Trendy Wirtschaftsrecht

In Frankfurt eröffnet die erste deutsch-israelische Rechtsanwaltskanzlei

 

Restitution und Erbschaftsangelegenheiten - das sind die bisher klassischen Rechtsfälle, die es für Anwälte auf dem Gebiet deutsch-israelischer Beziehungen zu regeln galt. Der Trend jedoch geht zum Wirtschaftsrecht. Deutschland ist nach den USA mit einem Außenhandelsvolumen von an die sieben Millionen Euro der zweitgrößte Handelspartner Israels. In beinahe allen Industriezweigen unterhalten deutsche und israelische Firmen mittlerweile Kontakte. Insbesondere in den letzten drei bis vier Jahren nimmt die israelische Präsenz auf deutschen Märkten wie Telekommunikation und Immobilien zu. Da wäre eine tatsächliche Vertretung in Deutschland gut, so dachte man sich in der Tel Aviver Anwaltskanzlei Heskia-Hacmun. Ende Mai wurde diese eröffnet - die erste deutsch-israelische Rechtsanwaltssozietät von Heskia-Hacmun Rechtsanwälte & Partner. «Wir sind die erste israelische Kanzlei, die tatsächlich ein Büro und nicht nur eine Anschrift in Deutschland hat», sagt Rechtsanwalt Amos Hacmun stolz. Der gebürtige Frankfurter ist nach der Emigration seiner Eltern in Israel aufgewachsen, hat den Kontakt zu seinem Geburtsland jedoch nicht verloren. Seine vor zehn Jahren gegründete Tel Aviver Wirtschaftskanzlei bearbeitete deutsch-israelische Fälle bisher durch dort angestellte deutsche Juristen. Das Frankfurter Büro soll deutschen Klienten nun den Kontakt vor Ort erleichtern. Dass bisher keine deutsche Kanzlei und keine der großen internationalen Rechtsfirmen Büros in Israel unterhalten, läge am israelischen Recht, erklärt Hacmun. Diese könnten nur durch Kooperationsvertrag mit einem israelischen Partner, jedoch nicht unter eigenem Namen in Israel firmieren.

Heskia-Hacmun arbeiten im «kommerziellen Bereich». Zu den Kunden der Anwaltskanzlei gehören Banken, Versicherungen, Firmen aus Hightech und Telekommunikation, mehr als 200 deutsche Unternehmen, darunter große Namen wie Gerling, HDI, SEB oder Tochterfirmen der Telekom. Die Wirtschaftskanzlei berät diese bei Beteiligungen an israelischen Unternehmen vom Kauf bis zum Verkauf. Sie beschäftigt sich mit Handelsvertretungen deutscher Exportfirmen in Israel, mit Klagen die in Israel eingereicht werden oder auch mit Markenzeichen und Patenten.

Die eigentlichen Ursprünge der ersten deutsch-israelischen Rechtsanwaltssozietät liegen viel weiter zurück als nur einen Monat oder ein Jahr, sie liegen beinahe ein ganzes Jahrhundert zurück. In den 30ern absolvierte der 1915 geborene Walter Hesselbach eine zweijährige Lehre im jüdischen Bankiershaus J. Dreyfus & Co. in Frankfurt. Da er zeitweise der sozial-istischen Arbeiterjugend angehört hatte, war ihm das Studium unter den Nationalsozialisten verwehrt. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft wurde er Sozialdemokrat, Gewerkschafter und Bänker, eine wichtige Person bei der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) oder der Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft (BGAG). Walter Hesselbach war aufgrund seiner früheren persönlichen Kontakte eine der wenigen Personen, die von den Israelis bei Verhandlungen zwischen den Ländern während der 60er akzeptiert wurde. Er bekam das Bundesverdienstkreuz und Ehrendoktorwürden mehrerer israelischer Universitäten. Zwei seiner Töchter heirateten nach Israel. Hesselbach war der Großvater von Amos Hacmun. Der Verdienst um deutsch-israelische Kontakte liegt in der Familie.

Im Frankfurter Büro vertritt Cornelius Zimmermann die Tel Aviver Anwaltskanzlei. Auch er hat eine «jewish connection» und seine berufliche Laufbahn ganz konkret nach Israel ausgerichtet. Seine jüdische Großmutter hat Auschwitz überlebt und dem Enkel die jüdische Kultur nahebringen können. Die Referendarzeit verbrachte Zimmermann bei Heskia-Hacmun in Tel Aviv, ein Kontakt der sich als fruchtbar erwies. Nach einer Testzeit von einem Jahr firmiert die Dependance nun ganz offiziell unter dem Namen der israelischen Kanzlei als erste deutsch-israelische Rechtsanwaltssozietät. Und für diese existiert in Deutschland tatsächlich auch eine «jüdische Nische». «Für uns in Israel ist das ja selbstverständlich und Alltag, die geschäftlichen Angelegenheiten von und mit Juden zu regeln. In Deutschland, so habe wir festgestellt, ist es doch eine Nische und von Vorteil, wenn man sich in eben dieser Kultur auskennt», erzählt Hacmun.

Die Atmosphäre im Unternehmen ist familiär. «Obwohl wir in zwei Büros an weit entfernten Orten sitzen, fühlt es sich doch an wie eines», sagt Anwalt Zimmermann. Um Expansion geht es Heskia & Hacmun Rechtsanwälte und Partner zunächst nicht, auch in Israel gehört die Anwaltskanzlei mit 15 Mitarbeitern zu den kleineren Unternehmen. Dennoch ist sie stolz auf ein Ranking des internationalen Auditunternehmens Legal500. Das gute Abschneiden in den Bereichen geistiges Eigentum, HighTech, Bankwesen und Finanzen erklärt Amos Hacmun: «Uns unterscheidet ein wenig die Philosophie. Unsere Anwälte liefern juristischen Service auf hohem Niveau, aber sie sollen keine Fachidioten sein.» Die Anwaltskanzlei wolle nicht nur beraten, sondern auch Alternativen aufzeigen und dabei Recht und Wirtschaft enger verknüpfen. Streite zum Beispiel ein deutsches Unternehmen mit seinem Handelsvertreter in Israel, so wolle man eventuell helfen, einen anderen zu finden.

Die Partner Hacmun und Zimmermann sind Mitglieder der 1989 gegründeten deutsch-israelischen Juristenvereinigung, Hacmun gar Vizevorsitzender der israelischen Schwestervereinigung, die deutsche und israelische Juristen enger verknüpfen will. In den ersten zehn Jahren des Bestehens dominierten Shoa und Zweiter Weltkrieg die Diskussionen bei der alljährlichen fünftägigen Tagung. Erfolge hat die Juristenorganisation bereits erzielt. Im April dieses Jahres wurde 73 jüdischen Juristen die Doktorenwürde, die ihnen während der Naziherrschaft aberkannt wurde, wieder zugesprochen. Auch die Öffnung der Archive von Anwaltskanzleien in ganz Deutschland konnte durch ein Mitglied der Organisation, Rechtsanwalt Joel Levi, erwirkt werden. Die Erkenntnisse über die Schicksale jüdischer Juristen gingen in eine Datenbank ein. Heute diskutieren deutsche und israelische Juristen in Fachdebatten auch über kontroverse Themen wie Mauerbau, Menschenrechte und den Umgang mit Terrororganisationen in Israel. «Das ist eine Gelegenheit auch unsere Haltung darzustellen», sagt Israeli Hacmun «Dort werden auch Meinungen vertreten, die wir nicht gerne hören, doch es kann und soll ganz offen über alles gesprochen werden.»

Nina Körner

«Jüdische Zeitung», Juli 2007