Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]()
Von «betrunkenen Schlümpfen» im fernen LandIsraelische Johannes-Rau-Stipendiaten besuchten die Bundesrepublik
Vor fünf Jahren hat der damalige Bundespräsident Johannes Rau im Rahmen seines Staatsbesuches in Israel die besondere Verantwortung der Deutschen betont, die aus der Geschichte folgere. Für seine Rede vor dem israelischen Parlament erhielt Rau seinerzeit den Preis für «Völkerverständigung und Toleranz». Er regte an, «ein Stipendienprogramm zu schaffen, das helfen soll, junge Israelis mit dem heutigen Deutschland vertraut zu machen». Die Ausschreibung zur Teilnahme richtet sich seither alljährlich an 16- bis 18jährige Israelis aller Oberschulen des Landes. In einem Preisausschreiben sind neun Fragen zu Deutschland zu beantworten. Zudem wird ein Aufsatz-Thema benannt, bei dessen Bearbeitung sich die Bewerber mit den Beziehungen zwischen beiden Ländern auseinandersetzen müssen. Die Deutsche Botschaft in Tel Aviv erhält etwa 200 Bewerbungen pro Jahr um das Johannes-Rau-Stipendium. Bis zu 60 junge Leute werden zu einem Auswahlgespräch in die Vertretung eingeladen, von denen die besten für das Programm ausgewählt werden. Hierzulande wird das Rau-Stipendium vom Pädagogischen Austauschdienst der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder vorbereitet, organisiert und begleitet. In diesem Jahr wurden für 20 Stipendiaten, darunter fünf arabische Jugendliche, Gastfamilien für acht Tage in Elsterwerda, Hamburg, Detmold, Duisburg, Marl, Dinslaken, Weil der Stadt und Saarburg ausgesucht. Sie selbst kamen aus Tel Aviv, Jerusalem, Shfaram, Beer Sheva, Petah-Tikva, Rishon Lezion und Yoqneam nach Deutschland. Mit ihren Gastgeschwistern besuchten die Israelis gemeinsam deren deutsche Schulen. Im Anschluss verbrachten alle die folgenden fünf Tage mit ihren neuen Freunden im «Hostel am Tierpark» in Lichtenberg, das zu einem «wirklich tollen und fröhlichen Zuhause» für diese knappe Woche geworden sei, berichteten die Organisatoren. «Die Tage waren außerordentlich erfolgreich», resümiert Annemarie Bechert vom Pädagogischen Austauschdienst. «Die jungen Leute sind sehr herzlich und zugleich rücksichtvoll aufeinander zu- und miteinander umgegangen, haben sehr intensiv und neugierig in den Projektgruppen zusammengearbeitet. Mit großem Engagement wurden die israelischen Gäste in den Schulen empfangen, viele mussten in mehreren Klassen nacheinander «Rede und Antwort» stehen», berichtet die Studienrätin. Man habe recht wenig voneinander gewusst und trotzdem seien keine Barrieren zu spüren gewesen: «You don't understand - you are Israeli, you are German» sei, übermütig lachend, fast zum geflügelten Wort untereinander geworden, aber nur, um in den nächsten Sätzen genau das auszuräumen.
Hauptstadt als Höhepunkt Waren die Tage in den Gastfamilien dem individuellen Kennen lernen der Bundesrepublik und der Lebensgewohnheiten der Deutschen gewidmet, verschrieb man sich in Berlin mehr oder weniger einem «offiziellen», wenn auch nicht minder spannenden Programm. Den Anfang machte ein abendlicher Konzertbesuch bei den Berliner Philharmonikern, bevor es am nächsten Vormittag unter dem Motto «Leben - Leere - Leben» zu einer bewusst nicht-jüdischen Stadtrundfahrt in einem dafür um so bewussteren «Hin und Her» entlang der ehemaligen Berliner Mauer an zentrale Punkte der Hauptstadt ging. Der Folgetag «Jüdisches Leben in Berlin: gestern - heute - morgen» führte die Stipendiaten gemeinsam mit den deutschen Teilnehmern mit öffentlichen Verkehrsmitteln (!) ins Centrum Judaicum sowie das alte jüdische Viertel an den Hackeschen Höfen. Auf «eigene Faust» ging es dann zurück ins Hostel. Der dritte Tag in Berlin stand am Vormittag erneut im Zeichen des Kennenlernens der Sehenswürdigkeiten. Die Jugendlichen konnten zwischen vier Rundgängen unter städtekundlicher Anleitung wählen. Rund um den Alexanderplatz, zwischen Friedrichstraße und Anhalter Bahnhof, vom Hamburger Bahnhof bis zum Brandenburger Tor oder entlang des Kurfürstendamms stand zur Auswahl. Zum Abschluss des Citytrips wurde der Reichstag mit einer individuellen Führung erkundet. Der letzte Besuchstag offerierte den Besuch des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas, der individuellen Begehung des Stelenfeldes und der Ausstellung folgte ein offenes Gespräch. Am Nachmittag empfingen ein Abteilungsleiter und junge Mitarbeiter die Gruppe zu einem Vortrag und anschließendem individuellen Gesprächen im Bundespräsidialamt. Ebenso als spannend wurde der Besuch des Auswärtigen Amtes empfunden, bei dem die Gruppe mit Mitarbeitern des Länderreferates Israel und der Kulturabteilung in Kontakt kamen. «Erste Gegenbesuche haben die jungen Leute schon individuell vereinbart, und die werden wohl zu Weihnachten stattfinden» berichtet Bechert. So lange es kein offizielles Stipendium dieser Art in Israel gebe, sei das die einzige Möglichkeit, die Kontakte nicht abreißen zu lassen. «Zum Abschlussabend wurde auf hebräisch, deutsch und arabisch gesungen, ich habe gar nicht gewusst, dass es ‚Hänschenklein' auch auf arabisch gibt! Und wie man ‚betrunkenen Schlumpf' übersetzten sollte, hat minutenlang für Lacher auf beiden Seiten gesorgt.» |