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Die Wohlstandsdroge wirkt nicht mehrPsychotherapeut Hans-Joachim Maaz über deutsche Einheit, «Volksdepression» und Chancen des Miteinanders
Herr Maaz, Sie sind kein gelernter Politikwissenschaftler, sondern studierter Psychotherapeut. Aber können Sie aus Ihrer ganz subjektiven Sicht heraus ein paar Erklärungen versuchen für das noch immer extrem unterschiedliche Wahlverhalten in Ost und West - 15 Jahre nach der deutschen Einheit. Das hat sicher damit zu tun, dass die regierenden Politiker, die großen Parteien, die besonderen Belange und den besonderen Handlungsbedarf im Osten nicht oder nicht mehr thematisieren. Es werden keine Ideen mehr für den Osten entwickelt, so dass die ursprüngliche Hoffnung, die auch in den politischen Programmen des Einheitswahlkampfes genäht wurde, dass es schnell eine Angleichung der Lebensverhältnisse geben könnte, dahin ist. Diese Hoffnung ist enttäuscht worden, und jetzt sucht man, mit dieser Enttäuschung fertig zu werden. Manche resignieren, manche protestieren, manche versuchen vor allem der Arbeit hinterherzulaufen. Vor allem erklärt sich damit aber der Wahlerfolg der WASG/Linke - als jener Partei, die als einzige noch versucht, die Belange oder die Schwierigkeiten und Nöte der Ostdeutschen in ein politisches Programm zu bringen.
Dies sind doch aber zwei unterschiedliche paar Schuhe: Die Belange und Nöte eines Teils der Bevölkerung zu formulieren, oder diese Belange auch tatsächlich in ein politisches Programm zu gießen. Ja, mit dem konkreten Programmatischen, das ist ja tatsächlich immer so ein Problem. Ich denke, es wissen dann oft die wenigsten der Wähler, was wirklich im Programm steht. Ich kenne jedenfalls viele Personen, die auch Linke/WASG wählen, ohne dass sie eigentlich wollen, dass diese Partei an die Macht kommt. Da treten dann die konkreten politischen Inhalte sogar etwas in den Hintergrund und sind noch gar nicht ausschlaggebend, sondern erst einmal der allgemeine Protest, als die, sagen wir mal, einfachste Stufe und dann auf schon etwas höherem Niveau das Bedürfnis, dass jemand die besonderen, spezifischen Schwierigkeiten und Konflikte, die im Osten immer mehr entstanden sind, formuliert.
Deutsch-deutsche Parallelgesellschaften
Objektiv lässt sich mancher Frust an der wirtschaftlichen Stagnation in den neuen Bundesländern festmachen. Aber dann gibt es da auch diese mentalen Vorhaltungen. Die Ostdeutschen fühlen sich missverstanden und zu wenig unterstützt. Die Westdeutschen werfen den Ostdeutschen mangelnde Eigeninitiative und fehlende Dankbarkeit vor. Wie schafft man es endlich, diese Gräben zu überwinden? Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass dies überhaupt gelingt. Ich richte mich immer mehr darauf ein, dass es doch auf lange Zeit deutsch-deutsche Parallelgesellschaften geben wird. Das will eigentlich niemand hören, aber es muss einfach mal gesagt werden. Wenn Sie mich nach der Begründung für diese unterschiedlichen Mentalitäten und Einstellungen fragen, dann würde ich sagen: Es liegt daran, dass es von Anfang an eine einseitige Einschätzung der «anderen Deutschen» gab - und zwar auf beiden Seiten. Von westlicher Seite dahingehend, dass das Leben im Osten schlechter, eigentlich nur schlechter gewesen sei. Und das wurde anfangs auch von sehr vielen Ostdeutschen mitgetragen. Für so eine Beurteilung wurden vor allem äußere Maßstäbe angelegt: Also Konsum, Reisefreiheit, dann aber auch die Einhaltung demokratischer Menschenrechte - was ja auch gut ist. Es wurde aber nicht berücksichtigt, vor allem im Osten auch nicht, was die westliche Marktwirtschaft mit den Menschen auch macht: Das Gezwungensein, miteinander konkurrieren zu müssen, das Sich auch darstellen und verkaufen müssen. Also, es haben recht einseitige Sozialisationen stattgefunden, und wenn man sie einmal vergleicht, dann ist im Westen viel stärker die Individualisierung des Einzelnen das Charakteristische, im Osten dagegen viel stärker der Kollektivgeist, die Einordnung, auch Unterordnung. Beides, was ich da erwähnt habe, sind wichtige menschliche Fähigkeiten, aber auf jeder Seite ist der jeweils andere Pol schwach entwickelt. Und diese Einsicht, dass es auf beiden deutschen Seiten besondere Fähigkeiten und besondere Schwächen gibt, die hat es bisher einfach nicht gegeben. Und das ist der Grund, weshalb die Ostdeutschen sich auch in ihren Fähigkeiten, in ihrer Mentalität, in ihren Besonderheiten abgewertet erleben - und zwar oft unabhängig davon, ob sie Arbeit haben oder nicht. Im öffentlichen Diskurs kommt oft so eine insgesamt negative Einschätzung des Lebens in der früheren DDR rüber, und das ist eben für viele Individuen nicht stimmig. Viele Menschen im Osten haben auch andere Erfahrungen gemacht, und sie sagen: Das, was wir im Privaten, im Freundschaftskreis hatten, das war eine viel größere Menschlichkeit, eine Solidarität, ein viel sensibleres Aufeinandereingehen und Helfen, als es heute der Fall ist. Und das ist ganz sicher eine wesentliche Ursache dafür, warum es heute im Osten so viele Kränkungen gibt, auch berechtigte Kränkungen - und dass nicht zu erwarten ist, dass es von westlicher Seite eine Bereitschaft geben wird, auch ostdeutsches Leben in seinen besonderen Werten zu respektieren.
Der Osten gilt insgesamt nach wie vor als der problematische Juniorpartner im deutsch-deutschen Gefüge. Ärgert Sie das auch persönlich, als ärztlichen Psychotherapeuten aus dem Osten? Fühlen Sie sich da auch persönlich betroffen? Ja, das ärgert mich schon, und ich kann das auf eine ganz fachwissenschaftliche Ebene herunterbringen. Denn diejenigen Behandlungskonzepte, die wir im Osten oft mit großen Widerständen und Schwierigkeiten entwickelt haben - teils in zähem Ringen gegen staatliche Vormundschaften - , die sind auch mit der Vereinigung mehr oder weniger vom Tisch gefallen, sie sind nicht wirklich gewürdigt worden. Ich erinnere mich an eine bewegte anfängliche Zeit des Kennlernens mit westdeutschen Kollegen, das war sehr angenehm. Da gab es sehr viel Interesse aneinander. Aber in dem Moment, als es um die Bürokratisierung ging, und um die Frage: Wie ist das Ganze jetzt auch finanziell zu sichern? - da ist dann recht einseitig das westdeutsche Therapiemodell für ganz Deutschland durchgesetzt worden, und damit mussten wir hier auch spezifische Erfahrungen aufgeben, um in diesen westlichen Behandlungsprogrammen unseren Platz zu finden. Uns ist es da im Grunde genauso gegangen, wie anderen Berufsgruppen auch den Ingenieuren, Journalisten und vielen anderen. Damit wollten wir uns aber auch nicht so ganz kritiklos abfinden. Wir haben eine eigene Gesellschaft gegründet - die Deutsche Gesellschaft für Analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologie - , die vorwiegend für ostdeutsche Therapeuten gedacht war, weil ich das nicht einsehen wollte, dass wir bestimmte Therapieansätze, die einfach wertvoll waren, weil sie auch unter besonderen Erfahrungen und Schwierigkeiten - wie eben massiver staatlicher Repression und Indoktrination - entstanden waren, also diese Ansätze wollte ich nicht aufgeben. Dabei geht es um die spezifischen Auswirkungen autoritärer Strukturen, um die Therapie so genannter «Frühstörungen» und damit um integrative Therapiemodelle.
Kardinalfehler der Vereinigungspolitik
Inwiefern hat die bisherige Politik im vereinigten Deutschland - und das waren immerhin 8 Jahre Schwarz-Gelb und sieben Jahre Rot-Grün - es versäumt, den psychischen Befindlichkeiten der Menschen in West- und Ost-Deutschland die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken? Alle Regierungsparteien haben das versäumt, und dies halte ich für einen der Kardinalfehler der Vereinigungspolitik bis heute - dass die seelischen Befindlichkeiten der Menschen eben kaum beachtet worden sind. Wenn man also den Ostdeutschen eine spezifische Schwäche auf Grund ihrer DDR-Sozialisation attestieren kann, dann ist es eben die der stärkeren Ein- und Unterordnung, stärker jedenfalls als die Individualisierung und Selbstbehauptung. Um in einer westlichen Gesellschaft, einer demokratischen und marktwirtschaftlichen Gesellschaft zurechtzukommen, muss man - das ist ja bekannt - Eigenständigkeit und Durchsetzungsfähigkeit entwickeln können. Das ist aber ein psychologisches Problem, welches man nicht von heute auf morgen lösen kann, so wie man beispielsweise einen Anzug wechselt. Da muss es auch Räume und Zeiten geben, in denen man das allmählich entwickeln kann. Das ist nicht ernsthaft berücksichtigt worden...
Für die einzelnen Menschen oder für das ganze Kollektiv nicht berücksichtigt worden? Für beides. Erinnern Sie sich doch mal an die anfänglichen Diskussionen über eine neue gemeinsame Verfassung. Oder die Bildung einer Ostpartei, um nicht von der PDS abhängig zu bleiben. Da wären ja solche Dinge durchaus drin gewesen, die sicher auch für die Entwicklung neuer Mentalitäten, für individuelle Veränderungen öffentliche Räume gewährleistet hätten. Und man hätte das sicher auch in einem Mediendiskurs begleiten können, aber das ist versäumt worden. Aber was fast noch entscheidender ist - und das fällt, glaube ich, immer mehr auf die Füße, nicht nur den Menschen im Osten, sondern in ganz Deutschland, nämlich dass für die Entwicklung der Menschen zu mehr Eigenständigkeit und Selbständigkeit die wirtschaftliche Basis nicht da war und nicht geschaffen wurde. Es gibt ja da konkrete Vergleichsmöglichkeiten mit Nachbarländern wie Tschechien und Polen, wo das ehemalige Volkseigentum stärker auch mit Anteilscheinen und ähnlichen Möglichkeiten in die Bevölkerung gebracht wurde. Den Ostdeutschen ist das, im Grunde genommen, kaum möglich gewesen. Ich habe jetzt unlängst eine Zahl gelesen, dass nur etwa 5% des Volksvermögens, welches die Treuhand dann verwaltet und verkauft hat, in ostdeutsche Hände gelangten - und 95% in westdeutsche und ausländische. Und das macht ja nicht nur bitter, es raubt ja auch die Möglichkeiten von Herausforderungen und Bewährungsproben. Denn wenn jemand eigener Geschäftsführer wird oder Anteile hat, dann ist man doch in einer ganz anderen Herausforderung, verantwortlich anzupacken, die neuen Bedingungen zu berücksichtigen und neue, eigene Fähigkeiten zu entwickeln. Und das war meiner Meinung nach einer der Hauptfehler der deutschen Vereinigungspolitik: Dass Unsummen an Geldern, die geflossen sind und noch fließen, mehr in den Konsum und in die soziale Absicherung der Menschen gehen, und eben nicht in ihre Entwicklung für eigene Kreativität und Produktivität. In diesem Sinn gab es hier weniger Hilfe zur Selbsthilfe, sondern eine Fortsetzung der Abhängigkeit verstärkenden sozialen Subventionierungen. Das ist zwar im Moment für die meisten Menschen recht angenehm, beispielsweise dass ihre Renten noch fließen, aber auf längere Sicht wird das nicht zu halten sein. Deshalb fallen wir im Osten, was die allgemeine Produktivität betrifft, bereits deutlich gegenüber Ländern wie Ungarn, Tschechien und Polen ab.
Der Wohlstandstraum und seine Grenzen
Wie erleben Sie als Psychotherapeut das gegenwärtige Stimmungstief in der Bevölkerung? Niemand traut der Politik noch etwas zu, und viele trauen sich selbst auch nichts mehr zu. In anderen Ländern wie beispielsweise Irland kann man fast genau das Gegenteil erleben. Wo liegen die Gründe für diese - sagen wir mal etwas zugespitzt - «Volksdepression»? Und wie geht man ihre Überwindung am sinnvollsten an? Sie sprechen da in der Tat ein sehr ernstes Problem an. Das bisherige Therapeutikum der Deutschen, vorrangig derer im Westen, das war die Orientierung an einem Wirtschaftwunder, wie es auch gleich nach dem Krieg zustande kam. Materieller Gewinn und wirtschaftliche Dynamik, und Modernität. Das Tragische daran ist, dass die noch vorhandene Schuld und Schande der Deutschen im Prinzip entsorgt werden sollte. In Westdeutschland war dies durchaus erfolgreich, und das hielt jahrzehntelang an. Für mich liegt es nahe, das mit einer medizinischen Behandlung zu vergleichen, die auftretenden Beschwerden mit einem schnell wirkenden Medikament nahezu spurlos wegzukriegen, ohne die Ursachen zu bekämpfen. Unter diesen Vorzeichen ist auch die deutsch-deutsche Vereinigung gelaufen. Und die Ostdeutschen hatten am Anfang den Traum, am materiellen Wohlstand teilhaben zu können oder auch, ihn weiterentwickeln zu können. Der hat aber nun seine Grenze erreicht. Das heißt: Immer mehr Menschen fallen heraus aus dieser allgemeinen Wohlstandsgesellschaft. Und auch für viele, die noch einen Job haben, wächst der Wohlstand nicht mehr so wie früher. Nun kann man zugespitzt sagen: Es fehlt immer mehr die Droge Wohlstand. Dann wird die tiefe, unbewältigte innere Problematik, die Angst, Schuld, Scham auslöst, wieder aktiviert. Aber das wird abgewehrt, durch Depressivität, durch Larmoyanz, durch Klagsamkeit, aber auch durch stures «Weiter so!» und Schuldzuweisungen im Sündenbockdenken.
Aber das klingt ja bei so einer relativ klaren Sachlage auch ein bisschen nach Chance... Das wäre eine Chance, natürlich. Und wenn Leute mit einem solchen Befinden zu uns kommen, ist das immer eine Chance, weil wir jetzt helfen können, genauer hinzuschauen, was eigentlich in der jeweiligen Seele verborgen ist und bisher nicht geklärt wurde.
In der Zeitschrift «Cicero» haben Sie psychologisch interpretiert, mit welchen Qualitäten und Talenten sich die ostdeutsche, eher unauffällige Neupolitikerin Angela Merkel in einer stark männerdominierten und hart umkämpften CDU-Führungsriege zur Nachfolgerin von Helmut Kohl hochkatapultieren konnte. Könnten denn auch der deutschen Gesellschaft spezifische Talente und Qualitäten von Frau Merkel zugute kommen, wenn sie dann tatsächlich Kanzlerin werden sollte? Und falls ja, welche Qualitäten wären das? Ich wollte in besagtem Artikel in «Cicero» eher darauf aufmerksam machen, dass Frau Merkel weniger durch positive, konstruktive Leistungen in diese Machtposition und Machtrolle gekommen ist, in der sie sich jetzt befindet. Ihr Aufstieg hatte ja auch mit etwas zu tun, was die Männer in der CDU, auch die starken Männer, nicht fertig gebracht haben: Offen gegen den Vater zu revoltieren - den Vater Kohl -, und ihn beiseite zu drängen. Das hat sich Frau Merkel tatsächlich getraut. Das heißt aber noch nicht, dass sie damit bewiesen hätte, dass sie jetzt eigene visionäre Kraft dafür hätte, ein Volk zu überzeugen, eine Gesellschaft mitzureißen für mutige Schritte der Veränderung. In der letzten Zeit fiel Frau Merkel meines Erachtens nach eher dadurch auf, dass sie sich immer bissiger gegen ihre politischen Gegner gestellt, und diese abgewertet hat, um sich dadurch aufzubauen. Von daher fürchte ich im Moment eher, dass sie - da sie auch das eigene Ziel, eine arbeitsfähige Regierungsmehrheit, nicht erreicht hat - nun stärker in den eigenen Reihen gefährdet sein wird. Und wenn wir schon einmal bei Machtspielen und politischem Stillstand sind: Ich würde es für keine schlechte Idee halten, käme es zu einer großen Koalition. Die führenden deutschen Politiker müssten dann einmal davon ablassen, den Gegner nur schlecht zu machen, sondern sie müssten sich Fähigkeiten im Miteinander erwerben. Die großen Probleme des Landes können nur gemeinsam gelöst werden. Denn das hätte in der gegenwärtigen Lage eine Signalwirkung, es wäre ein Zeichen von Reife, schwierige Entscheidung gemeinsam tragen zu wollen.
Hans-Joachim Maaz ist Psychiater, Psychoanalytiker und Chefarzt der Psychotherapeutischen Klinik im Evangelischen Diakoniekrankenhaus Halle. Zu DDR-Zeiten kämpfte er für psychoanalytische und tiefenpsychologische Therapieformen, die im SED-Staat tabuisiert waren. Bekannt wurde Maaz nach der Wende vor allem durch sein Buch «Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR» (1990) und die Folgebände «Das gestürzte Volk» und «Die Entrüstung». Geboren 1943 in Niedereinsiedel (Böhmen), studierte Hans-Joachim Maaz an der Universität Halle Medizin und Psychotherapie. Seit 1980 ist er am Evangelischen Diakoniekrankenhaus Halle tätig. Hans-Joachim Maaz ist außerdem Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologie (DGAPT) und leitet das Choriner Institut für Tiefenpsychologie und Psychosoziale Prävention. Zuletzt erschienen von ihm: «Der Lilith-Komplex. Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit.»
Zur Person Einseitige Wahrnehmungen abbauen Zum Schluss vielleicht noch ein paar Ratschläge für unsere Leser, wie aus Einheitsfrust vielleicht doch etwas mehr Einheitslust werden könnte? Wenn Sie wollen, auch gern getrennt nach Ratschlägen an den Osten und solchen an den Westen. Auf jeden Fall sollten wir daran arbeiten, diese einseitigen Wahrnehmungen abzubauen, einfach ein bisschen komplexer die jeweils andere Seite zu betrachten. Wenn früher die Ostdeutschen vom «Besserwessi» gesprochen haben, dann prangerten sie ja etwas an, was sie selbst schlecht konnten: Sich gut dazustellen und selbstbewusst zu verhalten. Wenn umgekehrt die Westdeutschen vom «Jammerossi» gesprochen haben, dann prangerten sie etwas an, was sie bei sich schlecht zulassen konnten - nämlich eigene Unsicherheiten und Schwächen. Also, das wäre schon eine große Entlastung, wenn man den anderen nicht beschuldigt, sondern in den anderen Eigenschaften entdeckt, die man selbst auch gebrauchen könnte. Das heißt: Man muss sich begegnen, man muss Kontakte miteinander pflegen, miteinander reden, man muss diese Verschiedenheiten erst einmal wahrnehmen und akzeptieren. Denn wo es wirklich zu persönlichen Begegnungen und persönlicher Zusammenarbeit gekommen ist, da hat sich das oft positiv entwickelt. Wenn man sich auf der menschlichen Ebene begegnet, hat das den Vorteil, dass die meisten Vorurteile nicht aufrechterhalten werden können. Das ist das eine, was für beide Seiten zutrifft. Speziell den Ostdeutschen empfehle ich - und das als Ostdeutscher - von der Illusion zu lassen, dass es bald eine Angleichung der Lebensverhältnisse geben könnte. Vielmehr sollten wir uns auf das besinnen, was uns auch positiv ausmacht, die Eigenschaften nämlich, welche im Osten noch einen Wert haben: Größere soziale Verbundenheit, größeres Solidaritätsgefühl, eine ehrlichere Kommunikation, die auch eigene Schwächen und Unsicherheiten zulässt. Ich arbeite gerade an einem Essay mit dem Titel «Beziehungskultur». Wenn Menschen besser miteinander auskommen, sich besser verständigen können, dann hat das einen großen befriedigenden Wert. Der wirkt nach meiner Erfahrung mitunter auch tiefer, als wenn man nur die eigene Gehaltsklasse steigen sieht. Ich denke, wir müssen da auch immer wieder die gängigen gesellschaftlichen Orientierungen in Frage stellen.
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