Foto: Archiv J. Kissina

«Es ist wie bei den Perlentauchern…»

Im Gespräch mit der Kölner Literaturagentin Galina Dursthoff

 

Frau Dursthoff, als Literaturagentin haben Sie sich auf russische Autoren spezialisiert. Wen vertreten Sie?

Insgesamt sind es über 40 Autoren. Darunter echte Klassiker wie Venedikt Jerofeew oder Daniil Harms - in diesen Fällen vertrete ich natürlich die Erben. Ich habe auch lebende Klassiker auf meinem Programm, wie zum Beispiel Juri Mamleew, Wladimir Sorokin, Eduard Limonov und Svetlana Alexijewitsch. Aber ich vertrete auch junge Autoren, die schon bald Klassiker werden (davon bin ich überzeugt!): Postnov, Gelassimov, Kissina und andere. Ich verkaufe auch erfolgreiche russische Krimi-Autorinnen wie Daschkova und Platova.

Wie verkaufen sich russische Autoren im Westen? Ist es wirklich so, dass die russische Literatur einen ganz besonderen Stellenwert in der Welt hat und dementsprechend auch in jedem europäischen Buchladen ein Renner ist?

Schön wäre es! Das sind Mythen, die überwiegend in Russland verbreitet werden. Der europäische Buchmarkt ist sehr komplex und die Konkurrenz ist hart. Verlage müssen Geld verdienen - und da fallen oft die Entscheidungen, die nicht gerade nach Qualität getroffen werden. Mit anderen Worten: Ich muss Daschkova, Platova & Co. verkaufen, damit ich andere Projekte verwirklichen kann, die keinen kommerziellen Erfolg haben, weil sie dafür viel zu «elitär» sind. Das ist der Alltag, so sind die Spielregeln. Die Verlage in Deutschland bedienen die Nachfrage. Aus meiner Sicht, könnten die Verleger mit ihrer Politik auch die Nachfrage steuern, den Leser «erziehen». Doch das macht keiner. Oder fast keiner.

Es ist auch alles andere als einfach, junge Autoren aus Russland zu veröffentlichen. Wenn ich ein Manuskript einreiche, werden vom Verlag externe Experten engagiert, die es lesen und bewerten. Diese Experten mögen aber oft keine moderne Literatur. Das sind eingefleischte Tolstojewsky-Fans, die schon beim Wort «Scheiße» aus den Latschen kippen. Da sind ja die Schwierigkeiten vorprogrammiert.

Hat auch die Frankfurter Buchmesse 2003, als Russland das Gastland der Messe war, nichts an dieser bedauerlichen Lage verändert?

Kaum. Fast jeder deutsche Verlag hatte zwar seinen «Pflichtrussen» auf dem Programm, doch am allgemeinen Interesse für russische Literatur hat es nur - wenn überhaupt - sehr kurzfristig etwas geändert. Es ist auch so, dass die meisten Verlage in Deutschland recht wenig für ihre Autoren tun: Das Buch kommt in die Läden - aber wer telefoniert mit den Journalisten, wer bequatscht sie, eine Rezension darüber zu schreiben, wer vermittelt die Hintergrundinformationen und Interviews?

Ich bin gespannt...

Na wer wohl? Ich! Obwohl es gar nicht meine Arbeit ist!

Was ist eigentlich Ihre Arbeit? Nehmen wir zum Beispiel die Frankfurter Buchmesse...

Das Messegeschäft ist eher ein Ausnahmezustand: Man kommt kaum zum Schlafen! Tagsüber habe ich etwa 20 bis 30 Termine auf meinem Agenten-Stand und abends muss ich zu zwei bis drei Partys. Nicht etwa, weil mir nach einem harten Arbeitstag noch nach Feiern wäre! Aber man trifft dort wichtige Leute: Verleger, Lektoren, Journalisten, andere Agenten.

Aber die wichtigste Arbeit fängt erst nach der Frankfurter Buchmesse an und sie dauert dann etwa zwei bis drei Wochen. Ich verschicke täglich Berge von Post: Manuskripte, Exposés, Probeübersetzungen. Denn auf der Messe selbst kaufen fast ausschließlich die Engländer, die da sehr spontan handeln. Verträge werden in den Messehallen nur selten unterschrieben: Das ist eher ein Treffpunkt, eine Plattform für den Informationsaustausch.

Wenn wir schon bei der Frankfurter Buchmesse sind: Was bringen Sie dieses Jahr mit nach Frankfurt?

Ich habe bereits großes Interesse für Sergej Gelassimov in Deutschland geweckt und werde versuchen, seine Novelle «Der Durst» und andere Werke an internationale Verlage zu verkaufen. Ich finde, dass dieser Autor genau das Gegenteil dessen verkörpert, was man von den russischen Schriftstellern erwartet: Sie finden bei ihm keine ellenlangen Sätze, keine endlosen Reflexionen. Aber das, was er schreibt, geht unter die Haut. Das ist Literatur!

Ich habe auch einige Projekte im Non-Fiction-Bereich. 2006 haben wir ein trauriges Jubiläum: 20 Jahre Tschernobyl. Swetlana Alexijewitsch hat ihr Buch über Tschernobyl weitgehend überarbeitet und wir werden es auf den Markt - nicht nur den deutschen - bringen. Ein anderes Buch wird noch vom Autorenduo D. Popov und I. Milstein geschrieben: «Julia Timoschenko: Die Utopie ‚Ukraine'». Ich denke, der Titel spricht für sich. Auch die bevorstehenden Wahlen in der Ukraine machten es mir möglich, das noch nicht vollendete Buch bereits an mehrere Verlage zu verkaufen.

Kinderbücher von Julia Kissina werden ebenfalls viel Erfolg auf der Messe haben: Ähnlich wie «Alice in Wunderland» entführen diese Bücher ihre Leser in eine verzauberte Wunderwelt und bieten gleichzeitig tolle Erklärungen für Zusammenhänge, die man den Kindern nur schwer begreiflich machen kann! Ich bin selbst Mutter und weiß, wovon ich rede.

Man sagt Ihnen nach, dass Sie für Ihre Autoren wie eine Löwin kämpfen, wenn es sein muss.

Sie spielen sicherlich auf den Prozess an, den ich für die Erben von V. Jerofeew gegen den französischen Verlag Albin Michel führe? Ja. Aber auch das gehört zu meinem Job. In diesem Prozess geht es darum, dass die Autorenrechte von Jerofeew eklatant verletzt wurden: Der krebskranke Autor, der dringend Geld für eine effiziente Behandlung und Medikamente gebraucht hätte, wurde gelegentlich mit Almosen - ein Paar Pullover und einige Flaschen Spirituosen! - abgespeist. Der Verleger verdiente sich währenddessen - ohne jegliche stichhaltige rechtliche Grundlage - die goldene Nase am weltweiten Verkauf der Rechte für das nicht autorisierte (!) Manuskript von «Moskwa - Petuschki». Bald wird es auch zu einem weiteren Prozess kommen. Diesmal gegen den Schweizer Verlag «Kein und Aber», der diesen Titel gerade auf den Markt gebracht hat. Das Problem dabei: Diese Ausgabe basiert unverkennbar auf dem Manuskript, für dessen Übersetzung keine Rechte erworben wurden. Ist das nicht spannend?

Das hört sich ja nicht gerade nach einem langweiligen Schreibtischjob an. Ist es Ihr Traumberuf?

In der Tat! Ich habe ein entsprechendes Studium in der Sowjetunion absolviert und dort bereits als Lektorin in einem Verlag gearbeitet. In Deutschland habe ich mich kurzfristig als Journalistin versucht. Das hat mich auch weiter gebracht: Ich habe unter anderem gelernt, gute Exposés zu schreiben. Aber als Literaturagentin habe ich meine Erfüllung gefunden. Es macht unheimlich viel Spaß, immer wieder neue Namen zu entdecken.

Dafür sind Sie auch bekannt: Als «Literaturagentin mit der Lizenz zum Weltruhm»! Wie erkennen Sie an einem Manuskript, ob das eine wahre Perle ist?

Es ist wahr: Ich sorge dafür, dass «meine» Autoren nicht nur in Deutschland, sondern weltweit in vielen Sprachen verlegt werden. Wie ich die neuen Autoren entdecke? Ganz einfach: Ich lese viel. Es war nur ein einziges Mal und bleibt wohl eine Ausnahme, dass ich von meinen Bekannten ein geniales Manuskript zugesteckt bekommen habe: Das war «Klick» von Sergej Bolmat. Alles andere war harte Arbeit! Es ist wie bei den Perlentauchern: Man muss nach den Muscheln tief tauchen und viele aufbrechen, bevor man eine Perle findet. Ein harter Job eben.

Elena Beier

«Jüdische Zeitung», Oktober 2005