Unterricht Foto: privat

«Talmud Tora K’Neged Kulam»

Mein Jahr an der konservativen Jeschiwa von Jerusalem .

 

Nur noch fünf Tage bleiben mir von meinem Aufenthalt in Jerusalem. In nur wenigen Stunden sitze ich in einem Flugzeug, das mich zurück nach Deutschland bringt; zurück in die Welt meiner Beziehungen, meiner Freunde, aber auch meiner Verpflichtungen. Wie es wohl sein wird, «das Jahr danach»? Ein Jahr lang war es mir vergönnt, an einer Jeschiwa, einer jüdischen Talmud- und Toraschule, im Herzen von Jerusalem zu lernen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich vor einen Jahr hier ankam. Mein Wissen über das Leben an einer Jeschiwa beschränkte sich mehr oder weniger auf das, was ich im Film «Yentl» gesehen hatte: Eine mir fremde Welt des intensiven Studiums sah ich vor meinem inneren Auge - alle gekleidet in Schwarzweiß. Und in dieses Bild mischte sich meine Sorge: «Ist das wirklich etwas für mich? Vielleicht ist es mir dort viel zu eng?»

Auf einmal stand ich dann dort, vor den Toren der «Conservative Yeshiva» an der vielbefahrenen Agronstraße, zwischen Jerusalemer Hauptsynagoge und dem Jaffa-Tor. Meine Schreibutensilien im Tagesrucksack, das Hemd frisch gebügelt, das Herz bis zum Halse pochend: wie ein Erstklässler am ersten Schultag. Mit großen Augen und etwas verschüchtert wurde ich durch den blühenden Garten der Jeschiwa geführt. Überraschenderweise ist das Gebäude selber recht überschaubar: ein älterer Bau mit Gewölbedecke, Säulen, vielen Tischen und unzähligen Büchern an den Wänden. Die Studierenden sitzen in Gruppen zusammen und unterhalten sich angeregt und zum Teil recht laut über die Texte vor ihnen. Die meisten von ihnen sind wesentlich jünger als ich, zwischen 20 und 30 Jahren. Ich mit meinen 46 Jahren gehöre in jedem Fall zum «älteren Semester». Zu meiner Erleichterung bin ich aber nicht der einzige meiner Altersgruppe. Und: Männer und Frauen lernen zusammen, von schwarzer Einheitskleidung ist nichts zu sehen - ganz im Gegenteil: ein buntes, munteres Häufchen von etwa 30 Studierenden hält sich im «Bet Midrasch», dem Lehrsaal, auf.

Vom «Rosch Jeschiwa» Shmuel Lewis, dem Leiter der Einrichtung, einem Rabbiner mit dunklem Bart und wachen, interessierten Augen, wurde ich bei meiner Ankunft herzlich in seinem bibliotheksähnlichen Zimmer empfangen. Zwischen meinem Bewerbungsschreiben und dem ersten persönlichen Kontakt waren einige Monate vergangen. In unserem Gespräch ging es dann hauptsächlich darum, die passenden Kurse für mich zu finden. Und so fand ich mich wenig später in einer Talmud-Klasse wieder. Ich habe mich seitdem auch mit Chassidut befasst, also mit der Weisheitslehre der osteuropäischen Juden, außerdem mit jüdischer Philosophie, Halacha, den Pirke Avod, Kabbala sowie Hebräisch im Ulpan und mit vielem mehr.

Meine Tage begannen um 7.30 Uhr mit dem gemeinschaftlichen Schacharit-Gebet und setzten sich mit den verschiedenen, nach Schwierigkeitsgrad gestaffelten Talmudklassen fort bis zur Mittagspause. Nach dem mittäglichen Mincha-Gebet und Kurzinformationen zum Tag ging es mit den verschiedenen Wahlfächern weiter bis zum abendlichen Aravit um 18.30 Uhr. Gegen 19 Uhr fand ein langer Lerntag dann sein wohlverdientes Ende. Gelernt wird an fünf Tagen in der Woche, Unterrichtssprachen sind Englisch und Hebräisch (Hebräischkenntnisse werden vorausgesetzt); gelegentlich gab es gemeinsame Unternehmungen am Wochenende. Generell wird in «Chevruta» gelernt, das heißt zu zweit oder auch in Dreiergruppen. Die meisten Studierenden kommen aus den USA! Wir Europäer aus Großbritannien, den Niederlanden, Tschechien, Weißrussland und eben Deutschland waren das letzte Jahr über in der Minderheit.

Und nun, nach einem Jahr als «Jeschiwe-Bocher», kann ich sagen, dass vieles ganz anders abgelaufen ist als ich es mir an meinem ersten Schultag ausgemalt hatte, und dass alles wenig mit «Yentl» zu tun hatte. Ich habe unsere Jeschiwa im Vergleich zu anderen Talmud- Schulen kennen und schätzen gelernt. Und ich habe erkannt, was für das Leben und Lernen hier spezifisch ist. Zu allererst sind wir eine sehr kleine Jeschiwa im Vergleich zu anderen mit bis zu 1.000 Schülern, und die Atmosphäre zeichnet sich durch familiäre Wärme aus. Männer und Frauen beten und lernen hier gemeinsam; Frauen leiten Gebete, lesen aus der Tora und werden auch zu ihr aufgerufen. Die Teilnahme an den Gebeten ist jedem freigestellt und trotzdem fester und essenzieller Bestandteil des gemeinsamen Tagesablaufes. Auch die Teilnahme an den Kursen ist jedem frei überlassen. Fehlzeiten sind aber eher die Ausnahme, da die feste Lernpartnerschaft ja auf die Anwesenheit beider angewiesen ist. Klausuren werden in der Regel nicht geschrieben, da der Lehrer dank der kleinen Lerngruppen stets über den Wissensstand seiner Schützlinge informiert ist. Studiert wird anhand von Orginaltexten sowie Sekundärliteratur. Dabei lässt sich die textkritische wissenschaftliche Auslegung durchaus mit der religiösen Lesart verbinden. Das Gruppenleben bietet aber auch Freiraum für den Einzelnen, und um Verpflegung und Unterkunft muss man sich ohnehin eigenständig kümmern.

Ich selber kann sagen, dass ich in der Regel jeden Morgen mit Freude an die Jeschiwa gegangen bin. Mit der Zeit habe ich mich an das Aramäisch des Babylonischen Talmuds gewöhnt und meine Hebräischkenntnisse haben sich erweitert. Ich habe mich überdies auf meine Lernpartner eingestellt und habe die Form des Lernens in «Chevruta» schätzen gelernt. Sie zwingt einen, sein Gedankengebäude zu verlassen, um sich auf den Blickwinkel und die Lebenserfahrung des anderen einzulassen. Dies ist nicht immer einfach, aber letztendlich sehr bereichernd. Auch die immer wiederkehrenden Gebete bekommen einen meditativen Charakter. Mit der Zeit konnte ich mich an die vorgegebenen Formen anlehnen, mich immer wieder anderen Aspekten des Gebetes widmen und gegen Ende sogar meine eigenen, persönlichen Worte hinzufügen. Ich will aber nicht verschweigen, dass die Länge der Gebete und die Vielzahl der Wiederholungen für mich eine große Herausforderung war. Inzwischen erkenne ich auch die Bedeutung der Halacha und der Mitzwot im Alltag viel deutlicher, und wie sie die Beziehungen zwischen Mensch, Natur, Mitmensch und seinem Schöpfer positiv gestalten können. So kann ich nachvollziehen, was gemeint ist mit «Talmud Tora K'Neged Kulam», dass das Torastudium ein Äquivalent ist für alle anderen Mitzwot.

Letztes Jahr in Jerusalem: Insgesamt gesehen wurde ich wiederholt an die Grenze meines Lernvermögens herangeführt: wegen der Länge des Arbeitstages, der Vielzahl der Unterrichtssprachen sowie der Bearbeitung von Texten, die ja nicht in meiner Muttersprache verfasst waren. Oft sank ich abends erschöpft ins Bett. Trotzdem möchte ich dieses Jahr um nichts missen. Ich habe vieles hinzulernen oder neu erfahren dürfen, und es wird sich zeigen, ob ich das Gelernte und Erfahrene in mein zukünftiges Leben integrieren kann. Vermissen werde ich in Deutschland sicher die vielfältigen Lernmöglichkeiten sowie die Selbstverständlichkeit des jüdischen Lebens. Nicht zuletzt werden mir auch meine Weggefährten und Lehrer fehlen, die ich im Verlauf des Jahres schätzen und mögen gelernt habe. Ja, ich werde vieles vermissen, aber ich hoffe und wünsche mir auch sehr, dass mich die guten Erfahrungen dieses Jahres weiter tragen und stärken werden. Und wer weiß, vielleicht ist es mir ja auch vergönnt, etwas von dem Gelernten weiter vermitteln zu dürfen.

Axel A. Zeman

«Jüdische Zeitung», Juli 2007