Julia Fischer. Foto: KASSKARA

Die Bach-Sucherin

Julia Fischer über musikalischen Ernst, jüdische Mütter und Bach als Ursprung der Musik

 

Das «Hilton» am Berliner Gendarmenmarkt. Die Fra-ge nach Julia Fischer wird an der Rezeption mit erhobener Nase mit der Gegenfrage beantwortet, in welcher Abteilung des Hauses Frau Fischer denn arbeite. Minuten später schlendert die Gesuchte mit einem gewöhnlichen Geigenkasten auf dem Rücken durch den Eingang. Nur schwerlich fügt sie sich in die Welt der Nobelherberge ein - auch wenn sie den Umgang mit der High Society gewohnt ist. Tags zuvor hat ihr Medienberichten zufolge George W. Bush nach ihrem Auftritt beim G8-Gipfel anerkennend auf die Schulter geklopft. Sie selbst berichtet allerdings lediglich davon, dass der Präsident ihr derart kräftig die Hand gedrückt habe, dass ihr noch einen Tag später die Finger schmerzten.

Frau Fischer, wie ist das für eine junge Künstlerin wie Sie in der heutigen Zeit? Werden Sie nicht ständig durch die «großen Alten» bedrängt, die durch ihre Aufnahmen stets präsent sind. Wenn ich Tschaikowski kaufe, greife ich am Ende doch immer wieder zu Oistrach...

Das ist eine gute Wahl! Und seine Aufnahmen sind ja auch für mich unglaublich inspirierend. Ein Mensch neigt ja prinzipiell dazu, das, was nicht mehr ist, hoch zu loben. Das ist in der Musik genauso. Ich bin ein Fan von David Oistrach, ich bin ein Fan von Leonid Kogan, was Pianisten anbelangt von Swjatoslaw Richter. Und wenn ich Aufnahmen kaufe, kaufe ich auch oft ältere. Natürlich sind die «Alten» übermächtig in ihrem Einfluss, auch auf meine Interpretationen. Die eigene Zeit objektiv zu beurteilen, ist dabei nicht möglich - rückblickend weiß man immer mehr. Aber wir leben natürlich in einer anderen Zeit. Man darf nicht vergessen, wenn ich heute ein Konzert spiele, dann spiele ich ja nicht für die Leute von 1940 oder 1950, sondern ich spiele für die Leute aus dem Jahr 2007. Und die haben auch ein anderes Leben hinter sich. 50 Jahre Geschichte verändern die Menschen. Die verändern auch mich, ich bin ja auch ein Kind der Zeit. Allein deshalb gibt es allgemein Punkte in der Interpretation, die sich verändern - bei allen.

Sie selbst haben sich bewusst für ein kleines Platten-Label entschieden...

Als ich anfing CDs aufzunehmen war es mir nicht wichtig, ob es sich um ein großes oder ein kleines Label handelt. Das einzige, was für mich zählte, war die Frage, welche künstlerische Freiheit ich habe. Das heißt, ob ich in Bezug auf das Repertoire und meine Partner frei wählen konnte. Ich hatte verschiedene Angebote, die ich miteinander verglichen habe. Dann habe ich ausgewählt.

Wird man heute im Konzert nicht ständig mit seinen eigenen Aufnahmen verglichen?

Ich versuche, wenn ich aufnehme, keine perfekte Interpretation abzuliefern. Das macht keinen Sinn. Eine Aufnahme soll das wiedergeben, was gespielt wird. Ich habe nicht den krankhaften Perfektionsdrang, dass keine Note falsch sein darf. Was zählt, ist das künstlerische Erlebnis. Perfekte Kunst ist ja eigentlich schon keine Kunst mehr. Wenn man sich wirklich um eine künstlerische Aussage bemüht, ist eine Aufnahme eigentlich gar nicht so weit weg vom Konzertsaal.

Wenn man Ihre Aufnahmen anhört, fällt einem - gerade im Vergleich mit anderen, durch reine Virtuosität glänzenden Nachwuchskünstlern - ein erstaunlicher Grad an Reife auf. Wie haben Sie das erreicht?

Es wäre schön, wenn es da ein Rezept gäbe. Künstlerische Reife ist ja nun leider nichts, was man lernen kann. Ich unterrichte inzwischen selbst und muss feststellen, dass man das auch nicht einfach lehren kann. Ich denke, dass da natürlich eine grundlegende moralische Ausbildung mitschwingen muss: Wofür ist Musik eigentlich da? Musik ist kein Sport. Es geht nicht darum, möglichst schnell die 24 Capricci von Paganini zu spielen. Es geht um Kunst. Und es ist in allen künstlerischen Bereichen das gleiche. Ich beschäftige mich auch viel mit Literatur, weil mich das auch für die Musik sehr bereichert und mir einen anderen Blickwinkel gibt. Ich wollte nie Geigerin werden, mit dem Ziel irgendwie zu glänzen oder aus persönlichen Eitelkeiten da vorn zu stehen. Der einzige Grund, warum ich Musik studiert habe, war, dass ich tatsächlich daran glaube, dass das menschliche Leben ohne Kunst ärmer, oder vielleicht gar kein menschliches Leben ist. Das war mir selbst so wichtig, dass ich beschlossen habe, mein Leben der Kunst zu verschreiben. Ich vermute, dass das die Grundlage für jede künstlerische Reife ist.

Also hat das nicht unbedingt etwas mit Lebenserfahrung zu tun?

Ich denke nicht, ich bin ja noch nicht einmal 24 Jahre alt. Ich glaube, es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass dies etwas mit dem Alter oder bestimmten Erfahrungen zu tun hat. Ich habe das erste Mal Beethovens Violinkonzert gespielt als ich zwölf Jahre alt war. Damals habe ich natürlich von allen Seiten gehört: Das ist zu früh, sie hat die Reife nicht. Letztendlich hat man diese Reife aber nie. Beethoven hat das Werk geschrieben, als er nichts mehr hören konnte. Rein theoretisch müsste ich ebenfalls taub sein, um zu verstehen, was er mit dem Werk gemeint hat. Ich kann den Kommunismus nicht noch einmal durchleben, trotzdem spiele ich Schostakowitsch. Man kann nicht alles erleben. Die Aufgabe eines Künstlers ist nicht, das Leben aller vor ihm dagewesenen Künstler, vor allem der schaffenden Künstler selbst, zu erleben, sondern die Aufgabe eines Künstlers ist die Fähigkeit, sich in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen und die Gefühlswelt eines anderen Menschen, desjenigen, der das Werk geschaffen hat, wieder zu erleben, wieder zu entdecken. Und das aufgrund von ein paar Noten, die hinterlassen wurden. Meine Aufgabe ist zu erforschen, was Mozart gefühlt und gedacht hat, als er sein Violinkonzert schrieb.

Sie sagen, dass Sie sich eher dem Komponisten als dem Publikum verpflichtet fühlen.

Auf jeden Fall.

Wie nähert man sich der Gefühlswelt eines Komponisten?

Das kommt immer auf den Komponisten an, aber auch darauf, welche Erfahrungen ich bereits mit dem Komponisten hatte. Wenn ich jetzt eine Sonate von Beethoven spiele, ist die Herausforderung wesentlich geringer, als wenn ich das Werk eines Komponisten erarbeite, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Prinzipiell denke ich, dass es wichtig ist, bei jedem Komponisten, den ich spiele, so viel von dem Komponisten zu kennen und zu hören, wie es irgendwie geht. Das versuche ich immer. Es gibt aber einfach verschiedene Komponisten. Mozart ist für mich derjenige, der Schauspiele schrieb - genauso wie Shakespeare. Er hat Charaktere genommen, nicht nur bei seinen Opern. Diese lässt er aufeinandertreffen, lässt sie sich gegenseitig beeinflussen, lässt sie sich verändern. Dann gibt es Komponisten wie Beethoven, die eine Art gesellschaftliches Gewissen darstellen. Er hat an die Menschen appelliert, es ging ihm nicht um das Leben eines Einzelnen, ihm ging es um die Allgemeinheit. Das ist auch bei Schostakowitsch so. Dann gibt es Komponisten wie Schubert, der sein eigenes Leben und Leiden in der Musik wiedergegeben hat. In einem Fall wie dem seinen ist es unglaublich wichtig, so viel wie möglich über sein Leben zu wissen. Gerade, weil es sich so in seinem Werk widerspiegelt. Es kommt also sehr auf den Komponisten an. Man muss natürlich auch immer die Zeit, in der ein Werk entstanden ist, berücksichtigen; ihre Literatur, ihre Malerei.

Wie nähert man sich Bach?

(lacht) Bach kann man nur sein Leben lang suchen. Bach ist die Basis für alles. Das ist ungefähr so wie die Frage: Wie nähert man sich Gott?

Wenn man auf der Internet-Seite des Hessischen Rundfunks einen Bericht über Sie liest, sind auf derselben Seite Bildergalerien von «Tokio Hotel» und «Monrose»...

...ach nein, echt? Oje!

Wie ist es, als junger Mensch sich nicht in diesem, sondern in einem doch sehr «alten» Umfeld zu bewegen? Die Werke, die Sie spielen sind alt, Ihre Zuhörer sind alt, die meisten Kollegen auch...

Ich war schon immer ein Mensch, für den Alter nie eine Rolle gespielt hat. Weder bei Bekannten, noch bei Freunden, war ich jemand, der sich nur mit Gleichaltrigen befreundet hat. Ich denke, das ist das Schönste an Musik: Alter, Nationalität, Religion, das alles spielt überhaupt keine Rolle, weil sich alle auf dem gleichen Nenner treffen: Musik. Das ist mit ein Grund, warum ich Musikerin wurde, um diese gemeinsame Sprache zu beherrschen: Dass ich einen Menschen treffe, der 80 ist und dirigiert, und ich spiele dazu Violine - und man versteht sich, als würde keine Zeit existieren. Das hat mich fasziniert. Außerdem gibt es wieder mehr junge Künstler. Ich komme gerade von einer Probe mit Kristjan Järvi, der ist Mitte 30 und unglaublich energiegeladen. Es gibt also auch junge Leute um mich herum.

Viele Interpreten aus dem klassischen Bereich versuchen sich immer wieder auch in anderen Stilrichtungen. Könnten Sie sich eine solche Gratwanderung auch vorstellen?

Nein, absolut nicht. Ich bin dafür nicht geschaffen und außerdem gibt es ja eine sehr, sehr feine Grenze zwischen Kunst und Entertainment. Ich amüsiere mich gern, aber in meinem Beruf habe ich mich der Kunst verschrieben.

Gibt es auch den Wunsch, aus der Rolle des Interpreten auszubrechen, nicht immer nur der Übermittler zu sein?

Wenn man die Fähigkeit dazu hätte, würde man das sicherlich tun, aber ich denke, man muss da seine eigenen Möglichkeiten richtig einschätzen können. Natürlich kommt erst der Schaffer, und dann kommt der Interpret. Um etwas schaffen zu können, braucht man aber ganz andere Fähigkeiten. Das ist leider einfach so.

Wie habe ich mir die Beziehung zwischen Moral und Musik vorzustellen? Können Sie als jüngste Professorin Deutschlands das an Schüler weitergeben?

(lacht) Der Satz musste ja kommen! Man kann das weitergeben. Ich denke, das ist die Basis für jede Ausbildung - in jedem Beruf: Man sollte wissen, warum man diesen Beruf ausübt. Ich glaube, man sollte keinen Beruf zum Selbstzweck machen. Im Bereich der Musik, wo die Grenze zum Entertainment natürlich auch fließend ist, herrscht die Gefahr, dass sie zum Selbstzweck wird - auch zum Zweck des Erfolgs. Wenn man mit zehn oder zwölf Jahren anfängt, über sich selbst in der Zeitung zu lesen, dann ist die Gefahr, dass man vergisst wozu man das ganze überhaupt macht, sehr groß. Aber das ist falsch. Gerade deshalb ist diese moralische Erziehung in der Musik sehr viel wichtiger als in den meisten anderen künstlerischen Bereichen. Ich hatte bei allen meinen Lehrern das Glück, dass sie vollkommen selbstlose Menschen waren, die mit Haut und Haaren im Dienste der Musik standen, und die es überhaupt nicht zugelassen hätten, wenn ich mich in eine andere Richtung entwickelt hätte.

Die Grenze zwischen Kunst und Entertainment ist ja auch durchlässig, wenn in Fußballstadien klassische Konzerte gegeben werden...

Ich frage mich immer, warum man so etwas macht? Man glaubt offenbar, dass man auf diesem Weg jungen Menschen klassische Musik wieder schmackhaft machen kann. Das ist ein schöner Gedanke, ich denke aber, dass die Mittel falsch sind. Man sollte nicht versuchen, klassische Musik den jungen Menschen anzupassen, sondern man sollte versuchen, junge Menschen an klassische Musik heranzuführen. Das wird leider verwechselt. Ich glaube nicht, dass man versuchen sollte, mit der Pop-Szene zu konkurrieren. Damit bringt man auf lange Sicht nicht mehr Leute dazu, in klassische Konzerte zu gehen.

Muss klassische Musik elitär sein?

Ich denke nicht, aber man kann nicht in ein Schauspiel von Shakespeare auf Englisch gehen, wenn man kein Englisch versteht. Eine Sprache zu lernen ist aber nicht schwierig, dennoch muss man es tun, um sie verstehen zu können. In der Musik ist es genauso. Man muss kein Instrument phänomenal spielen können und als Kind jeden Tag stundenlang geübt haben, aber man muss die Sprache irgendwann gelernt haben. Entweder aktiv oder passiv. Dann genießt man klassische Musik auf ganz andere Weise.

Ihre Mutter ist jüdischer Abstammung. Hat das irgendeine Bedeutung für Sie?

Ja, auf jeden Fall. Ich bin zwar katholisch getauft, auch die Familie meiner Mutter ist getauft, aber ich habe einige jüdische Freunde, durch die ich bemerkt habe, dass so manche Dinge in meiner Erziehung wohl kaum hätten jüdischer sein können. Ich bin nicht aufgewachsen in dem Bewusstsein, dass ich jüdische Vorfahren habe, ich erfuhr es, als ich elf oder zwölf Jahre alt war und mir meine Großmutter erzählt hat, dass sie ihre ganze Familie im Zweiten Weltkrieg verloren hat. Ihre Eltern und Geschwister wurden in Auschwitz ermordet. Und meine Mutter ist eine jüdische Mutter, wie sie im Bilderbuch steht. Und ich weiß jetzt schon: Ich werde genauso. Da kann man nichts machen, ich glaube, das steckt in den Genen.

Beeinflusst das auch Ihre Musik?

Alles, was ich erlebe, wirkt sich auf mich und damit auf meine musikalischen Interpretationen aus. Als Kind habe ich durchaus gespürt, dass ich in einem Land aufwuchs, das meiner Mutter fremd war. Und selbst bei mir kommt bei einem Besuch in der Slowakei das Gefühl von Heimat auf, selbst wenn ich inzwischen in Deutschland vollkommen zu Hause bin. Ansonsten glaube ich nicht, dass ein Künstler aufgrund seiner Herkunft besonders bestimmte Sachen besser spielen kann als ein anderer.

Das Gespräch führte Moritz Reininghaus

 

Zur Person:

1983 in München als Tochter deutsch-slowakischer Eltern geboren, fing Julia Fischer im Alter von knapp vier Jahren mit Geigenstunden bei Helge Thelen und Klavierstunden bei ihrer Mutter Viera Fischer an. Ihre formelle Ausbildung begann zwei Jahre später bei Lydia Dubrowskaya am Leopold-Mozart-Konservatorium der Stadt Augsburg. Im Alter von neun Jahren wurde sie von der renommierten Geigenprofessorin Ana Chumachenco unterrichtet. Seit 2006 ist sie selbst Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. 1995 gewann sie den internationalen Yehudi-Menuhin-Wettbewerb, im Jahr darauf den 8. Eurovisionswettbewerb für Junge Instrumentalisten. Seither musiziert Julia Fischer mit namhaften Dirigenten und Orchestern der Welt. So spielte sie mit dem Boston Symphony Orchestra, dem Seattle Symphony Orchestra, aber auch mit dem Philadelphia Orchestra, den Wiener Symphonikern und der Staatskapelle Dresden. Ein Höhepunkt war eine Europa-Tournee mit dem New York Philharmonic Orchestra unter Lorin Maazel im Mai 2007. Eine besonders enge Zusammenarbeit verbindet sie mit der Academy of St. Martin in the Fields. Julia Fischer spielte unter Dirigenten wie Lorin Maazel, Christoph Eschenbach, Yuri Temirkanov, Sir Neville Marriner, David Zinman, Jun Märkl, Ruben Gazarian, Emmanuel Krivine und Marek Janowski.

Zu ihren regelmäßigen Kammermusikpartnern zählen Jean-Yves Thibaudet und Daniel Müller-Schott. 2004 veröffentlichte das CD-Label PentaTone Julia Fischers erste CD: Russische Violinkonzerte mit dem Russischen Nationalorchester, ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2005. In gleicher Besetzung erschien im November 2006 mit Tschaikowskis Violinkonzert die neueste Einspielung. Große Anerkennung und Auszeichnungen erlangten sämtliche CD-Veröffentlichungen der jungen Geigerin. «J.S. Bach Sonaten und Partiten für Solovioline» wurde mit dem «BBC Music Magazine Award 2006 Best Newcomer» und dem «Diapason d'Or de l'Année» gekürt. Beim gleichen Label veröffentlichte Fischer Klaviertrios von Mendelssohn Bartholdy mit Daniel Müller-Schott und Jonathan Gilad als Trio-Partner. In jüngster Zeit begann die Geigerin sich auch mit zeitgenössischer Musik zu beschäftigen. Julia Fischer spielt auf einer italienischen Geige von Giovanni Battista Guadagnini aus dem Jahre 1750.

 

«Jüdische Zeitung», Juli 2007