Buchcover

«Die Uhr»

von Carlo Levi

 

Über 50 Jahre mussten vergehen, bis auch der zweite und letzte Roman des Malers und Schriftstellers Carlo Levi in deutscher Sprache erscheinen konnte. Dabei ist «Die Uhr» ein Buch von hohem literarischen Rang, das in Levis Heimat Italien mittlerweile als noch bedeutender gilt als das spektakulär verfilmte «Christus kam nur bis Eboli». Carlo Levi (1902-1975) war eine bedeutende Persönlichkeit des antifaschistischen Widerstands in Italien; anders als sein Landsmann Primo Levi konnte er jedoch der Deportation entgehen und überlebte den Krieg in einem Versteck in Florenz. Dort entstand sein erster Roman, inspiriert von den Erfahrungen, die er während seiner Verbannung durch die Faschisten nach Süditalien in den 1930er Jahren gemacht hatte. „Die Uhr", in den Jahren 1947-49 entstanden, ist ein Dokument der Aufbruchsstimmung in Italien nach der Befreiung, ein großes römisches Panorama der nur ein halbes Jahr währenden Regierungszeit Ferruccio Parris, eines Helden der Widerstandsbewegung, mit dessen überraschendem Rücktritt alle Hoffnungen auf eine linksliberale Erneuerung Italiens plötzlich zunichte waren. Die sich daran anschließende Zeit der Restauration verhinderte eine angemessene Rezeption von Levis Romans, in dem sich viele seiner einstigen Weggefährten verunglimpft sahen. So brauchte es auch in Italien Jahrzehnte, bis dem Buch die verdiente Anerkennung zuteil wurde. Held des Romans ist ein linker Journalist in Rom namens Carlo, der sich aktiv an Italiens Erneuerung beteiligt und sich mit allen Sinnen in die überbordende Lebendigkeit der Metropole stürzt. In einer sehr mitreißenden, poetischen Sprache ist Carlo Levi mit «Die Uhr» ein zeitloses Meisterwerk gelungen, das den Anspruch von Weltliteratur erfüllt, das Leben in all seinen Facetten abzubilden.

Florian Hunger

 

«Die Uhr»
aus dem Italienischen und mit einem Nachwort versehen von Verena von Koskull
Aufbau-Verlag, 488 Seiten
24,90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2006