Israelische Soldaten 1967. Foto: dpa

Enttäuschend spärlich

Des Sechs-Tage-Kriegs wurde in Medien und Diaspora kaum gedacht. Das hat Gründe.

 

Zwei Wochen vor Beginn des Sechs-Tage-Kriegs - ich selbst studierte damals an der Brandeis-Universität in der Nähe von Boston - hatte sich eine große Anzahl von uns Studierenden der Bostoner Universitäten, selten religiös jüdisch, oft aktiv gegen den Vietnamkrieg oder in der Bürgerrechtsbewegung, als Freiwillige zum Dienst nach Israel gemeldet. Vor Kriegsbeginn schien es ja keineswegs ausgemacht, dass Israel den Krieg gewinnen würde, und niemand konnte sich vorstellen, dass alles bereits in sechs Tagen vorbei sein sollte. Besorgte Eltern, auch überzeugt zionistische, versuchten mit allen Mitteln, einschliesslich des angedrohten Herzinfarktes von Mutter, Großmutter oder Vater, ihre Kinder davon abzuhalten, nach Israel zu fliegen. Mittlerweile prüften «Schlichim», israelische Beauftragte oder Beauftragte der Jewish Agency in Boston uns «Mitnadvim», Freiwillige, auf Herz und Nieren, ob wir denn auch für die Aufgabe geeignet seien. Gleichzeitig war offenkundig, dass sich Israel einen neuen Einwanderungsschub aus diesen Freiwilligen erhoffte - was oft auch in Erfüllung ging.

Begeisterung und Hilfe für Israel waren damals bei der überwältigenden Mehrzahl der Juden der Diaspora eine Selbstverständlichkeit. Selbst jüdischen Kommunisten erweichte oftmals das Herz, und die wenigen Anti-Zionisten wie etwa der Council on American Judaism wurden mit Verachtung gestraft. Gerade auch Juden in Deutschland spendeten Rekordsummen für Israel.

In einer ähnlichen Lage kann heute von einem jüdischen Konsens nicht die Rede sein. Die besondere Situation der Juden in Deutschland und ihre wenigen jüdischen Kritiker zu Israels Politik sind hier möglicherweise die Ausnahme. Immerhin wurde letztes Jahr auch hier, auf Initiative von Rolf Verleger, die «Schalom» Erklärung von siebzig Erstunterzeichnern veröffentlicht. In Großbritannien erschien im Februar eine Erklärung der «Independent Jewish Voices», unterzeichnet unter anderem von Harold Pinter, Mike Leigh, Eric Hobsbawm und Ellen Dahrendorf. Heute hat sich gerade in der jüngeren jüdischen Generation in Nordamerika und wohl mehr noch in Europa das Judentum in ein religöses, Israel-fixiertes Judentum einerseits und ein eher agnostisches, Diaspora-orientiertes Judentum andererseits polarisiert. Eine Umfrage im Jahre 2004 in den USA ermittelte, dass sich ein Drittel aller Juden Israel nicht verbunden fühlt-und wieviele derer, die sich Israel verbunden fühlen, würden sich heute ähnlich wie 1967 noch für Israel engagieren? Meinen erwachsenen Kindern fiele es beispielsweise nicht ein, als Freiwillige nach Israel zu gehen, und noch dazu, wie damals ihre Eltern, in einem Kibbuz zu arbeiten; vielen anderen Juden in der Diaspora ist Israel aufgrund der israelischen Politik kein besonders wünschenswertes Reiseziel. Vor allem ist ihnen, wie ja auch vielen Israelis, der Militarismus, die Landnahme mit dem Mauerbau und vor allem die Siedlerbewegung, eine Mischung aus messianischem Herrenmenschentum und Cowboy-Mentalität, zutiefst befremdlich, und mehr noch ist vielen befremdlich, dass israelische Regierungen diese Siedler nach Kräften unterstützen. Skeptische Reaktionen der israelischen Politik gegenüber sind heute also gewiss nicht für die nicht-jüdische Seite reserviert.

Vierzig Jahre sind es also nun her, als Israel im Sechs-Tage-Krieg gegen eine überwältigende arabische Macht Krieg führte und als sein Sieg in der gesamten westlichen Welt und darüber hinaus begeistert gefeiert wurde. David gegen Goliath, verkrustete orientalische Autokraten gegen eine junge aufstrebende Demokratie, deren Menschen soeben der nazistischen Mordmaschine entronnen waren. In Deutschland insbesondere wurden der neue israelische Jude, athletisch, braungebrannt, bewundert, und die neue Jüdin als orientalische Schönheit gefeiert. Kibbuzim wurden im Westen zur Verwirklichung einer Utopie und junge nicht-jüdische Menschen standen Schlange um als Freiwillige auf einem Kibbuz zu arbeiten. Der Bild-Zeitung erschien Mosche Dayan im Sinai als neuer General Rommel, und ehemalige Mitglieder der Waffen-SS boten Blutspenden für israelische Soldaten. Erst mit dem Juni-Krieg änderte sich auch der Kurs der westlichen Aussenpolitik stärker in Richtung Israel, gleichzeitig unterhielt das Land leidlich gute Beziehungen zu den blockfreien Ländern.

Diese Zeiten haben sich wahrlich geändert und Israel steht zunehmend isoliert und das Verblassen der Erinnerung an den Sechs-Tage-Krieg ist ein Anzeichen dieser Malaise, denn vor allem auch die Erinnerung an die Schoa, eine «raison d'être» des israelischen Staates, ist am Schwinden, die heutige Monumentalisierung des Gedenkens schliesst dieses Gedenken paradoxerweise ab, und der Holocaust spielt so, Deutschland eher noch ausgenommen, im politischen Bewusstsein bereits eine belanglose Rolle. Weit über die arabische Welt hinaus, in der Hitlers «Mein Kampf» und die «Protokolle der Weisen von Zion» zur Standardlektüre geworden sind, steht Israel als «zionistisches Gebilde» und «amerikanischer Vorposten» tief verhasst, und auch im Westen sind die Sympathien trotz gegenteiliger offizieller Bekundungen drastisch gesunken. Wieviele Politiker mögen insgeheim so denken wie es Daniel Bernard, französischer Botschafter in London, privat aussprach, als er Israel als das «shitty little country» bezeichnete und fragte, weshalb sollte die Welt wegen Israel noch an den Rand eines dritten Weltkriegs gebracht werden. Wie viele andere Politiker und Meinungsmacher mögen dies heute tun, nach der aberwitzigen Bombardierung des Libanon und nach Olmerts ominöser Bemerkung über israelische Atomwaffen. Gewiss meinen hinter vorgehaltener Hand auch viele in der internationalen politischen Klasse, dass sich mit dem Verschwinden Israels die meisten Weltprobleme lösen würden. Diese trügerische Doppelbödigkeit, offizielle Unterstützung Israels einerseits und die untergründige Antipathie andererseits ist für ein Israel, das sich auf Gedeih und Verderb an die USA unter George W. Bush gebunden hat, so äußerst gefährlich.

Nur die USA schienen bislang für Israel die einzig zuverlässigen Verbündeten geblieben zu sein. Seit längerer Zeit mehren sich nun Anzeichen einer langsamen Wende in der amerikanischen Israel-Politik und der Stimmung im Land. Selbst der einflussreiche Joseph Lieberman, ehemaliger Präsidentschaftskandidat, Hauptunterstützer Israels im Senat und der Irak-Politik des Präsidenten, wurde im letzten Jahr nicht zum Kandidaten der Demokraten New Jerseys gewählt. Der ehemalige Präsident Jimmy Carter schrieb ein Buch über die «Apartheid-Politik» Israels, und schließlich der Baker-Hamilton-Report, der ein drastisches Umdenken in der Israel-Palästina-Politik verlangte. Wer, wie diese Autoren empfiehlt, mit Syrien und Iran ins Gespräch zu treten, kommt nicht umhin, die Beziehungen zu Israel in einer Kosten-Nutzen-Analyse kühl zu überdenken: welchen Nutzen ziehen die USA denn heute aus ihrer bedingungslosen politischen und finanziellen Unterstützung Israels? Zu alledem tritt nun auch die Schwäche nicht nur der derzeitigen Regierung in Israel, sondern des israelischen politischen Systems überhaupt, vor allem der Niedergang des etablierten Parteiensystems und der Korruption an höchsten Stellen - eine Schwäche, die unlängst Condolezza Rice veranlasst hat, ihre Nahost-Diplomatie der «komplexen Lage» wegen auszusetzen.

Nun werden freilich innenpolitische Gründe angeführt, welche die einseitige und rechtslastige Israel-Politik der USA unausweichlich machten. Da sind zunächst die christlichen Fundamentalisten, eine gut organisierte Wählerschaft, die aus eigenen biblischen Gründen Israel bedingungslos gegen Philister und Amalekiter unterstützt und direkten Zugang zum Weißem Haus genießt. Ein neuer, den Fundamentalisten ferne stehender Präsident würde ihren Einfluss vermutlich neutralisieren. Die amerikanischen Juden betreffend, haben die Politikwissenschaftler John Mearsheimer und Stephen Walt mit der «Israel-Lobby», vor allem des AIPAC (America-Israel Public Affairs Committee), argumentiert, es führe faktisch mittels seiner Lobbyisten die Hand der US-Außenpolitik. Nun ist es sicherlich richtig, dass diese Lobby besonders energisch und effektiv arbeitet, wenn es um israelische Belange geht. Weitaus wichtiger als dieser Apparat erscheint mir freilich ein etablierter jüdischer Wählerstamm, der sich gezielt für Israel-freundliche Kandidaten in Repäsentantenhaus und Senat einsetzt.

Diese vermeintliche Stabilität in den Beziehungen zwischen den USA und Israel wird durch verschiedenerlei Faktoren in Frage gestellt. Der stramm pro-israelische jüdische Wählerstamm wird zusehends aus dem inneren der jüdischen Gemeinschaft selbst unterminiert, denn es mehren sich gerade die jüdischen Stimmen, die der israelischen Politik und ihren amerikanischen Unterstützern kritisch gegenüberstehen. Der beste Beweis hierfür sind die Attacken etwa seitens des American Jewish Committee gegen jüdische Kritiker der israelischen Politik, die als jüdische Selbsthasser und Antisemiten verunglimpft werden.

Darüberhinaus könnte mit den nächsten amerikanischen Präsidentschaftswahlen ein Israel distanzierter gegenüberstehender Präsident von den seit 9/11 besser organisierten amerikanischen Muslimen unterstützt werden. Muslime und christlich-arabische Wähler haben mittlerweile mit ihren geschätzten sieben oder acht Millionen Menschen die Zahl der amerikanischen Juden weit übertroffen. Der nächste Präsident könnte also eine Kursänderung in der Außenpolitik vornehmen und stärker auf die arabisch-muslimische Welt zugehen. Ohne einen gewissen Abstand Israel und seiner Politik gegenüber wäre dies undenkbar, und israelisch-amerikanische Reibungen dabei wahrscheinlich. Gerade Israels enge Anbindung an die USA auf Kosten seiner Beziehungen zu anderen Ländern vor allem der Dritten Welt macht auch die Anbindung an die USA eher prekär, Israel zu einem strategisch weniger wertvollen Verbündeten.

Dieser mangelnde innerjüdische Rückhalt, provoziert auch durch die Unterdrückung anderer jüdischer Stimmen seitens der großen jüdischen Organisationen, könnte am Ende eine ausgehöhlte «Israel-Lobby» in den USA und einfache jüdische Repräsentanzen etwa in Europa in einer außenpolitischen Wende Amerikas wie Kartenhäuser zusammenfallen lassen. Ohne eine radikale Wendung in der israelischen Politik, vor allem ohne ernsthafte Verhandlungen auch mit Syrien und der Hamas und der Rücknahme der Siedlungen in der West Bank und auf dem Golan, sieht nicht nur die Zukunft Israels sondern gerade auch die Zukunft der jüdischen Diaspora düster aus. Ohne israelischen Rückhalt ist die Diaspora dem Antisemitismus stärker ausgeliefert, aber der derzeitigen israelischen Politik können viele Juden nicht nur in Israel sondern auch in der Diaspora nicht länger folgen.

Michal Bodemann

«Jüdische Zeitung», Juli 2007