Sigrid und Garry Wolff. Foto: D. Hohwieler

Über den Tellerrand hinaus

Jüdisches Stadtleben in Berlin oder: Was sonst noch passiert…

 

Könnte es sein, dass der gegenwärtige, nicht gerade positive Ruf der jüdischen Hauptstadtgemeinde auch daher rührt, sich zu wenig mit positiven Entwicklungen zu befassen?

Zumindest in den letzten Wochen gab es davon einige: Die Amtseinführung einer neuen Rabbinerin, den Baubeginn für das Pflegeheim, die Ankündigung der 21. Jüdischen Kulturtage, darüber berichten wir ausführlicher auf Seite 27 und die Durchführung des «Jewish Film Festivals Berlin & Potsdam», den 3. «avitallscup» und die Teilnahme des «Hans-Rosenthal-Teams» am Fußballturnier «Embassy Cup», das von unserem Verlag als Medienpartner begleitet wurde, die Errichtung eines europäischen Studien- und Begegnungszentrums, mit initiiert von einem nichtjüdischen Berliner Förderverein oder eine Lesung am Jüdischen Bimah-Theater. Künstler wie Judy Winter oder Ursela Monn, Politiker wie Claudia Roth oder Gregor Gysi, schließlich Lea Rosh, lasen aus Werken der von den Nazis «verbrannten» und verfemter Autoren. Künftig sollen solch hochkarätig besetzten Lesungen als jährliche Reihe an die Bücherverbrennung vom Mai 1933 erinnern.

Grußworte der Bundeskanzlerin, der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau, der Präsidentin des Zentralrates der Juden, des Bundesinnenministers, ja sogar von Vertretern des Türkischen Bundes und die persönlich vorgetragene Grußbotschaft der evangelischen Bischöfin Maria Jebsen, «ihrerzeit» ebenfalls die erste Verantwortung tragende hohe Amtsträgerin ihrer Kirche, zeugen von dem hohen Stellenwert, den man national der Amtseinführung der ersten Rabbinerin nach der Schoa in der Hauptstadt, Gesa S. Ederberg, entgegenbringt. Vorgestellt von ihren Lehrern, der ehemaligen Dekanin ihres Rabbiner-Seminares in Israel, Alice Shalvi und dem Kanzler des Jüdisch-Theologischen Seminars in New York, Ismar Schorsch, wurde Ederberg Anfang Juni offiziell vom Präsidenten der «Internationalen Rabbiner Vereinigung», Alvin Berkun, sowie Vertretern ihrer künftigen Gemeinde ordiniert.

 

Ärger im Rabbinat

«Eine weitere Wunde der Schoa beginnt zu heilen», so Gemeindevorsitzender Gideon Joffe in seinem Grußwort. Er stellte so den Bezug zur ersten Berliner Rabbinerin her, Regina Jonas, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Er selbst werde sich «nicht scheuen, bei Ederberg rabbinischen Rat einzuholen», hingegen würden sich fast ausschließlich Männer davon «angegriffen fühlen», dass nunmehr auch eine Frau dieses Amt ausfülle. Unter ihnen Rabbiner Ehrenberg, der in einem Brief an Joffe schrieb, er befürchte durch eine liberale Rabbinerin die Spaltung der Einheitsgemeinde. Es sei eine «Frechheit», das Ederberg zu Jom Jeruschalajim Grußworte an die Gemeindemitglieder gerichtet hatte, er fühle sich «beschämt», von ihr als «Kollege» bezeichnet zu werden - schon Leo Baeck hatte Regina Jonas so genannt - und schrieb schließlich: «Überflüssig zu betonen, dass sie (Ederberg) für mich, als orthodoxen Rabbiner, gar keine Jüdin ist». Also, so Ehrenberg, «rate ich Ihnen, die Rabbinerin auf ihren Platz zu verweisen, denn meinem Verständnis nach gibt es zwei Rabbiner, die die Gemeinde repräsentieren [...] und dies ist der Weg, eine Spaltung der Gemeinde zu verhindern!». Welchen Platz Ehrenberg für Ederberg allerdings vorsieht, schreibt er, übrigens auch im Namen des liberalen Rabbiners Rozwaski, indes nicht.

Staatssekretär Klaus Teichert, Vertreter des Senats bei der Amtseinführung, erklärte dagegen, die Gemeinde sei im Umbruch und werde durch das Wirken einer neuen Rabbinerin gestärkt. Nathan Kalmanowicz, Mitglied des Präsidiums des Zentralrates der Juden, beglückwünschte die neue Würdenträgerin «nicht nur formal, sondern auch von ganzem Herzen». Lange habe der Zentralrat gebraucht, um zum Pluralismus zu finden, nun sei man im Rat nicht nur orthodox oder nur liberal, sondern «Dachverband für alle Strömungen», das beweise auch seine Teilnahme an der Amtseinführung. Er schätze ein, dass sich gegenwärtig bis zu 20 Prozent der deutschen Gemeindemitglieder dem liberalen, die anderen dem orthodoxen Judentum verbunden fühlten, «in zwanzig Jahren ist das vielleicht umgekehrt». Kalmanowicz, sich selbst in seinem Grußwort als «orthodoxe Galionsfigur» bezeichnend, begrüßte, dass die Gemeinde «um eine Tastatur erweitert» sei und betonte die Kooperation des Zentralrates mit beiden Rabbinerkonferenzen. Schließlich seien die Bildungsarbeit und die Solidarität mit Israel das Wesentliche. Mit den Worten «das überhaupt jemand betet, egal nach welchem Ritus!» schloss er sein mit viel Beifall bedachtes Grußwort.

Bischöfin Maria Jebsen richtete «Grüße von unserer christlichen Kirche in Deutschland» aus und bedankte sich für die Einladung zur Amtseinführung, da es «nicht selbstverständlich ist, überhaupt eingeladen zu werden - bei dem was vor und nach dem Holocaust geschehen ist». Sie sei «erschrocken, was aus meiner Kirche manchmal gesagt wird», es gebe «immer noch solche, die meinen, ohne jüdische Wurzeln auszukommen. Strengen Sie sich an, dass Sie bald eine dritte Rabbinerin haben», schloss die Bischöfin.

 

Hohe Anforderungen

Alice Shalvi bescheinigte Ederberg sogar «dieselben Qualitäten wie Regina Jonas», beglückwünschte den Gemeindevorstand zu seiner Entscheidung und setzte damit die Meßlatte für den Erfolg der neuen Rabbinerin überaus hoch. Ederberg wird diesem Anspruch gerecht werden müssen und zugleich daran gemessen werden.

Vor allem einem «Wehmutstropfen» ihrer Amtseinführung wird sie sich stellen müssen: Offenbar hat sie Vertrauen und Interesse an ihrer Arbeit seitens der russischsprachigen Mitgliedermehrheit ihrer Gemeinde noch nicht errungen. Deren Vertreter waren bei der Amtseinführung deutlich unterrepräsentiert.

Avitall Gerstetter, Kantorin in der Synagoge Ederbergs, hatte die Amtseinführung musikalisch umrahmt. Doch nicht nur im liturgischen Bereich engagiert sich die junge Frau. Bereits zum dritten Mal richtete sie, gefördert von einer ganzen Sponsorenfamilie, den «avitallscup» aus, ein interreligiöses wie interkulturelles Fußball-Turnier. Als Sieger ging die Mannschaft der Berliner Polizei daraus hervor und konnte den von Gerstetter selbst ausgelobten Pokal mit in die Diensträume nehmen. Silber immerhin für die jüdische Mannschaft, die einen Pokal von Harald Grasser, Mitglied der Berliner Gemeinde, für sich gewinnen konnte. Auf Platz 3 kamen die muslimischen Kicker der TS Allstars, die damit einen von Jael Botsch-Fitterling, Mitglied des Präsidiums der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, gestifteten Pokal erkämpft hatten. Ihnen folgten auf den nächsten Plätzen die «Linken Skins», eine Mannschaft der Berliner Homosexuellen und schließlich auf Platz 6 die Auswahl der Senatsverwaltung.

Für den 6. Juli 2008 ist der 4. «avitallscup» angekündigt, der dann auch einen speziellen Jugend-Pokal offerieren wird, gesponsort von der Witwe des im Dezember letzten Jahres verstorbenen Journalisten, Publizisten, Direktor des International Press Institute und Verlagsleiters bei Ullstein, Peter Galliner.

Die Kicker des «Hans-Rosenthal-Teams» von Tennis Borussia konnten beim «Embassy Cup 2007», der von unserer Zeitung unterstützt wird, zwar keinen Preis für sich gewinnen, schlossen sich aber dennoch der Idee des Turniers an, Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass zu setzen. Tanja Mohlala, künftige Sportmarketing-Studentin und Berlinerin mit schwarz-südafrikanischem Migrationshintergrund, befragte für uns das Team zu seinen Beweggründen: «Sport verbindet über ethnische und kulturelle Grenzen hinaus», so der Spielführer. Dieser Idee fühle sich das Team besonders verbunden. Seit 1992 veranstalte das «Hans-Rosenthal-Team» alljährlich eigene Turniere. Daher kenne man die Diplomaten-Mannschaften, die den Reinerlös der Turniere der «Hans-Rosenthal-Stiftung für schnelle Hilfe in akuter Not» e.V. zur Verfügung stellen, gemeinsam mit Prominenten-Teams aus ganz Deutschland.

Ein Wochenende später stand für die Gemeinde im Zeichen des Umbaubeginns am Pflegeheim. Über Diskussionen um Kauf oder Pachtung des Grundstücks wie des Hauses, schon viel zu lange in Form privater Kleinkriege auf den Rücken der Pflegebedürftigen ausgetragen, haben wir an dieser Stelle mehrfach berichtet. Nun aber ist der Startschuß gefallen. Begrüßt vom Gemeindevorsitzenden Joffe und in Anwesenheit vieler Repräsentanten und Vorstandsmitglieder wurde der Baubeginn mit einem Gartenfest begangen. Das Ehepaar sigrid und Garry Wolff, zugleich Leiter des Leo-Baeck-Heimes und des Seniorenzentrums der Gemeinde, führte die Besucher über die Baustelle, informierte gemeinsam mit den Architekten über die Baumaßnahmen, die künftige Ausstattung sowie die pflegerischen Leistungen der Einrichtung, die noch in diesem Herbst eröffnet werden wird. «Mit dem neuen Pflegeheim werden wir die Angebote für die Gemeindemitglieder in ihrer letzten Lebensphase sinnvoll und so angenehm wie möglich komplettieren können», erklärte Sigrid Wolff. «Wenn wir beide einmal in Rente gehen, hoffen wir, der Gemeinde ein Pflegeheim übergeben zu können, das den Ansprüchen an eine gute, persönliche und hoch qualifizierte Pflege gerecht wird, eingebettet in das gute Gefühl, in seiner jüdischen Gemeinde aufgehoben zu sein», so Garry Wolff.

Schon jetzt müsse das Marketing für die Belegung des Heimes beginnen, denn es sei bei allen sehr individuellen Pflegemaßnahmen auch ein Wirtschaftsbetrieb. Stolz verwies er darauf, eine breitere personelle Ausstattung und damit bessere Betreuung der Bewohner sichern zu können, als in anderen Heimen. Daher sei die Verweildauer in den Senioreneinrichtungen der Gemeinde eine viel längere, als in vergleichbaren Häusern.

 

Keine Stimme

Wie offenbar wenig die Jüdische Gemeinde in Berlin von offiziellen Stellen der Integration als Ansprechpartner wahrgenommen wird, mussten wir bei der Vorstellung des «2. Berliner Integrationskonzeptes» erfahren. Jüdische Zuwanderer kommen darin nicht vor, auch wenn die endgültige Fassung erst zum Ende des Sommers vorliegen wird, nach Beratungen durch die zuständigen Ausschüsse des Berliner Angeordnetenhauses und im Rat der Bürgermeister. Es ist also für entsprechende Nachfragen und gegebenenfalls Interventionen seitens der Gemeindevertretungen noch nicht (ganz) zu spät!

Auch beim «Berliner Integrationsgipfel» und der begleitenden Informationsmesse fehlten jüdische Vertreter und Aussteller komplett, nicht hingegen die polnischen, türkischen, latinoamerikanischen, afrikanischen, irakischen und iranischen Zuwanderer.

Etwas unsicher stolperte Integrationssenatorin Heidi Knake-Werner durch die Gipfelbegrüßung in mehreren Sprachen, doch allein der Versuch wurde bereits mit Applaus belohnt. Versuche und Applaus gab es viel bei diesem Gipfel: Versuche, das neue Integrationskonzept zu erklären, für das Konzept an sich, aber auch für die Kritik daran.

Der Berliner Senat und verschiedene Migrantenvereine waren stark vertreten, allen voran der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Seine Begrüßungsansprache werten wir als Zeichen, dass es den Hauptstadtregierenden ernst ist mit den Integrationsplänen. Freie Religionsausübung, Verbesserung der Lebensqualität, mehr Chancen bei Ausbildung und Arbeit und der Kampf gegen Rechtsextremismus bestimmten Wowereits Rede wie den gesamten Gipfel. Integration soll damit zur «Querschnittsaufgabe» werden.

Man sprach sich gegen Diskriminierungen gut ausgebildeter Migranten aus, auch bei der Nichtanerkennung von hohen fachlichen Abschlüssen sind Veränderungen geplant.

Den Einwurf, dass dieses Konzept Migranten nur in einem negativen Licht darstellen würde, beantwortete Kerstin Liebich, Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Arbeit, damit, dass man sich auf jene Migranten konzentrieren würde, die «wirklich Hilfe» bräuchten. Wer das sei, blieb ungesagt.

Interkulturelle Öffnung von Ausbildung und Bildung sowie eine verstärkte Sprachförderung machen einen weiteren Teil des Konzepts aus. Wie dies ohne erheblich mehr Personal gelingen solle, war eine Frage, die auch nicht beantwortet wurde.

Ulrich Freise, Staatssekretär für Inneres, sprach über die interkulturelle Öffnung seiner Abteilung, besonders der Berliner Polizei. Künftig sollen Vorbereitungskurse auf Einstellungstests den Migranten dabei helfen. Kritik an der Polizei bei der Integration wies er zurück und lobte den Erfolg der vernetzten Arbeit.

Lob für die Migranten selbst gab es von Wirtschaftssenator Harald Wolf. Sie stellten einen größeren Teil an Selbstständigen als Deutsche: Eine Chance, der Arbeitslosigkeit, die bei Migranten immer noch sehr hoch ist, zu entrinnen. Bürokratische Hindernisse für Selbstständige mit Migrationshintergrund sollen durch das Konzept abgebaut werden.

Das neue Bleiberecht wurde von allen Teilnehmern stark kritisiert, der Weg in die Legalität dürfe den Illegalen nicht für immer verbaut sein. Auch die Einführung eines «Integrationsmonitoring» für die Hauptstadt, mit dem der Erfolg des Konzepts gemessen werden soll, ist neu. Ab 2008 soll das System umgesetzt werden, in der Hoffnung, dass die Ergebnisse die Steuerung von Integrationsprojekten erleichtern werden.

Ein wiederkehrender Punkt des Gipfels war eine Anforderung der Politik an sich selbst: Alle Angebote müssten für Deutschen und Migranten gleichermaßen erreichbar sein. «Wir kommen nur gemeinsam voran», schloss Knake-Werner den Gipfel, der bei aller Kritik an seiner geringen Verbindlichkeit durch den Wunsch nach Dialog und Vorwärtskommen - und somit nicht ganz umsonst - geprägt war.

Im Vorfeld wurden Gipfel und Konzept bereits heftig kritisiert: Das Konzept wäre nicht durchführbar, hieß es bei einer Pressekonferenz der Grünen im Abgeordnetenhaus, es sei zu generell und gehe an der Wirklichkeit vorbei. Von «zerstreuten Zuständigkeiten» sprach Bilkay Öney, integrationspolitische Sprecherin der Parlamentsfraktion. Noch immer sei der Zugang zu Arbeit und Ausbildung vor allem für Zuwanderer erschwert, Öffnungen gebe es lediglich in Modellprojekten, Benachteiligungen hingegen in vielen Bereichen, etwa der Kreditvergabe oder bei Angebote für Frauen und Jugendliche. Öney sprach von «dubiosen Projekten, keiner weiß, was gewollt ist und wer das kontrolliert». An den «harten Themen», dem Fremdenhass, der Ausländerfeindlichkeit und dem Antisemitismus, gehe man ohnehin vorbei, auch fehle die Nachhaltigkeit. Öney forderte einen «Migrationsreport», der auf der Basis von Befragungen grundlegende Informationen über die Migranten in Berlin erst einmal erfassen müsse, um daraus Schlussfolgerungen für die Einwanderungspolitik erarbeiten zu können. Sie schloss sich damit einer auf vielen politischen Ebenen angeschobenen Forderung unseres Herausgebers an.

Den Integrationsbeauftragten Berlins, Günter Piening, schien solche Kritik nicht zu stören. Einen Tag vor dem Integrationsgipfel erklärte er: «Der Bewertung durch die Wirklichkeit sehe ich mit großer Gelassenheit entgegen.»

 

Bestandsschutz

Natürlich gab es in der Jüdischen Gemeinde kurz vor der Sommerpause auch noch eine Repräsentantenversammlung, wenn auch nur kurz, zumindest für die Besucher. Im Mittelpunkt stand die Forderung der zuständigen Denkmalpflegebehörde, an einem Gebäude in der Auguststrasse, das sich im Eigentum der Gemeinde befindet, eine «Grundsicherung nach Kartierung der Schäden» durchzuführen. Das Liegenschaften der Gemeinde seit Jahren kaum gepflegt würden, kommt seit einigen Monaten immer mal wieder vorsichtig auf die Agenda. Nun aber kommt's «Dicke», wie der Berliner sagt: Dach- und Deckenbalkensanierung, Fensterverschluss und Vandalismusschutz stehen perspektivisch an, Feuchtsanierung im Keller und Schwammsanierung im ganzen Haus hingegen müssten unverzüglich, so die Weisung des Senats, begonnen werden. Freundlichere Hinweise der Landesregierung zur denkmalpflegerischen Verantwortung der Gemeinde hat man über Jahre negiert, nun droht der Staat die bestandsschützenden Arbeiten selbst auszuführen und der Gemeinde in Rechnung zu stellen, sollte diese nicht unverzüglich handeln.

Irgendwie hat die Berliner Gemeinde wohl keine glückliche Hand beim Immobilienmanagement. Nachdem vor Jahren schon der Verkauf eines Grundstückes nahe dem «Bannkreis» der Regierung und damit relativ nutzlos für die Gemeinde, am Widerstand der Repräsentanten gescheitert war, wurde nun auch der Verkauf von 17 Grundstücken durch das Parlament abgelehnt. Dabei hatte der von der IHK öffentlich bestellte Sachverständige Eberhardt Stoehr den Abgeordneten erklärt, das es sich zum Teil um «völlig runtergekommene» Gebäude, für Bewirtschaftungen zu kleine Flächen, durch Nutzungsrechte von Datschenbesitzern blockierte, sprich: «ein Sammelsurium» handeln würde, das nur «Verrückte kaufen würden» die allerdings gegenwärtig herumliefen und fast alles kauften. Mit den wenigen gut bewerteten Grundstücken solle die Gemeinde versuchen «die eine oder andere Krücke mit zu verkaufen». Doch das Votum der Repräsentanten war eindeutig, obwohl die Grundstücke in jedem Jahr etwa 3.000 Euro mehr kosten, als sie einbringen.

Dann zog sich die Repräsentantenversammlung «für einen Tagesordnungspunkt» in eine geschlossene Sitzung zurück. Als man jedoch nach geschlagenen dreieinhalb Stunden die wartenden Gemeindemitglieder um 22.30 Uhr mit der Bemerkung nach Hause schickte, man habe sich mit den übrigen Tagesordnungspunkten, darunter der Berufung eines Antisemitismus-Beauftragten, auf den September vertagt, war die Wut der Dage-bliebenen groß. Wer so mit seinem Wahlvolk umgeht, wird im Herbst die Konsequenzen tragen müssen.

Immerhin: Als «Zeichen der Hoffnung» will Rabbiner Walter Rothschild sein Nachrücken in die Repräsentanz verstanden wissen, wenn auch nur noch für die wenigen verbleibenden Monate. Hoffen wir für ihn und die Gemeinde das Beste!

Josefine Lietzau und Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Juli 2007