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Jewish ManhattanTriff Freunde. Bewege das Gehirn. Atme tief. Feiere das Leben.
Was wir einen herrlichen Herbsttag nennen, gilt dort als Wintereinbruch. 7 Grad über Null, knallblauer Himmel und grellgelbe Sonne. Es ist Freitagmittag, nicht nur fromme Juden hasten mit riesengroßen Tüten nach Hause. Ich gehe ins Kino, weil alle über «Uzpizin» reden. Das ist aramäisch und heißt Gäste, solche, wie Sarah und Abraham sie einst hatten. In dem israelischen Film spielen Ultraorthodoxe aus Jerusalems Mea Schearim die Ultraorthodoxen und der Rabbiner der Bratslaver Chassidim hat den Film abgesegnet. Es geht um Wunder, kriminelle Säkulare und neue Fromme, Glauben, Liebe und irdischen Frevel. Hin- und mitreißend ist diese filmische Menschwerdung. Im benachbarten New Jersey soll ein Chabad-Rabbiner alle Juden, auch die der Reformbewegung, zum Kinoabend mit Diskussion eingeladen haben. Ein Gefühl überbordender Frömmigkeit begleitet mich bis zur Synagoge an der Upper East Side, die, weil reformiert, Temple Shaarey Tefila heißt. Meine Schweizer Freundin Brigitte ist Mitglied. Sonst gibt es keine Karten für die Hohen Feiertage. Meist geht sie in einen der kleineren dortigen Gottesdienste, der große ist auf die wöchentlichen Bar- und Bath Mitzwot zugeschnitten. 1.500 Familien zahlen Mitgliedsbeiträge je nach Einkommen, es gibt zwei, meist mehr Rabbiner, Kantoren, Lehrer, den berühmten Kindergarten, Kurse und viel Freundlichkeit. Wir gehen in den Keller, oben geht es reform-konservativ zu, unten wird betend musiziert, Kinder haben kleine Trommeln, der Kantor singt zur Gitarre auf Englisch, Hebräisch, Aramäisch. Aufstehen. Setzen. Es ist nur fast wie immer. Zwischendurch sollen sich alle umsehen, ob jemand Unbekanntes zu entdecken ist. Einige sehen mich und stellen sich vor. Oh, Böhrlin, das finden sie exciting. Beim Segen zum Kiddusch nimmt jeder seine Nachbarn an die Hand. Hier an der Ostseite der Stadt erscheinen die Juden unsichtbarer, weil weniger orthodox als neuerdings auf der Upper Westside. Dort geht es unübersehbar jüdisch zu. Am Samstag spazieren Gruppen, Familien mit Kindern, Freunde und Nachbarn zu den Synagogen. Die modernen Orthodoxen auch mit bunten Kippot, Hüten und festlicher Kleidung, die Ultraorthodoxen im schwarzen Gehrock, Frauen mit Perücke oder Hut, Kinder in weißen Kniestrümpfen. Während die einen zum Gottesdienst gehen, treffen sich andere zum Brunch. Auch am Schabbat gibt es die Jewish Style Delikatessen. Glatt koschere Restaurants sind am Schabbat geschlossen. Ich liebe «Barney Greengrass», wo es auch am Schabbat die besten Räucherfische der Stadt gibt. Hier muss man lange geduldig anstehen, bevor man sich an kleine Plastiktische quetscht, um Bagel mit Lachs oder anderes zu essen. Hier kennen sie sich, tauschen beim Anstehen Nachrichten aus. Wer nicht arm, liberal und jüdisch ist, kauft seine Delikatessen auch bei «Zabars» ein, auch für die Orthodoxen gibt es neben den koscheren Geschäften, die mich an Russland und Polen erinnern, alle Supermärkte, die koschere Abteilungen haben. Man kann auch online bestellen. Manhattans jüdische Bevölkerung zerfällt in viele Richtungen. Darauf sind alle stolz. Doch es ist auch anders geworden. Renate Bridenthal, emeritierte Geschichtsprofessorin, geboren in Leipzig, versucht zu illustrieren, was sie den «neuen sozialen Druck zum Bekenntnis» nennt. Seit einiger Zeit werde erwartet, dass man sich jüdisch verhalte. Wie soll das aussehen? fragt sie mich. «Wir stecken in einem Erklärungsnotstand», als Historikerin sei ihr vieles klar, aber die Irritation bleibe. Das alles habe mit Israel und Irak zu tun. Renate ist nicht die einzige, die wissen will, ob ich «Paradise now» schon gesehen habe, den palästinensischen Film, in der dortigen jüdischen Presse wohlwollend und kritisch besprochen. Ich erzähle von den jüdischen Stimmen, die in Deutschland wollen, dass der Film verboten wird. Was ist los bei euch in Berlin? Alle stellen diese Frage und sie meinen dabei immer die neue Bundesregierung und die Jüdische Gemeinde. Wer ist Angela Merkel? Ist sie gut für uns Juden? Wir in Übersee stellen solche Frage nicht so. Dort aber staunen sie mit spürbarem Stolz, weil der neue Berliner Gemeindechef Gideon Joffe in China studiert hat. Aus New Yorker Sicht ist Berlins jüdische Zukunft damit so gut wie gerettet. Am Freitagabend traf ich mich mit Jo Anne Mort, einer Journalistin, die noch in dieser Nacht über Amir Peretz, den neuen Führer von Israels Arbeitspartei, schreiben muss. Für sie ist New York die jüdischste Stadt und größte jüdische Gemeinde der Welt, das Produkt jüdischer Erfahrung, also aus Jewish experience und Jewish identity. New York absorbiere jede Erfahrung, sagt sie. Dadurch sei das Gefühl jüdischer Identitäten historisch bedingt, bei Juden und Nichtjuden gleichermaßen. Das beschreibe die grundlegende Kultur dieser Stadt. Die jüdische Bevölkerung wächst, junge Israelis ziehen nach New York, es gibt einen jüdischen Bürgermeister. Später erzählt Mark Weisstuch, ein Direktor der Congregation Emanu-El, dass Bürgermeister Bloomberg ein seit vielen Jahren angesehenes Synagogenmitglied sei, der zum Gottesdienst komme und am Mitzwe-Day auch in diesem Herbst dabei gewesen sei. Sein Beitrag wäre eine mobilisierende Rede an die Ehrenamtlichen gewesen, die an diesem Tag wegweisend für das Jahr soziale Aufgaben übernehmen, zu Alten und Kranken gehen, beim Saubermachen, bei der Rekonstruktion einer Synagoge in der Eldridge Street in Downtown helfen, wo einst die armen osteuropäischen Einwanderer beteten. Daneben, in der Orchard Street, gibt es heute das Lower East Side Tenement-Museum, ein altes Haus in einer Gegend, wo Generationen jeweils neuer Einwanderer den Traum von Amerika umsetzen wollten. Das Museum sammelt und erzählt Geschichten dieser vor allem proletarischen Einwanderung. Zwei Millionen Juden kamen damals, um 1900 waren es in Spitzenzeiten täglich über 5.000, sie kamen wie Iren, Chinesen, Italiener, Lateinamerikaner, arbeiteten schwer, organisierten sich, zogen weiter bis in die obere Stadt. Unten, an der Ecke zur Delancey Street, heißt die Allan Street plötzlich Avenue of the Immigrants. Bürgermeister Bloomberg ist ein netter Kerl und gut für die Stadt, sagen sie in seiner Synagoge. Meist fahre er mit der U-Bahn zur Arbeit, um mit Leuten zu reden. Er sei ein reicher Mann, habe seinen Wahlkampf selbst finanziert. Am Jom Kippur zankte seine alte Mame. «Hast du denn hier eine Synagogenkarte?» «Aber Mom», soll er gesagt haben, «mach' dir keine Sorgen, sie werden mich schon reinlassen.» New Yorks jüdische Bevölkerung ist auch sehr anders als gedacht. Im Jewish Museum zeigen sie The Jewish Identity Project: New American Photography. Wer ist, wer ist nicht jüdisch, was ist das überhaupt? In zehn Projekten unterwandern 13 Künstler die Gewissheit, wonach Juden immer weiß, Angehörige der Mittelklasse und von europäischer Herkunft sind. In der Ausstellung sind asiatische und schwarze Juden in Wort und Bild präsent, Jews of color, man schätzt ihre Zahl auf über 400.000. Amerikas Juden kamen einst und heute aus über 30 Staaten. Darin reflektieren sich die Diaspora und das Volk in seiner multikulturellen Geschichte. In der Ausstellung zeigen sie Chassidim auf dem Lande, Jews by choice, Konvertierte, solche, die adoptiert worden sind, schwule und lesbische. 80 Beschreibungen des Jüdischen haben sie zusammengetragen, darunter Antisemitismus, Assimilation, Diskriminierung, Familie, Palästina, Politik, Ritus, Nahrung, Ein- oder Ausschluss, soziale Gerechtigkeit, Zionismus. Juden in schwarzer Tracht sind heute überall, schwarze Juden, noch dazu fromm, im jüdischen Bewusstsein noch nicht verankert. In der Ausstellung erklärt ein schwarzer Rabbiner aus Chicago, weil Weiße nur Weiße kennen, denken diese Juden, Gott wäre weiß. Eine koreanische Rabbinerin spricht über ethnische Doppelidentität, wie man politisch korrekt auf Deutsch sagen könnte. Gerda Lederer, emeritierte Akademikerin, einst aus Deutschland, hat mit Religion wenig im Sinn. Aber ihre Forschungen belegen, dass das Pendel in diese Richtung schwingt. Besonders in den USA. Jo Anne erzählt mir, dass in Brooklyn über 35.000 syrische Juden leben. Die Buchara-Juden aus Usbekistan wohnen meist in Queens, sprechen Farsi und Russisch. So auch Irina aus Taschkent, die in einem Maniküre-Salon in Manhattan arbeitet. Die Asiaten haben das Monopol, weil Irina «oriental» aussieht und ihr Mann beim Schuster nebenan arbeitet, hat man sie angestellt. Wegen der Ohrringe spreche ich sie auf Russisch an. 14 Jahre ist sie hier, hartes Leben, sagt sie, in Taschkent war sie Verkäuferin. Einmal im Jahr fliegt sie nach Israel zu Mutter und Geschwistern, die Familie des Mannes ist in New York. Israel ist schwerer, wenig zu verdienen. Vier Tage war sie in diesem Sommer in Taschkent, hat das alte Wohnhaus, den Friedhof, Nachbarn besucht, die Juden sind weg, man redet usbekisch, sie hatte die Sprache vergessen. Irina redet über Thanksgiving, sie wird für dieses ganz nationale Familienfest wie alle gefüllten Truthahn, Konfitüre aus Preiselbeeren und Süßkartoffelpüree zubereiten. Ihre Kinder wollen das. Wir sind jetzt Amerikaner, wir feiern nicht mehr nur die jüdischen Feste. Selbst Brooklyns «Little Odessa», wo es am Kiosk fast nur russischsprachige Zeitungen gibt, ändert sich: Die zweite und dritte Generation, die Erfolgreichen, sie gehen weg. Die Schulen hatten als erstes begriffen, dass die russischsprachigen Kinder so begabt waren. Entsprechend viele hat die Brooklyn University aufgenommen. Die Integration läuft aber nicht so gut, sagt jemand, die Einwanderer sind politisch eher rechts, sie haben kaum Interesse an der integrativen liberalen New Yorker Demokratie. Nichts bleibt, wie es ist. Das wissen alle jüdischen Organisationen. Zwischen Reform und Orthodoxie zerreibt es die Konservativen, weil Reformjuden religiöser und Orthodoxe moderner werden. Für Weisstuch hat die Orthodoxie die stabilste Bewegung, während bei den Liberalen das Prinzip einer Drehtür vorherrsche. Wegen der Konkurrenz untereinander müssen alle jüdischen Einrichtungen Höchstleistungen erbringen. Staatliche För-dergelder gibt es nicht. Mitglieder zahlen, Sponsoren spenden, beide müssen sich wohlfühlen. Weisstuch geht, wann immer er es einrichten kann, zum Gottesdienst bei Bnei Jeschuron. Der Zulauf ist immens, die konservative Gemeinde nutzt seit Jahren eine benachbarte große Kirche, damit alle teilhaben können. Was macht die Synagoge so besonders? Die besonderen Rabbiner, auch aus Lateinamerika, die Musik, sie geben sich viel Mühe, eine gute Gemeinde zu sein. Alle machen mit. Das motiviert. Hier weht der jüdische Geist, ruach, sagt Weisstuch. Von überall her kommen sie am Schabbat, vor allem Jüngere, Familien und Singles, um singend und tanzend zu beten und einander nahe zu sein. Das alles findet nahe der Shlomo Carlebach Shul statt, wo die Orthodoxen es ebenfalls sehr singend, aber doch ganz anders und vor allem nach Geschlechtern getrennt halten. Im Besser Stiebl, etwas südlicher, geht es hingegen zu, wie weiland im polnischen Stetl. Mit Pelzstremel und Kaftan kann man hier am Schabbat Beter sehen, viele solche gibt es in Brooklyn. Für sie ist das heutige New York zwar Jahrzehnte und Tausende Kilometer, aber ansonsten dem alten Europa nicht so fern. In den Zeitungen gibt es gerade Berichte über einen Streit bei den Satmar-Chassidim, der teilweise mit Fäusten ausgetragen wird. Die beiden Söhne des letzten Oberhaupts wollen die Macht nicht teilen, ihre Anhänger im Brooklyner Williamsburg und im Stetl Kirjat Joel im Staat New York kämpfen um die Vorherrschaft des jeweiligen Führers. Der Vater wollte zwei Orte, weil es viel mehr Gefolgsleute gibt als je im alten Europa. Aber jeder Sohn will alles und so berichten Zeitungen vom Zerren an Bärten, Geschrei und der Besetzung einer «gegnerischen» Synagoge zu Simchat Tora. Jüdisch sein, sagt Mark Weisstuch, ist für manche ein Teilstück im Leben, für andere der ganze Lebensstil. Bist du orthodox, hast du keine Identitätsprobleme. Sein Reformtempel hat über 3.000 Mitgliedsfamilien, rund 8.000 Personen. In Manhattan gibt es allein 30 große Synagogen unterschiedlicher Richtungen, manche ortho-liberal, das sind die Frommen, die mit dem Rest der jüdischen Welt Umgang haben. Heute sind ungefähr 50 Prozent aller Juden Synagogenmitglieder, früher waren es 80 Prozent. Die großen jüdischen Organisationen sind, wenn politisch, dann eher in der linken Mitte und aktiv in Sachen Bürgerrechte, Abtreibung und Anti-Diskriminierung. Andere Organisationen sind philanthropisch, sie sammeln Geld, nicht nur für Israel. Eine Frau erzählt mir, dass sie gerade mit der Jewish Federation im unfreien Kuba war, um dort die so beeindruckend bewussten Juden zu treffen. Vier Tage darf eine solche humanitäre Reise dauern, nicht mehr, das legt das freie US-amerikanische Gesetz fest. Niemand weiß, wie viele jüdische Organisationen, Vereine, Restaurants, Synagogen, Betstuben und sonstige Treffs es gibt. Im neuen Jewish Community Center, einem elfstöckigen eleganten Neubau auf der Westside, hätte ich gern gesehen, was das «Folksbiene Yiddish Thatre» in seiner Musikkomödie «On second Avenue» zeigt, aber 45 Dollar hatte ich nicht übrig. Ach, sagt Rafi, warum hast du mich nicht gefragt, ich hätte dir eine Freikarte besorgen können. Gerade fand hier die Zweite Internationale Carlebach-Konferenz statt. Das Center überzeugt mit einem Fitnesscenter, Swimmingpool, Gymnastik, Tai Chi und 1.200 Kursen zu Kultur, Gesundheit, Meditation, Gemeindedienst und jüdischen Themen. Sein Motto: Triff Freunde. Trainiere die Muskeln. Bewege das Gehirn. Erlebe Theater. Atme tief. Hilf einem Kind. Lerne zeichnen. Feiere das Leben. Stelle Fragen. Entspanne. Studiere. Schwitze. Laufe. Denke. Bring dich ein. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel zwischen 140 Dollar ohne Zugang zu den Sportanlagen und mit diesem 1.350 Dollar pro Jahr und Person. Geöffnet ist meist bis 23 Uhr, für Kaschrut gibt es einen Rabbiner, das hauseigene Cafè ist milchig. Menschen jeder Herkunft sind willkommen. Wer sich jüdisch informieren will, liest in New York, abgesehen von allen Synagogenblättern, die «Jewish Week», den «Forward» oder die orthodoxe «Jewish Press». Da war auch von einem Buch über ein außergewöhnliches Leben zu lesen, es ist das Leben von Rabbiner Haskel Besser, dem chassidischen Rabbiner der 84. Straße. Ich kenne ihn seit 1990, den weisen alten Mann der Ronald S. Lauder Foundation. Er empfängt mich in seinem winzigen Büro in der 42. Etage mit Blick über den Hudson bis nach New Jersey. Wie immer gibt er allen Anrufern telefonisch gute Ratschläge auf Polnisch, Jiddisch und Englisch. Mit mir spricht er deutsch. Wie heißt der neue Mann in der Berliner Gemeinde? Kennen Sie sich in polnischer Geschichte aus? Damit beginnt der Exkurs von den Schlesischen Kriegen zur Teilung Polens, die Rolle der Ukraine und Litauens und wie um 1920 Unterhändler die polnisch-litauischen Grenzprobleme klären sollten. Also saßen die Herren Soloveitchik für Litauen, Ashkenas für Polen und Joffe für Russland beieinander. Wegen Joffe! Wegen dem in Berlin! Deshalb sei ihm das wieder eingefallen. Wie ging es aus? Er lacht mich an. Das ist ja nicht wichtig, aber die Geschichte ist gut. Drei Juden haben Grenzfragen verhandelt. Und wie geht's bei Ihnen? Streitet man noch immer? Schon ist der Wochenabschnitt dran, die Engel kommen nach Sodom, Lot ist zum unbeugsamen Oberrichter ernannt, Gott hat die Zerstörung dennoch zugelassen. Sodom war eine korrupte Stadt und Lot keine Lösung. Derart belehrt und um ein Buch bereichert verlasse ich ihn und fahre ins Leo Baeck Institute in die 16. Straße, wo ich erfahre, dass Otto Schily als allerletzte Amtshandlung im New Yorker Harmonie Club während eines Gala Dinners die Leo Baeck Medaille entgegennahm, mit einer Laudatio von Henry Kissinger, dass er glücklich und gerührt war und dass er das Institute niemals vergessen will. Das ist wichtig, denn gerade wird hier erwogen, ein kleines Büro in Berlins Mitte zu eröffnen. Es geht um Transatlantizismus, wie Forschungschef Frank Mecklenburg ironisch die Zukunftsvision umschreibt. Die westliche Welt müsse jenseits von Alltagspolitik nachdenken, daran wolle man sich auch von Berlin aus beteiligen, das gemeinsame kulturelle Erbe, der Kosmopolitismus seien doch zentrale Themen. Sind nicht die Juden von allen die am meisten kosmopolitischen? Man wird die Achse Tel Aviv - Berlin - New York wieder festigen. Und China nicht vergessen. Am Flughafen treffe ich zu guter Letzt meinen alten Kumpel David Scott Paul, den Verwaltungsrichter, der zu einer Bar Mitzwa nach Paris fliegt. Er will in Berlin alle Orte markiert sehen, wo einst eine Synagoge oder Betstube war. Der Regierende Bürgermeister machte ihm Mut, aber Jüdische Gemeinde, Centrum Judaicum und Jüdisches Museum zeigten kaum Interesse, der Jüdische Kulturverein und vor allem «Aktion Sühnezeichen» sind an seiner Seite. Er ist hartnäckig, sein Projekt wird er durchsetzen, er ist ein New Yorker Jude. Aber das ist eine andere Geschichte als meine. So erzähle ich ihm ausführlich, was ich in dieser Woche an Jüdischem erlebt habe. Manhattan war mein Mittelpunkt. Wer hier lebt, arbeitet hart, rotiert, vernetzt sich, will Menschen treffen, ins Kino, ins Theater, nach draußen, in den Park, in die Restaurants gehen. Darum sind die Küchen in den Wohnungen oft so winzig. New York ist in jeder Hinsicht unbezahlbar. Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Das sagte Martin Buber. Ich denke, Manhattan ist auch dabei die einsame Spitze. |