Buchcover

«Ich, Anastasia»

von Alona Kimhi

 

Der Name Alona Kimhi wird, besonders nach ihrem auch in Deutschland erfolgreichen ersten Roman «Die weinende Susannah», immer in einem Atemzug mit dem von Zeruya Shalev als weitere bedeutende junge Stimme Israels genannt. Aber während Shalev gar nicht erst versucht, israelische Realität abzubilden, sondern sich immerzu in abstrakte Kammerspiele über die Beziehung zwischen den Geschlechtern flüchtet, die so auch überall sonst in der Welt stattfinden könnten, läßt Kimhi den Einbruch des unterschwellig von Zukunftsangst und Terror geprägten Alltags in die Gefühlswelt ihrer Protagonisten immerhin in Nebensätzen zu. Nun ist im Berliner Taschenbuch Verlag auch ihr literarisches Debüt „Ich Anastasia" erschienen, eine Sammlung von fünf jeweils zwischen 30 und 80 Seiten langen Kurzgeschichten, für das sie in Israel 1996 gleich mit dem AKUM-Preis für das beste Debüt ausgezeichnet wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die 1972 aus der Ukraine eingewanderte Autorin mit 30 Jahren tatsächlich eine junge Stimme. In ihren Kurzgeschichten hat sie sich ein erstaunlich reifes Themenspektrum erarbeitet, besonders erwähnenswert das Szenario einer Familie von russischen Neueinwanderern, aus Sicht eines jungen Mädchens erzählt, oder die Geschichte von einer Modefotografin, die vergeblich gegen die Oberflächlichkeit ihres Metiers ankämpft. Alle Protagonisten sind auf gewisse Weise hoffnungslose Fälle, die sich halbherzig gegen die Beschränkungen wehren, welche die Gesellschaft ihnen auferlegt und denen sie sich zum Teil gefügt haben. Geschrieben ist das alles mit einer Distanz, die immer wieder Anlass zum Schmunzeln gibt - ein erstes Ausrufezeichen eines großen literarischen Talents, das mit dem Roman «Die weinende Susannah» zu erster Reife gelangte.

Florian Hunger

 

 

«Ich, Anastasia»
aus dem Hebräischen von Ruth Melcer
Berliner Taschenbuch Verlag, 253 Seiten
9,90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2006