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«Das Leben in Deutschland ist krasser als jeder Film!»Im Gespräch mit Julia Kissina über ihr literarisches Debüt und die Unterschiedlichkeit der Wahrnehmungen in der russischen und der europäischen Alltagswelt
Julia Kissina, Jahrgang 1966, studierte Kunst in Moskau und München und lebt seit Jahren in Berlin. Sie wurde bekannt als Grafikerin, Kunstfotografin und Aktionskünstlerin. Just in diesen Wochen erfolgt auch ihr literarisches Debüt.
Frau Kissina, erzählen Sie bitte etwas über Ihre Herkunft. Wo sind Sie aufgewachsen? Ich bin in Kiew zur Welt gekommen und habe dort meine Kindheit verbracht. Mein Vater war beim Zirkus. Er organisierte Shows für Elefanten und hatte sogar die avantgardistische Idee, Theaterstücke mit diesen Tieren aufzuführen. Er wollte Hamlet von den Elefanten spielen lassen. Und er kündigte manchmal an, dass bei uns ein Tiger zum Mittagessen eingeladen wäre. Die restliche Familie protestierte dann lautstark, weil wir große Angst vor Tigern hatten. Also, habe ich meine Kindheit mit manch skurrilen Erlebnissen auch im Zirkus verbracht. Aber sonst war es eine völlig normale, unbeschwerte Kindheit.
Das heißt also, Sie haben als Kind den Zirkus nicht nur als Zuschauer, sondern auch sehr intensiv von innen erlebt? O, ja! Und ich kann mich noch an viele andere Details erinnern. Als ich klein war, haben wir beispielsweise oft den Pferdestall als Hintereingang benutzt. Da saßen immer mehrere alten Frauen, Asthmatikerinnen - die mit ihren Klappstühlen kamen, um die Ausdünstungen der Pferdeäpfel einzuatmen. Dabei murmelten sie etwas darüber, wie gesund das wäre und schubsten sich gegenseitig im Kampf um den besten Sitzplatz...
Haben Sie sich nach solchen Erlebnissen in der Schule nicht fürchterlich gelangweilt? Gar nicht! Ich war ja an einer besonderen Kunstschule, hatte beispielsweise auch Anatomie für Künstler als Schulfach. Eines Tages machte unsere Klasse einen Ausflug in den Anatomiesaal. Dort habe ich zum ersten Mal präparierte Leichen gesehen. Wir waren gerade 12 Jahre alt. Ich war die einzige in unserer Klasse, die entsetzt aus dem Anatomiesaal hinauslief. Ich glaubte nämlich auf einmal, dass alle Menschen um mich herum wandelnde Leichen wären. Doch am nächsten Tag haben mir meine Mitschüler begeistert erzählt, was ich alles verpasst hätte: Sie hätten geholfen, mit riesigen Hacken die Leichen aus Formalin herauszufischen - und wie spannend das doch gewesen sei. Sie hätten einen Rückenquerschnitt mit allen Nerven da drin gesehen. O.k., das waren überaus wissbegierige Kinder. Mich dagegen hat es schwer traumatisiert.
Immerhin besuchten Sie eine Schule, über die sich schon im Kindesalter eine hoffnungsvolle Karriere anbahnte... So kann man das sehen. Es gab dann eine Unterbrechung, aber als ich später in Moskau studierte, begegnete ich den Konzeptkünstlern um Andrej Monastyrsky. Der war einfach genial. Dann habe ich mich eine Zeit lang nicht mehr mit der Kunst beschäftigt und an der Filmhochschule studiert. Dann kam ich nach Deutschland und begann das Studium an der Münchener Kunstakademie. Doch anfangs hatte ich kein Glück: Ich landete bei einem Professor, der irgendwie im Fluxus stecken geblieben war. Seine Studenten haben sich gegenseitig etwas beigebracht. Aber dann kamen andere Professoren - und es wurde wieder spannend.
Hatten Sie sich als Schriftstellerin bereits in der Heimat versucht? Selbstverständlich. Ich schreibe seit meiner Kindheit - und es war für mich schon immer eine ganz natürliche Beschäftigung, so dass ich das lange gar nicht als Beruf oder Künstlerdasein betrachtet habe. Schreiben war so eine Art Normalzustand für mich.
Worüber haben Sie denn damals in der UdSSR geschrieben? Ich habe lange nicht begriffen, in welchem Land ich eigentlich lebte. Ich war wie eine Treibhauspflanze und lebte in meiner eigenen Welt, die mit der UdSSR an sich nichts gemeinsam hatte. Jetzt bereue ich es, denn ich glaube, dass das damals eine sehr interessante Zeit war. Und ich finde, dass der Sozialismus eine großartige Sache war: Wir hatten drei Monate Schulferien. Wir hatten zwar keinen Luxus, aber keiner musste Miete oder Wasser- und Heizungsrechnungen bezahlen. Es war ein wesentlich humaneres Land, als Deutschland vor 20 Jahren. Heute ist Deutschland eine Katastrofe!
In Ihren Geschichten beschreiben Sie oft auch andere Russen, die in Deutschland leben... Na klar. Hier bin ich wunderbaren russischen Menschen begegnet. Übrigens hatte ich anfangs einen rein deutschen Bekanntenkreis, doch mir fehlte - ja, mir fehlte der Wahnsinn. Und als ich hier Russen traf, jubelte ich. Ich erzählte darüber meinen deutschen Freunden und machte sie miteinander bekannt. Und ich muss sagen: Meine Russen sind gut angekommen!
In der Kurzgeschichte «Zwei Jesuse» haben Sie meisterhaft den Zusammenprall von zwei so unterschiedlichen Kulturen und Mentalitäten beschrieben. Aber meinen Sie wirklich, dass «Russen» mit ihrem «Wahnsinn» generell eine starke Anziehungskraft auf Westeuropäer mit ihrer geregelten Lebensweise haben? Jetzt empfinde ich das nicht mehr so krass, aber früher spürte ich regelrecht, dass die meisten meiner deutschen Freunde in einer absolut glücklichen Situation aufgewachsen waren, weil ihre Eltern keine Neurotiker sind. Und ich merke, dass die ganze Generation meiner Eltern in Russland psychisch labil war und ist. Doch bei meinen deutschen Freunden vermisse ich gerade diese seelischen Abgründe, etwas, was einen Menschen immer auf alles gefasst macht. Denn egal was kommen mag: Meine Generation, die in der UdSSR aufgewachsen ist, ist widerstandsfähiger, robuster als unsere Altersgenossen in Deutschland.
Meinen Sie auch, dass die recht eingefahrenen, teils ja auch sichereren Alltagsbahnen in Deutschland das Leben für die Russen hier - ihre Protagonisten - etwas fade macht? Ach, was! Menschen in Russland haben dafür ein viel zu stark ausgeprägtes literarisches Bewusstsein. Damit können sie sich immer behelfen. Alles, was um sie herum passiert, wird sofort in literarische Formen gegossen. Sie nehmen die Realität völlig anders wahr - und diese schöpferische Wahrnehmung macht diesen Menschen dann so etwas wie die Langeweile schier unmöglich.
Ist damit auch die Faszination der russischen Literatur zu erklären? Ist es dieser Bruch in der Realität, dieser Riss, durch den etwas völlig Andersartiges durchsickert, so dass eine «parallele» Welt entsteht? Das kann schon sein. Ich habe vor kurzem an einem Übersetzerseminar teilgenommen - und es ist mir aufgefallen, dass die meisten jungen deutschen Schriftsteller darunter leiden, dass sie einfach nicht wissen, worüber sie schreiben sollten. Moderne deutsche Literatur scheint mir sehr langweilig und oberflächlich zu sein. Zumindest das, was ich gelesen habe. Ich führe das auf die Monotonie des Wohlstandes zurück. Aber auch die Langeweile kann man zum spannenden Thema machen. Doch das Problem liegt darin, dass Menschen ihr Leben in Deutschland nicht als langweilig empfinden. Es ist für sie die Norm. Genau so, wie der alltägliche Wahnsinn in Russland die Norm ist.
Haben sie eine Lieblingsgeschichte in Ihrem Erstlings-Band «Vergiss Tarantino», eine, die Ihnen ganz besonders am Herzen liegt? Das ist ziemlich kompliziert zu beantworten. Und es liegt unter anderem daran, dass viele meiner Lieblingsgeschichten in diesem Band gar nicht drin sind. Doch die Auswahl habe nicht ich, sondern der Verlag getroffen. Die gesamte Dramaturgie dieses Bandes ist nicht mein Werk - wie es das ja bei einem Roman durchaus der Fall wäre -, sondern es ist das Werk der Verlagslektoren. In diesem Sinne hatte ich Co-Autoren.
Mich beschleicht das Gefühl, dass sie nicht ganz damit zufrieden sind, wie ihr Debüt ausgefallen ist. Ja, so ist es auch!
Und wenn es allein bei Ihnen liegen würde, was hätten sie anders gemacht? Ich würde sicherlich radikalere Texte auswählen. Solche, die vielleicht sogar schockieren würden. Auf jeden Fall mehr als diejenigen, die nun erschienen sind. Obwohl: Ich glaube andererseits, dass man den modernen Leser von heute schon gar nicht mehr richtig schockieren kann. Was allerdings auch nicht meine Absicht ist. Das Literaturbewusstsein ist bereits derart erweitert, dass fast gar nichts mehr provozieren kann. Man könnte natürlich gerade deshalb versuchen, ein nettes, liebes Buch zu machen. So eines, welches das Gefühl vermitteln würde, dass man in Sicherheit wäre und die Realität sich irgendwo jenseits des Horizonts, hinter einem Schaufensterglas abspielt. So ginge es sicherlich auch.
Trifft diese Ironie auch Ihr eigenes Buch «Vergiss Tarantino», das gerade in Deutschland erschienen ist? Natürlich. Aber das lag ja nicht an mir. Die Verlage haben eben immer einen «Durchschnittsleser» im Visier. Ich glaube aber, dass wir niemanden finden würden, der sich selbst für einen Durchschnittsleser hält. Der wird von den Verlagen geformt, während die Verlage dann davon überzeugt sind, dass sie sich dem Diktat des Durchschnittslesers beugen müssen.
Meinen Sie damit, die Formel «Nachfrage bestimmt Angebot» gilt nicht oder nur bedingt für die Literatur? So ist es! Schauen Sie: In der Sowjetunion gab es beispielsweise überhaupt keine Trash-Literatur - und das «Volk» bestand aus lauter Intellektuellen, zumindest was die Lektüre betraf. Als Trash auf den Markt geworfen wurde, sank der «Intellektuellenkoeffizient» in Bodennähe. Tatsächlich liegt sehr viel an den Verlagen oder auch an den Journalisten. Ich halte es übrigens für eine ungeheuere Arroganz der Verlage und Medien, denn das «Publikum» - die Leser, Zuschauer und Zuhörer - ist wesentlich komplizierter und intelligenter, als sich die Apologeten des Marktes einbilden. Aus meiner Sicht vollzieht sich so etwas wie künstliche Volksverblödung, was auch ein Verbrechen ist. Und so kenne ich niemanden, der deutsches Fernsehen loben würde. Es ist nun mal der letzte Dreck. Ich bin mir andererseits sicher, dass es in Deutschland viele gute, kreative Schriftsteller gibt. Deutschland ist ein Land mit Traditionen, und mit vielen komplizierten wie gebildeten Menschen. Doch es ist eine Recyclinggesellschaft. Also muss man viel Müll auf jedem erdenklichen Gebiet produzieren. Sonst bleiben die Müllverarbeitungsfabriken stehen - und das ganze System bricht zusammen.
Wer weiß: Vielleicht ist ja das «System» tatsächlich im Zusammenbruch begriffen... Was die Rahmenbedingungen betrifft, auf jeden Fall. Es ist ein Desaster! Die Budgets für Kultur werden rigoros gekürzt. «Hartz» ist völliger Schwachsinn! Meine deutschen Altersgenossen geben offen zu, dass sie in einem völlig anderen Land aufgewachsen sind, als in dem, das sie nun erleben müssen. Der Sozialabbau bedeutet eine Katastrophe für die Kultur, die bereits in einem äußerst traurigen Zustand dahinvegetiert. Vielleicht hat man einen Fehler gemacht, indem man einst so viele Kunstakademien einrichtete und so viele unglückliche Menschen sich einbilden ließ, sie seien Beuys & Co. Doch wenn man sie schon «gezüchtet» hat, müsste man ihnen nun auch den Rücken stärken, denn sie sind nun mal Opfer einer guten Erziehung...
Und wie entwickelt sich Ihre Künstlerkarriere insgesamt so? Das Cover Ihres literarischen Debüts haben Sie ja selbst gestaltet. So ist es. Ich arbeite auch weiterhin als Künstlerin, mache verschiedene Aktionen. Meine jüngsten Arbeiten kann man sich unter www.kunsthalle-zoo.de anschauen.
Haben Sie schon Ideen für ein weiteres Buch? Ja. Ich möchte ein Buch mit dem Titel «Zeugenberichte» schreiben. Ich möchte dabei als Autorin mehr oder weniger im Hintergrund bleiben und einige Berichte meiner Freunde aufschreiben, völlig neutral: Ganz reale Geschichten, die kaum zu Papier gebracht, aus einem für mich unerklärlichen Grund absolut surreal wirken. Denn das Leben in Deutschland ist krasser als jeder Film!
In einer Ihrer Geschichten erlebt man die Lenin-Mumie in einem gewöhnlichen Berliner Supermarkt - inmitten einer ziemlich illustren Gesellschaft. Und doch wirkt das Geschehen völlig realistisch auf den Leser, sogar alltäglich. Ist das ihr Lieblingsmotiv - diese Absurdität des Alltäglichen, wo der Wahnsinn völlig normal zu sein scheint? Wenn wir uns die Menschen um uns herum einmal ganz genau anschauen, werden wir einen sogenannten normalen Menschen gar nicht finden. Ich meine das gar nicht wertend! Es ist weder gut noch schlecht. Mehr noch: Das schlimmste, was es auf der Welt geben kann, ist der «typische» normale Bürger. Die «Normalität» ist überhaupt das schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann.
Ist ein glücklicher, «normaler» Mensch dann völlig uninteressant für Sie? So ist es. Ich finde den Bruch, das Fehlen spannend. Das bringt eine Dramaturgie in die Charaktere.
Was für Reaktionen erwarten Sie eigentlich von Ihren Lesern? Ich schätze, dass Menschen, die meine Geschichten gelesen haben, eine für sie bis dahin verborgene Seite des Lebens entdecken werden. Sie werden das Geschehen mehr als etwas vollkommen Absurdes wahrnehmen müssen - und alles auf einmal viel plastischer sehen. Das ist auch der Grund, warum wir uns für die Literatur entscheiden: Sie lässt uns die Welt nicht nur mit zwei Augen sehen. Jeder Text - wenn er gut genug ist - schafft seine eigene Dimension. Das «dritte Auge» öffnet sich, oder auch das vierte. Auf welchem Körperteil auch immer!
Befürchten Sie nicht, dass die Kurzgeschichten aus «Vergiss Tarantino» in Russland völlig unverstanden bleiben könnten? Dieser Band wird in Russland nicht ziehen. Dort haben die Menschen ganz andere Probleme. Das ist die Welt aus dem Blickwinkel eines Menschen, der in Europa lebt. Für den russischen Leser würde ich einen völlig anderen Band zusammenstellen. Aber das geht völlig in Ordnung. Es gibt umgekehrt so viele Texte, die in Russland geschrieben wurden und in Europa keine Chance haben, verstanden zu werden. Das ist auch das Hauptthema meiner Erzählungen, die jetzt in Deutschland erscheinen: Es geht um die völlige Unmöglichkeit, sich gegenseitig zu verstehen. Aber ich glaube, dass das auch das häufigste Thema in der Literatur überhaupt ist: Die Unmöglichkeit. Die besten Liebesromane handeln von der Unmöglichkeit der Liebe, in anderen Werken geht es um die Unmöglichkeit so zu sein, wie man es gerne hätte. Es geht meist um das Fehlen, ums Vermissen, ums Unerreichbare, um die unerfüllten Wünsche. Denn der erfüllte Wunsch wird sofort entwertet.
«Vergiss Tarantino» ist das
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