Foto: Dödtmann

Das «Wunder von Zachnin»

Arabischer Fußballklub aus Galiläa misst sich mit jüdischen Eliten

 

Die fünf Männer auf dem Balkon des Cafes «Al-Gilbascha» diskutieren gestenreich. Eine Eins, ein Kreuz oder eine Zwei? Immerhin heißt der Gegner SC Aschdod, wurde Dritter der Saison 2004/05 der israelischen Premier League, und hat viele Stars in seinen Reihen. Muhammad, Spitzname «Geneva», entscheidet sich für ein Kreuz, ein Unentschieden. Er ist zwar leidenschaftlicher Anhänger seines Klubs, «Hapoel Bnei Zachnin», aber eben auch Realist.

Zachnin ist ein eher unauffälliges Städtchen in den Bergen Galiläas - genau zwischen Haifa und dem See Genezareth gelegen. Vom Tal des etwa 26.000 Einwohner zählenden Ortes aus sieht man die jüdische Stadt Karmiel auf den Anhöhen im Norden, die karge Bergkuppe des Har Atzmon erhebt sich im Süden. Die meisten Einwohner sind Muslime, dazu kommen 2.000 arabische Christen. Es leben auch zwei jüdische Familien in Zachnin. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt liegt bei etwa 15 Prozent, Frauen noch nicht ein mal eingerechnet.

 

Ein neues Stadion

Ein paar Familien aus Zachnin nutzen die freien Stunden am Freitagnachmittag, dem islamischen Wochenendfeiertag, zum Bummel in der Noch-Baustelle des Stadions am Ortsausgang von Zachnin. Der Rasen des Platzes grünt und die Familienväter achten darauf, dass ihre Sprösslinge denselben nicht betreten. Dennoch machen ein paar Jungen übermütige Sprints auf dem grünen Geläuf. Die beiden Zuschauertribünen sind mit insgesamt 4.000, in den Vereinsfarben weiß-rot gehaltenen, Plastiksesseln bestückt. «Zwei Jahre trugen wir unsere Heimspiele in anderen Städten aus, meist Haifa oder Nazareth. Jetzt bekommen wir endlich ein eigenes Stadion», freut sich Muhammad Geneva. In zwei Wochen wird das Stadion fertig sein, vielleicht auch erst in drei. Zachnins Stadion - eine kleine Erfolgsstory in einer wenig erfolgsverwöhnten Welt.

Zachnin und seine Bewohner gelten schon seit Langem als eine Art Seismograph für die Beziehungen zwischen der jüdischen Mehrheit und der arabischen Minderheit in Israel. Die 150.000 Araber, die nach 1948 in Israel verblieben, und ihre Nachkommen wurden von der jüdischen Mehrheit oft misstrauisch als «Fünfte Kolonne» beäugt. Im arabischen Ausland haben sie sich gegenüber Beschuldigungen zu erwehren, gemeinsame Sache «mit den Zionisten» zu machen. Auf der Suche nach einer eigenen Identität fand sich die arabische Minderheit über Jahre im Niemandsland wieder. In den letzten Jahren werden aber die Stimmen lauter, welche die israelische Identität als ihre anerkennen. Und ein Fußballklub soll dazu beitragen.

 

Die Wunden des Oktober 2000

Zachnin hat, wie die meisten arabischen Kommunen in Israel, viele Narben. Im Jahr 1976 kam es erstmals zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen lokalen Arabern und israelischen Sicherheitskräften. Im Oktober 2000, im Zuge der Unruhen in den besetzten Gebieten zu Beginn der Al Aksa-Intifada, gingen auch die Araber Israels auf die Straße. Zwei junge Männer aus dem Ort wurden erschossen. Das Vertrauen in ein friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben von Juden und Arabern mit israelischer Staatsangehörigkeit schien restlos zerstört. Ein massiver Steinquader auf dem «Platz der Märtyrer» erinnert heute an die Oktoberereignisse. Die Wunden in Zachnin sind noch frisch. Für die Menschen ein kleines Pflaster: ihr Fußballklub.

 

Von der fünften in die erste Liga

Doch die Geschichte von Hapoel Bnei Zachnin ist drehbuchreif und lässt den Konflikt zumindest zeitweise vergessen. Sie liest sich seit sieben Jahren wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Der 1993 aus der Fusion der örtlichen Klubs «Makkabi» und «Hapoel» entstandene Verein spielte 1998 noch in der fünften Liga. Danach gab es jedes Jahr einen Aufstieg - bis in die erste Liga im Jahr 2003. Die Saison 2003/04 wurde dazu mit dem Gewinn des nationalen Pokalwettbewerbes gekrönt. Zum ersten Mal überhaupt gewann ein arabisch-israelisches Team einen nationalen Titel und war im Folgejahr sogar im UEFA-Cup als Vertreter Israels aufgelaufen. Seit dem Pokalendspiel im Juni 2004, bei dem 30.000 arabische Fans in Ramat Gan ihre Mannschaft zum 4:1-Sieg gegen Hapoel Haifa peitschten, besitzen Bnei Zachnin die Sympathien fast aller Araber in Israel und dazu auch noch die vieler jüdischer Fußballfans im Lande. Abbas Suan, Kapitän und Star der Mannschaft, läuft schon seit zwei Jahren im Trikot der israelischen Nationalmannschaft auf und erzielte im Frühjahr 2005 das späte Ausgleichstor in der Weltmeisterschaftsqualifikation gegen Irland. Die israelischen Medien überschlugen sich mit Lobeshymnen für Suan und die arabischen Spieler im Nationalteamfreitag um 16.30 Uhr wird das Spiel gegen SC Aschdod angepfiffen. Gespielt wird diesmal noch im Stadion von Nazareth-Illit, einer israelischen Entwicklungsstadt, die direkt neben dem alten, christlich-arabischen Nazareth wächst. Für die Fans von Zachnin eine dreiviertel Autostunde.

 

Pressechef Monder: «Wir sind eine große Familie»

Der Verein «Hapoel Bnei Zachnin» ist, finanziell gesehen, der Zwerg unter den israelischen Erstliga-Klubs. Der Jahresetat beträgt bescheidene 1,6 Millionen Euro. Die etablierten jüdischen Vereine aus Tel-Aviv, Haifa und Jerusalem kalkulieren dagegen mit 5 bis 8 Millionen Euro pro Saison. Außer dem Geschäftsführer arbeiten alle Offiziellen von «Bnei Zachnin» auf ehrenamtlicher Basis. In der Mannschaft stehen neben 11 Arabern auch 8 jüdische Israelis und fünf ausländische Spieler. Jede Saison in der ersten Liga ist ein Kampf gegen den Abstieg. Doch Pressechef Khalaileh Monder beschreibt das Leben innerhalb des Vereins als das einer großen Familie. Monder betont, dass der Klub eine Brücke zwischen der arabischen Minderheit und den Juden baue. Rechtsverteidiger Nedal Schalata etwas pragmatischer: «Natürlich sind wir stolz, die Sympathien der eine Million israelischen Araber auf unserer Seite zu haben. Es gibt sehr gute Beziehungen zwischen den Spielern - Juden, Arabern und Ausländern. Außerdem sagt der Fakt, dass arabische Spieler in der Auswahl Israels stehen, doch einiges aus. Aber wir wollen zuallererst Fußball spielen und nicht Politik machen.»

Rami Weiss, renommierter israelischer Sportjournalist und Zachnin-Kenner, betont die neue Rolle des Vereins «Hapoel Bnei Zachnin». Zwar habe es schon früher arabische Fußballer in jüdischen Teams und auch in der Nationalelf gegeben, aber nie zuvor habe ein arabischer Fußballklub ähnliche Erfolge feiern können. Doch es gibt beim allem Glanz auch Schattenseiten: «Bnei Zachnin» ist bekannt für eine relativ harte Gangart im direkten Spielerzweikampf. In nahezu jeder Saison kassiert die Mannschaft die meisten Gelben und Roten Karten. Und schon sind heftige Stereotypen bei der Hand, droht der offene Konflikt auch am Spielfeldrand. Abbas Suan wurde bei einem Länderspiel in Jerusalem ausgepfiffen und bei einem Gastspiel der letzten Saison mit den Worten «Du repräsentierst uns nicht!» beschimpft. Das Freitagsspiel gegen den SC Aschdod sieht eine sichtlich bemühte, aber wenig konstruktive Zachniner Mannschaft. Aschdod zeigt sich clever und macht aus einer einzigen Chance ein Tor. Die Menge fiebert mit, die Trommeln verstummen nicht mehr, doch es will kein Tor mehr fallen. Zwei Spiele, zwei Niederlagen - und vorerst der letzte Tabellenplatz. Es wird eine harte Saison werden - aber das kennt die bunte Truppe von «Hapoel Bnei Zachnin» ja.

Eik Dödtmann

«Jüdische Zeitung», Oktober 2005