Buchcover

«Dohlenjude»

von Meino Naumann

 

Das vorliegende Buch ist ein gelungener, ungewöhnlicher Heimatroman aus Ostfriesland. Meino Naumann, ein promovierter Historiker und pensionierter Gymnasiallehrer, machte bereits 2004 mit seinem Buch «Werthers Wilhelm» auf sich aufmerksam, einer originellen Entgegnung auf Goethes Jahrhundertroman, in dem Werthers bei Goethe nie zu Wort gekommener Brieffreund Wilhelm von seinen zahlreichen amourösen Abenteuern berichtet und sich als pragmatischer und zupackender Gegenentwurf zum Werther erweist. Naumanns neuer Roman erzählt die Geschichte eines jungen Juden in Norden/Ostfriesland, der sich auf einem Dachboden vor den Nazis versteckt, gedeckt und versorgt von der etwa gleichaltrigen Tiebe, mit der ihn bald eine intensive Liebesbeziehung verbindet. Unter den beengten Verhältnissen des Verstecks und in der ständigen Angst, entdeckt zu werden, entspinnt sich ein reizvolles filosofisches Kammerspiel als Parabel auf die Liebe an sich. Freundschaft, Nähe, Freiheit und Verrat sind die großen Themen dieses ambitionierten Romans. In ihrer Unfähigkeit loszulassen, verschweigt Tiebe ihrem Geliebten schließlich das Kriegsende und verliert ihn so endgültig. Nach seinem Selbstmord, 50 Jahre später, findet sein Erbe Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, in denen Dirk Wullenweever selbst seine Geschichte erzählt - ein feinfühliges Panorama der Naziherrschaft in einer deutschen Kleinstadt, das durch die aktuellen Beobachtungen seines deutschen Erben noch an Tiefe gewinnt. Auf diese Weise erfährt der Leser, was aus den Liebenden von einst, aber auch was aus den lokalen Nazischergen geworden ist. Ein klug entworfener und mitreißend erzählter Roman, dem mehr als ein regionales Publikum zu wünschen ist.

Florian Hunger

 

 

«Dohlenjude»
Schardt-Verlag, 398 Seiten
19,80 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Januar 2006