Man kann alles ästhetisch bearbeiten

Emanuel Levy über «Paradise Now», die Aufgaben heutiger Kunst und israelische Ängste

 

Hany Abu-Assads Film «Paradise Now» hat schon heftige Reaktionen ausgelöst, ehe ihn das Publikum in einigen Ländern überhaupt auf der Leinwand hatte. Auf der diesjährigen Berlinale mit dem «Blauen Engel» ausgezeichnet und von der Kritik wegen seiner differenzierten Perspektive mehrheitlich gelobt, stieß er bei anderen bereits auf harsche Kritik: Mit dem Film werde der «Judenmord zum Kinoereignis». Im Besonderen warfen Kritiker dem Regisseur vor, die Opfer der Selbstmordattentäter nicht zu zeigen, was die Opfer zum Verschwinden bringe und die eigentlichen Täter zu Opfern stilisiere.

In England wurde der Film unmittelbar nach den Anschlägen in London im Juli 2005 wieder abgesetzt. Jetzt läuft er in den deutschen Kinos, demnächst auch in den israelischen und amerikanischen an. Die Redaktion der «Jüdischen Zeitung» geht davon aus, dass sich in diesen Tagen ein größeres, interessiertes Publikum intensiv mit «Paradise Now» auseinandersetzen wird und sowohl die künstlerische Form als auch die Aussagen und Interpretationen des Filmes sehr kontrovers diskutiert werden. In der Annahme, dass sich die Diskussionen über Wochen oder sogar Monate hinziehen werden, beginnen wir heute mit der Vorstellung prominenter Stimmen aus Kunst und Kultur. Die eingefangen Meinungen und Stimmen sind unabhängig und müssen nicht zwangsläufig mit der Haltung der Redaktion übereinstimmen.

Für die Oktoberausgabe befragte die «Jüdische Zeitung» den renommierten israelisch-amerikanischen Filmwissenschaftler Emanuel Levy.

 

Herr Levy, als Bürger Israels und der Vereinigten Staaten könnte es durchaus sein, dass Sie über Hany Abu-Assads «Paradise Now» sehr verärgert wären. Dennoch fällt Ihre Kritik eher positiv aus.

Es gibt eine Reihe von Gründen, warum ich nicht verärgert war. Politisch stehe ich links von der Mitte. Außerdem ist es mehr ein humanistischer als ein politischer Film. Er lässt eine Menge Fragen offen. Er gibt Selbstmordattentätern ein Gesicht. Wenn man die Nachrichten liest, erfährt man nichts über das Dilemma, das sie durchleben, nichts über ihre Jobs, ihre Familien, ihre Beziehungen. Ich denke, Hany Abu-Assad hat in dieser Hinsicht großartige Arbeit geleistet und genau diese Zusammenhänge anhand zweier außerordentlich dezidiert beobachteter Charaktere gezeigt.

 

Wann haben Sie Israel verlassen?

1973. Ich ging nie zurück.

 

Wie erinnern Sie sich an den Nahostkonflikt und inwieweit hat das Ihre Jugend geprägt?

Ich war Offizier der israelischen Armee. Die Jahre, die mich geprägt haben, waren vielleicht die besten in der Geschichte Israels. Ich habe die Mobilmachung 1967 mitgemacht, aber die Intifada habe ich nicht miterlebt. Als ich ging, wusste niemand, dass Tage später der Yom Kippur-Krieg ausbrechen würde. Ich habe die Berichterstattung verfolgt und mich freiwillig im israelischen Konsulat in New York gemeldet.

Sie schreiben, dass «Paradise Now» das Publikum spalten wird. Wo liegt das kontroverse Potential des Films?

Was den Film kontrovers macht, ist die Personalisierung der Selbstmordattentäter. Wir werden von den Stereotypen geprägt, die amerikanische Medien kolportieren. Wir müssen dabei die terroristischen Anschläge des 11. September 2001 in New Yorck und die des 7. Juli 2005 in London im Kopf behalten. Wir dürfen diese Art von Terrorismus nicht in einer Kategorie mit dem denken, was im Nahostkonflikt geschieht. Dabei geht es um ein besetztes Land, das ist nicht dasselbe, wie London anzugreifen. Ich weiß, dass viele Menschen den Film falsch auffassen werden. Ich zweifle nicht daran, dass israelische Linke den Film begrüßen werden, wenn er dort in einigen Wochen anläuft.

 

Wenn das Kino diejenigen zeigt, die gemeinhin als Täter gelten, bietet das immer Sprengstoff. Halten Sie das für gerechtfertigt?

Die Protagonisten entsprechen nicht dem Bild, das wir uns von Terroristen machen. Im amerikanischen Kino wird ein bestimmtes Bild transportiert. Der Terrorist im Action-Film ist ein Schurke, der ist nicht besonders intelligent denkt, nicht rational, meistens ist er auch noch unrasiert. Daher nimmt das Publikum seine Vorstellung davon, wer diese Attentäter sind.

In diesem Film haben wir aber zwei Freunde, das erhöht die Spannung, weil ihre politischen Meinungen auseinander gehen. Es ist auch interessant, dass es einen ödipalen Konflikt gibt. Einer der beiden jungen Männer will die Familienehre wiederherstellen, weil sein Vater als Kollaborateur hingerichtet wurde. Wir haben es da eher mit einem freudianischen Komplex zu tun als mit politischem Kino. Sein Motiv ist nicht politisch. Er will seine Familie vom Stigma der Kollaboration befreien. Als ich den Film sah, kamen mir alle Arten von Kollaboration in den Sinn, auch die in Frankreich im Zweiten Weltkrieg. Man muss den Film nicht nur als eine Geschichte aus dem Nahostkonflikt sehen. Man kann darin auch die Geschichte jeder Familie lesen, die durch einen politischen Konflikt zerrissen wird, wo der Vater kollaboriert, um die Familie zu schützen und der Sohn sich seiner deshalb schämt. Der Sohn im Film ist nicht einfach jemand, der Israel hasst. Darum geht es nicht. Es geht darum nachzuvollziehen, was in ihm vorgeht.

In England wurde der Film nach den Londoner Anschlägen beim Filmfestival in Cambridge abgesetzt. Viele denken, es gehe Abu-Assad darum, die Attentäter zu glorifizieren und ihre Angriffe als moralischen Akt der Erlösung zu legitimieren.

Das ist eine komplette Fehlinterpretation. Diese Leute haben den Film nicht gesehen. Viele andere werden ihn deshalb nicht anschauen. Es ist also unsere Aufgabe als Kritiker, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

 

In Deutschland waren manche Reaktionen - noch vor dem Anlaufen in den Kinos - sehr polemisch. Ein Berliner Kritiker meinte beispielsweise, der Film sei «eine Waffe, und wir können froh sein, dass die israelische Armee besser ausgerüstet ist.»

Ich hoffe, dass es verschiedene Reaktionen geben wird. Ich bin sehr gespannt darauf zu sehen, wie der Film in Israel und in London aufgenommen werden wird. Mich interessiert die Meinung des Mainstream-Publikums, auch, wie die jüdische Gemeinschaft reagieren wird, oder auch der rechte Flügel. Als ich in der Armee war, war Scharon General. Seine politische Position hat sich verändert. Unter der Regierung Begin gehörte er zu denen, die ganz rechts standen. Er ist über siebzig, und seine Ansichten, seine Politik haben sich definitiv gewandelt. Ich hoffe, dass nicht allzu viele sagen werden: «Ich will das nicht sehen, da wird nur der Terrorismus glorifiziert.» Ich habe vor ein paar Wochen mit dem Regisseur gesprochen und er weiß, dass der Film die Kritiker spalten wird. Aber in den USA wird er von Warner Independent vertrieben, obwohl Warner das konservativste Studio überhaupt ist. «Rana's Wedding» wurde in den USA jenseits der Festivals nie gezeigt. «Paradise Now» wird in jeder größeren Stadt zu sehen sein.

 

Es wurde oft die Frage gestellt, ob die Personalisierung der Täter in Filmen wie «Paradise Now» nicht die Gefahr birgt, die Opfer zu missachten.

Die Debatte wurde in Israel auch geführt. Ein Film, der Debatten auslöst, ist gut, das einzige, was nicht gut ist, sind Menschen, die urteilen, ohne den Film gesehen zu haben. Das ist für mich als Akademiker, als Kritiker und als Mensch nicht zu akzeptieren.

 

In Deutschland wird oft der Vorwurf eines Antisemitismus der Linken erhoben. Halten Sie es für unvermeidlich, dass jeder, der die palästinensische Seite anspricht, sich dem Vorwurf des Antisemitismus aussetzt?

Das ist eine interessante Frage. Bei Filmen über den Holocaust ist das genauso. Ich mochte zum Beispiel Benignis «Das Leben ist schön» nicht. Aber nicht wegen des Themas. Ich denke einfach, es ist ein schlechter Film. Alle dachten natürlich, dass ich den Film verurteile, weil ich Jude bin und für mich eine Komödie über den Holocaust ein Unding ist. Ich habe ihnen gesagt, dass man natürlich eine Komödie über den Holocaust machen kann, dass diese aber schlecht ist.

 

Benigni hat ja auch die Idee von Radu Mihaileanu gestohlen. Er war als Hauptdarsteller in «Zug des Lebens» vorgesehen...

...der deshalb floppte. Richtig. Jeder Film sollte an seinen eigenen Verdiensten gemessen werden. Als Claude Lanzmanns «Shoah» herauskam, fanden viele, dass der Holocaust kein Thema für einen Film sei. Deshalb hat man sich darüber aufgeregt. Ich denke nicht, dass es irgendeinen Gegenstand gibt, den die Kunst nicht behandeln sollte. Man kann alles ästhetisch bearbeiten.

Wie Godard einmal gesagt hat: «Man kann im Film alles zeigen, man muss im Film alles zeigen.»

Er ist durch verschiedene Phasen gegangen, auch solche, in denen seine Filme doktrinär waren. Seine letzten beiden Filme sind gute Beispiele dafür, wie Politik künstlerisch behandelt werden kann.

 

Obwohl sie in zwei Länder gelebt haben, die unter terroristischen Übergriffen zu leiden hatten, bescheinigen Sie «Paradise Now», viel erreicht zu haben. Kann das Kino dazu beitragen, auch bei denjenigen eine Annäherung zu bewirken, die direkt betroffen sind?

Der Sinn eines Films ist es, uns Dinge zu zeigen, ohne dass wir sie erleben müssen. Wir können nicht alles selbst erleben, um Verständnis zu entwickeln. Muss man etwas erfahren, um es zu erfassen? Da liegt die Aufgabe der Kunst. Ich habe den Holocaust nicht erlebt, meine Familie war nicht direkt betroffen. Trotzdem setze ich mich in Bezug dazu.

Haben der 11. September und die nachfolgenden Kriege in Afghanistan und Irak ihre Beziehung zu den USA verändert?

Die USA wurden zum ersten Mal in ihrer Heimat angegriffen. Gleichzeitig wurde ein Symbol des Kapitalismus zerstört. Man war plötzlich verletzbar. Ich kann seitdem nicht mal mehr einen Bleistiftspitzer mit ins Flugzeug nehmen. Die Amerikaner sind paranoid geworden. Es gibt die Gefahr eines echten Fundamentalismus. Ein Präsident, der noch weiter rechts steht als Bush, lässt sich kaum denken.

Was ist Ihre Prognose für die weitere Entwicklung in Israel, nachdem Scharon die Räumung Gazas durchgesetzt hat? «Paradise Now» wird in Ramallah gezeigt werden...

Ich denke, es ist einfacher, kritisch zu sein und Position zu beziehen, wenn man nicht dort lebt. Ich kenne beide Seiten. Ich war bei der goldenen Hochzeit meiner Cousine, in einem Kibbuz. In Israel ist die Angst so groß, dass meine Mutter jede Stunde sagte: «Mach den Fernseher an, wir müssen wissen, ob etwas passiert ist.» In den USA ist das nicht so, trotz des 11. September. In Israel kleben die Leute den ganzen Tag am Fernseher. Ob das gut ist, weiß ich nicht.

Moritz Reininghaus, Franziska Kast

 

 

Emanuel Levy wurde 1947 als Sohn einer französisch-jüdischen Mutter und eines russisch-jüdischen Vaters in Palästina geboren. Er ist weltweit in den Jurys renommierter Filmfestivals vertreten und lehrt unter anderem an der University of California, Los Angeles. Außerdem verfasste er zahlreiche Bücher, wie «Cinema of Outsiders» (1999) und «The Habima - Israel's National Theater», für das er 1980 den National Jewish Book Award erhielt. Emanuel Levy lebt in Los Angeles und arbeitet derzeit an einer Biographie über Vincente Minnelli.

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2005