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«Ein bewegender Tag für unser Land»In Bad Segeberg wird norddeutsche Geschichte geschrieben
Im Kreis Segeberg wurde Mitte Juni «Mishkan HaZafon», zu Deutsch «Synagoge des Nordens», als erster Synagogenneubau in Schleswig-Holstein nach der Schoa feierlich geweiht. Nur drei Jahre sind seit der Grundsteinlegung vergangen. In dieser Zeit haben die 150 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Segeberg in unendlich viel Eigenarbeit, mit Hilfe der Stadt Bad Segeberg, des Landes Schleswig-Holstein und vieler Sponsoren, beispielsweise der Initiative «Holstein Herz», ein verfallenes Mühlengebäude auf einem über 3.000 Quadratmeter großen, verwilderten Gelände in eine stattliche Synagoge, ins Jüdische Gemeindezentrum Segeberg, verwandelt. Schon jetzt wird sie in der Gemeinde liebevoll als «schöne Segebergerin» bezeichnet. Mit der «Mishkan HaZafon» hat die Gemeinde dem nördlichsten Bundesland ein jüdisches Kleinod gegeben. Einzigartig zwischen Nord- und Ostsee ist die im toskanischen Terrakotta-Stil errichtete Mikwe im Souterrain. Das Fliesen war ein Lehrstück für Fliesenleger Michael Madus aus Bad Segeberg: «Aus religiösen Gründen darf keine Luftschicht zwischen Fliesen und Beton entstehen, das war eine sehr schöne Herausforderung für mich.» Madus hat, ebenso wie viele Handwerker aus der Kur- und Kreisstadt und ihrer Umgebung, viele Stunden ehrenamtlich am Umbau der alten Mühle zur Synagoge mitgewirkt. «Es ist wunderbar, dass uns so viele Menschen helfen. So kam ein Mann zu uns und drückte mir mit den Worten „Arbeiten kann ich nicht mehr" 50 Euro in die Hand. Das passiert uns häufiger», so Walter Blender, Vorsitzender der Gemeinde und zugleich des Jüdischen Landesverbandes. Kein Wunder, dass Blender mit der gesamten Gemeinde alle Segeberger zu offenen Begegnungen in die Synagoge einlädt. Viele kamen auch zur Weihung ins neue jüdische Zentrum im Herzen der Kurstadt. «Die Weihung der Synagoge ist ein historischer, ein bewegender Tag für unser ganzes Land», erklärte Peter Harry Carstensen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident sprach vor allem Blender Dank und Anerkennung für seine Beharrlichkeit aus und erinnerte an den Bau der ersten Segeberger Synagoge 1842. Ausdrücklich lobte Carstensen die Rückkehr der etwa im Jahr 1700 geschriebenen Torarolle aus dem Völkerkundemuseum Lübeck. Sie wurde bis 1932 in der alten Segeberger Synagoge gelesen, bevor sie für eine Judaica-Ausstellung ins Lübecker Museum kam und dort im Magazin die Nazi-Barbarei überstand. Kurz ging Carstensen auf den Versuch von Neo-Nazis ein, die harmonische Weihung durch Flugblatt-Drohungen zu stören: «Wir sollten uns nicht beirren lassen von einigen, die es immer noch nicht begriffen haben». Auch Gemeindemitglied Manfred Neumann fand klare Worte: «Die Steine, die man uns in den Weg legt, heben wir auf und bauen damit unsere Synagoge fertig.» «Dieses Zentrum, diese Synagoge, ist das Fundament jüdischen Lebens in Schleswig-Holstein», erklärte Walter Rothschild glücklich gegenüber der «Jüdischen Zeitung». Zur Weihung trugen Gemeindemitglieder gemeinsam mit Rothschild feierlich drei Torarollen unter einer Chuppa in den Gottesdienstsaal. Bevor sie die Torarollen in den Toraschrein im Betraum stellten, befestigte Rothschild die Mesusa mit den gesegneten Versen am Türpfosten der Synagoge: ein historischer Moment für Schleswig-Holstein. Rothschild wurde nach der Weihung der Synagoge von Rabbinerin Sylvia Rothschild, seiner Schwester, in einem Tora-Gottesdienst offiziell in sein Amt als Landesrabbiner eingeführt. Seit dem Jahre 2003 betreut Rothschild die fünf jüdischen Gemeinden des Bundeslandes: Bad Segeberg, in der auch Juden der Umgebung bis hin nach Norderstedt zu Hause sind, der Kreisstadt Pinneberg, Ahrensburg, Elmshorn und der Landeshauptstadt Kiel. Gemeinsam bilden sie den Landesverband der Jüdischen Gemeinden Schleswig-Holstein, der nun seinen Sitz in der neuen Segeberger Synagoge hat. «Ich wünsche Ihnen, dass das neue Zentrum ein Ort der Begegnung wird, der in die gesamte Gesellschaft strahlt», ließ Charlotte Knobloch übermitteln. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland konnte leider dieser einzigartigen Weihung nicht beiwohnen. «Wir sind der Vergangenheit verpflichtet, die Gegenwart aktiv zu gestalten, um die Zukunft zu sichern», sagte Jan Mühlstein, Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland. «Durch das jüdische Zentrum ist unsere Stadt reicher geworden», erklärte Hans-Joachim Hampel, Segebergs Bürgermeister. Auch er lobte den Gemeindevorsitzenden: «Der Motor aller Anstrengungen hat einen Namen. Walter Blender hat viele zum Mitmachen motiviert.» Blender hingegen dankte den Handwerkern aus der Region, die viele Stunden unentgeltlich am Bau der Synagoge mitgearbeitet hatten. Mit der Weihung werden 270 Quadratmeter im Erdgeschoss mit einem Betraum, je einer milchigen und einer fleischigen Küche, Büros für Gemeinde und Landesverband, Bibliothek, Sozial-, Sanitär- und Magazinräumen und weitere 270 Quadratmeter im Souterrain mit Kinder- und Jugendräumen, Sportmöglichkeiten für Maccabia Segeberg, Ruhezone, Sanitärbereiche und Mikwe eröffnet. Etwa 784.000 Euro stehen gegenwärtig für die drei Bauabschnitte zur Verfügung. Im nächsten Bauabschnitt wird im ersten Stock der eigentliche Synagogensaal fertig gestellt werden. Im zweiten Stock entsteht die Empore, ein zweiter Treppenaufgang wird eingezogen, die liberale jüdische Gemeinde Segeberg ist für alle jüdischen Richtungen offen. Im zweiten Stock wird auch die Hausmeisterwohnung eingerichtet, während im dritten Bauabschnitt im ehemaligen Mühlenturm ein Kindergarten und eine mehrsprachige Bibliothek entstehen. Die weiteren Bauabschnitte will auch die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter unterstützen. Durch ihren Propst Klaus Kasch ließ sie mitteilen, dass die Nordelbische Kirche die Jahreskollekte 2008 für die Syna-goge durchführen würde. «Dabei kommen erfahrungsgemäß etwa 16.000 Euro raus», so Kasch. Aus einer benachbarten entweihten Kirche spendete der Kirchenkreis Nord-el-bien die Bänke für den Betsaal. Sie passen exakt. Der Jüdischen Gemeinde Segeberg steht noch viel Arbeit bevor. Viel Arbeit liegt hinter ihr - sie schreibt mit jedem neu gesetzten Stein eine Erfolgsstory jüdischen Lebens in Schleswig-Holstein. |