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Mehr als ein virtuelles zu HauseDvora Ben David, Gesandte an der Israelischen Botschaft und Leiterin der Kulturabteilung, nimmt Abschied von Berlin, ihrem «zweiten zu Hause»
Wenn man mit dieser kleinen, sehr resoluten Frau verabredet ist, braucht man Geduld und sehr viel Zeit. Man muss zuhören können und zugleich viele ihrer Fragen beantworten, die sie immerzu über Deutschland, über Kultur, über die eigene Meinung ihres Gegenübers stellt. Unvermittelt, ganz plötzlich kommen ihre Fragen und man ist überrascht, wie gut Dvora Ben David Bescheid weis. Fast immer hat sie dann noch, ganz kurz nur, Freunde zu besuchen, muss fix Landsleuten helfen, die ein paar Tage in der Stadt sind, sich schnell auf einen Kaffee mit Veranstaltern treffen, auf eine viel zu kurze Stunde in einer Ausstellung vorbeischauen oder ein paar Minuten mit einem jungen, vielleicht bald weltbekannten Künstler irgendwo auf der Welt telefonieren. Jede Begegnung mit ihr ist spannend und aufregend, anstrengend und zugleich liebenswert. «Debby's Boys» nennen Eingeweihte den großen Kreis an Mitstreitern. Nicht wenige sind zu Freunden geworden, mit denen sie Ausflüge ins Berliner Umland unternimmt oder die sie zu Terminen in ganz Deutschland begleiten. Die Familie der Diplomatin war vor der Nazidiktatur in Berlin beheimatet. Noch heute lebt eine Cousine mit ihren Kindern und Kindeskindern in der deutschen Hauptstadt. Bis ins 11. Jahrhundert lassen sich Spuren in Deutschland zurückverfolgen. Seinerzeit in Worms ansässig, mussten ihre Vorfahren zweihundert Jahre später nach Padua flüchten. Im Laufe der Jahrhunderte führte sie ihr Weg über Krakau und Litauen nach Berlin. Hier war Ben Davids Großvater als Tabakhersteller und -händler beheimatet, hier hat ihr Vater, befreundet mit dem Boxer Max Schmeling, als Ringer von sich Reden gemacht. 1933 ist er nach Palästina ausgewandert und hat ihre Mutter getroffen, deren hervorragende Deutschkenntnisse den jungen Mann begeistert haben. Später sollte er in der neuen Heimat den Hafen von Tel Aviv errichten.
Familiengräber in Berlin «Diplomaten haben eigentlich nur ein virtuelles zu Hause» sagt die 60jährige. «Man nimmt seine Bücher mit, seine Bilder, ein paar Möbel, etwas aus der Küche. Dann ist das fast ein zu Hause.» Für Dvora Ben David aber sei die Entsendung nach Berlin ein Wunschziel, wie ein Zurückkehren nach Hause, gewesen. «Ein Kreis hat sich für mich geschlossen», resümiert sie heute. Hier habe es für sie keine Geheimnisse im Alltag, keine Anlaufschwierigkeiten gegeben. Ihr Elternhaus sei sehr zentraleuropäisch, ja sogar berlinerisch gewesen. Als einzige Mitarbeiterin der Botschaft hat sie das Glück, in Berlin das Grab ihrer Großeltern besuchen zu können. In einer Zeit, da jeder jüdischen Familie die Gräber einer ganzen Generation fehlen, ist das etwas ganz Besonderes. «Wie sieht eine Großmutter aus?», hatten sich ihre Klassenkameraden oft gefragt. Mit allen ihren Kollegen war sie auf dem Friedhof in Weißensee. Ein ungewöhnliches Gefühl für sie und noch mehr für die anderen. Vor ihrer Zeit in Berlin war Dvora Ben David in gleicher Funktion an der Londoner Botschaft tätig, in Deutschland war ihr Posten längere Zeit nicht besetzt. Dennoch habe es immer deutsch-israelische Kulturkooperationen gegeben. «Was unsere Botschaft im Kulturbereich, ebenso wie mit allen anderen Abteilungen, anstrebt, ist ein ernsthafter, spannender und langfristiger Dialog zwischen den Menschen unserer Ländern. Das ist für beide Völker überlebenswichtig. Gerade mit den Mitteln der Kultur ist es möglich, Messages zu vermitteln, die man mit normalen Worten kaum umschreiben oder ausdrücken kann, wo die Sprache einfach nicht ausreicht! Immer wieder steht für mich die Frage, was wir noch besser machen könnten, wo wir noch nach Partnern gewinnen sollten.»
Weitere Interesse aneinander Trotzdem sei nach wie vor viel Unkenntnis vorhanden: «Leute sagen manchmal komische Sachen», meint Ben David und verfällt ins Grübeln. Einmal habe ein Festivalchef es grundsätzlich abgelehnt, israelische Künstler einzuladen, so lange «bei Ihnen in Israel nicht Ruhe herrscht!». Natürlich haben der Nahost-Konflikt und das wechselnde Klima zwischen Israelis und Palästinensern sich auf ihre Arbeit ausgewirkt, auch habe es anti-israelische Vorfälle gegeben. Dennoch sei das Interesse an israelischer Kunst und Künstlern enorm angewachsen. Bücher, aus dem Hebräischen übersetzt, hätten sehr viele Liebhaber in Deutschland. Der Stand der Botschaft auf der letzten Leipziger Buchmesse war immer dicht umlagert, die täglich bis zu acht Lesungen mit israelischen Autoren jedes Mal überfüllt. Modernes Tanz- und Sprechtheater, zeitgenössische Musik oder junge israelische Filme, die sie bei etwa 60 regionalen Filmwochen jährlich deutschlandweit vorstellen konnte, machen Dvora Ben David und ihr Team mit Recht stolz auf die Kultur ihres Landes.
Eine Rechnung ist noch offen In die andere Richtung nachgefragt, bestätigte die Gesandte ein großes Interesse an deutschen Klassikern auf israelischen Bühnen, an deutscher Musik, an Filmen in Originalsprache. Mit Richard Wagner habe man noch eine Rechnung offen: Auch wenn seine Werke, ebenso wie die von Richard Strauß, inzwischen auf vielen Konzertpodien zu hören und in Plattenläden zu kaufen seien, erinnere deren Musik nach wie vor viele Israelis an Zeiten, die unsagbar schmerzlich waren und immer bleiben werden. «Ich persönlich bin gegen einen Boykott, den es übrigens offiziell niemals gegeben hat. Das Thema wird in Deutschland viel zu sehr aufgeblasen», stellt sie fest.
Kulturaustausch ausgebaut Gerade weil sie ein beidseitiges Interesse an der Kultur des Anderen feststellen könne, sei der Kulturaustausch so wichtig. «Blockbusters zu schaffen ist schon kompliziert: Die Israelische Oper mit ‚La Traviata' in Wiesbaden, die gerade zu Ende gegangene Ausstellung ‚Die Neuen Hebräer' oder auch die ‚Jüdischen Kulturtage Tel Aviv Non Stop' 2001 in Berlin, unsere Kulturaktivitäten zum 40. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen, alles Highlights, an die ich sehr gerne zurückdenke. Aber die vielen persönlichen Begegnungen und Initiativen sind mir manchmal viel viel wichtiger», berichtet Ben David und ein verschmitztes, stolzes Lächeln zaubert sich auf ihr Gesicht. Ebenso gerne erinnerte sie sich an das Ausstellungsprojekt «Never met before»: Kurz nach ihrer Ankunft in Berlin hatten vier junge deutsche Studentinnen eine deutsch-israelische Kunstausstellung als Magisterarbeit geplant. Kein Veranstalter wollte sie so Recht haben, jeder redete sich irgendwie heraus, wollte nicht offen Nein zu einem Israel-Projekt sagen. Die jungen Frauen hatten alles zusammengetragen - die Künstler aus beiden Ländern, den Saal, den Katalog. Bis heute seien daraus Freundschaften zwischen den Künstlern und den Kuratoren geblieben, man besuche einander, zwei der Frauen hätten ein Praktikum in Israel absolviert. Auch das «Musikforum Berlin-Israel», bei dem jedes Jahr israelische Musik von deutschen Musikern interpretiert wird, sei so ein Beispiel gewesen, an dem ihr auch persönlich viel gelegen habe. Bei diesen und ähnlichen Ideen kann die Kulturabteilung der Botschaft mit Kontakten und zuweilen auch mit Geld helfen. Wenn etwas Bleibendes erreicht werde, sei ihre Arbeit sinnvoll gewesen. Etwa 250 Veranstaltungen pro Jahr bereiten Ben David und ihre beiden Assistentinnen vor, Ausstellungen von traditioneller Malerei, zeitgenössischer Fotografie bis zu hypermodernem Design, Lesungen, Konzerte und Theatergastspiele aller Genre, Gastverpflichtungen für Choreographen, Theaterregisseure, Filmemacher, eben die ganze Bandbreite des Kulturaustausches.
Das Bild des Anderen Wenn Ben David an den Deutschen etwas stört, dann ist es die häufige Schwarz-Weiss-Malerei. «Zu viele selbsternannte Experten wissen ganz genau, was im Nahen Osten los ist», meint sie «und zu viele meinen sich klug genug, sehen sich zuweilen sogar in der ‚Pflicht', Israel zu kritisieren.» In Israel gebe es keinen Bedarf, Deutschland in so einer Art und Weise zu hinterfragen. Sie wünsche sich, dass viel mehr Deutsche Israel besuchen würden, um sich ein authentisches Bild zu machen. Auch mit der in Deutschland an vielen Orten anzutreffenden «jüdischen Kultur» hat sie so ihre Schwierigkeiten. «Lassen Sie mich die Frage anders stellen», gibt sie mir die eigene zurück «Was meinen Sie mit ‚jüdischer Kultur'? Die alte Kultur des Shtetls? Sie ist endgültig untergegangen. Viele Deutsche setzen jüdische Kultur mit Klezmer und gefillte Fisch gleich. Aber fünfeinhalbtausend Jahre Judentum haben mehr hervorgebracht. Es gibt eine ganz spezifische Kultur der Juden in Deutschland, eine ebenso besondere der Juden in den USA, in Polen, England, Spanien, überall auf der Welt. Und es gibt eine Kultur der israelischen Juden, die ich hier repräsentiere. Das heißt nicht, dass wir uns an unseren Botschaften nur um unsere eigene, die israelische Kultur kümmern würden. Wir unterstützen auch die Kulturarbeit der Jüdischen Gemeinden auf der ganzen Welt, mit deren Mitgliedern uns eine gemeinsame Geschichte und ein gemeinsames Schicksal verbinden. Für mich gibt es eben nur gute und weniger gute Kultur!»
Ganz privat: Nach Hause... gehe sie mit dem guten Gefühl, viele Freunde «mitnehmen» zu können, Erinnerungen an wunderbare Landschaften, eine spannende Architektur, auf die ihr Vater sie schon vor vielen Jahren bei gemeinsamen Reisen durch Deutschland aufmerksam gemacht hat, das Wetter in Deutschland, die Seenlandschaften. «Ich werde es schon sehr vermissen an einem Herbstmorgen durch raschelnd gelbrote Blätter am Schloss Charlottenburg zu laufen oder einen ganz trockenen Schneetag an der Nordsee‚einzuatmen', auch wenn mir dafür nie so viel Zeit geblieben ist, wie ich gerne gehabt hätte.» Sie kenne Deutschland, die Heimat ihrer Familie, jetzt noch tiefer, ernsthafter, noch besser in Details oder Facetten und könne Vorgänge genauer analysieren. Sie hoffe sehr, in ihrer neuen Tätigkeit am Außenministerium in Jerusalem weiter davon profitieren zu können. Ihrem Nachfolger lege Dvora Ben David sehr ans Herz, Augen und Ohren offen zu halten und vor allem den Dialog fortzuführen, den sie selbst als ihr größtes Steckenpferd bezeichnet. «Deutschland ist ein schönes, reiches und entwickeltes Land, es hat eine interessante Demokratie und versucht ein spannendes multikulturelles Miteinander. Ein guter Platz zum Leben, es gibt viele Dinge, auf die man hier stolz sein kann. Manchmal verstehe ich das deutsche Jammern nicht, das sich gegenwärtig breitmacht.» Als wäre es geplant, klingelt ihr Handy kurz nach dem Ende unseres Gespräches in ihrer gastfreundlichen und gemütlichen Wohnung voller Bücher und Kunst. Einer von «Debby's Boys» ist am anderen Ende der Leitung und die Kulturdiplomatin beginnt sofort, engagiert mit ihm zu streiten. Das wird wohl so bleiben, noch zwischen Kisten und gepackten Koffern, bis zu ihrem letzten Tag in Berlin und hoffentlich noch lange darüber hinaus.
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