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Das Wunder mit dem ÖlkrügleinDie Lichter an Chanukka sind nicht nur ein historisches Symbol – sie haben auch geistige Bedeutung
Gesegnet seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns durch Seine Gebote geheiligt und uns befohlen hat, das Chanukka-Licht anzuzünden.» «Gesegnet seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der unseren Vätern Wunder geschehen ließ, in jenen Tagen, zu dieser Zeit.» «Gesegnet seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns Leben und Bestand gegeben und uns diese Zeit erreichen lassen hat.» Diese drei Segen - über das Licht, über das Wunder und über die Zeit - spricht man in der ersten Chanukka-Nacht vor dem Anzünden der Chanukka-Kerzen. «Chanukka» bedeutet im wörtlichen Sinne «Einweihungsfest» oder auch «Einweihungsfeier». Der Begriff hängt untrennbar mit der Wiederbelebung der nationalen Identität und der Befreiung von der Unterdrückung seitens einer fremden Macht zusammen. Der talmudische Traktat «Schabbat» erklärt den historischen Hintergrund des Festes und die Symbolik mit dem Öl: Als die Soldaten des Seleukidenherrschers Antiochus Epiphanes das Heiligtum des Tempels betreten und das ganze Öl entheiligt hatten - das geschah 168 v. u. Z. -, kam es zum jüdischen Aufstand. Die siegreichen Hasmonäer betraten nach dem Krieg den Tempel und suchten nach Öl, um die Menora - den Tempelleuchter - wieder anzünden zu können. Sie fanden dabei nur ein Krüglein, das Öl für gerade einen Tag enthielt. Doch es geschah ein Wunder: Das wenige Öl brannte acht volle Tage - so lange, bis man das neue, rituell reine Öl hergestellt hatte. Im darauf folgenden Jahr erklärte man diese Tage zu einem Fest und setzte für sie Dankgebete und Psalmen fest, die Gott fortan verherrlichen sollten.
Historische Zugänge Der eigentliche Begründer der jüdischen Geschichtsschreibung, Heinrich Graetz, stellt die der neuerlichen Tempeleinweihung vorausgehenden Ereignisse folgendermaßen dar: Nach dem Tod des Alexander von Mazedonien und der Aufteilung seines Königreichs in drei Teile geriet das Land Israel zunächst unter die Macht der Ptolemäer-Dynastie, die zu diesem Zeitpunkt in Ägypten herrschte. Im Anschluss gehörte das Land Israel dann zum hellenistischen Syrien, in dem die Seleukiden-Dynastie die Macht hatte. Die Unterdrückung und Diskriminierung des jüdischen Volkes nahm dabei wesentlich zu. In jener Periode hat sich auf der hellenistischen Basis eine «weltweite universelle Kultur» herausgebildet, die sich im Prinzip in alle von Alexander eroberten Länder verbreitete. Diese Kultur hat zwar in jedem Land die lokalen Bräuche und religiösen Sitten integriert, die dort üblich waren. Jedoch hat sie überall eine Dominanz der griechischen Weltanschauung und der griechischen Philosophie mit sich gebracht. Das war eine ihrer Form nach nationale und ihrem Inhalt nach allgemeinmenschliche Kultur, ihren Anhängern das Gefühl von «Weltbürgern» vermittelte und die vielen Menschen wie die höchste Errungenschaft des Fortschritts und der Zivilisation erschien. In einem beispiellosen kulturellen Siegeszug durchdrang der Hellenismus so die damalige antike Welt. Alle Völker zeigten sich ihm gegenüber aufgeschlossen - außer den Juden. Natürlich fanden sich auch solche Juden, die den Hellenismus verinnerlicht hatten - jedoch blieben die meisten Juden der Tora treu. Diese Resistenz setzte sich fort, bis Antiochus Epiphanes IV. in Syrien an die Macht kam. Dieser war entschlossen, «die Errungenschaften des Hellenismus» auch den Juden zu vermitteln, welche «in ihrem alten Aberglauben befangen» schienen. Antiochus Epiphanes wurde von den jüdischen Hellenisten unterstützt, die der Ansicht waren, dass die Akzeptanz der griechischen Weltanschauung den Juden den Weg in die «Familie der Völker der Welt» bahnen könnte. Vielleicht dachte ein Teil von ihnen um, als der jüdische Tempel geplündert und entheiligt und die jüdischen Bräuche überall verhöhnt wurden. Mehr noch: Die gewaltsame Hellenisierung stützte sich auf neue Gesetze. Antiochus Epiphanes hatte unter anderem ein solches verfügt, dass das Studium der Tora und deren öffentliche Lesung sowie die Einhaltung des jüdischen Gesetzes strikt untersagte. Besonders hart wurden die Beschneidung, die Einhaltung des Schabbats und die Heiligung des Neumondes bestraft. Wenn die Juden nun die hellenistische Weltanschauung angenommen hätten, so wären sie gleichberechtigte Bürger der hellenistischen Welt geworden, und man hätte gegen sie keine Gewalt angewandt. Jedoch haben die meisten Juden sich weiterhin geweigert, den Hellenismus freiwillig anzunehmen. Umgekehrt waren die damaligen Vertreter von Antiochus Epiphanes fest entschlossen, sie notfalls auch mit Gewalt dazu zu bringen. Truppen des Antiochus Epiphanes marodierten durch das Land, stellten überall Götzen auf und versuchten die Juden dazu zu zwingen, diesen Götzen auch Opfer darzubringen. Viele Juden, die sich nicht einverstanden erklärten, wurden umgebracht. Ein organisierter Widerstand schien sinnlos: Die Kräfte waren zu ungleich.
«Wer für Gott ist, folge mir!» In dem Augenblick, als die antijüdischen Verfolgungen ihren Höhepunkt erreichten, brach der Aufstand los. Retter in der Not waren die Söhne der Priesterfamilie der Hasmonäer. Sie führten den bewaffneten Kampf gegen eine syrische Übermacht, doch sie behielten die Oberhand. Die Rebellion wurde von Matitjahu organisiert, der selbst aus dem Priestergeschlecht der Hasmonäer stammte. Das Motto des Aufstandes - «Wer für Gott ist, folge mir!» - war dem Spruch von Moses entnommen, welchen der Stammvater während seines damaligen Widerstands gegen den Götzendienst ausgesprochen hatte. Am 25. Kislew haben die Aufständischen den Tempel in Jerusalem erreicht, haben ihn gereinigt und den Gottesdienst wiederhergestellt. Und während der Einweihung des Tempels ereignete sich nach der jüdischen Überlieferung jenes Wunder mit dem Ölkrüglein, auf dem das Chanukka-Fest bis heute gründet.
Nicht durch Macht, durch Geist Die jüdische Tradition sieht die Hauptbedeutung von Chanukka aber nicht im militärischen Sieg der Makkabäer, sondern in dessen geistiger Dimension. Deswegen hängt das Fest in der talmudischen und rabbinischen Literatur mit dem Ölkrüglein-Wunder zusammen, dessen geistige Aspekte man zu ergründen versucht. Nicht umsonst liest man am Chanukka-Schabbat einen Abschnitt aus dem Buch Zacharja, in dem als Vision ein goldener Leuchter beschrieben wird, an dessen beiden Seiten zwei Olivenbäume stehen. Dieser Abschnitt endet mit den Worten «lo be-chail' we lo be-hoach ki im be-ruchi, amar Adonaj Tswaot» («Nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch Meinen Geist», spricht der Ewige der Heerscharen) («Zacharja», 4:6). An den Chanukka-Tagen gibt es im Gebet «Amida» einen zusätzlichen Abschnitt «Al ha-nisim» («Für die Wunder»), in dem man Gott für die Wunder dankt, die Er zur Zeit der Makkabäer geschehen ließ. Im Morgengottesdienst am Chanukka-Schabbat liest man nach der Wiederholung des «Amida»-Gebets durch den Vorbeter den vollständigen «Hallel» (Psalmen 113-118). Da im «Hallel» mehrere sehr wichtige jüdische Konzepte vereint sind, sollen sie entsprechend erläutert werden: Psalm 113. Wir sollen den Ewigen unser ganzes Leben lang preisen. Diese Preisungen sind nicht nur für unseren Dienst gegenüber dem Schöpfer und für unsere Gotteserkenntnis wichtig, sondern sie sind auch für den Ewigen wertvoll, da er die Preisungen Israels erwartet. Das wird im Judentum mit einem literarisch sehr schönen Ausdruck dargestellt: «Ha-Kadosch baruch hu joschew tehillot Israel» («Der Heilige, gesegnet sei Er, ruht auf Preisungen Israels»). Die Barmherzigkeit Gottes kommt in diesem Psalm sehr intensiv zum Ausdruck. Gott beachtet auch das Niedrigste, im Himmel und auf der Erde. «Er richtet aus dem Staub den Armen auf, erhebt aus dem Schutt den Bedürftigen». Oder: «Er belebt das Haus der Kinderlosen, lässt sie zur fröhlichen Mutter werden». Wir sollen auf den Ewigen vertrauen, dann wird Er uns entsprechenden Beistand leisten. Hier kommt das dialogische Prinzip des Judentums deutlich zum Ausdruck: Wenn wir auf Gott vertrauen und Ihm dies auch zeigen, so ist er bereit, uns zu schützen und uns zu helfen. Psalm 114. Gott wird die Gottesfürchtigen segnen. Dies ist insofern wichtig, als die [vom Menschen erschaffene] Ehrfurcht vor Gott einen hohen Stellenwert im Judentum hat. Nach bekannter jüdischer Vorstellung steht alles in der Macht Gottes, ausser der Gottesfurcht. Gott zwingt den Menschen nicht dazu, Ihn zu fürchten. Der Mensch soll diesen geistigen Zustand selbst in seinem inneren Weltempfinden kreieren. Und dann kann er mit dem Prozess der Gotteserkenntnis beginnen, nach dem klaren Prinzip: «Die Ehrfurcht vor Gott ist der Anfang der Weisheit». (Psalm 111:10). Ausserdem wird der Mensch von Gott gesegnet, wenn er sich bemüht hat, diese geistige Verfassung zu erreichen. Psalm 116. Gott erhört das Gebet des Menschen. Im Judentum versteht man dieses Konzept nicht nur wörtlich. Die Erhörung des Gebets hängt nicht unbedingt mit der irdischen Erfüllung der menschlichen Bitte zusammen. Wenn der Betende das Gefühl hat, dass sein Gebet «fließt» - oder er verspürt eine Art Einheit mit dem Göttlichen, auch wenn es keine klare Antwort gibt -, dann lebt er im Bewusstsein, dass Gott sein Gebet erhört. Somit wird die Erhörung des Gebets [auch] auf eine geistige Ebene gebracht. Gott ist gnädig («chanun»). Dies kommt unter anderem dadurch zum Ausdruck, dass Er das Flehen des Menschen («tchinna», das Wort leitet sich aus demselben Stamm wie der Begriff «chanun» her) erhört. In jenen europäischen Ländern, in denen das Chanukka-Fest oft zur selben Zeit wie Weihnachten gefeiert wird, ist Chanukka auch ein Familienfest geworden, welches sogar die der Religion fernstehenden Juden feiern. Ähnlich wie beim christlichen Weihnachtsfest hat sich auch an diesen Orten der Brauch entwickelt, sich gegenseitig Geschenke zu machen. Psalm 117. Gottes Liebe währt ewig, und Gott ist die Quelle des Guten. Psalm 118. Ein jubilierender Lobpreis auf den Höchsten.
Lichter und Rituale Alle Rituale von Chanukka sind mit einem tiefen geistigen Sinn erfüllt. Als Erinnerung an das Wunder zündet man sowohl in der Synagoge als auch zu Hause bei Einbruch der Dunkelheit Chanukka-Kerzen an. In unserer modernen, technisierten Zeit benutzen viele dafür einen besonderen Leuchter: die Chanukkija. Jeden Abend zündet man eine weitere Kerze an, so dass am achten Tag der gesamte Leuchter in voller Lichterpracht steht. Da die Chanukka-Kerzen eine religiös-symbolische Bedeutung haben, darf man sie nicht zu profanen Zwecken verwenden, etwa zur allgemeinen Beleuchtung eines Raumes. Deswegen gibt es am Chanukka-Leuchter einen besonderen Platz für eine zusätzliche Kerze, die «Schammasch» («Dienstkerze») heißt. Die «Schammasch» zündet man zuerst an, und verwendet sie dann zum Zünden der anderen Kerzen. Davor werden entsprechende Segen gesprochen. Nach dem Anzünden der Kerzen singt man die «Maos-Zur»-Hymne, in der es unter anderem heißt: «Mächtiger Fels unserer Errettung, wir sollen Dich preisen und loben». Zu Chanukka darf übrigens gearbeitet werden, jedoch nicht während jener halben Stunde, wenn die Kerzen brennen. In dieser Zeit veranstaltet man verschiedene Spiele. Besonders beliebt ist bei den Kindern das Kreisel-Spiel «Sewiwon», an dessen Rändern hebräische Buchstaben geschrieben sind, die eine Abkürzung des Satzes «Nes gadol haja scham!» («Das große Wunder war dort!») darstellen. Es gibt auch eine andere, «irdischere» Version: Das sind die ersten Buchstaben der deutschen Wörter: «Nimm!», «Gib!», «Halb!», «Stell ein!» Es geht um den Spieleinsatz. Man gewinnt in der Regel Nüsse, die man dann auch gleich isst. Und noch zu Speisen: In der Woche von Chanukka bereiten viele Juden gern «Latkes», eine Art Kartoffelpfannkuchen mit Olivenöl.
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