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Hilfreich trotz Falschinformation

Wo wohnen, Hebräisch lernen, wie Formulare ausfüllen? Die Jugendorganisation NOAM hilft Einwanderern bei der Alija.

 

Als ich vor vielen Monaten mühselig versuchte, herauszufinden, wie mein Hund ein zurückkehrender Einwohner Israels werden kann, während ich ihn als innenministeriumsabhängige Visumsbittstellerin begleiten würde, stieß ich im Internet auf die Homepage der Organisation NOAM. Auf Noar Olej Merkaz Europa (aus Zentraleuropa einwandernde Jugend), genauer gesagt auf die dortige Abteilung Alijaberatung. Die Tipps auf der Homepage glichen denen anderer, mehr oder weniger einschlägiger Seiten. Auch die Faxnummer des Veterinärdienstes am Flughafen war auf dieser Seite - die Falsche, wie auf allen anderen. Doch irgendwie blieb etwas in meinem Kopf hängen. Da war etwas. Und wie es so ist, wenn etwas schon im Kopf hängt, stieß ich plötzlich überall und an beinahe jeder Ecke auf NOAM. Unter anderem konnte ich voller Freude feststellen, dass es eine neue Homepage (www.noam.org.il) gibt, die wesentlich informativer und auch schöner ist. Anlass genug, der Sache auf den Grund zu gehen und einen Ortstermin anzusetzen.

Zusammen mit dem «Elternverein» der einwandernden Jugend, dem «Irgun Olej Merkaz Europa» der Jeckes, der seit 1932 besteht, sitzt NOAM in einem wunderschönen, still vor sich hin sterbenden Gebäude am Rande der lebendigen Fußgängerzone Tel Avivs. Der «Irgun» residiert in der zweiten Etage, und als ich dort glücklich angekommen war, schaffte es immerhin die vierte von mir angesprochene Person, sich zu erinnern, dass NOAM eine Etage höher sitzt: «Die sind jung, die können auch noch ein Stockwerk hochsteigen.»

NOAM ist wirklich jung, ganz im Gegensatz zum Gebäude: In alten Zimmern mit hohen Decken und noch original gefliesten Böden sitzen Nadine und Keren und halten den Laden am Laufen. Eintretenden wird als Erstes der Weg zum Wasserspender gewiesen, der die Rettung in der Hitze des mittäglichen Tel Aviv ist. Nach dem Durstlöschen setzen wir uns im Zimmer von Nadine, der Geschäftsführerin, zusammen. Ich lerne NOAM kennen: Zuerst berichtet Keren, die danach noch einen Termin hat, von ihrer Arbeit. In erster Linie handelt es sich dabei, wie die beiden es formulieren, um «Hilfe zur Selbsthilfe»: Wie macht man Alija? Wie findet man Arbeit, wenn man im Land ist? Wo kann man wie Hebräisch lernen? Wer hat vielleicht erst einmal eine Wohnung anzubieten, denn - die Lage auf dem Wohnungsmarkt in Israel, vor allem im Zentrum ist katastrophal. Was muss man beachten in den ersten Monaten? Keren ist ein tatkräftiges Energiebündel. Ihre «Hilfe zur Selbsthilfe» ist zusammen mit ihrer ansteckenden Art sicherlich für viele Neuankömmlinge auch eine Hilfe zum Sammeln von Lebenserfahrung. Die neueste Errungenschaft in ihrem Zuständigkeitsbereich ist der Jobclub, in dem man von Putzjobs über die im Moment unglaublich verbreiteten Stellen im Online-Casino-Betrieb bis hin zu «seriösen» Stellen je nach Angebot alles finden kann.

Nachdem Keren nach einer vor Informationen berstenden kurzen halben Stunde aus dem Zimmer gewirbelt ist, unterhalten Nadine und ich uns über NOAM, seine Geschichte, seine Ziele und die vielfältigen Aktivitäten, die unter dem Dach dieser Vereinigung stattfinden. Insgesamt sind etwa 1000 Menschen bei NOAM registriert, davon zahlen 300 den Mitgliedsbeitrag, Nadine bezeichnet sie als die «Aktiven». Stolze Zahlen, wenn man bedenkt, dass NOAM 1998 aus der Initiative einiger Freunde entstand, die sich nach ihrer Alija in Israel eine Gemeinschaft in ihrer Muttersprache aufbauen wollten - und bald merkten, dass ihre Idee viele begeisterte. Schnell wurde aus der privaten Initiative einer Interessenvereinigung zur gegenseitigen Unterstützung eine Organisation, die vom «Irgun» quasi adoptiert und bald darauf auch von der Sochnut als Vertretung der Einwanderergruppe anerkannt wurde.

Nadine selbst ist 2003 aus der Schweiz nach Israel gekommen, hat an der Hebräischen Universität studiert und arbeitet seit Februar 2007 für NOAM. Ihr erstes halbes Jahr verbrachte sie ganz ohne deutsche Kontakte und stellt fest, dass so etwas «ganz schön hart» sein kann. Sie schätzt, dass jedes Jahr aus Deutschland und Österreich etwa 80 Menschen, aus der Schweiz 20 bis 25 einwandern. Die Mehrzahl der Mitglieder ist religiös, doch viele sind auch säkular. Orthodoxe finden ihren Weg zu NOAM selten, was zum einen daran liegt, dass für diese Einwanderer ein eigenes System der Aufnahme besteht, und zum anderen an den Schwierigkeiten, die deren Integration in die pluralistisch ausgerichtete Organisation bewirken würde. Im Durchschnitt sind die Olim in ihren Dreißigern, wenn sie kommen, viele kommen zum Studium oder um einen Ehepartner zu finden, doch die vollständige Altersspanne der Einwanderer reicht von 18 bis 70 Jahren. NOAM versucht allen diesen zu helfen, wo und wie es möglich ist. Doch NOAM spricht eigentlich alle diejenigen an, die vorhaben, fest nach Israel zu kommen, das können, wie Nadine betont, gerne auch Menschen sein, die nicht Alija machen, aber dennoch für längere Zeit oder gar für immer kommen. Sie schätzt auch, dass der Anteil derjenigen, die zum Judentum konvertieren, hoch genug ist (zehn bis 20 Prozent), um gerade für diese eine eigene Unterstützungsgruppe zu gründen. «Fair ist das Nebeneinander» könnte als Motto über der Organisation stehen, und so sieht sich NOAM als apolitische Vereinigung, die keinerlei religiösen oder sonstigen Druck ausüben mag, sondern durch die Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Interessen der Mitglieder getragen wird.

Die größte Hilfe ist die Organisation sicher während der Alija und deren Vorbereitung, wovon die Tipps und Erfahrungsberichte im Internet beredtes Zeugnis ablegen. Wer möchte, kann sogar von einem Mitarbeiter am Flughafen abgeholt werden, der ihn dann auch durch das Procedere beim Absorptionsministerium mit all den Formularen und Fragen begleitet. Doch auch nach der Einwanderung bleibt NOAM so etwas wie die Familie für viele.

Geleitet wird NOAM von einem gewählten «Wa'ad» aus elf Personen, drei davon bilden den Vorstand. Der Vorsitzende dieses Rates ist gleichzeitig auch das Bindeglied zum «Irgun». Innerhalb des «Wa'ad» sind die Aufgabenbereiche an die Mitglieder verteilt. Erst vor Kurzem wurden die Prioritäten neu festgesetzt: an erster Stelle steht die Absorption der Einwanderer und der Aufbau eines sozialen Umfeldes, danach kommen die Informationen und an dritter Stelle die «Großevents» - vor allem die berühmten Parties an Pessach und Chanukkah, aber auch das Highlight des Jahres: die Einwanderer-Fußball-Weltmeisterschaft, die am 25. Mai auf dem alten Maccabia-Sportplatz am Hafen von Tel Aviv stattfand. Langsam entwickelt sich dieses Fußballturnier der Olim zur Tradition, es fand in diesem Jahr zum fünften Mal statt, und die Homepage von NOAM bietet mit vielen Fotos einen Einblick in ein Stück farbenfrohen Nebeneinanders verschiedener Einwanderergruppen: Im Finale standen sich England und der Sieger des vorigen Jahres, Äthiopien, gegenüber, und England siegte mit 2:0. Begleitet wurde der Wettkampf von allerlei Unterhaltung, Essen und Trinken.

Daneben stehen vielfältige andere Aufgaben an. NOAM lebt in erster Linie von der Eigeninitiative seiner Mitglieder - und davon, dass Nadine alle diese Initiativen koordiniert, die richtigen Leute zusammenbringt und allen den Mut gibt, das zu verwirklichen, was ihnen ein Anliegen ist: Jemand möchte eine Gruppe in Haifa gründen? Wunderbar, Nadine versorgt ihn mit den nötigen Informationen und Hilfestellungen, steht mit Rat und Tat zur Seite und freut sich mit den Initiatoren an den Ergebnissen. In der nächsten Zeit werden einige Neuerungen auf dem Programm stehen: Es sollen gemeinsame Aktivitäten mit der «Mutterorganisation» anstehen, die die Verbindungen zwischen den Generationen stärken. Aber auch NOAM selbst hat sich in den letzten Jahren verändert, erste Familien sind entstanden, und für diese gilt es, eigene, passende Aktivitäten zu finden, zu koordinieren und zu unterstützen.

Daran, dass die junge Erfolgsgeschichte von NOAM weiter gehen wird, braucht niemand Zweifel zu haben, ebenso wenig daran, dass die Institution sich weiter entwickeln wird wie ihre Mitglieder, die sie durch alle Perioden des Lebens begleitet.

Alice Krück

«Jüdische Zeitung», Juli 2007