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Von Hurrikan «Katrina» entwurzelt, aber in SicherheitViele überlebende Juden von New Orleans wurden in Houston aufgenommen
Im August dieses Jahres mussten die Amerikaner lernen, was es bedeutet, Flüchtling im eigenen Land zu sein. Hurrikan «Katrina» hat auch die jüdischen Gemeinden im Katastrophengebiet von Mississippi und Louisiana nicht verschont. Nachdem der Hurrikan «Katrina» die Golfküste verwüstet hatte und Tausende von Todesopfern befürchtet wurden, war nicht bekannt, wie viele Juden zu Tode gekommen sind oder vermisst werden. Fest steht allerdings, dass auch viele Juden ihre Häuser verloren. Umso beeindruckender war die Hilfe, die jüdische Gemeinden und Organisationen aus vielen anderen US-Bundesstaaten, ihren Brüdern und Schwestern zuteil werden ließen - und weiter zuteil werden lassen. Und auch Israel hat schnell mit Hilfsmaßnahmen reagiert. Auf Veranlassung der Jewish Federation of Greater New Orleans haben Suchtrupps in Kleinbussen und Booten tagelang Häuser und Wohnblocks in der verwüsteten Stadt nach vermissten Gemeindemitgliedern abgesucht. An der Aktion, die mit der Jewish Federation of Baton Rouge koordiniert war, nahmen auch Hilfssheriffs von East Baton Rouge teil. Noch in der ersten Woche fanden und retteten die Hilfskräfte laut Adam Bronstone, Direktor für Öffentlichkeitsarbeit der Federation in New Orleans, mindestens 30 Menschen. «Wir haben uns in eine Vermisstenanlaufstelle verwandelt», meinte Bronstone, «doch das Schicksal von ungefähr 50 Gemeindemitgliedern bleibt ungewiss.» Auch Rettungsteams von Chabad Lubawitch waren unterwegs, konnten in einzelnen Fällen aber auch nur noch den Tod von vermissten Juden aus New Orleans feststellen. Laut einem Bericht der Jewish Telegraphic Agency blieben auch einzelne Israelis in der Region vermisst. In der Stadt Metairie versanken ebenfalls vier Synagogen unter meterhohem Wasser. Ob sie künftig wieder für Gottesdienst genutzt werden können, blieb ungewiss. In anderen Orten ist das jüdische Gemeindeleben derweil schon wieder am Erwachen. In Hattiesburg (Mississippi) trafen sich Vertreter von B'nei Israel, um Reparaturarbeiten an ihrer Synagoge zu besprechen, die durch Wind und Regen beschädigt worden war. Das Institute of Southern Jewish Life in Jackson (Mississippi) wurde nur leicht beschädigt. Larry Brook, Redakteur der «Deep South Jewish Voice» («Jüdische Stimme der tiefen Südstaaten») aus Birmingham (Alabama), sagte, die Congregation Beth Israel in Biloxi, Mississippi, «stehe noch», wenn auch in beschädigtem Zustand. Man hatte die komplette Zerstörung wegen der Nähe zum Golf von Mexiko befürchtet. Die israelische Tageszeitung «Ha'aretz» berichtete später, dass die historische Touro Synagoge von New Orleans «sich in einem zumutbaren Zustand befindet und nicht schwer beschädigt ist». In Jackson (Mississippi) war die Congregation Beth Israel «wieder ganz da und funktionsfähig», sagte Sekretärin Ellen Alexander.
Aufnahme in Houston, Texas «Die Menschen in New Orleans sind sehr widerstandsfähig», meinte Barbara Raynor, Sprecherin der Jewish Federation of Houston. Man schätzt, dass sich ungefähr die Hälfte der 12.000 Mitglieder zählenden Jüdischen Gemeinde von New Orleans zurzeit in Houston befindet. Die Jewish Federation of Greater Houston öffnete buchstäblich alle Türen für ein halbes Dutzend leitender Angestellter der Jewish Federation of Greater New Orleans, die jetzt alle in einem umfunktionierten Sitzungssaal arbeiten. Diese Angestellten erfassen alle jüdische Hurrikan-Flüchtlinge und registrieren zudem, wer noch vermisst wird. Gegenwärtig wird davon ausgegangen, dass zahlreiche «gestrandete» Juden aus New Orleans längerfristig in Houston bleiben werden. Eltern kaufen mit ihren Kindern für die Schule ein, es wird versucht, auch «am anderen Ort» eine gewisse Normalität des Lebens herzustellen. «Die Leute sind vom Empfang der Jüdischen Gemeinde in Houston überwältigt», sagt Barbara Raynor über die Juden von New Orleans. «Sie selbst sind es ja sonst gewohnt, anderen zu helfen. Und eine der größten psychologischen Schwierigkeit ist es jetzt, damit klarzukommen, dass andere Menschen einem helfen möchten.» - «Die Menschen stehen noch immer unter Schock», meint hingegen Rabbinerin Debra Kassoff, Direktorin der Rabbinischen Dienste am Institute of Southern Jewish Life. Die Hilfe der jüdischen Gemeinden und Organisationen aus den benachbarten US-Bundesstaaten gleicht einer gewaltigen, sich gut ergänzenden Aktion. Den Opfern werden die unterschiedlichsten Formen von Hilfe angeboten. Viele Organisationen sammelten Spenden, stellten den Obdachlosen Unterkünfte zur Verfügung und leisteten moralische Unterstützung. Der nationale Dachverband, die United Jewish Communities, berichtete, dass allein während der ersten Woche der Katastrophe rund 4 Millionen Dollar an Spendengeldern gesammelt worden sind.
Dankbare Stimmen «Die überbordende Liebe, Anteilnahme und Unterstützung, die der Jüdischen Gemeinde von New Orleans und Umgebung entgegengebracht wurde, ist einfach überwältigend», sagte der Geschäftsführer der Jewish Federation of New Orleans, Eric Stillman. «Von Städten aus allen Teilen Amerikas, jüdischen Verbänden, der Jewish Agency für Israel, der israelischen Regierung und den Synagogenverbänden bekamen wir Hilfsangebote.» «Helfen ist das Wichtigste,» sagte der Geschäftsführer der jüdischen Studentenorganisation Hillel in Houston, Rabbi Kenny Weiss. Seine Organisation bot evakuierten Studenten an, den Schabbat auf dem Campus der Universität zu verbringen. Die Mitglieder von Hillel meldeten sich spontan, um die Evakuierten ehrenamtlich zu betreuen, sie spendeten Blut und sammelten Kleidung. Eine andere bedeutende jüdische Einrichtung in Houston, die United Orthodox Synagogues (Vereinigte Orthodoxe Synagogen) veranstalteten eine Kampagne, um Kleider-, Spielzeug- und Lebensmittelspenden zu sammeln. Kurz vor den Hohen Feiertagen boten die Synagogen in Houston freie Mitgliedschaft sowie kostenlose Aufnahme in den religiösen Schulen an. Eine weitere Initiative aus Houston suchte inzwischen nach Wegen, einige der im Hochwasser zerstörten Schriften der Jüdischen Gemeinde von New Orleans zu ersetzen. Vertreter von Chabad Lubawitsch in Houston, Memphis und anderen Städten der Südstaaten organisierten ihrerseits ebenfalls kostenlose Unterkünfte, Mahlzeiten und Schulen für die Evakuierten.
Hilfe aus Jackson, Utica, Atlanta und New York In Jackson, Mississippi - die jüdische Bevölkerung zählt dort nur 200 Familien - wurden knapp 100 evakuierte Juden in jüdischen Haushalten aufgenommen. «Meine Gemeindemitglieder sind bald überlastet. Eine fünfköpfige Familie hat beispielsweise zehn Menschen aufgenommen», erzählte Rabbi Valerie Cohen von der Beth Israel Congregation in Jackson. «Es gibt viele Schuldgefühle, dass man einfach nicht genug tut, egal wieviel man tut.» In Utica (Mississippi) hat das der Reformbewegung nahe stehende Henry S. Jacobs Zentrum, das eigentlich schon seit ein paar Wochen geschlossen war, seine Tore wieder geöffnet, um Juden wie Nichtjuden, die aus den überschwemmten Gegenden geflohen waren, Unterkünfte zu stellen und den erschöpften Helfern eine Atempause zu gewähren - sowie als regionale Sammelstelle für Hilfslieferungen in der Region zu fungieren. In Atlanta beherbergte die konservative Ahavath Achim Synagoge am Sonntag eine Bat Mitzvah, die ursprünglich in New Orleans hätte stattfinden sollen. Aus New York kam das Angebot des Zentrums für Jüdische Zukunft der Yeshiva University, Traumatherapeuten in die Jüdischen Gemeinden der Südstaaten zu schicken und Studenten als Aushilfslehrer in religiösen Schulen zur Verfügung zu stellen. Das Bronfman Center for Jewish Student Life der New York University schickte für einige Tage eine Studentendelegation nach Houston, um den Evakuierten im Sportstadium «Astrodome» und im Brown Messezentrum zu helfen. Die Orthodox Union schickte Jugendberater zur Unterstützung der betroffenen Jüdischen Gemeinde. Die United Synagogue of Conservative Judaism veröffentlichte ein Sondergebet für die Flutopfer, das den Wunsch zum Ausdruck bringt, «nach der Zerstörung von «Katrina», das Gute im Menschen zur Oberfläche der Flut aufsteigen zu lassen.»
Unterstützung aus Israel Israel kündigte an, eine Ladung an Hilfsgütern (Essensrationen, Wasser, Zelte und Generatoren) sowie Fachkräfte (u. a. Psychologen, Freiwillige der «Zaka»-Organisation zur Identifizierung von Opfern und auch Taucher des Israel Forum for International Aid) zur Unterstützung der Rettungsarbeiten zu schicken. Fünf israelische Universitäten bieten mittlerweile an, Studenten aus den von der Naturkatastrophe betroffenen Gebieten aufzunehmen. Mit der «Study in Israel Opportunity» können sich US-amerikanische Studenten, deren Semesterpläne vom Hurrikan zunichte gemacht wurden, in diesen Universitäten in Israel einschreiben, das Semester beginnt dort erst nach den hohen Feiertagen.
Einzelschicksale: Geburt und Trennung Die Berichte der jüdischen Organisationen in den Südstaaten waren immer wieder eine Mischung aus guten und schlechten Nachrichten: Menschen blieben vermisst - andere Menschen konnten sich wieder finden. Gebäude wurden schwer beschädigt und andere Gebäude blieben unversehrt. Ein jüdisches Paar aus New Orleans brachte ihren ersten Sohn kurz vor «Katrinas» Ankunft zur Welt. Das Kind kam in die Neugeborenenklinik eines Krankenhauses von New Orleans und wurde von dort allein nach Fort Worth weiter evakuiert. Seine Eltern gelangten zunächst nach Houston. Adam Bronstone von der Jewish Federation of New Orleans organisierte dann einen «Engelsflug» für die Eltern nach Fort Worth, wo die Familie wiedervereint wurde. «Katrina» hat auch die Zukunftspläne eines frisch verheirateten Ehepaars aus New Orleans weggespült. Alysia und Carey Loshbaugh heirateten im April und wohnten in einer Mietwohnung. An dem Montag, als «Katrina» eintraf, sollte eigentlich das Geschäft für den Kauf ihres ersten Hauses unter Dach und Fach gebracht werden. Aber stattdessen sind beide zwei Tage vorher geflohen. Die 27-jährige Alysia, eine Managerin an der Tulane University, verfolgte den Sturm von ihrem Elternhaus in Nashville aus am Fernseher. Das eingeschossige Haus, das die beiden kaufen wollten, steht in der Uptown Gegend von New Orleans, nicht weit vom Mississippiufer entfernt. «Vielleicht eine Meile», sagt Alysia. Sie und der 29-jährige Carey, Buchhalter in einem Krankenhaus New Orleans, wissen nicht, was mit dem Haus passiert ist. Sie wissen auch nicht, was aus ihren Arbeitsplätzen wird. Und sie machen sich Sorgen, was mit den Mezuzot passiert ist, die sie als Hochzeitsgeschenke bekommen haben. Alysia und Carey zählen dennoch zu den Glücklichen. «Wir kennen Menschen, die alles verloren haben», sagt Alysia. In Birmingham, Memphis und Nashville stellten die jüdischen Gemeindezentren ihre Einrichtungen Hunderten von geflohenen Opfern von «Katrina» kostenlos zur Verfügung. «Ich sehe, wie sich die Menschen durch die verschiedenen Trauerphasen durcharbeiten»", sagte Campleiter Jonathan Cohen. «Sie fangen an, einen Gemeinschaftssinn zu entwickeln, jetzt, da sie wissen, dass sie für längere Zeit hier sein werden.» Mehrere Synagogen in Houston engagieren sich für die neuen Gemeindemitglieder, viele davon haben Unterkunft bei Mitgliedern gefunden. Drei koschere Küchen wurden eröffnet. Freiwillige der Gemeinde arbeiteten in einem Obdachlosenheim, und Beth Yeshurun bietet denjenigen finanzielle Unterstützung an, die vollkommen mittellos ankamen. «Das hier ist Texas. Jeder hat ein großes Herz», sagte der Präsident von Beth Yeshurun, Gary Schwartz. «Wir werden alles besorgen, was nötig sein wird - für alle Bedürftigen.»
Die Großzügigkeit einer Familie Die Familie Daum aus Houston, ehemalige Bewohner von New Orleans, nahmen zwei Familien aus New Orleans in ihrem Haus auf. Die neuesten Hausmitglieder sind Victoria May, die Kantorensolistin in der New Orleans Congregation Gates of Prayer, und ihre beiden Kinder, ebenso der Website Designer Eddie Bronston aus New Orleans mit seiner Tochter. Alle vier Schlafzimmer sind jetzt belegt: Die Kinder schlafen auf Sofas und Luftmatratzen im Wohnzimmer. «Es ist ein bisschen chaotisch», sagt Suzie Daum. Ihre eigenen Kinder sehen es eher gelassen. «Ich kenne Familien, die 19 Menschen bei sich zu Hause aufgenommen haben», erzählt Suzie Daum. Ihre Gäste erlebten die erste Woche noch als «Touristen». Jetzt meldeten sie ihre Kinder im Kindergarten an. «Es geht mir so einigermaßen», sagt Victoria May. «Aber ich bekomme schon mal eine Krise. Die meisten meiner Freunde durchleben ebenfalls ihre Krisen. Vor dem Fernseher ist es besonders schwer, keine Krise zu bekommen. Ich versuche, den Fernseher zu vermeiden.» «Einige Menschen sind sehr glücklich darüber, einfach ein Dach über dem Kopf zu haben», sagt auch Jill Goldstein, Studentin an der New Yorker Universität, die als Teilnehmerin der Bronfman Center Delegation nach Houston kam. Ihre Familie aus Coral Springs, Florida sah es weniger gern, dass sie jetzt nach Houston ging und sich dabei eventuell in eine gefährliche Situation begeben könnte. Ihr Vater habe Angst um sie, aber: «Ich habe ihm gesagt, dass das etwas war, was ich einfach machen musste.» Das Bronfman Center suchte per e-Mail nach acht Freiwilligen, die vom Philanthropen Edgar Bronfman finanziert werden sollten. «Mehr als 60 sind gekommen», wusste Aviva Levine, Programmkoordinatorin im Bronfman Center. Rabbi Victor Hoffman aus Jerusalem war vor seiner Aliya Rabbiner in einer Gemeinde von New Orleans, er bekam ein Dutzend e-Mails von damaligen Freunden. Nun las er von «Gemeindemitgliedern, die aufgehört haben, ihre eigene Autos zu packen, um die Thorarollen und silbernen Wertgegenstände aus der Synagoge in einen sicheren Raum im jüdischen Gemeindezentrum, in einem anderen Teil von New Orleans zu bringen.»
Am Rande notiert Technisches Hilfswerk operiert in den USA Das Technische Hilfswerk (THW) der Bundesrepublik Deutschland hat sich auf Anweisung von Bundesinnenminister Otto Schily bei den Aufräumungsarbeiten der von Hurrikan «Katrina» schwer verwüsteten Stadt New Orleans beteiligt. Das THW entsandte insgesamt 89 Experten der Fachgruppen Wasserschaden/Pumpen in das Katastrophengebiet, außerdem auch 5 Sanitäter der Johanniter-Unfallhilfe. Das deutsche THW-Team wurde von US-Militärmaschinen vom Luftwaffenstützpunkt Rammstein aus nach New Orleans geflogen. Die wichtigste Aufgabe der deutschen Helfer bestand im Freipumpen öffentlicher Gebäude. Bundesinnenminister Otto Schily zur deutschen Hilfsaktion: «Der Einsatz des THW in der Katastrophenregion bestätigt einmal mehr die deutsch-amerikanische Freundschaft und zeigt deutlich, welch hohes Ansehen die Einsatz- und Katastrophenschutzorganisation des Bundes weltweit genießt.»
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