Zeichnung: D. Chmelnitzki

«Am Ende wird Israel doch ein Schmelztiegel»

Alexander Voronel über Chancen und Beständigkeiten der Einwandererkulturen

 

Alexander Voronel zählte in den 1960er und 1970er Jahren zu jenen renommierten Moskauer Wissenschaftlern, die kompromisslos ihr Judentum verteidigten und schließlich - nach zähem Ringen mit dem kommunistischen Regime - nach Israel übersiedelten. Hier ging der international bekannte Physiker an die Universität von Tel Aviv und wurde zugleich einer der führenden Köpfe der russischen Minderheit in Israel - lange vor der großen Zuwanderungswelle. 1977 gründete Alexander Voronel die Literaturzeitschrift «22», die bis heute unter russischsprachigen Intellektuellen sehr gefragt ist. In den letzten Jahren hat er sich zunehmend auch mit Fragen von Nation, Kultur, Zionismus und Staatsverständnis in Israel beschäftigt. «JZ»-Korrespondent David Vynogradov unterhielt sich mit Alexander Voronel über den «ethnischen Flickenteppich» in Israel, über Sabres, Jeckes, westliche Immigranten und die Zukunft der russischen Zuwanderer im Land.


Herr Voronel, Sie leben seit über dreißig Jahren im Land. Haben wir in Israel heute schon so etwas wie eine einheitliche Nation - oder doch eher den «ethnischen Flickenteppich»?

Ich bin mir sicher, dass wir vom «typischen Israeli» noch sehr weit entfernt sind. Unter anderem auch deshalb, weil der vergleichsweise kleine Teil der «Vatikim» sich in der Öffentlichkeit dazu berufen fühlt, das «wahre Israel-Gesicht» zu präsentieren. Das mögen die anderen natürlich weniger.


Die Vatikim oder Sabres haben letztendlich den Vorteil, im Lande geboren zu sein...

Ja, aber sie machen in Wahrheit gar keinen so erheblichen Teil der Gesamtbevölkerung aus - sondern nur etwa 40 Prozent. Trotzdem bilden sie die tonangebende Gruppe. Die Sabres wünschen sich natürlich den Urtypus für alle, aber es wird dabei leicht verschwiegen, dass unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht ganz objektiv einem kulturellen «Flickenteppich» gleicht. Die einzelnen Bevölkerungsschichten sind alles andere als einheitlich - sie haben kulturelle und sprachliche, teils auch religiöse Präferenzen und Eigenheiten und pflegen natürlich auch gegenseitige Vorurteile und Klischees.

Es ist beispielsweise eine weit verbreitete Ansicht, dass die deutschen Emigranten der 1930er Jahre den Kontakt zu ihren kulturellen Wurzeln völlig verloren hätten. Dies trifft teilweise zu, aber bei weitem nicht auf alle. Natürlich werden Sie bei einem oberflächlichen Kontakt nicht feststellen können, ob ein bestimmter Israeli ein Nachkomme der Jeckes ist oder seine Vorfahren einer anderen europäisch-jüdischen Gruppe entstammten. Andererseits entstammt ein beträchtlicher Teil der heutigen Professoren, Regisseure und Intellektuellen eben genau jener emigrierten deutsch-jüdischen Elite. Nach der Machtergreifung Hitlers kamen lediglich 60.000 deutsche Juden nach Israel. Heutzutage leben sie bereits in der dritten Generation hier - aber viele aus den ersten beiden Generationen haben sich sowohl ihre ursprüngliche Sprache als auch die Kultur und Mentalität der Jeckes bewahrt. Ich habe zahlreiche Bekannte, die zu Hause parallel zum Hebräischen auch Deutsch sprechen, um die Sprache so nicht zu verlernen. Und unter den Jüngeren gibt es nicht selten auch starke Rückbindungen nach Deutschland.

Mit einem aus deutsch-jüdischem Elternhaus stammenden Israeli habe ich mich einmal in Berlin getroffen, wo wir uns beide zufällig durch wissenschaftliche Verpflichtungen aufhielten. Er erzählte, dass seiner Familie hier einst ein Haus gehörte. Jetzt wäre Deutschland bereit, es ihr als Entschädigung zurückzugeben - jedoch wolle seine Mutter davon nichts hören. Für sie wäre Deutschland immer noch ein verdammtes Land, ein Land des Grauens. Sie weigere sich sogar, es auch nur zu betreten. Mein Gesprächspartner selbst hätte, wie er sagte, keine Probleme damit, in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Nachdem er das Haus der Vorfahren in Berlin besichtigt hatte, offerierte er mir: «Es ist ein tolles Haus. Ich werde versuchen, meine Mutter umzustimmen und das Haus zurückzubekommen.» Er ist ein Sabra, dadurch kann er mit dem Haus und seiner Rückgabe pragmatisch umgehen. Für ihn ist Deutschland ein Land wie jedes andere auch. Ganz anders als für seine Mutter, die nach ihrer Flucht jeglichen Kontakt zu Deutschland abgebrochen hat. Für sie waren die Deutschen Verräter - und das werden sie auch immer bleiben.


Trotzdem fallen die Nachkommen der Jeckes kaum im öffentlichen Leben auf, viele haben ja auch ihre Namen geändert, und auch die Namen der Kinder klingen sehr israelisch. Andere Immigrantengruppen sind nachgerückt und heute viele präsenter, zum Beispiel die marokkanischen Juden...

Richtig ist natürlich, dass die Marokkaner schon rein äußerlich einfacher erkennbar sind, und sie haben eine sehr ausgeprägte eigene Mentalität.


Sind sie religiöser als die anderen?

Sie sind nicht unbedingt religiöser, aber traditioneller. In Israel wird zwischen «dati» und «masorti» klar unterschieden. Als die «Datim» werden die tief Gläubigen bezeichnet. «Masortim» sind solche, die versuchen, sich ihre Traditionen zu bewahren. «Masora» bedeutet Tradition, oder um es noch klarer zu machen: Lebensweise. Landsleute, die sich nicht an die Traditionen halten, erwecken bei den Marokkanern aber kein Gefühl von Empörung, sondern eher Unverständnis. Wer zum Beispiel Schweinefleisch isst, zählt für die Marokkaner zu den «Barbaren».


Was ist mit den polnischen und rumänischen Einwanderern? Auch nach 1945 kam noch eine stattliche Anzahl von Olim aus diesen beiden Ländern, ehe die Kommunisten die Grenzen völlig dicht zu machen versuchten...

Polnische und rumänische Einwanderer glänzen mit einer hohen Anpassungsfähigkeit, einem schier grenzenlosen Konformismus und einem meist glücklichen Händchen in geschäftlichen Angelegenheiten. Da haben sie übrigens einiges mit den marokkanischen Juden gemeinsam: Selbige wurden in Marokko hoch geschätzt, da sie durch ihre zahlreichen Kontakte Waren besorgen konnten, die sonst unmöglich zu bekommen waren. Marokkanische Immigranten sind auch heute oft überzeugt davon, geschickte Kaufleute zusein und eigentlich zu einer elitären Schicht zu gehören. In Israel würden ihre Talente jedoch stets verkannt werden. Sie sagen: «In Marokko haben wir in den Banken gearbeitet. In Israel stellen Banken jedoch Polen und Rumänen ein, weil diese einfach anpassungsfähiger sind.»


Ein Wort zur recht kleinen, aber nicht unbedeutenden Gruppe der Olim aus der westlichen Welt?

Da haben wir an erster Stelle natürlich Amerikaner und Briten. Viele von denen besitzen ein elitäres Image, schon allein aus der Tatsache heraus, dass sie weiter enge verwandtschaftliche und berufliche Kontakte in die westlichen Metropolen pflegen. Dies erhöht ihren Status in einer nicht zu unterschätzenden Weise. Außerdem sind die zugewanderten Juden aus Westeuropa und Amerika weitaus wohlhabender als der Durchschnitts-Israeli, und sie verfügen über ein enormes Selbstbewusstsein, das sich nicht zuletzt aus ihrem hohen Bildungsniveau speist: Zu mehr als 1990 Prozent sind sie Ingenieure, Kaufleute, Programmierer oder Lehrer - ohne Frage eine optimale Ausgangsposition.


Es kommt der Vorteil hinzu, die englische Sprache überall in Israel einsetzen zu können, auch dort, wo ihr Hebräisch noch holprig ist...

Ja, und sie bewahren sich ihre Heimatsprache tatsächlich länger als die anderen Gruppen. Doch sie eignen sich die hebräische Sprache trotzdem viel zielstrebiger als beispielsweise die russischsprachigen Zuwanderer an. Dabei sprechen die Briten und Amerikaner das Hebräisch mit einem sehr lustigen Akzent, der wird sogar im Fernsehen parodiert. Aber das irritiert sie nur wenig.


Der kulturelle Flickenteppich in Israel hat sich nun noch um eine Million russischsprachiger Juden erweitert, die seit Anfang der 1990er Jahre gekommen sind. Was bringen sie der israelischen Gesellschaft an Vorteilen, und was bringen sie ihr an Problemen?

Diese Frage ist viel zu komplex, um sie in wenigen Sätzen beantworten zu können. Zumal die russischsprachigen Immigranten eine sehr heterogene Gruppe sind, durchaus mit großem Gefälle in der Bildung und mit mentalen Unterschieden. Es gibt beispielsweise die typisch russische Unverschämtheit - die wird natürlich von den Sabres heftig attackiert -, und bei manchen Immigranten auch eine nicht zu unterschätzende geistige Verarmung. Gleichzeitig erleben wir jedoch bestimmte Berufsgruppen - wie Lehrer, Ingenieure und Programmierer -, die sich schon lange nach oben katapultiert haben und die israelische Gesellschaft zumindest im ökonomischen Bereich und im Technologiesektor sehr stark voranbringen. Die russischen Programmierer sind heute eine völlig eigenständige Schicht in Israel, die natürlich auch keinerlei Probleme mit der englischen Sprache hat.


Wir haben jetzt nur ein paar wenige von den älteren und neueren Einwanderungsgruppen in Israel gestreift. Wie soll aus diesem großen kulturellen «Flickenteppich» - manche sagen auch «multikulturelle Salatschüssel» - eine einheitliche Nation werden? Das einzige geglückte Experiment in dieser Hinsicht sind doch ohnehin die Vereinigten Staaten.

Dem möchte ich widersprechen. Auch Amerika ist heute immer noch eine Art «Flickenteppich». Aus eigener Erfahrung in Amerika kann ich behaupten, dass dies alles andere als eine einheitliche Nation ist. Es gibt sogar einen Bestseller über die Ethnien dort, mit dem bezeichnenden Titel «Neun Nationen». Sie haben richtig gehört: «Neun»! Entscheidend ist doch aber, dass sich die einzelnen Ethnien trotz kultureller Differenzen verstehen und miteinander umgehen können.


Kommen wir zu Israel zurück und zur letzten großen Zuwanderungswelle - den russischsprachigen Juden. Gibt es so etwas wie Bedrohungsängste, die - einmal aggressiv gewendet - in Parolen münden wie: «Ihr seid Russen, warum geht ihr nicht nach Russland zurück?»?

So eine Stimmung herrschte vor, als ich vor 30 Jahren nach Israel gekommen bin - und sie hielt ungefähr fünf Jahre an. Wir kamen in eine sozial noch recht fragile Gesellschaft, in der die Sephardim einen recht großen Bevölkerungsanteil ausmachten, aber sich gegenüber der aschkenasischen Oberschicht benachteiligt fühlten. Und nun mussten sie ansehen, wie wiederum Aschkenasen kamen, die für ihre rasche Aufstiegsmobilität bekannt sind. Doch der Konflikt verebbte in den folgenden 10 Jahren immer mehr. Das Problem hat sich zu ganz wesentlichen Teilen durch Vermischung gelöst. Meine Familie ist in dieser Hinsicht ein hervorragendes Beispiel: Mein Sohn hat eine Sephardin geheiratet, und meine Enkel sind schon echte Sabres.

Die große russischsprachige Alijah der 1990er Jahre hat natürlich noch einmal zu Spannungen geführt, aber da ging es nicht nur um Bedrohungsängste der Einheimischen. Teilweise waren die Probleme, auf welche die Immigranten stießen, auch von ihnen selbst geschaffen. Viele von ihnen haben beispielsweise die religiösen Traditionen der Israelis mit Füßen getreten, oder sich zumindest über sie lustig gemacht. Als wir damals, während der 1970er Jahre, nach Israel kamen, erschienen uns manche Rituale ebenfalls sehr fremd. Wir dachten uns jedoch: Wenn das hier so üblich ist, dann muss man es zumindest mit Respekt behandeln. Viele der jetzigen Neuzuwanderer haben sich diese Mühe nicht gemacht, sie haben es einfach nicht verstanden, damit umzugehen. Und das hat natürlich Frustrationen bei den Vatikim erzeugt.

Die Neuzuwanderer haben ihrerseits der israelischen Gesellschaft vorgehalten, sie sozial zu benachteiligen. «Professoren als Straßenfeger» - das ist ein geflügeltes Wort der 1990er Jahre gewesen...

Man sollte die Realität nicht unnötig dramatisieren. Oft kommt der Vorwurf, die Gesellschaft würde die intellektuellen Fähigkeiten der russischsprachigen Zuwanderer nicht genügend schätzen. Wie soll er sie denn schätzen? Wenn diese Menschen nicht in der Lage sind, ihre intellektuellen Fähigkeiten in einer modernen westlichen Gesellschaft wie Israel nutzbringend einzusetzen, dann sind sie wahrscheinlich nicht intellektuell genug. Überall gibt es Menschen, die sich zurückgesetzt oder um irgendetwas betrogen fühlen. «Professoren müssen die Straßen fegen!» - Hinter so einem Spruch steckt in der Tat viel Demagogie.


Ein nicht unbeträchtlicher Stolz - weil ein ganz besonderes Markenzeichen - der Zuwanderer der letzten 15 Jahre liegt in der russischen Kultur. Daran wurde intensiv festgehalten. In den 1990er Jahren haben wir einen regelrechten Boom an russischen Zeitschriften, Verlagen und Kunstzentren erlebt. Wird dieser Boom der russischen Kultur nun allmählich verebben?

Ja, so könnte es kommen. Die russische Literatur braucht beispielsweise eine russische Leserschaft. Und diese geht allmählich zurück, weil gerade viele Zuwanderer der jüngeren und mittleren Generation zunehmend Gebrauch vom Hebräischen machen. Als Redakteur einer russischsprachigen Literaturzeitschrift bekomme ich das schon zu spüren.


Dann war es eine Übergangskultur - wie bei den anderen Immigrantengruppen auch?

Ich sehe keinen anderen Weg. Am Ende wird es doch ein Schmelztiegel.

 

David Vynogradov

«Jüdische Zeitung», Dezember 2005