BBC-Korrespondent Johnston. Foto: dpa

Die Story schreiben statt eine zu werden

Der BBC-Korrespondent Alan Johnston wurde vor mehr als 100 Tagen in Gaza entführt. Er selbst hatte das nicht für möglich gehalten

 

Er war der Letzte und der Erste. Der letzte der Journalisten, der überhaupt noch als Vollzeit-Reporter in Gaza stationiert war, und der erste ausländische Journalist, der entführt wurde. BBC-Reporter Alan Johnston ist seit dem 12. März dieses Jahres verschwunden.

Zwei Terrororganisationen, die «Army of Islam» und die «Unity of God and Holy War Brigades» haben sich seitdem zur Entführung des 45-Jährigen bekannt. Geführt vom Clanchef Mumtaz Dugmasch forderte die «Armee des Islam» im Austausch die Freilassung des islamischen Klerikers Abu Qatada, der in Großbritannien wegen Bedrohung der nationalen Sicherheit inhaftiert ist. Der Dugmasch-Clan soll im vergangenen Jahr auch den israelischen Soldaten Gilad Shalit gekidnappt und so die Auseinandersetzungen mit der israelischen Armee ausgelöst haben. «Die Einheit von Gott und den Heiligen Brigaden» wollte den schottischen Journalisten gegen in Israel inhaftierte Palästinenser austauschen, eine weitere, zuvor unbekannte Organisation ihn im April bereits umgebracht haben. Analysten zufolge trug dieses Bekennerschreiben Hinweise auf Al Quaida. Noch im Mai waren sich palästinensische Autoritäten allerdings sicher, dass der Journalist am Leben sei. Weltweit und im Gazastreifen selbst protestierten Journalisten gegen die Entführung des Briten. Die Gewerkschaft palästinensischer Journalisten rief noch im März zu einem 24-stündigen Streik auf, doch die solidarischen Kollegen vor Ort erreichten nichts. So scheint es zumindest.

Von vermummten Schützen auf dem Nachhauseweg in Gaza-Stadt aus seinem Auto gerissen zu werden - das hatte der erfahrene Journalist selbst für unmöglich gehalten. Johnston war kein Greenhorn. Seit 1991 hatte der in Tansania Geborene für den britischen Renommeesender aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent berichtet, aus der tschetschenischen Stadt Grosny und aus dem talibanregierten Kabul. Nach diesen Erfahrungen schätzte er die Situation in Gaza noch im Januar für harmloser ein, als es aussah. Im allgemeinen Chaos erkannte er sogar einen gewissen «schwarzen Humor». Gaza sei wohl der einzige Ort, an dem die einzige Forderung eines Terroristen sei Polizist werden zu dürfen, heißt es in seinem damaligen Bericht. Genug Terrororganisationen und Splittergruppen gäbe es zwar in Gaza, doch es sei nicht so wie im Irak, wo Entführung in brutalem Mord ende. Die Jungs hier seien nach dem Abzug der Israelis einfach gelangweilt, aber bei weitem nicht professionell. Einem vorübergehend gekidnappten Italiener, so Johnstons Anekdote, habe ein Entführer sein Gewehr gereicht, als es einen Zaum zu übersteigen galt - der habe wohl nicht aufgepasst bei der ersten Stunde «Entführungslehre». Mehr als den Terroristen müsse man im Gazastreifen also mögliche Befreiungsversuche fürchten. Dies hat sich kürzlich mit bitterem Ernst bewahrheitet. In einem am 105. Tag der Entführung veröffentlichten Video bittet Johnston um friedliche Verhandlungen. Andernfalls würden die Entführer den Sprengstoffgürtel an seinem Körper zur Explosion bringen. Johnston ist in rotem Hemd und einem westenähnlichen Gebilde zu sehen.

Seit 2004 war Alan Johnston im Gazastreifen und von der journalistischen Berichterstattung einer heißen Periode besessen, nach Kollegen Tag und Nacht bereit zu einer Live-Schaltung im Radio. Er coverte den Rückzug der israelischen Streitkräfte aus Gaza, den Wahlerfolg der Hamas, den israelischen Angriff im vergangenen Sommer und schließlich die Auseinandersetzungen zwischen Hamas und Fatah. Entführungen von Ausländern hatte es in dieser Zeit bereits gegeben. Johnston wusste darum und auch, dass diese bisher stets glimpflich abgelaufen waren. Als Journalist wollte Johnston keine trockenen Nachrichten generieren. «Die menschliche Seite» wollte er erzählen, so schrieb er selbst in einem Statement zur «Kunst des Journalismus», die Schicksale und den Alltag hinter den politischen Ereignissen zeigen. Und unparteiisch sein, das versuchte er auch: «Wenn du mit einer Konfliktpartei redest, dann musst sie mit den besten Argumenten der anderen Seite konfrontieren - den wirklich schärfsten Fragen». Johnston blieb. Er hielt Gaza für zu wichtig, um nicht berichtet zu werden, so portraitierte ihn ein Kollege.

Erst Anfang Juni gab es ein Lebenszeichen des BBC-Reporters, als ein Video von ihm auf der Website der Al-Ekhlaas-Organisation veröffentlicht wurde. Er sei bei guter Gesundheit, sagt Johnston zu Beginn der beinahe drei Minuten langen Aufnahme. Dann folgt eine Ansprache zu Not und Unterdrückung des Palästinensischen Volkes, zur Situation speziell im Gazastreifen. Johnston fordert ein Ende der Sanktionen und spricht von den westlichen Verfehlungen im Irak und Afghanistan. Als Johnston sich mit «an meine Familie, an meine Familie...» an seine Nächststehenden wenden möchte, reißt das Video ab. Die pausenlose Ansprache wirkt ermüdend und Johnston bedrückt, die Umstände unter denen er zu sprechen hat, bleiben unklar.

Nachdem die Hamas Mitte Juni die Herrschaft über den Gaza übernommen hat, prophezeite sie offiziell die baldige Freilassung des BBC-Reporters zu veranlassen. Die Organisation zielt auf eine Rückkehr ausländischer Berichterstatter, die nach der Johnston-Entführung das Gebiet fluchtartig verlassen hatten. Fragwürdig, ob dies der tatsächlichen Gemächtelage entsprach. Das Ultimatum verstrich und ein maskierter Vertreter des Dumgasch-Clans stellte seinerseits eines an die britische Regierung. Inzwischen gehen sich Hamas und Palästinensische Autonomiebehörde gegenseitig wegen fehlender Erfolge bezüglich der Geiselhaft an.

Johnstons Arbeitgeber, das britische Medienimperium BBC, zeigt große Solidarität mit dem entführten Mitarbeiter. Seit März erinnert sie auf der Website an den in Gefangenschaft Gehaltenen. Mehr als 180.000 internationale Stimmen sammelte sie in einer Online-Petition für dessen Freilassung. Am 100. Entführungstag legten die Kollegen eine Schweigeminute für Johnston ein. Ob all dies hilft? Johnstons Schicksal ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Arbeit selbst erfahrener Krisenreporter immer gefährlicher wird und wie hinterhältig hilflos Entführungen Opfer und Angehörige machen. Wenn Terrorgruppen Journalisten nicht als Mittler sehen, sondern als Mittel ihre Forderungen zu erpressen, schützt nichts davor zu einer «Geschichte zu werden, statt sie zu schreiben», wie ein Kollege Johnstons formuliert.

Nina Körner

«Jüdische Zeitung», Juli 2007