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«Ketten des Unrechts durchbrechen»

Vor 35 Jahren kniete Willy Brandt am Denkmal für den Warschauer Ghetto-Aufstand nieder

 

Die Kameras haben diesen Mann, der da auf dem kalten Granit kniet, zu einem Denkmal eingefroren. Eine Schweigeminute, die nie mehr vergeht. Willy Brandt, das Gesicht zur Maske erstarrt, die Hände vor dem Körper verschränkt, umringt von einer staunenden, ungläubigen Menschenmenge.

Von diesem Bild geht eine seltsame Kraft aus. Noch nach 35 Jahren hat es die Macht, Menschen zum Weinen zu bringen, Streitende verstummen zu lassen. Wie ein Gedicht ist es immer und immer wieder interpretiert worden. Doch selbst für den Verursacher dieser Szene blieb ein Rätsel zurück. Gedankenverloren hat man Willy Brandt am Abend dieses 7. Dezembers gesehen, innerlich nach einer Erklärung suchend. «Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last von vielen Millionen ermordeten Menschen tat ich, was viele Menschen tun, wenn ihnen die Sprache versagt», erklärte der damalige Bundeskanzler Jahre später. Es hörte sich immer noch so an, als stünde er dabei staunend neben sich. Für Brandts engste Vertraute, so überliefert es ein Augenzeuge, habe der Anblick des Knienden wie ein Schock gewirkt. Niemand war darauf vorbereitet, vermutlich nicht einmal der Urheber selbst.


Durfte Brandt knien?

Durfte sich der Regierungschef der Bundesrepublik Deutschland an diesem regennassen Warschauer Vormittag spontan auf den kalten Granit vor dem Denkmal des Aufstandes der Juden im Warschauer Ghetto werfen, so als habe ihn eine höhere Macht gefällt, ihm die Füße weggezogen? Durfte er sich und die Deutschen vor aller Welt derart erniedrigen? Eine Woche nach diesem 7. Dezember 1970 hebt der «Spiegel» das Foto vom knienden Brandt auf den Titel und stellt den Deutschen exakt diese Frage: «Durfte Brandt knien?»

Die Umfrage trifft auf ein zerrissenes Land: Während 41 Prozent der Befragten die Geste für «angemessen» halten, bezeichnen sie 48 Prozent als «übertrieben». Die deutlichste Ablehnung kommt mit 54 Prozent von den 30- bis 60-Jährigen, von der Generation also, die unter den Nazis aufwuchs und den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat. In einigen Leserbriefen wird der Kniefall so kommentiert: «Brandts Geknie vor dem Warschauer Judendenkmal ist der Witz des Jahres. Da kniet der deutsche Judas vor den Polen, der langsam aber sicher ganz Deutschland verkaufen wird.» Von «Canossa-Gang» ist die Rede, von «Verzichtspolitik», vom «Ausverkauf deutscher Interessen». Es gibt Morddrohungen.

Willy Brandt mutet seinem vor lauter Wirtschaftswunder vergesslichen Volk viel zu: Unmittelbar nach der Kranzniederlegung unterschreibt er den Warschauer Vertrag, mit dem das damalige Westdeutschland die Oder-Neiße-Grenze als polnische Westgrenze akzeptiert und Schlesien, Pommern und Ostpreußen faktisch preisgibt. «Mit diesem Vertrag wird nichts verspielt, was nicht Hitler schon verspielt hat», erklärt Brandt in seiner Tischrede. Am Abend desselben Tages bittet er in einer Fernsehansprache die Deutschen mit folgenden Worten um Verständnis: «Wir müssen die Ketten des Unrechts durchbrechen.»


Annäherung über den Eisernen Vorhang

Warschau ist eine Etappe des «Wandels durch Annäherung», den Brandts sozial-liberale Koalition unter heftigem Störfeuer der christdemokratischen Opposition seit Oktober 1969 betreibt, um erste Brücken über den Eisernen Vorhang zu schlagen. Der Kanzler ist dazu bereit, die tiefen Schatten der deutschen Geschichte zu durchwandern.

Seine zur Versöhnung ausgestreckte Hand wird, wenn auch zögerlich, ergriffen. In Warschau ist es Premierminister Jozef Cyrankiewicz, ehemaliger Häftling Nr. 62933 des Konzentrationslagers Auschwitz, über den noch 1964 SS-Unterscharführer Oswald Kaduk vor einem Frankfurter Untersuchungsrichter zu Protokoll gab: «Wenn ich damals die Möglichkeit gehabt hätte, hätte ich ihn um die Ecke gebracht.» Über Brandt und den Kniefall sagte Cyrankiewicz: «Nur er hat das machen können» und meint damit den Widerstandskämpfer Brandt, der als Sozialist zwischen 1933 und 1945 vom norwegischen und schwedischen Exil aus und zeitweise im Berliner Untergrund Hitler bekämpfte; dem die Nazis damals die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen und der frei von Schuld ist für die Verbrechen an Millionen Polen, Juden, Russen und all den anderen Völkern.


Anfeindungen

Gerade wegen dieser Sonderstellung ist Brandt in der Bundesrepublik über Jahrzehnte als «Vaterlandsverräter» angefeindet worden: «Eines aber wird man Herrn Brandt doch fragen dürfen: „Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht?"», ätzte etwa Franz Josef Strauß 1961. Der damalige Kanzler Adenauer denunzierte Brandt im Wahlkampf 1961 noch kurz nach dem Bau der Berliner Mauer als «der Herr Brandt alias Frahm» in Anspielung auf Brandts uneheliche Herkunft und dessen Geburtsnamen Herbert Karl Frahm, den er nach der Flucht aus Nazideutschland 1933 in das Pseudonym Willy Brandt änderte und später behielt. Gekniet habe der, «der das nicht nötig hat, für alle die, die es nötig haben, aber nicht knien - weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können», kommentierte damals Hermann Schreiber im «Spiegel».


Ein stolzer Augenblick

Brandt bittet an der Stelle um Vergebung, an der 400.000 Juden von der SS wie Vieh zusammengepfercht und ausgehungert wurden, um dann waggonweise ins KZ Treblinka zu Genickschuss und Vergasung abtransportiert zu werden. Mitten in der deutschen Hölle kniet Brandt nieder. Belastet von schrecklicher Vergangenheit und doch aufrecht in eine bessere Zukunft blickend. Es ist in all seiner Schwäche bis heute der stolzeste Augenblick deutscher Nachkriegsgeschichte.

Dass Brandt mit dieser Geste nicht nur seine deutschen Begleiter, sondern auch die polnischen Gastgeber nachhaltig verstörte, wird oft übersehen. Der Besuch am Ghetto-Mahnmal wurde erst auf ausdrücklichen Wunsch Brandts und erst nach diplomatischem Ringen ins offizielle Besuchsprogramm aufgenommen. Während das Foto des Kniefalls um die westliche Welt ging, wurde es von der kommunistischen Presse komplett ignoriert. Nur die in jiddischer Sprache in Warschau erscheinende Zeitung «FolksSztyme» druckte es ab. Es sei den kommunistischen Machthabern nicht opportun erschienen, das Bild eines «menschlichen Deutschlands» zu zeigen, vermuten Historiker.


Polnischer Antisemitismus

Doch es gibt noch einen triftigeren Grund: Nach Meinung vieler Polen hatte Brandt vor dem falschen Denkmal gekniet. Er erwies Juden und nicht Polen diese Ehre. Erst im März 1968 hatte es - auf Betreiben führender polnischer Kommunisten um den Innenminister Mieczyslaw Moczar aber mit unübersehbarer Unterstützung aus dem Volk - eine antisemitische Kampagne gegeben, die die meisten jüdischen Intellektuellen zur Auswanderung zwang. Es war bereits die dritte antisemitische Welle seit Kriegsende. Der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski nennt 1968 das «Jahr der Schande», in dem sich von einem auf den anderen Tag gezeigt habe, «dass unser Antisemitismus noch immer gegenwärtig ist, lebendig und aggressiv.»


Skepsis in Israel

Aber selbst in Israel stieß Brandts Geste damals auf allgemeine Skepsis, wie Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher in ihrem gerade erschienen Buch «Denkmalsturz? Brandts Kniefall» nachweisen: «Israelische und diasporajüdische Politik achtete nach dem Holocaust mehr auf harte Überlebensinteressen als auf weiche Gesten, zu denen zweifellos der Kniefall gehört.» Zudem sei die damalige deutsche Regierung, abgesehen von der Person Brandts, eher israelfeindlich eingestellt gewesen. Die beiden Autoren führen Außenminister Walter Scheel (FDP) und die Neulinken 68er in der SPD ins Feld. Letztere hätten damals das Existenzrecht Israels in Frage gestellt und den Staat als «Speerspitze des Imperialismus» bezeichnet.

Am 7. Dezember jährt sich der Tag des Kniefalls von Warschau zum 35. Mal. Noch immer hat sich das Bild des knienden Brandt nicht abgenutzt, im Gegenteil: Mit jedem Tag scheint sich die Geschichte mehr und mehr auf dieses Bild zuzubewegen. Die Welt ist dem Visionär Brandt letztlich gefolgt. 13 Jahre nach seinem Tod ist der Kalte Krieg Vergangenheit, ist Deutschland vereinigt, leben Deutsche und Polen gemeinsam innerhalb der Europäischen Union. In Warschau gibt es einen Willy-Brandt-Platz, auf ihm steht unweit des Ghetto-Denkmals seit fünf Jahren ein Relief, das Brandts Kniefall verewigt. Fast immer liegen Blumen darunter.


«Brandt ist ein Leitstern»

Wichtiger noch: Die eigene Geschichte nicht zu verdrängen, Schwäche zu zeigen und Schuld öffentlich zu bekennen, hat Schule gemacht, auch in Polen. Nachdem der damalige Staatspräsident Aleksander Kwasniewski sich im Juli 2001 in Jedwabne mit den Worten «Ich bitte um Vergebung in meinem eigenen Namen und im Namen der Polen, deren Gewissen mit diesem Verbrechen belastet ist» für ein durch Polen begangenes Massaker an Juden entschuldigt hatte, verwies er in einem Interview mit der katholischen Zeitschrift «Tygodnik Powszechny» auf das Vorbild Willy Brandts. Der regennasse Warschauer Vormittag vor 35 Jahren ist zum Erbe geworden, zum gemeinsamen deutschen, polnischen und jüdischen Erbe. «Brandt ist ein Leitstern», resümieren Wolffsohn und Brechenmacher und bescheinigen dem Kniefall «moralisches Weltformat». Sie haben Recht.

Andreas Metz

«Jüdische Zeitung», Dezember 2005