Hinein in die heilige Welt der Gebete

Ein neuer Siddur für die deutschsprachigen Gemeinden.

 

Siddur - der hebräische Terminus für Gebetbuch - könnte sehr wörtlich als «Geordnetes», übertragen als «Gebetsordnung», übersetzt werden. Tatsächlich folgen die jüdischen Gebetbücher einer ganz anderen Logik als die Gesangbücher der protestantischen Kirchen. Werden dort die Gottesdienste aus einer großen Fülle von Liedern und Liturgieteilen immer neu zusammengestellt, so folgen traditionelle jüdische Gottesdienste Schabbat für Schabbat, Feiertag für Feiertag der gleichen Liturgie allenfalls ergänzt durch Einschaltungen, die Spezifikationen eines Tages betreffen, etwa ein Schabbat auf den auch der Monatsanfang (Rosch Chodesch) fällt. Hier werden dann zusätzliche Einschaltungen von einzelnen Gebeten oder ganzen Gottesdienstteilen notwendig. Grundsätzlich ist es so: Schlägt man in einem traditionellen Gottesdienst einen Siddur an der richtigen Stelle auf, sollte man mit den meist vorhandenen «Regieanweisungen» in der Lage sein, dem Gottesdienst bis zum Ende zu folgen.

Das macht die Anlage eines traditionellen Gebetbuches überschaubar, das eines progressiven eher kompliziert, weil die Gebetsordnung der progressiven Gemeinden von Ort zu Ort variiert, folglich der Siddur flexibel auf diese Anforderungen reagieren soll. Wenn dieses Jahr ein zeitgemäßes jüdisches Gebetbuch erscheint, so folgt dieser Siddur dem Vorbild der Neuen Synagoge Berlins und steht damit in der Tradition des liberalen deutschen Judentums der Vorkriegszeit. Gleichzeitig versucht er jedoch durch eine Navigationsleiste mit Regieanweisungen auch dem ungeübten Gottesdienstbesucher ein Leitfaden zu werden. Auch in Gottesdiensten die nicht durch einen Leiter moderiert werden, sollte der Nutzer dieses neuen Siddurs nicht die Übersicht verlieren.

Als vor zehn Jahren der «Siddur Ha-Tefillot» für die Synagoge Pestalozzistraße und gleichzeitig im Gütersloher Verlagshaus ein gleichnamiger «Siddur HaTefillot» erschienen, herausgegeben von den Rabbinern Walter Homolka und Jonathan Magonet und mit einer deutschen Übersetzung aus dem Hebräischen von Annette Böckler, ging es im einen Fall darum, am fin de siècle der letztmalig vor 1933 nachgedruckten Gebetbücher für die neue Synagoge, die noch immer im Gebrauch der Synagoge Pestalozzistraße waren, den dort in den Nachkriegsjahrzehnten in einer Mischung aus liberal und konservativ entstandenen einzigartigen Ritus abzubilden, im anderen Fall, für die im entstehen begriffenen liberalen Gemeinden Deutschlands überhaupt eine gemeinsame Plattform zu finden.

Die wichtigste Scheidelinie zum altfrommen Judentum ist die Frage nach der Gleichstellung von Mann und Frau. Natürlich wird der Text des neuen Gebetbuches egalitär eingerichtet, also bei den Vorfahren nicht nur die Stammväter, sondern auch die Stammmütter gleichberechtigt aufgeführt werden. Aber auch an anderer Stelle bedürfen die traditionellen Texte der auffrischenden Hand: Kann man tatsächlich angesichts von allen Aufforderungen zu Umkehr für die Sündigen in der Wochentagsamida sagen: «Den Verleumdern sei keinerlei Hoffnung» oder wäre es nicht angemessen zu sagen «Der Verleumdung sei keinerlei Hoffnung». Die Frage stellen heißt schon sie zu bejahen: So wird es also eine Reihe von Textauffrischungen geben, die zuweilen in Kürzungen, zuweilen im Austausch von Worten oder ganzen Texten bestehen wird.

Bei der jetzigen Neufassung werden die Psalmen in der Tradition der Übersetzung von Moses Mendelssohn eingestellt, um einerseits die leicht sprechbaren Texte Mendelssohns einer neuen Generation von Beterinnen und Betern nahezubringen und andererseits die Traditionslinie modernen Judentums in Deutschland, die untrennbar mit Moses Mendelssohn verbunden ist, wieder zum Leben zu bringen. Andere Gebete werden insbesondere dann, wenn sie im Gebetbuch an mehreren Stellen auftauchen, gelegentlich mehrere Übersetzungen anbieten so zum Beispiel das «Alenu Leschabeach» mit klassischen Übersetzungen anderer deutschsprachiger Gebetbücher, die vor der Schoa erschienen waren. Ein anderes Beispiel könnte die Chanukka-Hymne «Maos Zur» sein, für die es eine singbare und im deutsch-jüdischen Milieu eine etwas altertümlich klingende, aber noch immer praktizierte deutsche Fassung «Mit Schirm und Schutz» gibt.

Nicht alle, die ein hebräisches Gebetbuch nutzen und die Texte im Gottesdienst mitlesen können, sind in der Lage, aktiv Responsen, Bibeltexte und Gebetstexte mitsingen oder mitsprechen zu können. Für sie werden wichtige «Gemeindetexte» transliteriert, um die richtige Kawanah, die Hingabe aller in der Kehilla befindlichen Beter, zu ermöglichen. Wir wissen, welche Bedeutung es für Menschen hat, wenn sie das «Micha Mocha» nicht nur mitsummen, sondern mitsingen können. Zwar hat über lange Zeit im 19. und 20. Jahrhundert die Melodie des «Kiddusch», des «El Male Rachamim» oder des «Avinu Malkenu» eine fast größere Bedeutung als der Text für viele gehabt, die der hebräischen Sprache nicht mächtig waren oder sind, waren also eine Chiffre, der des Schofarklanges gleich, die durch das Hören ihre Wirkung entfaltete, aber das Mitsprechen, zuweilen Stammeln, erst entfaltet die volle Wirkung. Wer von Wort und Melodie gleichermaßen eingefangen wird, wird wirklich emporgetragen aus den Niederungen des Alltags in die heilige Welt der Gebete.

Angeknüpft an die Tradition mit Blick auf die Zukunft will dieses Gebetbuch, das wegen seines Anspruches durch das ganze Jahr zu führen, drei Bände hat, so handlich bleiben, das man es gerne im Gottesdienst in der Hand hält: denn wir pflegen im Gegensatz zu unseren nichtjüdischen Brüdern und Schwestern beim Beten die Hände nicht zu falten, aber zu schwer sollte der Siddur der guten Ordnung halber nicht sein.

Andreas Nachama

 

 

Andreas Nachama ist Rabbiner
der Synagogengemeinde
Sukkat Schalom Berlin

 

«Jüdische Zeitung», Juli 2007