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«In mehr als guter Verfassung»Ein Besuch bei Hildegard Hamm-Brücher, Trägerin des diesjährigen Heinz-Galinski-Preises
Mit Verweis auf ihr Alter nimmt Hildegard Hamm-Brücher in ihrem, wie sie ihn nennt, «Oma-Sessel» Platz und bringt sich per Knopfdruck in bequeme Position. Die Grand Dame, die über Jahrzehnte das sozial-liberale Profil der FDP prägte, als Staatsministerin im Auswärtigen Amt die deutsch-israelischen Beziehungen mitgestaltete und stets für die Teilhabe von Frauen an der Politik warb, wird demnächst 85 Jahre. Das hält sie aber nicht davon ab, nach wie vor die politischen Vorgänge im Auge zu behalten. So sitzt sie an einem verschneiten 22. November in der Bibliothek ihrer Wohnung in München-Harlaching und spricht an dem Tag, an dem Angela Merkel zur ersten Bundeskanzlerin Deutschlands gewählt werden soll, über ihre politischen Enkelinnen, das Leben im Schatten der Nürnberger Rassegesetze, ihre Begegnungen mit Heinz Galinski und die heutige Haltung zur FDP.
Frau Hamm-Brücher, ich bin gerade nicht informiert, aber theoretisch müsste Frau Merkel inzwischen unsere Bundeskanzlerin sein... Haben Sie es nicht mitbekommen? Ach ja, Sie waren im Zug. Soll ich es Ihnen schnell sagen? Also, Sie hätte 438 Stimmen haben können, wenn alle Koalitionsabgeordneten für sie gestimmt hätten. Sie hat «nur» 397 Stimmen bekommen, es fehlen also 51 Stimmen, dem folgte natürlich ein wirres Spekulationsgetorkel nach der Wahl. Einige haben behauptet, dass die Bösewichter nicht nur in der SPD-Fraktion waren und auch eine Handvoll CSU-Leute sie nicht gewählt hätte. Das ist ja auch plausibel. Ich musste darauf schnell einkaufen fahren und habe es nicht mehr weiter verfolgt. Aber im Grunde finde ich das Ergebnis sehr gut. Die Frau, die hat wirklich was geleistet. Sonst hätten wir jetzt Neuwahlen und das wäre schlimm für unsere Demokratie.
Wird Sie bei Ihnen anrufen und sich bedanken? Das glaube ich nicht. Ich kenne sie auch gar nicht so gut. Ich wollte sie für das Kuratorium meiner Heuss-Stiftung haben, sie hat auch zugesagt, ist aber in sieben Jahren nicht einmal gekommen. Aber ohne Ihre politische Grundlagenarbeit wäre eine Bundeskanzlerin kaum denkbar. Ja, das ist richtig. Wir wenigen Frauen in der «Pionierinnen-Generation» - Generationen eigentlich, wobei ich immer mit weitem Abstand die Jüngste war, denn meine Generation, die zwischen 1919 und 1925 geboren ist, die ist eigentlich voll bei den Nazis aufgegangen. Die haben sich nach '45 oft nicht engagiert. Da waren sonst nur noch die alten Damen aus der Weimarer Zeit, ansonsten hat es bis in die 60er Jahre gedauert, bis die Frauen, die nun schon sozusagen meine Töchter waren, kamen. Insofern bin ich wirklich eine der ganz wenigen Pionierinnen, die sich an Hitler erinnerten und die gesagt haben: «Nun kommt es darauf an, dass auch wir Frauen dafür sorgen, dass so etwas nicht noch mal passiert.»
Sie haben - frei nach Max Weber - das Schlagwort von der «Politik als Frauenberuf» geprägt. Ist das mit Angela Merkel nun verwirklicht? Ich bin hell begeistert und im Grunde ist es mir egal, ob es Heide Simonis, eine Tochter der Generation, die es auch schon hätte schaffen können, oder nun eben Frau Merkel ist - die einfach noch das Plus hat, dass sie aus den neuen Ländern kommt. So hat sich auch in der Personalisierung die Vereinigung vollendet, nach all den schwierigen Jahren nach der Einheit, die doch eigentlich zunächst eine Entfremdungszeit waren. Wir haben ja auch noch Herrn Platzeck bekommen, also sind wir jetzt fest in Ossi-Hand (lacht). Auch damit bin ich sehr zufrieden.
War Deutschland 1994 noch nicht dazu bereit, eine Bundespräsidentin zu akzeptieren? Da ich trotz allem ein sehr nüchterner Mensch bin, war ich mir von Anfang an darüber klar, dass bei der Bundesversammlung nach strenger Parteidisziplin gewählt wird und ich daher keine Chance haben und Herr Herzog - wie es dann im dritten Wahlgang geschehen ist - die Wahl gewinnen würde. Aber ich habe mir gedacht, diese erste Frauenkandidatur ist auch ein Zeichen - ich habe ja im ersten Wahlgang ungefähr dreißig Stimmen mehr bekommen als die FDP-Wahlmänner und -frauen hatten. Und wenn wir jetzt hier irgendwo in der Stadt herumspazieren würden, wäre es sehr wahrscheinlich, dass mich jemand ansprechen und sagen würde: «Sie sind doch die Frau Hamm-Brücher. Schade, dass Sie nicht Bundespräsidentin geworden sind.»
Da sind wir schon beim Thema Politik und beim Thema FDP. Sie sind ausgetreten... Ja, am Tag der Bundestagswahl 2002, mittags um zwei Uhr, bevor das Ergebnis heraus war. Ich wollte nicht im Wahlkampf austreten, das fand ich nicht fair. Aber ich wollte auch nicht nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses austreten. Ob es gut war oder schlecht, war mir egal. Ich wollte austreten und der Brief an Herrn Westerwelle hat den Stempel vom 22. September, 14 Uhr. Es war einfach überfällig, dass ich dem Treiben des Herrn Möllemann einen öffentlichen Protest entgegengesetzt habe. Die FDP war, das kommt ja auch in meinen Erinnerungen immer mal vor, in den 50er und 60er Jahren ein ziemliches Sammelbecken für Personen, die unter Hitler Karriere gemacht hatten. Da kamen viele ehemalige, wirklich schlimme Nazis von Herrn Achenbach bis zum Staatssekretär von Goebbels, Neumann, die die Partei unterwandert haben. Und in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts sammelte sich wieder so eine Clique und zwar aus den Rechtsparteien, aber auch aus islamischen Gegenden. Herr Möllemann erfuhr großen Zulauf, als er die antizionistische Welle gespielt hat. Er setzte ja nicht mehr auf den traditionellen deutschen Antisemitismus, sondern auf den Antizionismus, der das Existenzrecht Israels in Frage stellt. Das war - bei aller berechtigten oder unberechtigten Kritik - der Rubikon, den ich nie jemandem gestattet habe, zu überschreiten. Weder in der Partei noch sonst irgendwo.
Aber trotzdem ist die FDP Ihre Partei geblieben? Die FDP war meine Partei, weil ich eben nach dem Jahrzehnt der Unfreiheit mich so begeistert habe, frei zu sein. Allein vom Namen her: Freie und demokratische Partei, das war's - einmal abgesehen von meinem späteren Ziehvater Theodor Heuss. «Demokratie ist mehr als ein Wort»: Das ist durch meine Jugend und durch mein Schicksal in Kindheit und Jugend mein Motto geworden. Und darum bin ich da gelandet.
Aber eingetreten sind Sie nicht wieder? Auf gar keinen Fall. Niemals! Man hat natürlich immer mal wieder versucht, mich dazu zu überreden, nachdem Herr Möllemann dann weg war. Ich habe immer gesagt: «Das tut nicht gut, das mache ich nicht.» Ich war ja nun auch 79, nein, sogar, schon 81 Jahre alt, das war ja 2002. Außerdem könnte ich ja auch in der Partei gar nicht mehr aktiv werden, könnte auch keinen Einfluss auf die innere FDP-Gestaltung mehr nehmen. Außerdem ist auch Herr Westerwelle nicht mein Typ. Aber natürlich habe ich viele liebe alte Bekannte in der FDP und ich habe auch über Bildungspolitik in der bayerischen FDP gesprochen, also ist es kein totaler Bruch in den persönlichen Beziehungen. Mit Wolfgang Gerhardt habe ich immer noch gute Verbindungen.
Sie waren stets eine starke Verfechterin der sozial-liberalen Koalition... Die sozial-liberale Koalition war das einzige Mal, dass ich politisch sozusagen da verortet war, wo meine Grundüberzeugungen liegen, wobei ich beide Elemente fand, gerade auch die soziale Komponente, die wir damals mit dem «Freiburger Programm» formuliert hatten. Zum ersten Mal sprachen wir auch über Themen wie Ökologie, keine andere Partei hatte das bis dahin getan. In dieser Zeit habe ich mich wirklich mit meiner Partei identifiziert. Mit dem Sturz von Helmut Schmidt war das flöten, einfach futsch. Das war Verrat. Von Genscher und Lambsdorff ein Coup sozusagen. Es folgte ein Rechtsruck, Entfremdung und Sozialpolitik war auf einmal sekundär - und der Neoliberalismus baute sich in erschreckender Weise auf.
Ein Credo in Ihrem Leben ist die Forderung an Ihre Politik und an die Politik insgesamt, die Bedingungen für ein Leben in «Würde und Freiheit» zu schaffen. Befindet sich die deutsche Politik auf dem Weg dahin? (Denkt lange nach.) In Deutschland haben sich in den letzten zwei, drei Jahren durch die Wirtschaftsrezession und die wahnwitzige Arbeitslosigkeit die Grundfundamente der Demokratie verändert - und die rot-grüne Koalition war dem nicht gewachsen. Die sozialen Sicherungssysteme funktionierten nicht mehr und werden auch so schnell nicht wieder funktionieren. Dadurch hat sich die Stimmung in der Bevölkerung nicht gerade positiv für die Demokratie entwickelt. Darum denke ich, dass es sehr, sehr schwer sein wird, sowohl für die neue Kanzlerin, als auch für die sehr guten Leute - es sind ja selten so gute Ministerinnen und Minister in der Regierung gewesen wie jetzt. Aber wie sie das Steuer wieder mehr in die soziale Richtung lenken wollen? Das kann ich im Augenblick noch nicht erkennen.
Sie sprechen an, dass sich die Demokratie mal wieder bewähren muss. In Ihren Schriften bedienen Sie sich immer wieder Helmuth Plessners Erklärungsmodell der «verspäteten Nation». Ist Deutschland inzwischen in der Gegenwart angekommen? Wir Westdeutschen hatten das ungeheure Glück, den zweiten Versuch der Demokratie in Deutschland in der Zeit einer unendlichen wirtschaftlichen Blüte zu erleben. Und im Grunde hat die Akzeptanz der Demokratie hier erst eingesetzt, als es ihnen gut ging und die Demokratie ihnen einen Wohlstand brachte, den sie sonst nie erreicht hätten. Insofern habe ich immer gesagt: «Leute, freuen wir uns, dass die Demokratie einigermaßen funktioniert, aber seien wir uns bewusst, dass in schlechteren Zeiten die Wurzel nicht tief genug steckt.» Und das sage ich heute mehr denn je. Im nächsten Frühjahr wird ein kleiner Band erscheinen, mit Reden und Aufsätzen von mir aus den letzten fünf Jahren, den wir jetzt «In guter Verfassung? - Nachdenken über Demokratie in Deutschland» getauft haben. Wenn ich die Generation der heute 30-Jährigen anschaue, dann sehe ich in erster Linie unpolitische Menschen. Und, gerade wenn man den Vergleich mit Ihrer Person anstellt, viele unpolitische junge Frauen.
Welchen Eindruck haben Sie von dieser Generation junger Menschen? Sie meinen jene, die jetzt hineinwachsen sollten in die politische Verantwortung? Da ich nicht mehr so wie früher zwei oder drei Mal monatlich mit jungen Leuten in Hochschulen oder in Diskussionsforen oder bei der evangelischen Jugend zusammentreffe, kann ich es nicht genau einschätzen. Ich treffe immer wieder sehr engagierte Leute, denn die anderen lerne ich ja kaum mehr kennen. In zwei Wochen ist hier ein Jubiläum von der evangelischen Jugend, da gehe ich natürlich hin, weil die sich sehr freuen, wenn ich ihnen ein bisschen bei der Diskussion helfe. Aber dass es nun eine politisch besonders aufgeweckte Generation ist, das Gefühl habe ich auch nicht. Das kann sich natürlich unter dieser jetzigen Großen Koalition noch mal abschleifen. Ich weiß auch zu wenig, wie das mit dieser Linkspartei werden wird. Ich habe immer gefunden, dass die politische - das war ja in der DDR in gewisser Weise eine - Elite nach der Vereinigung heimatlos gewesen wäre, wenn sie nicht von der, wie hieß das damals, die Partei vom Herrn Gysi...
SED/PDS... ...ja, PDS aufgefangen worden wären. Ich habe da ein paar Frauen kennen gelernt, die dann teilweise auch im Bundestag waren. Die waren eigentlich so wie ich, als ich jung war. Natürlich ideologisch unwahrscheinlich geschulter, das war ich ja nicht. Was aber das Grundverständnis in bestimmten Fragen angeht: Was bedeutet Freiheit und Verantwortung? Was ist soziale Verantwortung? Oder: Was ist Gerechtigkeit? Sie waren einfach noch nicht so arriviert wie unsere jungen Leute.
Ein ganz wichtiger Moment, der immer wieder in ihrer Biographie durchkommt, ist der Nullpunkt Auschwitz, der nach 1945 alles dominiert... Das ist richtig. Das kommt aus meiner Lebensgeschichte. Wir fünf elternlosen Geschwister waren nach den Nürnberger Gesetzen «Halbarier» - oder auch «Halbjuden». Wir waren ja aber noch viel zu klein, um das alles zu ermessen, zumal man uns nie was Ehrliches und Genaueres gesagt hat. Ich merkte nur, dass ich plötzlich Schwierigkeiten in der Schule und beim Studium hatte, ohne dass ich mir irgendwie bewusst wurde: Wo gehöre ich denn eigentlich hin? Im Laufe der Nach-Hitler-Jahre habe ich angefangen, mich damit auseinander zu setzen. Was bedeutet das, dass deine Mutter und deine Großmutter, die ja beide von Geburt an Christinnen waren, dann auf einmal Juden waren? Für mich persönlich gab es eine ganz pragmatische Lösung: Du kannst es ja nicht ändern, dass Du im deutsch-christlichen Milieu aufgewachsen bist, aber Du kannst natürlich anfangen und dich wirklich bemühen zu verstehen, was es bedeutet, ein Jude zu sein. Welche religiösen Vorraussetzungen sind dazu zu schaffen, welche Verbindungen bestehen zwischen dem Alten und dem Neuen Testament? Den Zugang zum Alten Testament habe ich selbst erst durch Textauslegungen von Rabbinern auf dem Kirchentag bekommen. Das Vergessenwollen solcher Zusammenhänge in meiner Umgebung hat mich, wo immer ich auch war, in die Opposition getrieben.
Sie haben aber nie erwogen... ...zu konvertieren? Ich habe das erwogen - und zwar aus Trotz, wie mir ein Rabbiner sagte, mit dem ich einmal in den fünfziger Jahren darüber gesprochen habe. Der hat mir sehr schnell auf den Kopf zu gesagt: «Das machen Sie aus Trotz, und nicht, weil Sie irgendein religiöses Bedürfnis verspüren.» Und ich muss sagen, es war auch sehr viel Trotz, aber es war auch Neugier. Aber ob ich die ganze Prozedur des Jüdischwerdens durchgehalten hätte, das wüsste ich nicht zu sagen.
Aber einige haben diesen Schritt vollzogen... Ja, einige haben das gemacht, aber so stark war das Gefühl, das tun zu können, bei mir nicht. Und ich glaubte, dass ich mehr bewirken konnte, da ich es nicht gemacht habe. Aber es ist ein interessantes Thema, wie die von den Nürnberger Gesetzen Betroffenen dann nach 1945 sich damit auseinandersetzten, was das Judentum für ihre Eltern und Großeltern bedeutete und was es für sie selbst in Zukunft bedeuten könnte. Da müsste man mal eine große Interview-Arbeit machen. Ich habe zwei Brüder. Einer war schon in der Nazi-Zeit nach Holland gegangen und konvertierte, weil er eine Katholikin heiraten wollte. Nach 1945 ist er ein sehr strenger und sehr frommer Katholik geblieben und wollte nie etwas wissen vom jüdischen Teil unserer Familie. Er war völlig konsterniert, warum ich so auf die andere Seite neigte.
Sie äußern, dass es eine Katharsis der Deutschen geben könnte... ...ja, diesen Begriff gebrauche ich in diesem Zusammenhang gern. Gegen einen solchen Reinigungsvorgang stand lange die Weigerung auf deutscher Seite, sich den Verbrechen zu stellen. Immer wieder war dabei auch die personelle Kontinuität im Auswärtigen Amt, in dem sie als Staatssekretärin und Staatsministerin gearbeitet haben, Gegenstand der Debatte. Wie haben Sie das während Ihrer Tätigkeit empfunden? Im Auswärtigen Amt hatte ich nur mit Diplomaten zu tun, die außerordentlich positiv über die deutsch-israelischen Beziehungen dachten. Das waren Leute wie Klaus Schütz, ein ungeheuer engagierter Botschafter in Israel, oder Niels Hansen. Die waren so wie ich der Meinung: «Das müssen wir irgendwie hinkriegen.» Auch durch Genscher, der ja sehr darauf geachtet hat, dass die Beziehungen mit Israel einen guten Verlauf nehmen. Was das restliche Auswärtige Amt anging, habe ich zwar immer gedacht: Du müsstest Dich mal darum kümmern, was es hier sonst noch so gibt. Aber das habe ich dann nie gemacht.
Sie erhalten den diesjährigen Heinz-Galinski-Preis. Wie haben Sie Galinski erlebt? Ich habe Heinz Galinski wiederholt getroffen und ich glaube, ich war eine der wenigen, denen er wirklich in ihrer Gesinnung getraut hat. Wir waren in den achtziger Jahren zusammen mit einer Delegation in Auschwitz, um das Jugendzentrum einzuweihen. Da stand ich neben ihm, das war das erste Mal, dass er wieder in Auschwitz war, ich glaube, er ist danach auch nie wieder hingefahren. Wir standen an der Rampe in Birkenau - und er hat so gezittert, wie ich noch nie einen Menschen habe zittern sehen. Ich habe ihn in die Arme genommen. Das hat natürlich Verbundenheit geschaffen. Als dann die Heinz-Galinski-Stiftung gegründet wurde - da lebte er ja noch - wurde ich in das Kuratorium berufen, wahrscheinlich sogar auf seinen Vorschlag hin. Das ist meine Beziehung zu Heinz Galinski. Aber er war sehr streng und sehr unerbittlich. Bubis war dagegen sehr gütig und sehr nett. Er gab den Deutschen das Gefühl: «Ihr macht das schon ganz gut.» Das hat Galinski nicht gemacht. Es hatte immer etwas von einem Hochseilakt mit ihm.
Hildegard Hamm-Brücher wurde am 11. Mai 1921 in Essen geboren und wuchs zunächst in Berlin-Dahlem auf. Nach dem frühen Tod der Eltern lebte sie zusammen mit ihren fünf Geschwistern in Dresden. Nach den nationalsozialistischen Rassegesetzen als «Halbarierin» eingestuft, musste sie während der Nazidiktatur das Internat Salem verlassen und konnte ihre geplante sportliche Karriere nicht fortsetzen. Dennoch legte sie 1939 das Abitur ab und nahm ein Studium der Chemie in München auf, das sie 1945 mit der Promotion abschloss. Seit 1948 Mitglied der FDP, gehörte sie zunächst dem Münchner Stadtrat, dann dem Bayerischen Landtag an. Von 1976 bis 1990 war Hildegard Hamm-Brücher Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit 1976 Staatsministerin im Auswärtigen Amt, schied sie nach Ende der sozial-liberalen Koalition 1982 aus der Bundesregierung aus. 1994 war sie Kandidatin der FDP für das Amt des Bundespräsidenten. 2002 verließ sie aus Protest gegen die antiisraelischen Äußerungen von Jürgen W. Möllemann nach über 54 Jahren Mitgliedschaft die FDP. Ende November 2005 ist Hildegard Hamm-Brücher in Berlin mit dem Heinz-Galinski-Preis ausgezeichnet worden. Ihre Erinnerungen hat Hildegard Hamm-Brücher in der Autobiographie «Freiheit ist mehr als ein Wort» aufgezeichnet.
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