik der israelischen Regierung scharf kritisiert. Seit 15 Jahren bereits schreibt er Geschichten für die «Twilight Zone». Seit elf Jahren schon fahren Gideon Levy und Miki Kratsman einmal pro Woche für «Ha'aretz» nach Ramallah, Hebron oder in eines der vielen unscheinbaren Dörfer der Westbank, dokumentieren die Einzel- und Kollektivschicksale der Menschen dort und wiederholen gebetsmühlenartig ihre Botschaft an die Leser: Solange die Okkupation durch Israel besteht, so lang wird das Leiden der Palästinenser weitergehen. Die Okkupation muss beendet werden. Mit dieser Meinung stößt er allerdings auf viele taube Ohren im Lande. Levy, 52, geschieden, zwei Kinder, wohnt in Ramat Aviv, einem grünen und ruhigen Stadtteil im Norden Tel Avivs, in einer spartanisch eingerichteten Zweizimmerwohnung. Küche und Wohnstube bilden einen Raum, der nur durch eine halbhohe Wand geteilt ist. Über der walnussbraunen Ledercouchgarnitur der Sitzecke hängen sechs gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos. Auf einem der Fotos ist eine Palästinenserin mit ihrer Tochter zu sehen, der von jungen israelischen Soldaten der Weg versperrt wird. Auf einem anderen schaut ein Mädchen aus dem Spalt der Wand eines zerstörten Hauses. «Ich habe niemals mit dem Gedanken gespielt, so wie Amira Hass, nach Gaza oder Ramallah zu ziehen. Ich bin mit Haut und Haaren Israeli und lebe gern in der israelischen Gesellschaft. Und außerdem schreibe ich für Israelis. Nur wenn ich auch hier lebe, kann ich die Menschen wirklich ansprechen.» Die israelische Besatzung war nicht immer das zentrale Thema in Gideon Levys journalistischer Arbeit. Zu Beginn der Ersten Intifada 1987/88 hatte er eine feste Stelle bei «Ha'aretz» und schrieb nur gelegentlich über die Besetzten Gebiete. «Ende der 1980er Jahre war ich ein paar Mal drüben, und dabei hat es mich gepackt. Ich verstand, dass sich dort das echte Drama abspielt. Ich habe dann in der Berichterstattung aus den Gebieten eine echte Aufgabe gefunden.» Einen konkreten politischen Hintergrund für diese Arbeit gibt es nicht bei Levy, dessen Eltern als Juden aus Tschechien und den Sudeten stammten und den Holocaust überlebten. «Sicher, ich bin in einem sozialdemokratischen Haus groß geworden, war schon früher links von der Avoda, aber immer noch Konsens. Ich habe auch vier Jahre unter Schimon Peres gearbeitet. Erst nachdem ich die Okkupation mit eigenen Augen gesehen habe, hat sich bei mir eine radikalere politische Meinung herauskristallisiert.»
«Wir schreiben über uns» Levys Mitarbeiter, der Fotojournalist Miki Kratsman, begann bereits 1986 mit ersten Arbeiten aus den Besetzten Gebieten, damals noch für die mittlerweile eingestellte linksliberale Zeitung «Chadashot». Kratsman, 46, verheiratet, zwei Kinder, fotografiert neben der Arbeit mit Levy noch für andere Projekte. Einige seiner Bilder waren 2005 auf der Ausstellung «Die Neuen Hebräer» im Berliner Gropius-Bau zu sehen. Was treibt die beiden Journalisten, nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt ununterbrochen über die Situation der Palästinenser zu berichten? «Ich schreibe nicht über Palästinenser. Ich schreibe über Israelis», entgegnet Levy auf die entsprechende Frage. «Ich schreibe darüber, was wir machen. Mich interessiert die Okkupation, nicht die palästinensische Gesellschaft an sich. Ich erzähle das Narrativ von Israels Okkupation. Ich schreibe über die Brutalität der Okkupation. Ich schreibe, wie sich die Okkupation vis-a-vis auf den Menschen in den Besetzten Gebieten auswirkt, welche Opfer die Okkupation mit sich bringt.» Informationen für seine Geschichten erhält Levy von Rechtsanwälten, Menschenrechtsorganisationen oder auch einfachen Leuten, die bei ihm anrufen. Manchmal findet er auch eine unscheinbare Meldung in der israelischen Tagespresse, wohinter sich immer ein persönliches Drama verbirgt. Die Geschichte der vier Jugendlichen von Nablus etwa fand er als lakonische Kurznachricht verfasst: Vier Terroristen aus Nablus wurden von der Armee bemerkt, einer wurde erschossen und im Krankenwagen evakuiert, die anderen drei konnten fliehen. Levy beschreibt in der «Twilight Zone» ein anderes Narrativ. Niemand wurde evakuiert. Ein Onkel trug den erschossenen Mohamed ins Krankenhaus nach Nablus und wurde später von der Armee inhaftiert. In seinem Artikel prangt ein riesiges Foto des Jungen Ala Schitri mit einer fünfzehn Zentimeter langen Schusswunde im Bauch. Die Fahrten in die Gebiete sind manchmal lebensgefährlich. Nicht selten betreten Levy und Kratsman Regionen, die unter Ausgangssperre stehen oder in denen es Schusswechsel gibt. Einmal wurde ihr Taxi mit israelischem Kennzeichen irrtümlicherweise von der Armee beschossen. Sie kamen mit dem Schrecken davon. Und auch persönliche Erinnerungen vermengen sich mit der Arbeit. So interviewten Levy und Kratsman einst einen alten Palästinenser, an dessen Landenteignung im Jahre 1978 Miki Kratsman als einfacher Soldat teilgenommen hatte. Der 91jährige erinnerte sich an den sichtlich angespannten und beschämten Kratsman. Doch Levy sieht in den persönlichen Kontakten mit den Menschen in den Besetzten Gebieten auch einen positiven Aspekt. «Die meisten Interviewpartner sind ziemlich verblüfft, wenn sie mich sehen. Einen Israeli ohne Gewehr, der mit ihnen wie ein Mensch spricht. Manche wollen es gar nicht glauben, vor allem nicht die Kinder.»
«Die Öffentlichkeit weiß zu wenig» Und wie gehen Levy und Kratsman mit den Schicksalen dieser Menschen um? «Man darf bei dieser Arbeit nicht an sich denken. Das ist ein Luxus», meint Miki Kratsman. «Die Arbeit muss nun mal gemacht werden. Natürlich siehst du schwere Schicksale und bist nach einem Tag in den Gebieten extrem müde. Ich hab dann nicht immer genügend Geduld für den Alltag. Der Alltag in Israel nervt dann oft nur noch.» Für Gideon Levy ist der Umstand sehr wichtig, dass die beiden nun schon jahrelang zusammenarbeiten und sich daher auch die Erlebnisse teilen und gemeinsam verarbeiten. Kratsman, der 1971 aus Argentinien nach Israel einwanderte, ergänzt: «Die Unterstützung der Familie ist enorm wichtig. Die ganze Arbeit kann ohne den Rückhalt im privaten Umfeld gar nicht geleistet werden.» Auf die Frage, warum die beiden nicht auch die Schicksale der anderen Seite, also der jüdischen Israelis, zum Gegenstand ihrer Arbeit machen, antwortet Miki Kratsman: «Es gibt sehr viele Journalisten, die sich auf die Opfer auf unserer Seite konzentrieren. Die Medien in Israel beschäftigen sich ausgiebigst mit uns. Also darf es auch ruhig ein oder zwei Journalisten geben, die sich nur mit dem Leid der Palästinenser befassen.» Für Kratsman ist die Aufklärung der israelischen Öffentlichkeit über die Zustände in den Gebieten ein dringliche Notwendigkeit: «Die Öffentlichkeit in Israel weiß nicht genug. In den Zeitungen stehen nicht ausreichend Informationen. Vor der Ersten Intifada gab es so gut wie gar keine Berichterstattung. Auch heute noch gibt es nicht genügend israelische Journalisten, die sich des Themas annehmen. Wir stehen ziemlich allein auf weiter Flur. Das ist sehr schade. Und das ist nicht gut für uns als Gesellschaft. Mehr Korrespondenten aus den Gebieten bedeuteten auch mehr Glaubwürdigkeit der israelischen Medien. Aber es interessieren sich einfach nicht genügend Leute dafür.» «Meiner Ansicht nach ist es sehr wichtig, über die Okkupation zu berichten, solang sie besteht», führt Levy den Gedanken weiter. «Ich weiß, dass die Israelis das nicht lesen wollen. Die meisten Israelis wollen nicht wissen, was auf ihrem Hinterhof passiert. „Ha'aretz" hat sich aber gegen den Strom gestellt und sieht eine Aufgabe darin, über die Okkupation zu berichten. Und sie zahlt dafür den Preis. Viele Leser haben schon ihr Abonnement wegen Amira Hass und mir abbestellt. Die Zeitungen in Israel, wie überall in der Welt, werden heute zuallererst als Business betrachtet und passen sich also dem Leser an.» Die Reaktionen auf Levys Artikel und Kratsmans Fotos in Israel - und international - variieren zwischen tiefer Abneigung, resignierter Zurkenntnisnahme und Nichtbeachtung. Levy bekommt jede Woche viele Mails mit Beschimpfungen und Drohungen. Levy: «"Thank you for your wonderful article, Adolf Hitler!" - ist so ein Beispiel. Viele negative Stimmen kommen gerade von Juden aus den USA. Die Linke wiederum legt meine Berichte nach ihrem Belieben aus. Am schlimmsten empfinde ich aber die Gleichgültigkeit in der israelischen Gesellschaft. Diese ist besonders in den letzten fünf Jahren geradezu apathisch geworden. Ich fühle das auch bei meinem Schreiben. Das Leid des Anderen interessiert einfach keinen.» Levy versucht eine eigene Erklärung für das Desinteresse und den geringen Einfluss seiner Arbeit auf den Diskurs in Israel zu geben. «Seit Beginn der Zweiten Intifada findet ein Vereinheitlichungsprozess in der israelischen Gesellschaft statt. Nachdem alle Baraks Lüge vom Jahr 2000 - es gäbe keinen Ansprechpartner auf der palästinensischen Seite - Glauben schenkten, fiel der Vorhang. Die Mauer ist der fysische Ausdruck dafür. Die Palästinenser sollen uns aus den Augen. Aber dann kommt der Gideon Levy wieder und nervt. Es ist mir klar, dass man nicht jede Geschichte lesen kann. Aber ein Blick auf das Bild, auf die Überschrift reicht schon aus. Das Leiden geht weiter. Auch wenn viele schon längst davon genug haben und ein Großteil mich gar nicht liest, ist das für mich kein Kriterium. Dass man in den Medien so wenig über die Okkupation zu hören und zu lesen bekommt, heißt ja noch lange nicht, dass es vorbei ist."
« Ich bin kein Märtyrer» Auf die Frage, wie hoch der private und der berufliche Preis für seine Arbeit sei, antwortet Levy nach einer längeren Pause: «Nicht so hoch. Ich bin kein Märtyrer und auch kein Heiliger. Ich will auch gar keinen so großen Preis zahlen. Aber es gibt schon sehr schwere Augenblicke. Zum Beispiel dann, wenn ich mir auf der Straße im Beisein meiner Kinder von Leuten abfällige Bemerkungen anhören muss. Aber ich lebe ein freies Leben. Ich sehe mich als Teil der israelischen und der Tel Aviver Gesellschaft. Im Endeffekt ist das große Leiden bei denen, über die ich schreibe. Das ist das echte Leid.» Levys berufliche Karriere war Ende der 1990er Jahre auf dem Höhepunkt. Damals hatte er eine eigene Fernsehsendung auf Kanal 3. Zuletzt bekam Levy gerade aus dem Ausland Anerkennung für seine Arbeit, wie etwa durch den an ihn im Jahr 2003 verliehenen «Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien» der Leipziger Medienstiftung. «Ja, früher wurde ich viel mehr eingeladen. Würde ich nettere Sachen sagen und mehr Kompromisse schließen, wäre meine Karriere in den letzten Jahren sicher anders verlaufen. Andererseits, in einem „Ha'aretz"-Interview vom Oktober 2005 zählte Noam Chomsky unter anderem Amira Hass und mich zu den besten Journalisten der Welt. Das ist nicht wenig.» Wenn es einmal so etwas wie Idealismus in Levys und Kratsmans Arbeit gab, vor allem in den friedensbewegten Oslo-Jahren, so ist dieser heute einer professionellen Sicht auf das eigene Tun gewichen. Kratsman: «Am Anfang habe ich geglaubt, etwas in der Gesellschaft verändern zu können. Heute glaube ich das nicht mehr. Ich ändere mit meiner Arbeit keine Meinungen. Aber es ist für mich wichtig, die Okkupation zu dokumentieren, von Israelis und nicht durch Auslandsmedien.» Die Zeichen für eine politische Besserung stehen im Zuge des Gaza-Abzuges und weiter anstehender Räumungen jüdischer Siedlungen unter Ariel Sharon nicht so schlecht. Dennoch glaubt Kratsman an keine kurz- oder mittelfristige Beendigung der Okkupation. Kratsman: «Es ist aber schon sehr positiv, dass in dieser Zeit in Israel eine neue Art von Diskurs stattfindet. Ein palästinensischer Staat ist keine bloße Utopie mehr. Ich hoffe natürlich, dass sich das nicht als Illusion a lá Oslo erweist. Es gibt einen kleinen Fortschritt, wenn auch zu wenig und viel zu spät. Ich bin aber optimistisch. Das ist auch die einzige Option. Noch haben wir als Gesellschaft zu wenig Mittel zur Verfügung, das Problem der Okkupation zu begreifen. Man muss dabei von unten anfangen. Das Erziehungssystem und das Meinungsbild auf der Straße sind derzeit noch nicht dafür bereitet. Aber am Ende wird es schon irgendwie besser.» |