Buchcover

«Und Feuer fiel vom Himmel»

von Batya Gur

Ein gutes halbes Jahr nach dem Tod der großartigen Batya Gur erscheint diesen Monat ihr letzter Kriminalroman auf Deutsch, mit einem neuen Fall für ihren charismatischen Jerusalemer Kommissar Michael Ochajon. Auch diesmal hat der Verlag den sachlichen hebräischen Originaltitel nicht übernommen, sondern sich erneut einen pseudo-biblischen Papperlapapp ausgedacht, unter dem er schon ihre vorherigen Bücher vermarktet und zum Erfolg gemacht hat. Zweifellos gehören Batya Gurs Kriminalromane zu den besten des Genres, obwohl es der Autorin zuletzt immer weniger um die Frage ging, wer denn nun der Mörder war - oft ahnte man es schon vorher - sondern vielmehr um eine gründliche Darstellung des jeweiligen sozialen Umfelds und um treffende Charakterisierungen ihres Personals. Tatsächlich steigerte sich Gur von Roman zu Roman und lieferte zuletzt fesselnde, literarisch ambitionierte psychologische Studien aus mitunter von Kapitel zu Kapitel wechselnden Perspektiven. Dabei war sie immer politisch engagiert und bestrebt, die Widersprüche der israelischen Gesellschaft aufzuzeigen. Deshalb ließ sie ihre Romane stets in hermetischen Milieus wie der Psychoanalytikerszene, einem Kibbuz oder an der Universität spielen. Aber Batya Gur irritierte auch bei persönlichen Begegnungen, da sie gleichzeitig äußerst zurückhaltend und trotzdem kämpferisch war. Ihr letzter Roman führt uns zum staatlichen israelischen Fernsehen, wo es zu mehreren tödlichen «Unfällen» gekommen ist. Ochajon nimmt die Ermittlungen auf, und der Leser taucht ein in einen Mikrokosmos aus Beziehungen, politischen Anschauungen und sozialen und religiösen Widersprüchen - spannende Lektüre, die mehr will als unterhalten. Eine nach Batya Gurs allzu frühem Tod von ihren Fans kaum noch erhoffte Zugabe, die dankbar aufgenommen werden wird.

Florian Hunger

 

 

«Und Feuer fiel vom Himmel»
aus dem Hebräischen von Barbara Linner
Goldmann-Verlag, 480 Seiten
21,90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2006