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Hausherr HamasKein Ballern auf Hochzeiten, geregelter Verkehr, volle Geschäfte – ist im Gazastreifen wieder alles normal?
Es sind seit Monaten die ersten Tage, in denen es Muhammad Dawwas, freier Journalist aus Gaza-Stadt, gelingt, die Nächte durchzuschlafen. Kein Knattern von Maschinenpistolen peitscht mehr durch die Stille, keine Explosionen lassen mehr die Fenster in seinem Hochhaus zittern. Seit der Machtübernahme der islamistischen Hamas ist es ruhig geworden im Gazastreifen. Nach Jahren von Chaos und Anarchie herrscht angespannte Totenstille. In Israel ist es noch nicht gelungen, das althergebrachte Ritual, auf Hochzeitsfeiern freudig in die Luft zu schießen, zu unterbinden. Aber im Gazastreifen, wo jeder Mann ein Gewehr im Schrank hat, wird auf den Feiern nicht mehr geballert. Die bärtigen Kämpfer der Kassam Brigaden, des bewaffneten Armes der Hamas, haben mit ihren Gräueltaten an Widersachern von der Fatah bewiesen, dass sie keinen Spaß verstehen. Dank ihrer Unerbittlichkeit ist es gelungen, den gesetzlosen Landstrich zur Ordnung zu rufen. Die Veränderungen sind überall spürbar. Keine Bewaffneten säumen mehr die Straßen, Banden sind in den Untergrund abgetaucht. Bärtige Freiwillige mit leuchtend gelben Westen und grünen Hamas-Binden regeln den Verkehr. Autofahrer halten wieder bei roter Ampel. Die Märkte sind voll, auf den weißen Sandstränden tummeln sich Familien, die in der schwülen Sommerhitze Erholung suchen. Selbst Jahrzehnte alte Blutfehden haben sich abgekühlt. Bis vor wenigen Wochen herrschte in Khan Junis, einer Stadt im Süden Gazas, ein Privatkrieg zwischen den Abu Tahas und den Masris, zwei mächtigen Großfamilien, die ihr gesamtes militärisches Arsenal im Kampf gegeneinander zum Einsatz brachten und dabei nicht selten Unschuldige töteten. Doch seitdem die Hamas den Ton angibt, bleiben die Knarren versteckt. Man organisiert jetzt höchstens Schlägereien. Steine statt Panzerfäusten, Fäuste statt Gewehre: nach Ansicht der meisten Bewohner Gazas definiert dies Fortschritt. Nach den grausamen Morden an politischen Gegnern ist es der Hamas nun vordringlich, sich als verantwortlicher und respektabler Hausherr Gazas zu präsentieren. Nachdem man die Fatah zerschlagen hat, spricht man hier wieder von einer Einheitsregierung, unter der Führung der Hamas natürlich. Die Kämpfe in Gaza seien niemals gegen die Fatah per se gerichtet gewesen, sondern gegen «subversive Elemente» in der Gegnerpartei. Die Propaganda gegen die Fatahführung, die zu den Zeiten der Kämpfe als «Verräter, Hunde, zionistische Agenten» beschimpft wurde, wird gemäßigt. Der Lackmustest für die Macht der Islamisten in Gaza ist die Freilassung des britischen Journalisten Alan Johnston, der sich seit mehr als drei Monaten in der Gewalt des mächtigen Durmusch-Clans, der große Teile der Unterwelt Gazas beherrscht, befindet. Die Palästinenser wissen, dass diese Affäre ihrer Sache schadet. Sie hält Journalisten aus aller Welt davon ab, aus Gaza zu berichten und trübt die Beziehungen zu ihren Verbündeten. Außer den Durmusch, die neben Lösegeld gleich eine Reihe politischer Zugeständnisse erpressen will, gereicht der gefangene britische Journalist allen palästinensischen Fraktionen zum Nachteil. Trotzdem will es nicht gelingen, Johnston frei zu kriegen. Johnstons Rückkehr wäre also das sicherste Zeichen dafür, dass die Hamas Gaza vollends beherrscht. Erleichterung ist das erste Gefühl, dass die Bewohner Gazas dieser Tage zum Ausdruck bringen. Man kann wieder durch die Straßen gehen, ohne angehalten zu werden. Doch direkt danach taucht Besorgnis auf. Zwar hat Gaza endlich wieder einen Hausherrn, der für alles verantwortlich ist und kein Chaos mehr zulässt. Doch gleichzeitig weiß niemand, wie die Zukunft aussehen wird. Kann Hamas auch wirtschaftliche Sicherheit bieten? Wie wird der Alltag im dicht besiedelten Landstrich aussehen? Eines ist klar: die Hamas duldet keinen Widerspruch. Auf den Frequenzen von Radio Hurriyeh (Freiheit), einem Privatsender, der zwar der Fatah nahe stand aber alle regelmäßig aufs Korn nahm, ist heute nur noch Rauschen zu vernehmen. Nur das Hamas-eigene Al-Aqsa Radio und Fernsehen sind in Gaza noch zu vernehmen, zweimal in der Woche versorgt die Parteizeitung A-Rissala die Bevölkerung mit den «notwendigen» Informationen und liefert die parteitreue Meinung frei Haus mit. Gaza ist auf dem besten Weg, eine Hamasdiktatur zu werden. Genau das wollen der Westen und die moderaten arabischen Staaten verhindern. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren hat es im arabischen Raum einen erfolgreichen Putsch gegeben. Gaza wurde zu einem gefährlichen Beispiel, das viele Potentaten, die in ihren eigenen Ländern ebenfalls gegen die Moslembrüder und andere islamistische Organisationen ankämpfen, schaudern lässt. Der Landstrich dient jetzt als Exempel für die gesamte Region, in der scheiternde, pro-westliche Regime es nur Dank effizienter Sicherheitsdienste, westlicher Entwicklungshilfe und Petrodollars gelingt, an der Macht zu bleiben. Die Hamas muss in Gaza scheitern, die geschlagene Fatah im Westjordanland beispiellosen Erfolg haben, damit die selbsternannten Könige, Präsidenten und Scheichs an der Macht bleiben können. Die Fatah versucht, sich von der fatalen Niederlage in Gaza zu erholen. Man versucht dabei, die Schuld der inkompetenten und korrupten eigenen Führung in die Schuhe zu schieben. Lieblingszielscheibe ist der Sicherheitsberater Mohammed Dahlan, der einen kometenhaften Aufstieg vom mittellosen Kind im Flüchtlingslager zum Sicherheitsexperten in italienischen Maßanzügen gemacht hat. Die Führung ihrerseits kontert mit einer neuen Verschwörungstheorie, laut der die Hamas konkrete Hilfe und Anweisungen vom Iran erhalten habe. Dies erfüllt den doppelten Zweck, die Hamas als Agent einer Fremdmacht zu «entlarven» und die schmähliche Niederlage leichter erträglich zu machen, schließlich unterlagen ja selbst die mächtigen Israelis im Kampf gegen den Iran-Vasallen Hisbollah. Zwar ist unbestritten, dass die Kassam-Brigaden Waffen und Ausbildung vom Iran erhalten, aber eine direkte Beteiligung iranischer Revolutionswächter an den Ereignissen in Gaza scheint unwahrscheinlich. Fakt ist, dass die Hamas von ihrem Sieg überrascht war. Die Kämpfer der Fatah wurden von ihren Kommandanten verlassen, sie boten schlicht keinen Widerstand. Die Hamas eroberte Gaza nicht, der Landstrich fiel ihr wie ein reifer Apfel in die Hände. Doch die Hardliner der Islamisten wollen sich damit nicht zufrieden geben. Längst kündigen sie an, auch im Westjordanland die Macht übernehmen zu wollen. Um das zu verhindern, hat die Fatah viel Arbeit zu leisten. Wie die Hamas im Gazastreifen muss sie jetzt hier für Ordnung sorgen, Korruption unterbinden und den Menschen wieder einen normalen Alltag ermöglichen. Sonst waren die Ereignisse in Gaza nur der Vorspann für den nächsten Coup, in Ramallah. |