Foto: M. Jehle

Vom Schwarzwald nach Jerusalem

Lehrer, Kibbuznik, orthodoxer Jude: Der Weg des Ernst Elijahu Schmid

 

Am 10. November 1938 macht sich der zehnjährige Ernst Schmid wie jeden Tag auf den Weg. Es ist ein langer Fußweg von mehr als drei Kilometern bis zur Grundschule in Dinglingen, einem kleinen Vorort von Lahr im südlichen Baden. Doch an diesem Morgen ist alles anders, und das, was wenig später passiert, wird das Leben des jungen Ernst nachhaltig prägen. Schon als er an der Fabrik, in der sein Vater arbeitet, vorbeigeht, kommt ihm die Stille merkwürdig vor. Gewöhnlich singt der Vater während der Arbeit. «Warum heute nicht?» fragt sich Ernst erschrocken.

 

Schlüsselerlebnis mit Torarollen

Als er zu einem schmalen Weg kommt, liegen dort lange Bahnen von Tora-Rollen. Ernst weiß nicht, um was es sich dabei handelt, aber eine laute innere Stimme sagt zu ihm: «Da darfst du nicht drüber gehen.» An diesen Moment erinnert sich Schmid noch heute, fast 67 Jahre später, ganz genau. Also nimmt Ernst einen Umweg, während die anderen Passanten achtlos über die Tora-Rollen laufen.

Vor dem Schulgebäude verlangen dann vier Achtklässler, dass er seine Bibel, die er für den Religionsunterreicht dabei hat, herausgibt. Seine Weigerung bringt ihm Prügel von den größeren Schülern ein, die schließlich die Sachen aus seinem Schulranzen auf die Straße werfen und die Bibel in ihre Gewalt bringen. Was mit ihr passieren soll, wissen sie ganz genau. Zielstrebig schlägt einer von ihnen die Stelle im vierten Kapitel des Johannesevangelium aus dem Neuem Testament auf, wo Jesus zu der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen sagt: «...denn das Heil kommt von den Juden.» Einer der Schüler streicht die Stelle durch und wirft die Bibel anschließend auf den Boden. Danach ergeht sich die Meute in niederträchtiger Weise über die «jüdische Rasse», worauf es aus Ernst herausplatzt: «Jesus war aber doch auch ein Jude», schreit er sie an. «Nimm das sofort zurück!» schallt es von einem der Jungen zurück. Ernst erwidert mit einem entschiedenen «Nein».

«Da hagelten die schwersten Fausthiebe auf mich nieder, so dass ich, am Boden kriechend, nur noch mit Mühe meine zerstreuten Schulsachen auf der Straße wieder zusammenlesen konnte», erinnert sich Schmid an die Situation. Seine Worte klingen dabei, als ob alles erst gestern geschehen wäre. Der Tag setzt sich damit fort, dass Ernst gegen Mittag wieder zu Hause ist und seiner Mutter von den Ereignissen erzählt, die daraufhin zu weinen beginnt. Der Vater berichtet am Abend, dass die Tora-Rollen aus der verwüsteten Synagoge von Kippenheim, einem Ort in der Umgebung, stammen. Jetzt, da man vom Ausmaß der sogenannten «Reichskristallnacht» eine Vorstellung bekommt, herrscht in der Familie tiefe Betroffenheit.

Ernsts Mutter Elisabetha stammte aus einem Zweig der bekannten Familie Horkheimer, welcher sich wahrscheinlich in der Zeit der Aufklärung vom Judentum losgesagt hat. Die Großeltern von Ernst waren Mitglieder der Evangelischen Kirche. Trotzdem wurden Gottlieb Schmid, dem Vater von Ernst, große Schwierigkeiten gemacht: Die Nationalsozialisten machten ihm gezielt zum Vorwurf, er habe eine jüdische Frau geheiratet. Kein Zweifel: Die Eltern erzogen ihren Sohn mit großer Hochachtung vor dem jüdischen Volk, auch deshalb waren für Ernst die Erlebnisse am 10. November so befremdlich. Er selbst sieht es heute so: «An diesem Tag war ein verborgener Keim jüdischen Lebens in mir erweckt worden.» Die Ereignisse waren Auslöser dafür, dass Schmid Jahrzehnte später seinen Weg zum jüdischen Glauben fand - und letztendlich mit seiner Frau nach Eretz Israel ging.

 

Ein Jahr im Kibbuz

1962, Schmid wohnt und arbeitet schon seit Jahren als Grundschullehrer in der Gemeinde Langensee im Schwarzwald, lässt er sich vom Schulamt für ein Jahr vom Unterricht freistellen. Mit seiner Frau und den beiden Kindern geht er im Rahmen von «Aktion Sühnezeichen» in einen Kibbuz. Sie gehören erst zur zweiten Gruppe von Deutschen, die nach Israel kommen, um das Land mit ihrer Arbeit zu unterstützen. Nach ihrer Rückkehr merken sie schnell, dass sich im Dorf herumgesprochen hatte, wo die Schmids während ihrer Abwesenheit lebten. Die Bundesrepublik Deutschland unterhält zu dieser Zeit noch keine offiziellen Beziehungen zu Israel. Viele Menschen sind der Auffassung, dass es besser wäre, die Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Von Israel haben viele nur eine vage Vorstellung. Ein längerer Aufenthalt im jüdischen Staat wirkt in diesem Umfeld eher merkwürdig. Doch was die Familie dann tatsächlich erleben sollte, lässt einen fast glauben, dass in diesem Ort die Zeit in den 30er Jahren stehen geblieben war. «Wir sind auf offener Straße beschimpft worden», erzählt Schmid. Wenn die Kinder auf dem Heimweg von der Schule waren oder auf der Straße spielten, hätten Leute «Verschwindet ihr Juden» gerufen, schildert er die schwierige Phase. Die NPD scheitert 1964 nur knapp am Einzug in den Bundestag. Vier Jahre später wird sie mit 9,8 Prozent der Wählerstimmen in den Landtag einziehen. Im beschaulichen Schwarzwald-Dorf Langensee ist sie jedoch stärkste politische Kraft - vor CDU und SPD. Schmid spürt, dass dies nicht mehr der richtige Ort für ihn und seine Familie ist. Der Lehrer lässt sich kurz entschlossen an eine andere Schule - nach Lörrach nahe der schweizerischen Grenze - versetzen, wo die Familie fortan auch lebt. Bei seiner Frau und ihm wächst jetzt das Bedürfnis nach einer klaren Identität. «Wir haben angefangen, uns konkret mit jüdischem Leben zu beschäftigen, wir haben es gesucht», erinnert sich Schmid. Über seine familiären Wurzeln will er nun endlich Gewissheit bekommen. Die Mutter schickt ihn zu seiner Tante Luise Horkheimer. Auf das Thema angesprochen, weist sie ihn mit den Worten «Erinnere mich nicht an unsere Familienerbsünde» ab. Schmid erkennt, dass er ein Familientabu berührt hat, über das weder Mutter noch Tante sprechen wollen.

 

Gemeindeleben in Basel und Freiburg

Ernst Schmid und seine Frau orientieren sich mittlerweile an den Jüdischen Gemeinden in Basel und Freiburg. Noch vor dem Unterricht fährt Schmid, der sich mit Vornamen nun Elijahu nennt, jeden Morgen nach Basel in die Schweiz, um dort an den Schacharit, am Morgengebet der jüdischen Gemeinde teilzunehmen. Den Schabbat verbringt die Familie an jedem Wochenende in der Freiburger Gemeinde. Damit die Familie am Schabbat nicht Auto fahren muss, wird ein Campingbus angeschafft, in welchem im rund 70 Kilometer entfernten Freiburg auch übernachtet werden kann. Das Ehepaar versucht, orthodox zu leben. Um tatsächlich eine koschere Küche führen zu können, werden wöchentliche Einkäufe in jüdischen Geschäften in Straßburg und Mühlheim (Elsass) notwendig.

Dennoch bleiben noch Unsicherheiten. Zum einen ist es ungewöhnlich, sich plötzlich in einer Minderheitenposition zu befinden, zum anderen wirken die negativen Erfahrungen aus Langesee nach. Elijahu trägt in der Öffentlichkeit keine Kippa. Er nimmt mit einer Baskenmütze vorlieb. Irgendwann beginnt die Familie über Alija nachzudenken. «Die Vorstellung in Israel zu leben, der Heimstätte unseres Volkes, und damit in einer jüdischen Umgebung, verstärkte bei uns den Wunsch eines Tages auszuwandern», beschreibt Schmid die Motive. Dennoch entscheidet das Ehepaar, diesen Schritt erst mit dem Ende seiner beruflichen Tätigkeit zu vollziehen. Das Pflichtgefühl gegenüber dem Beruf und die sichere soziale Stellung in Deutschland überwiegen gegenüber der Verlockung eines spontanen Aufbruchs. Und nicht zuletzt hängt Schmid an seinem Beruf als Grundschullehrer. «Die Nachkriegsjugend zu erziehen war mir ein wichtiges Anliegen», sagt Schmid auch vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen.

 

Endlich Alija

Die Zeit verstreicht, und sie verstreicht so rasch, dass Elijahu Schmid nur noch wenige Jahre bis zur Pensionierung vor sich hat. 1994 treten er und seine Frau der Jüdischen Gemeinde in Freiburg auch offiziell bei, was aber «nur noch ein Akt pro forma war», wie Schmid erzählt. «Sie gehören schon so lange zu uns. Eigentlich sind sie doch bereits Mitglieder», sagt ihnen der Rabbiner vor ihrer Aufnahme.

Ein Jahr später ist es dann endlich soweit. Schmid und seine Frau treten die Reise nach Israel an. Der letzte Lebensabschnitt soll ganz dem Leben im Heiligen Land gewidmet sein. Eine der Schmid-Töchter war bereits fünfzehn Jahre früher nach Israel gezogen. Die andere lebt heute in Zürich, während der Sohn in Baden-Württemberg geblieben ist. Das Ehepaar Schmid lässt sich in Jerusalem nieder, wo sich beide einer streng orthodoxen Gemeinde anschließen. Mit dem Ausbruch der zweiten Intifada im September 2000 ändert sich auch ihr Leben. Sie wohnen in Gilo, dem südlichsten Stadtteil Jerusalems. Von dort hat man einen direkten Blick auf Bethlehem, der Geburtsstadt Jesu, die sich seit 1994 unter palästinensischer Kontrolle befindet. Seitdem ist der christliche Bevölkerungsanteil von Bethlehem auf 35 Prozent gesunken. Aus dieser Richtung kommt auch regelmäßiger Beschuss, weshalb in Gilo viele Fenster mit Panzerglas ausgestattet und Schutzmauern, beispielsweise vor Kindergärten, errichtet werden müssen. Beim wöchentlichen Gang zur Post muss Elijahu während dieser Zeit oft plötzlich in Deckung gehen. Glücklicherweise hat sich die Lage seit zwei Jahren beruhigt. Daran, Israel den Rücken zu kehren, haben die Schmids aber nie gedacht. «Während dieser angespannten Lage haben wir uns oft gesagt: Jetzt sind wir hier - jetzt werden wir auch durchhalten», erklären die Eheleute übereinstimmend. Selbst als der Vorsteher ihrer Gemeinde bei einem Selbstmordattentat in einem Bus zusammen mit achtzehn Schülern sein Leben lässt, verlieren beide nicht den Glauben an die Richtigkeit der Entscheidung, Deutschland verlassen zu haben. Die Konfrontation mit Gewalt und Bedrohung festigt stattdessen ihre Beziehung zu Israel. Das glückliche Gefühl, in Jerusalem angekommen zu sein, überwiegt alle Unannehmlichkeiten. Teil des jüdischen Volkes zu sein - zurückgekehrt zu den eigenen Wurzeln - das erfüllt Schmid jeden Tag aufs Neue mit Wohlbefinden. Er empfindet seinen Lebensweg als eine «durch Gott gewollte Fügung», für die er sehr dankbar ist. Während Elijahu Schmidt dies erzählt, sieht er glücklich und gelassen aus.

 

Hilfe für ehemalige KZ-Insassen

«Eines Tages sprach mich in der Synagoge ein Gemeindemitglied an, ob ich ihm nicht bei der Korrespondenz mit deutschen Behörden helfen könnte», hat Schmid noch in Erinnerung. «Als ich fragte, um was es denn gehe, erfuhr ich von den Schwierigkeiten, die ehemalige KZ-Häftlinge beim Schriftwechsel mit deutschen Ämtern im Zusammenhang mit Entschädigungszahlungen haben.» Auf dieses Weise geriet Schmid vor einigen Jahren zum «Verein gewesener KZ-Insassen». Einmal in der Woche, jeden Mittwoch, geht er seitdem in das Vereinsbüro und füllt Anträge aus, schreibt Antworten auf Nachfragen deutscher Stellen. Für die Betroffenen stellen die Sprache sowie die komplizierte Verfahrensweise der deutschen Bürokratie oft eine hohe Hürde dar. Ohne die Hilfe von Schmid hätte manch einer der meist aus Osteuropa stammenden früheren KZ-Insassen sicher schon aufgegeben, seine Ansprüche zu verfolgen. Schmids Stimme ist langsamer geworden, er wirkt sehr nachdenklich. Nach manchem Tag im Vereinsbüro, gesteht er ein, geht er völlig erschöpft und kaputt nach Hause.

 

Alltag in Jerusalem

Dort erwartet ihn dann seine Frau, die einen koscheren Haushalt führt. Nicht nur die roten und blauen Streifen in der Küche, mit denen Lebensmittel und Geschirr getrennt werden, dokumentieren das religiöse Leben der Schmids. Auch im hohen Alter nimmt Elijahu jeden morgen um 5.30 Uhr am Schacharit in der Synagoge teil. Höhepunkt der Woche ist und bleibt für das Ehepaar der Schabbat.

Auch in Israel kostet der Alltag Energien, besonders viele, wenn man Oleh Chadasch, Neuweinwanderer, ist. «Noch immer fällt uns das Hebräische nicht ganz leicht», gibt Elijahu Schmid zu. Daran würden seine Frau und er aber zielstrebig arbeiten - mit einem Sprachkurs zweimal pro Woche. Teurer als in Deutschland sei es in Jerusalem auch. Doch die Schmids fühlen sich von ihren israelischen Nachbarn sehr akzeptiert und genießen das auch. Zwar würde er, Elijahu Schmid, noch hin und wieder auf deutsche Klischees, wie etwa besondere Pünktlichkeit oder Exaktheit, angesprochen, aber auch dies hätte sich weitgehend gelegt. Manchmal fällt Schmid auf, dass es in seiner Nachbarschaft auch recht verschrobene Vorstellungen vom heutigen Deutschland und den dortigen Juden gibt: «Zum Beispiel meinte schon jemand zu mir, dass es in Deutschland doch überhaupt keine Juden gäbe, und ein anderer glaubte, dass die Juden in Deutschland generell nicht religiös seien.»

Den Kontakt nach Deutschland haben die Schmids seit ihrer Alijah gehalten. Regelmäßig alle zwei Jahre sind sie in die Bundesrepublik gereist. Elijahu Schmid hat auch noch Kontakt zu seinem ehemaligen Lehrer-Kollegium. In Jerusalem hört das Ehepaar auch die «Deutsche Welle» - einfach, um auf dem Laufenden in der einstigen Heimat zu bleiben.

Doch was ist aus jener Bibel geworden, die Ernsts Mitschüler einst zum Streitobjekt gemacht hatten? Die Mutter von Schmid hatte sie seit dem Vorfall am 10. November 1938 aufbewahrt. «Meine Mutter hat sie mir nach meiner Rückkehr aus Israel zurückgegeben. Ich bewahre sie seitdem an einem sicheren Ort auf», erzählt Elijahu Schmid. Für den einstigen deutschen Lehrer hat diese Bibel einen großen symbolischen Wert. Sie sei für ihn eine heilige Sache, eine Art Brücke, mit der er seine Rückkehr in das jüdische Volk verbindet.

Martin Jehle

«Jüdische Zeitung», Dezember 2005