Buchcover

«Unser Holocaust»

von Amir Gutfreund

 

Amir Gutfreund, Jahrgang 1963, habe Mathematik studiert und arbeite heute für die israelische Luftwaffe, berichtet der Berlin-Verlag in seiner Pressemitteilung etwas verschämt über seinen Autor - dabei ist Gutfreund Offizier im Rang eines Generals. Nun ist es für einen israelischen Autoren nicht unbedingt ein Widerspruch, gleichzeitig Soldat und Schriftsteller zu sein und wird auch von der Öffentlichkeit nicht als solcher wahrgenommen - das alles ist Teil des israelischen Gründungsmythos. «Unser Holocaust» ist dennoch ein bemerkenswertes Romandebüt über das Nachwirken des Holocaust in der zweiten Generation, das von seinem Autor offensichtlich geschrieben werden musste - dieses persönliche Anliegen merkt man dem Roman jederzeit an, ohne dass dieser jemals bemüht wirken würde - erzählerisch überbordend reiht sich eine Episode an die andere. Der zwölfjährige Erzähler Amir und seine gleichaltrige Freundin Effi beschließen, alles über den Holocaust in Erfahrung zu bringen, der die sonderbaren Menschen in ihrer Umgebung, einem Vorort Haifas in den 1970er Jahren, so über die Maßen zu prägen scheint. Dabei erfahren sie auf ihre unbefangene kindliche Art, dass der Holocaust, so wie ihn ihre Verwandten oder jene «Onkel» und «Tanten», die sie für Verwandte halten, erdulden mussten, ein gänzlich anderes, weil individuelles, persönliches Antlitz zeigt, als sie es von der instrumentalisierten öffentlichen Erinnerungskultur ihres Landes gewohnt sind. Gutfreund spart kein noch so schmerzhaftes Detail aus und drückt den Finger in die offene Wunde - es scheint für ihn keine Tabus zu geben, weder die deutsch-israelischen Beziehungen, noch die mögliche zukünftige «Wiederholung» des Holocaust als Völkermord an den Palästinensern. Ein sehr erwachsener Roman und ein überzeugendes Plädoyer dafür, keinem Staat der Welt die Macht über die Erinnerung zu überlassen.

Florian Hunger

 

 

«Unser Holocaust»
aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Berlin Taschenbuch Verlag, 640 Seiten
12,50 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2006