Surfing Over German Guilt

 

Nichts verkörpert die Idee des Jazz überzeugender als das verwinkelte Kellergewölbe des Jazz-Club e.V. in Hannover. Ich bin schon vorher hier gewesen und erinnere mich an inspirierende und mitreißende Konzerterlebnisse. Heute habe ich mich mit dem gefeierten Jazzer und Exil-Israeli Gilad Atzmon verabredet, eine Stunde vor Beginn seines Konzerts, um mit ihm über seine Musik, sein literarisches Schaffen und natürlich über Politik zu reden. Was ist nicht alles über ihn geschrieben worden: «Enfant terrible», «begnadeter Musiker», «Antizionist», «gnadenloser Satiriker», «Holocaust-Leugner» - heute habe ich Gelegenheit, mir selbst ein Bild zu machen. Wie alle vermeintlichen Unruhestifter, denen ich bisher begegnet bin, entspricht er dieser unbewußten Abwehr einer intellektuellen Herausforderung überhaupt nicht, sondern begrüßt mich unkompliziert und herzlich. Ob ich sein Buch gelesen habe, will er wissen. Ob ich es «verkraftet» habe. In der Tat ist sein neuer Roman «My One and Only Love» eine Provokation für den voreingenommenen Leser, obwohl es darin zuallererst um Atzmons Hauptthema geht: die Suche nach der reinen und wahren Musik und ihre vollständige Zurückdrängung durch das Gesetz des internationalen Marktes, eine Binsenwahrheit fast. Wäre da nicht Avraham Shtil, der heimliche Held des Buches: israelischer Musikmanager, Mossadspion und Gelegenheitsmörder, der Erfinder der Schoah-Industrie, der den Deutschen in den 1960er Jahren mit einem an Esther und Abi Ofarim angelehnten Schlagerduo endlich zu Schuldgefühlen verhilft und eiskalt immer nur seine persönlichen Ziele und die des zionistischen Staates verfolgt. Atzmon weiß, wovon er schreibt, als junger Musiker hat er selbst jüdische Musik in Deutschland gespielt: «Surfing Over German Guilt» - bis er es nicht mehr ertragen konnte. Es ist ein guter Roman, ein sehr lesbarer Roman, der sich schließlich zu einer Farce auswächst, einem Science Fiction fast, wie es sein erstes Buch «Anleitung für Zweifelnde» war - denn es beschreibt eine Zeit im 21. Jahrhundert, in der Israel bereits von der Landkarte verschwunden ist. Darf man so etwas überhaupt denken? Gilad Atzmon hat nicht nur Musik studiert, sondern auch Philosophie und ist es gewohnt, radikale Fragen zu stellen. Er erzählt mir, daß er erst gestern, bei einer Lesung, als Antisemit beschimpft worden sei. Jetzt sind wir also schon mitten in jenem Thema, das oft heftigere Reaktionen hervorruft als seine Musik oder seine Bücher. Dabei hatte ich mir vorgenommen, den streitbaren Künstler zunächst zu musikalischen Themen zu befragen. Aber schon seine Agentin hatte mich gewarnt. «In meiner Welt gibt es keine rein musikalischen Anliegen», strahlt Atzmon, der protestiert, als ich ihn in einer Frage «Jude» und «Exil-Israeli» nenne. «Ich bin ein Hebräisch sprechender Palästinenser», sagt er und erläutert: «Palästina ist ein fest umrissener geographischer Begriff, seit über zweitausend Jahren. Meine Eltern haben beide eine palästinensische Geburtsurkunde und die Muttersprache meiner Großeltern war Arabisch. Israel hingegen ist eine Ideologie, kein Ort. Meine persönliche, vielleicht sehr radikale Ansicht ist, daß Israel als geographischer Begriff von der Landkarte verschwinden wird.» Als überzeugter Antizionist befürwortet Gilad Atzmon eine radikale Ächtung Israels durch die Weltgemeinschaft. Sein persönlicher Boykott israelischer Kultur geht so weit, daß er seiner Plattenfirma untersagt, seine CDs in Israel zu vertreiben. Seinen neuen Roman hat er auf eigene Rechnung in arabischer Übersetzung in die besetzten Gebiete geschickt. Da er Hebräisch als Vehikel zionistischer Ideologie betrachtet und sein erster Roman in Israel schon nach zwei Wochen verboten wurde, schreibt er heute nur noch auf Englisch. Atzmon war in Israel schon vor seiner Emigration als Musiker und Produzent sehr erfolgreich und hat mit Stars wie Ofra Haza oder Yehuda Poliker zusammengearbeitet, daher möchte ich wissen, wann und unter welchen Umständen er die Entscheidung traf, das Land seiner Geburt zu verlassen. «Ich habe mich schon während meines Armeedienstes dazu entschlossen. Leider war ich dann plötzlich sehr erfolgreich als Musiker und verdiente 15.000 Euro im Monat. Es ist sehr schwer, ein so angenehmes Leben aufzugeben, aber ich kam sehr schnell an einen Punkt, wo mir klar wurde, daß ich nicht länger in einem Land leben wollte, das zuvor anderen Menschen weggenommen wurde. Ich habe diesen Widerspruch einfach nicht mehr ertragen!» Der Erfolg blieb ihm auch in London erhalten. Als Mitglied von Ian Dury's «Blockheads» musizierte er mit Popgrößen wie Sinead O'Connor, Robbie Williams und Paul McCartney, später gründete er sein eigenes «Orient House Ensemble», mit dem er eine mitreißende Mischung aus klassischem Bebop und Einflüssen aus dem Nahen Osten spielt. Für seine bahnbrechende CD «Exile» wurde ihm 2003 der BBC-Jazz-Award «Best Album of the Year» verliehen. Darauf hatte er auf sehr spannende und musikalisch überzeugende Weise zionistische Hymnen bloßgelegt, dekonstruiert und mit arabischen Klangfarben und Instrumenten ironisch umgedeutet. Ähnlich ist er auf seiner aktuellen CD «MusiK - Re-Arranging the 20th Century» mit dem Lied «Lili Marleen» verfahren, das mir in seiner ungewohnten arabischen Artikulation gar nicht mehr aus dem Kopf geht. Warum ausgerechnet «Lili Marleen»? - «Ich muß zuerst sagen, daß ich «Lili Marleen» nicht gerade für einen guten Song halte - und trotzdem hat dieser Song im Zweiten Weltkrieg Soldaten vom Kämpfen abgehalten. Meine Überlegung war nun, da wir gerade damit beschäftigt sind, Araber zu töten: vielleicht kann diese Melodie, gespielt mit dieser neuen Klangfarbe, auch einige Leute im Westen zum Einhalten bringen und zum Nachdenken. Aber das ist natürlich eine Utopie - nach wie vor töten wir täglich Menschen im Irak, in Afghanistan, bald vielleicht sogar in Syrien und im Iran - das macht mich rasend.» Ich bringe die Sprache auf die Nähe des Jazz zu östlichen musikalischen Gestaltungsformen, der klassischen indischen, persischen oder arabischen Musik, die ebenfalls semi-improvisatorisch strukturiert sind, aber Atzmon sagt frei heraus, daß diese Parallelen für ihn keine Rolle spielen. Jazz ist seine Musik ohne wenn und aber. Sein Anliegen ist die Wiederentdeckung und Freilegung der wahren, reinen Musik, die er stets deutsch ausspricht, im Gegensatz zur kommerzialisierten Unterhaltungsmusik, der marktgerechten Music amerikanischer Prägung. «Die sogenannte Befreiung Europas durch die Alliierten bedeutete gleichzeitig die Manifestation einer Kultur-Industrie zur Kolonisation der Menschheit. Es gibt zwar immer noch gute Musik, aber es wird immer weniger, vor allem was künstlerische Freiheit und Kreativität betrifft. Ich glaube nicht, daß Tolstoi heute noch einen Verleger finden würde. Aber Jazz ist auch deshalb meine Musik, weil es die anti-amerikanischste Kunstform überhaupt ist: revolutionär und anarchistisch. Außerdem gibt mir Jazz Gelegenheit, mich jeden Abend aufs neue selbst zu erschaffen. Ich sage nicht, daß mir das wirklich gelingt, aber es ist Triebfeder und Inspiration für all meine Musik und meine Romane.» Ich komme noch einmal auf die Antisemitismus-Vorwürfe vom vorigen Abend. Schnell bringt Atzmon die Sprache auf Otto Weininger, jenen mißverstandenen antisemitischen jüdischen Philosophen, der viele prominente Zeitgenossen zu Anfang des 20. Jahrhunderts prägte. Atzmon fühlt sich Weininger insofern verbunden, als auch er seinen Haß auf Israel und den Zionismus aus sich selbst zieht, aus jenen Persönlichkeitsanteilen, die durch die Ideologie und Erziehung geprägt sind, daraus schafft auch er seine literarischen Charaktere. «Das Problem ist, daß wir den Holocaust nicht als Objekt geschichtlicher Forschung betrachten, sondern als ständigen, unveränderlichen Punkt auf der politischen Tagesordnung. Ohne Joschka Fischer und David Grossman würde es doch gar keinen Holocaust geben! Was würde passieren, wenn ich herausfände, daß die Nazis nur fünfeinhalb Millionen Juden ermordet hätten statt sechs Millionen? Man würde mich einsperren! Wenn man aber keine Forschung über den Holocaust zuläßt, überläßt man dieses Feld den Neonazis! Neonazis, die nach Auschwitz fahren und die Gaskammern suchen, sind in gewisser Hinsicht jüdischer als Rabbiner, denn sie stehen, indem sie nach Beweisen suchen, in einer klassischen philosophischen Tradition, die jahrhundertelang Grundlage aller Wissenschaft war. Erst im 20. Jahrhundert gab man diese Tradition auf: man war plötzlich nicht mehr an Wissen als Wert an sich interessiert, sondern daran, wie man es in Macht und Geld umwandeln kann. Heute - und das hat Yeshayahu Leibowitz schon in den 1950er Jahren erkannt - streben wir nicht mehr nach Wissen, sondern nach Glauben: der Holocaust ist zu einer Religion geworden, mit Tempeln wie Yad Vashem, Dogmen und allem was dazugehört. Wer aber in einer Religion das Dogma in Frage stellt, wird zum Antichrist.» Natürlich bleibe ich noch zum Konzert. Atzmons Spiel und die Interaktion mit seiner sechsköpfigen Band sind von atemberaubender Spielfreude und großer Musikalität. Während seiner Soli, aber auch im Ensemblespiel flicht der Saxophonist immer wieder musikalische Zitate ein, die das Publikum ebenso mit spontanem Beifall goutiert wie seine witzigen Moderationen: «It Ain't Necessarily So», «Peter und der Wolf» oder «Mackie Messer» - das ist die eigentliche Welt des Gilad Atzmon - sein Reichtum und seine Waffe. Das Publikum spürt, daß es einen authentischen Menschen und Musiker vor sich hat und verabschiedet ihn mit großem Applaus. Zum Schluß ist er ganz der Schmerzensmann: seine letzte Zugabe, die er mit Quartettbesetzung spielt, heißt «Jenin» und ist den Opfern des israelischen Massakers im gleichnamigen Flüchtlingscamp gewidmet. Atzmon hat Tränen in den Augen und mir scheint, er beweint eine Welt, die noch nicht ganz verloren ist.

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Januar 2006