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«Ich war nicht am Judentum interessiert»

Ein großer New Yorker Mime wird 70

 

Am 1. Dezember 1935 wird im Flatbush District des New Yorker Stadtteils Brooklyn Allen Stewart Königsberg geboren. Besser bekannt unter seinem Künstlernamen Woody Allen, den er sich schon mit 16 Jahren zulegt, zusammengesetzt aus seinem ersten Vornamen und dem Spitznamen, den sein Vater ihm gibt: Der typische New Yorker Großstadtjunge aus einer Einwandererfamilie ist fast ständig mit einem hölzernen Kricketschläger unterwegs.

Die Familie der Mutter, Netti, war um die Jahrhundertwende aus Wien nach Amerika gekommen, die seines Vaters, Martin Königsberg, mit 99 Jahren 2001 verstorben, kam aus Russland. Während Netti recht beständig über viele Jahre als Buchhalterin arbeitete, fasste Martin in vielen ganz eigenen «New Yorker Berufen» Fuß: Er war Taxifahrer und Kellner, Bote bei einem zwielichtigen Buchmacher, Barkeeper bei «Sammy´s Bowery Follies» in Manhattan und schließlich zum Graveur bei einem Juwelier aufgestiegen. «Mein Vater sah aus wie Fernandel, meine Mutter wie Groucho Marx», sagt Woody, selbst wohl kaum eine klassische Filmschönheit, über seine Eltern.

 

Boxen, Jazz und Zauberei

Sein Filmgesicht wirkt scheu und verschlossen, zuweilen ein bisschen dümmlich oder introvertiert. Aber das ist er nicht - und war es auch nie: Er ist vielmehr ein ganz und gar durchschnittlicher New Yorker Junge, ein Herumtreiber, Schulschwänzer und Baseballfanatiker. Aus Büchern oder der Schule macht er sich überhaupt nichts. Eher schwänzt er, streunt schon morgens durch die Straßen und spielt Basket- oder Baseball. Er kann mit Bällen ebenso flink umgehen, wie mit seinen Fäusten, so trainiert er eine Zeit lang Boxen. Er ist so talentiert, dass man ihn beim Ausscheid zum höchsten amerikanischen Titel, dem «Golden Glove», zulässt. Abends sitzt er vor dem Fernseher und verfolgt jede Sportsendung, die Spiele der «New York Giants», der «Dodgers» und der «St.Louis Cardinals». Wird das seinen Eltern zu viel oder erwischen sie ihn, wie er mit anderen Jungs auf der Strasse ein Spiel zu organisieren versucht, schleppen sie ihn unweigerlich in die Midwood High School. «Ich wusste in der Schule nie eine Antwort und ich machte meine Hausaufgaben nie», lässt Allen, ziemlich klischeehaft, Jahre später wissen. Statt seiner Schulbücher liest er lieber «Superman», «Batman» und «Mickey Mouse». Walt Disney ist für ihn sein Leben lang einer der größten amerikanischen Künstler.

Wirklich gut ist er nur im Schreiben, seine Aufsätze werden in der Schule stets vorgelesen und bereits als 15- jähriger verfasst er satirische Beiträge für Zeitungen und Magazine wie den «New Yorker».

Mit zwölf Jahren fängt er an, sich intensiv mit Jazz zu beschäftigen, kauft sich eine alte Klarinette und ein Sopransaxophon und fängt an zu üben. Seine Wochenenden verbringt der Heranwachsende bis auf wenige Schlafpausen fast durchgehend im Flatbush Theatre, schreibt sich Gags und Witze auf und fängt mit Kartentricks an. Plötzlich kann er, der für seine Größe recht gedrungen ist und sich dadurch stets benachteiligt fühlte, etwas, was seine Freunde nicht können. Also kauft er Bücher über Zauberei, setzt sich stundenlang in den Keller, wo seine acht Jahre jüngere Schwester Letty sein erstes Publikum mimt. Später sollte die studierte Kinderpsychologin als Vizepräsidentin einer Produktionsgesellschaft die Filme ihres Bruders produzieren.

Nach seinem Schulabschluss schreibt sich Woody für kurze Zeit an der New York University im «Communications Arts Course» ein. Über das erste Trimester ist er allerdings nicht hinausgekommen und fällt - ausgerechnet - bei den Prüfungen des von ihm belegten Filmkurses gnadenlos durch. Lediglich der Rat seines Dekans, es doch eher mit Psychoanalyse zu versuchen, scheint aus seiner Hochschulzeit geblieben. Aus der Psychoanalyse hat Woody Allen unendlich viele hervorragende Gags gezogen, zu erleben in vielen seiner Filmszenen.

Auch wenn es noch Jahre dauern soll, bis Allen die ganze Klaviatur des Humors und der Satire beherrscht, findet der komikbegabte junge Mann 1953, nachdem er die Uni geschmissen hatte, schnell eine Stelle im «Writer's Development Program» des Fernsehsenders NBC für 20 Dollar die Woche. Das Fernsehen boomt. Platte Unterhaltungsshows stehen hoch im Kurs zu einer Zeit, da man in der McCarthy-Ära in jedem politischen Witz eine sowjetische Verschwörung vermutete, sein Filmidol Charlie Chaplin als «unamerikanisch» de facto des Landes verwies, der von Allen hoch verehrte Walt Disney hingegen als «Special Agent» geführt wird. Schon nach zwei Jahren gehört Allen zu den besten und hochbezahltesten Autoren und wird für den «Emmy» nominiert.

 

Filme und Frauen

Im Alter von drei Jahren läuft Woody der ersten Filmfrau seines Lebens hinterher: Beim Kinobesuch zu «Schneewittchen und die sieben Zwerge» erinnert er sich später, nach vorn gerannt zu sein, um in das Geschehen hineinzulaufen. 1953 heiratet Allen in Hollywood die 16jährige Harlene Rosen. Ihrer typisch amerikanischen Frühehe, mit der unzählige Teens der Enge ihrer bürgerlichen Elternhäuser zu entfliehen hoffen, ist kein langes Glück beschieden. Schon wenige Jahre später geht die Verbindung in die Brüche, nicht aus finanziellen Gründen, denn Woody hat sich als Gagschreiber bereits sehr gut etabliert. Allerdings tut er das, nicht selten völlig distanzlos und entwürdigend, auf Kosten seiner Nächsten, die ihn dafür mit unzähligen Prozessen überziehen: «Im Museum für Naturgeschichte haben sie einen Schuh von meiner Frau gefunden. Damit konnten sie einen Dinosaurier rekonstruieren.» ist einer solcher «Späße». Sie klagt.

Mit dem Ruhm seiner Fernsehautoren-Zeit, die Allen blitzartig zu einem der gefragtesten Stand-Up-Comedian werden lässt, wird man im Theater und der Filmbranche auf ihn aufmerksam, verpflichte Allen zum Schreiben von Drehbüchern oder zu Live-Auftritten, etwa im «Blue Angel» in Manhattan oder der legendären Fernseh-«Tonight Show». Ganz nebenbei stammen aus dieser Zeit viele seiner bis heute kaum bekannten Kurzgeschichten, seine Comics erscheinen in über 180 Tageszeitungen, erste Schallplatten kommen auf den Markt. Kaum hat Woody den Fuß in der Filmbranche, steckt er auch schon mit beiden Beinen drin.

Man sagt nicht von ungefähr, die Filmkarriere Woody Allens habe sich immer an den Frauen an seiner Seite ausgerichtet. So übernimmt seine damalige zweite Ehefrau, Louise Lasser, in seinem Regiedebüt 1969, der Gangsterfilm-Persiflage «Woody, der Unglücksrabe» eine Nebenrolle, in der Flower-Power- und Revolutions-Persiflage «Bananas» 1971 schon mit einer wesentlich größeren Rolle bedacht, obwohl Trennung und Scheidung schon besiegelt sind. Dennoch steht die Lasser ein Jahr darauf in einem der größten Erfolge Allens, zumindest in Europa, dem durchgeknallten Episodenfilm «Was sie schon immer über Sex wissen wollten» noch immer mit Allen vor der Kamera.

Noch im gleichen Jahr ist die neue Frau an seiner Seite, Diane Keaton, in der eigenwilligen Hommage an Humphrey Bogart «Mach's noch einmal Sam» in der Regie von Herbert Ross an Allens Seite zu erleben, der selbst die Hauptrolle spielt. Nunmehr als seine Lebensgefährtin arbeitet Diane Keaton gemeinsam mit Allen in den 70er Jahren in oder an so bekannten Filmen wie der futuristischen Slapstick-Vision «Der Schläfer», in «Die letzte Nacht des Boris Gruschenko», einer Variation des Romans «Krieg und Frieden» von Leo Tolstoi und in seinem wohl berühmtesten Streifen «Der Stadtneurotiker». Allen wird dafür die «Oscars» für den besten Film und das beste Drehbuch erhalten, bleibt jedoch der Verleihungszeremonie der Academy Awards fern, um, wie jeden Montag, Klarinette zu spielen: mit dem «New Orleans Funeral and Ragtime Orchestra» in «Michael's Pub», ein jahrzehntelanges, unumstössliches Ritual. Das ist Allen.

Zeitgleich entstehen die Hommage «Innenleben» auf Ingmar Bergman, den er ikonenhaft verehrt, oder der Schwarz-Weiß-Film «Manhattan», Filme aus einer Zeit, die teilweise lange nach der Trennung des Paares 1972 produziert werden.

Gute zehn Jahre eines mehr oder weniger Solo-Daseins bringen einen der besten Allen-Filme zu Tage. «Stardust Memories» aus dem Jahre 1980 strotzt vor Selbstreflexion und Melodram, in gekonnten Wortwitz eingebettet.

Seit 1982 verbindet Woody Allen eine intensive künstlerische Zusammenarbeit mit Mia Farrow, die auch für die folgenden zehn Jahre seine Lebensgefährtin wird. Aus dieser Zeit stammen, teilweise gemeinsame, Streifen und herausragende Filme wie die romantisch-witzige Shakespeare-Variante «Eine Sommernachts-Sexkomödie», die einfallsreiche Kino-Reflexion «The Purple Rose Of Kairo» oder die Beziehungs- und Religions-Komödie «Hannah und ihre Schwestern», in Erinnerung an die großen Zeiten der amerikanischen Radiostationen «Radio Days», mit «September» nochmals ein Melodram im Stile Bergmans oder die brillante Stummfilm- und Surrealismus-Hommage «Schatten und Nebel». Nicht umsonst schon im Jahr der Trennung die dokumentarische Komödie «Ehemänner und Ehefrauen», bevor im nächsten Streifen mit Allen in der Hauptrolle, «Manhattan Murder Mystery», wieder Diane Keaton mit ihm zu sehen ist.

Allen spielt an der Seite von Bette Midler und Peter Falk, verkörpert die Hauptrolle in Martin Ritts Abrechnung mit der McCarthy-Ära «Der Strohmann», dreht Dokumentarfilme und ist als erst zu nehmender Klarinetten-Solist auf der Leinwand zu erleben. Schließlich leiht er seine Stimme dem Ende einer Telefonleitung in «My Diner with Woody» sowie in dem computer-animierten Streifen «Antz» der Ameise «Z». In dieser Phase verbietet er die Aufführung seiner Filme und Veröffentlichungen seiner Texte in Südafrika, um gegen die Apartheid zu protestieren

 

Rufmord á la Hollywood

Das Kapitel Frauen nimmt für Woody Allen ein schon katastrophal zu nennendes Ende. Er, der es Zeit seines Lebens vermocht hat, Familie und Privatleben aus den Schlagzeilen der Boulevardpresse herauszuhalten, steht auf Grund einer Klage von Mia Farrow monatelang im Blitzlichthagel. Die Ex-Film- und Ex-Lebens-Partnerin wirft ihm 1992 vor, ihre Kinder sexuell belästigt zu haben. Tatsächlich hat Allen ein Verhältnis mit der gemeinsamen Adoptivtochter Soon Yi, die damals allerdings schon volljährig ist. 1997 heiraten beide in Venedig, haben inzwischen zwei Kinder adoptiert. Der Medienrummel um die scheinbar unsittliche Beziehung lässt den größten Teil der weiblichen Fangemeinde ihrem Idol abschwören, sinkende Besucherzahlen und daraus resultierende Millionenklagen seiner Produktionsfirma wegen entgangener Einnahmen sorgen dafür, dass die letzten Filme Allens keinen Verleiher mehr finden. Die mörderische Traumfabrik Hollywood lässt eines ihrer liebsten Kinder gnadenlos fallen, bis heute wird sich Allen davon nicht mehr erholen.

 

Woodys Restaurants

Wie kaum ein anderer kann Woody Allen mit seinem zuweilen bitteren Sarkasmus oder aber eine Hofierung ohne gleichen über Wohl und Wehe entscheiden. Beste Beispiele: Seine Restaurants. Größte Gegner: Die Restaurantkritiker.

Der Besuch eines Restaurants ist Aufhänger oder zentrales Thema vieler Allen-Filme. Der «Russian Tea Room» im New Yorker Theatre District, wo sich die Film- und Theaterszene zwar ohnehin schon trifft, wird erst durch seine Filme legendär. Im «Elaine's», in der 2nd Avenue spielt die erste Szene des schon erwähnten Streifens «Manhattan», auch im «Celebrity», einem von Allens Lieblingsrestaurants, wird gedreht. Im «Tavern-on-the Green» in der 67. Straße, genießt der Zuschauer von «Verbrechen und andere Kleinigkeiten» mit dem Ausblick auf den Central Park den vielleicht typischsten Blick auf New York überhaupt. In der 7th Avenue liegt das «Carnegie», eines der legendären Delis der Stadt, in dem Allen nicht nur oft frühstückt, sondern auch seine Komikerrunde die Geschichte vom «Broadway Danny Rose» erzählen lässt. Eine gepfefferte und gepökelte Rinderbrust auf Weißbrot, das «Danny Rose Special Sandwich», gehört seitdem zum unverzichtbaren Bestandteil jedes Menüs, das man dort einzunehmen pflegt.

 

Woody und New York

Fast alle Woody Allen-Filme spielen in New York, fast alle seine Lieblingsrestaurants liegen dort, bis heute lebt er in einem Appartement am östlichen Central Park. Es ist die Gesellschaft der Upper East- und Upper West Side, der Brooklyn Hights, die nur selten nach Staten Island oder Chelsea, ins Greenwich Village oder sonst irgendwohin aufbricht. Allen kommt 1941 mit seinem Vater zum ersten Mal downtown nach New York, in diese Stadt, die ihn nie wieder loslassen soll, für ihn die «schnellste und schönste» Stadt der Welt, sein künstlerischer wie privater Lebensmittelpunkt. Er liebt den Jazz - und New York ist für ihn die «Jazz-Hauptstadt der Welt».

New York ist zweifellos sehr jüdisch, zumal mit einer großen jiddischen Theatertradition gesegnet. Nicht für Woody Allen: «Ich war nicht am Judentum interessiert. Es bedeutete mir einfach nichts. Weder schämte ich mich dessen, noch war ich stolz darauf», schreibt er. Im «Stadtneurotiker» hören wir von ihm, «dass das Land nicht bereit ist, sich hinter die Stadt New York zu stellen, ist nichts als Antisemitismus.» Oder «Merkst du nicht, wie der Rest des Landes nach New York stiert, als wären wir alle linksradikal-kommunistisch-jüdisch-homosexuelle Pornographen?»

Ironie pur. Viele amerikanische Juden, vor allem die New Yorker, vor allem die orthodoxen, mögen Allens Humor ganz und gar nicht. Lester Friedman, der sich mit jüdischen Klischees im amerikanischen Film und Juden in der Filmindustrie der USA über viele Jahre intensiv auseinandergesetzt hat, schreibt: «Woody Allen würde zum Beispiel sagen, „die entscheidende philosophische Frage ist: Gibt es einen Himmel, und wie hoch sind da die Parkgebühren?" Auf der einen Seite also das Heilige und die wichtigen Fragen und auf der anderen Seite konfrontiert er das mit der Alltagswelt. Das ist ein sehr typischer jüdischer Humor, der von den jüdischen Komikern über die amerikanischen Juden direkt zu Woody Allen führt.»

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Dezember 2005