Foto: Margit Billeb

«Es kommt auf sprachliche Nuancen an»

Heinrich Simon über sein Leben und die Hebraistik in der DDR

 

Herr Professor, Sie sind, wenn man es in volkstümliche Worte kleiden würde, ein echtes Kind dieser Stadt. Weit über 50 Jahre wohnen Sie nun schon in Berlin-Pankow.

Ja, und ich könnte mir auch nicht vorstellen, an irgendeinem anderen Fleck in Deutschland leben zu wollen. Ich habe keine Beziehung zum Rheinland oder zum Schwarzwald, zu Mecklenburg, oder wohin auch immer.

Heißt das, Sie fühlen sich mehr als Berliner denn als Deutscher?

So könnte man es nennen, ja.

Es gab aber auch einen Abschnitt in Ihrem Leben, da wurde die Flucht aus Berlin und Deutschland zur Existenzfrage. Sie sind Ende 1939 vor den Nazis geflohen.

Ja, da war schon Krieg. Ich war damals 18 Jahre alt. Dass die Flucht zu diesem Zeitpunkt noch geklappt hat, ist natürlich ein großer Glücksfall gewesen.

Konnten Sie Deutschland mit Hilfe der Jugend-Alijah verlassen?

Nein. Ich hatte ein Studentenzertifikat bekommen, um mich an der Hebräischen Universität in Jerusalem einschreiben zu können. In meinem speziellen Falle ging das auch 1939 noch.

Was geschah mit Ihren Angehörigen, während Sie in Palästina studierten und später als britischer Soldat am Zweiten Weltkrieg teilnahmen?

Mein Vater war schon gestorben, als ich zweieinhalb Jahre alt war. Aber meine Mutter ist in Nazideutschland umgekommen. Erst im Jahre 1943 habe ich erfahren, dass meine Mutter 1942 verhaftet worden war. Schon am Tag nach der Verhaftung war sie tot.

Sie haben überlebt und haben mit Ihrem Studium an der Hebräischen Universität den Grundstein für ein später recht fruchtbares Wissenschaftlerleben legen können.

Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Richtig ist, dass ich an der Hebräischen Universität Klassische Philologie, Hebräisch und Jüdische Philosophie gehört habe. Ich habe dort auch damit begonnen, Arabisch zu lernen.

Wie kamen Sie von der Hebräischen Universität zum britischen Militär?

Das Stipendium lief aus. Dann wurde natürlich dazu aufgerufen, sich an den bewaffneten Kämpfen in Palästina auf Seiten der Hagana zu beteiligen. Aber das war ja noch eine Untergrundarmee, deren Feinde wechselten. Letztendlich entschied ich mich, auf britischer Seite gegen Hitlerdeutschland zu kämpfen.

Das klingt eher so, als hätten die nationalsozialistische Judenvertreibung und der nachfolgende Genozid Sie nicht zwangsläufig zu einem Zionisten gemacht.

Nein, sonst hätte ich sicher bei der Hagana gekämpft. Ich habe auch nicht das Gefühl entwickelt, dort in Palästina heimisch zu werden. Ich meine, es ging anderen Flüchtlingen dort ebenso. Wenn die Emigration mich in die USA oder nach Skandinavien verschlagen hätte, wäre das wohl auch in Ordnung gewesen. Aber ich glaube, auch in diesen Fällen wäre ich nach Berlin zurückgekehrt.

Sie sind nach Ostberlin gezogen, in den damaligen Sowjetischen Sektor. Aus Ostdeutschland wurde dann sehr schnell die DDR. Haben Sie an den Charakter eines antifaschistischen deutschen Staates, den die Gründerväter im Osten von Anfang propagiert haben, auch wirklich glauben können?

Das ist eine schwierige Frage. Im Prinzip schon. Aber da auch die SED keine Kaderpartei, sondern eine Massenpartei sein wollte, gab es bald widersprüchliche Sachen. Ich kann mich an ein mir bekanntes Ehepaar erinnern: Sie waren in der Weimarer Republik politisch links, dann waren sie Nazis, nun traten sie also in die SED ein und wurden dort willkommen geheißen. Es gab keine Handhabe, sie abzuweisen, da sie sich ja im juristischen Sinne nichts hatten zuschulde kommen lassen. Also, das waren natürlich unangenehme Erfahrungen - und das passte nicht so richtig zum Antifaschismus.

Ich meinte eigentlich mehr den zwielichtigen Charakter einer Staatsführung, die ihre antifaschistische Politik als Alibi benutzte, um die Entschädigungsleistungen der Jewish Claims Conference abzulehnen.

Da mögen Sie teilweise Recht haben. Andererseits zahlte die DDR ungeheure Reparationssummen an die Sowjetunion. Das heißt, die DDR wäre finanziell und wirtschaftlich wohl gar nicht in der Lage gewesen, den Forderungen der Claims Conference nachzukommen. Es gab auch einige Versuche der Wiedergutmachung oder Entschädigung, oder wie immer Sie das nennen wollen. Zum Beispiel mit angemessenen Renten für die von den Nazis verfolgten Menschen.

Als Sie 1947 zurückkamen, haben Sie sich gleich an der Humboldt-Universität in Ostberlin immatrikulieren lassen?

Ja, dort habe ich zu Ende studiert. 1951 bin ich in Philosophie und Soziologie promoviert worden, übrigens zusammen mit meiner Frau. Wir blieben dann beide als Dozenten an der Humboldt-Universität. Meine Frau hat im Anschluss Antike Philosophie gelehrt.

Wann haben Sie Ihre Frau, Marie Jalowicz, kennen gelernt?

Bevor ich von meiner Frau und mir spreche, und wie wir uns kennen gelernt haben, möchte ich Nachum von Gimso zitieren. Der hat im antiken Palästina im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung den kurzen, aber so schön einprägsamen Spruch geprägt: «Auch das ist zum Guten». Diesen Spruch können Sie übrigens auch im Talmud nachlesen. Nachum von Gimso wollte wohl sagen, dass Missgeschick und Unglück, wenn es einmal über einen Menschen hereingebrochen ist, sich auch wieder auflösen und sich in etwas Erfreulichen wenden kann.

Nun dazu, wie ich meine Frau kennen gelernt habe: Bis 1938, also kurz vor meiner Emigration, bin ich auf eine deutsche Schule gegangen, dann flog ich dort raus. Die Nazis haben einen einfach rausgeschmissen. Zum Glück gab es noch die Möglichkeit, auf eine Schule der Jüdischen Gemeinde in Berlin überzuwechseln. Wäre nicht der Fall eingetreten, dass ich also von dieser städtischen Schule herausgeschmissen und von der jüdischen Schule aufgenommen worden wäre - dann hätte ich nie im Leben meine Frau kennen gelernt, verstehen Sie? Wir hatten dann wenig Zeit, uns kennen zu lernen, ein Jahr später war ich ja schon auf dem Weg nach Palästina. Meine Frau ging in den Untergrund. Aber nach dem Krieg haben wir zusammengefunden.

Sie haben an der Humboldt-Universität neben diversen jüdischen und hebräischen Lehrgebieten auch Arabisch unterrichtet.

Das ist korrekt. Wir haben mit den Studenten am Vorderasiatischen Institut gemeinsam Korantexte lesen und analysieren können. Modernes Arabisch war aber nicht mein Gebiet.

Können Sie aus Ihrer Sicht die Unterschiede zwischen der Hebraistik, wie sie an der Humboldt-Universität gelehrt wurde, und der Judaistik, wie sie als etabliertes Fach an westdeutschen Universitäten zu finden war, beschreiben?

Judaistik ist mir, wenn Sie so wollen, einfach zu weit gefasst. Das kann dann theoretisch von der Jüdischen Antike bis hin zur israelischen Zementindustrie gehen. Das ist mir nicht präzise, nicht systematisch genug.

Aber Studenten von heute wollen doch gerade historisches und modernes Judentum im Gleichklang studieren. Das beweisen ja nicht zuletzt die gut frequentierten Fachbereiche für Jüdische Studien in Köln, Düsseldorf, Potsdam und anderswo.

Da gebe ich Ihnen Recht. Man kann das auch in dieser Breite studieren, sollte sich aber nur dessen bewusst sein, dass natürlich immer große Lücken bleiben werden. Es sei denn, man studiert es ein Leben lang. Die Hebraistik an der Humboldt-Universität hat sich auf klassisches und modernes Hebräisch konzentriert, natürlich haben wir uns auch mit jüdischem Kultus und jüdischer Tradition befasst. Unsere Absolventen sollten nicht nur in der Lage sein, modernes Hebräisch simultan übersetzen zu können. Sie sollten auch in der Lage sein, Agnon und andere moderne hebräische Schriftsteller so zu übersetzen, dass die kulturellen, traditionellen und religiösen Implikationen auch für den nichtjüdischen Leser noch verständlich werden konnten.

Es ist bekannt, dass Ihr Fachbereich an der Humboldt-Universität exzellente Literaturwissenschaftler hervorgebracht hat. Aber bis zur politischen Wende hatte die DDR so gut wie keine Kontakte zu Israel, und den jüdischen Gemeinden im Arbeiter-und-Bauern-Staat wurde das Leben ja auch nicht gerade einfach gemacht.

Ich denke, hier sollte man einen differenzierten Blick auf die jeweilige Religionspolitik werfen. Es gab Zeiten, da hat der Staat für das verbliebene jüdische Gemeindeleben in Ostdeutschland ziemlich große Unterstützung gegeben.

Es gab aber auch das finstere Jahr 1953. Da war nicht nur der Volksaufstand in vielen Städten der DDR, auch etwa die Hälfte der Ostberliner Juden floh in den Westteil der Stadt.

Natürlich gab es da auch Situationen, in denen man entscheiden musste: Hält man das so aus? Ich erinnere mich an so eine quasi antireligiöse Welle, das muss etwa 1953 gewesen sein. Es gab Gespräche mit höheren Funktionären, die misstrauisch waren gegenüber jedweder Form von Religion. Die witterten Gefahr, aus ihrer Sicht ja auch verständlich. Aber manchmal kannte die Dummheit da auch keine Grenzen. Einer dieser Funktionäre hat meine Frau und mich, deren Mitgliedschaft in der Jüdischen Gemeinde schließlich bekannt war, doch tatsächlich gefragt: «Sind Eure Kinder eigentlich getauft?» Da konnten wir dann tatsächlich sehr gelassen mit «Nein!» antworten (lacht). Und damit war der Fall erledigt. Wir hatten also Glück, anderen erging es weit schlechter.

In den 1970er Jahren haben Sie ein «Lehrbuch der Modernen Hebräischen Sprache» geschrieben, dass sowohl auf dem ostdeutschen als auch auf dem westdeutschen Buchmarkt erschien und insgesamt 11 Auflagen erreichte. 1994 kam es noch einmal bei Langenscheidt heraus, aber dann fand es leider keine Fortsetzung mehr.

Wie Sie wissen, entwickelt sich die moderne hebräische Sprache ständig weiter. Man müßte in laufender Weise jemanden daran setzen, dass Original-Buch immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Die großen Philosophen haben es einfacher, an deren Texten ändert sich ja nichts mehr.

Philosophie ist genau das richtige Stichwort. Sowohl in der alten Bundesrepublik wie auch in der DDR erschien Ihre «Geschichte der jüdischen Philosophie».

Das Buch, das ich übrigens gemeinsam mit meiner Frau geschrieben habe, erschien 1984 bei Beck in München. Danach gab es eine Lizenzausgabe für den Osten, die ist in Leipzig erschienen. Das hat schon Spaß gemacht, auch wenn ich nicht genau weiß, wie viele Leser wir damit erreichen konnten. Das Buch war nur rund 200 Seiten dick, aber es schlug den Bogen von der jüdischen Philosophie in der Antike über Isaak Israeli, Abraham ibn Daud und Maimonides bis hin zu Steinheim, Cohen und Buber. Der Vorteil ist, dass dieses Buch auch von Interessierten gelesen werden kann, die keine sprachlichen Vorkenntnisse haben und sich nicht in jüdischen Realien auskennen.

1986 sind Sie emeritiert worden. Als drei Jahre später die politische Wende in Ostdeutschland kam, waren Sie schon im Ruhestand. Wie haben Sie den politischen Umbruch persönlich erlebt?

Eigentlich sehr widersprüchlich. Natürlich gab es da eine Menge Aufbruchstimmung, die Freiheit des Geistes ist eine ganz wichtige Errungenschaft aus dieser Zeit gewesen. Aber gerade in den letzten Jahren konnte ich mich immer weniger gegen den Eindruck wehren, dass ein Großteil des politischen Geschäftes ziemlich korrupt abläuft. Und es scheint mir auch, dass der Einfluss des Einzelnen auf die gesellschaftlichen Dinge immer geringer wird.

Sie sind immer Mitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin gewesen. Wie erleben Sie die jetzigen enormen Veränderungen in der Gemeinde infolge des osteuropäischen Zuzuges?

Man kann da viel philosophieren und spekulieren. Ich denke, die Leute sind da, sie sind Gemeindemitglieder - und man muss ihnen ein Stück entgegenkommen. Mein Sohn gibt beispielsweise so eine kleine Reihe mit dem Titel «Jüdische Miniaturen» heraus. Ein Teil davon ist auch in russischer Übersetzung erschienen, und zwar die von mir verfassten Hefte «Jüdische Feiertage» und «Leben im Judentum». Diese Publikationen wurden vom Zentralrat unterstützt und konnten so in großer Zahl an jüdische Gemeinden gegeben werden.

Ihr Sohn, Hermann Simon, ist Direktor des Centrum Judaicum in Berlin Mitte, eine der wichtigsten Begegnungs- und Kommunikationsstätten des deutschen Judentums heute. Er ist von Haus aus Historiker. Hat es dereinst einen väterlichen Einfluss auf den Berufswunsch des Sohnes gegeben?

Nein, da habe ich mich damals nicht eingemischt. Aber dass meinem Sohn etwas an den Geisteswissenschaften liegen würde, das war schon recht früh klar geworden. Dass er später einmal das Centrum Judaicum mit aufbauen konnte und es heute federführend leitet, das freut mich natürlich sehr.

Die Anfänge des Centrum Judaicum gehen noch auf die letzten Jahre vor der politischen Wende zurück. Der SED-Staat gab immerhin Freiraum für eine Stiftung, die sich mit dem Aufbau des Ganzen beschäftigen sollte - und er versprach sich davon politische Reputation auf der anderen Seite des Atlantik. Auf die Inhalte konnten die Oberen begreiflicherweise keinen großen Einfluss nehmen. Eine Chance, wie sie selten in der DDR bestand...

Sie haben Recht, das war eine Chance. Am Anfang ging es ganz unbefangen um konzeptionelle Ideen und Vorstellungen. Später war dann zu klären, was unter den gegebenen Umständen umzusetzen war und was nicht. Wenn Sie so wollen, ist der Name «Centrum Judaicum» bei uns am Kaffeetisch entstanden.

Das klingt nach einer recht ergiebigen intellektuellen Zusammenarbeit von Vater und Sohn. Ist das auch heute noch so?

Ja, das kann man schon sagen. Bevor mein Sohn etwas publiziert - und das ist ja einiges -, bekomme ich die Möglichkeit, alles noch mal gegenzulesen.

Olaf Glöckner

«Jüdische Zeitung», September 2005